An der Technischen Universität Illmenau hat man ein System entwickelt, um Musik jenseits der Musikindustrie an den Mann zu bringen: das Potato-System. Mit der Gema ist man dafür bereits in Verhandlung. Wie jetzt? Keine keine Musikindustrie mehr? Das ist neu, das ist toll und das geht so.
Text: Mario Sixtus aus De:Bug 83

Musikindustrie über Bord / Sharen zu dritt: Das Potato-System

Musikgenießer geben gerne weiter. Jeder Fan ist ein kleiner Missionar. Sätze wie “Kennst du schon?” oder “Hast du schon gehört?” haben sie daher zwecks schnellerem Zugriff auf verbale Funktionstasten gelegt. Damals, nach dem Krieg, schleppten wir unsere Schellack-Schätzchen noch den ganzen Tag mit uns herum, um sie unseren Freunden vorzuspielen. Wir hatten ja sonst nichts. Später nahmen wir für unsere Angebeteten Mixtapes auf, um ihnen zu beweisen, was für einen guten Geschmack wir hatten und was wir für eine tolle Partie wären. Aus Kassetten wurden selbst gebrannte CDs und heute schicken wir die Songs per Email durch die Gegend. Morgen werden wir die Tracks unserer jeweiligen Süßen einfach per Ultrawide-Bluetooth™ oder XXL-WiFi™ oder wie auch immer in ihren Sunglasses-Player™ beamen, den wir ihr zuvor auf der Kirmes geschossen haben. Musikweitergabe ist Teil unserer Kultur. Wir geben gerne.

Die Nagetiere
Nicht so gerne gibt die Musikindustrie, die das momentane Einstürzen ihrer Neubauten verzweifelt mit DRM-Klebeband zu verhindern sucht und mit der Wut des verletzten Hamsters um sich beißt. Zwischen diesen beiden steht ausgerechnet auch noch der Künstler, der – mühsam ernährt sich das Eichhörnchen – zwar auf die Nüsse angewiesen ist, die ihm die Industriellen zuwerfen, andererseits aber zu gut weiß, wo diese Schalenfrüchte ursprünglich herkommen: Von den Musikfreunden nämlich.
Schnitt. Neue Szene. Ort: Ilmenau. Genauer: eine gastronomische Einrichtung namens “Verrückter Kartoffelkeller”. Jürgen Nützel und Rüdiger Grimm, Lehrkräfte der ortsansässigen TU diskutieren gerade über besagte Problematik: Drei Partner, die irgendwie ohne einander nicht können, aber miteinander erst recht nicht. Drei Vektoren. Gordischer Knoten. Klassisches Dilemma. Was tun? Noch zwei Bier bitte. Dann die Erleuchtung. Geistesblitz. Heureka. Wirtschaftsnobelpreis in Sicht: Wenn die drei im Boot einfach nicht miteinander klar kommen, dann schmeißen wir doch einfach einen über Bord. Aber nicht irgendeinen: Den wütenden Hamster natürlich. Kann ja schwimmen. Oder sollte er zumindest können. Ist ja alt genug.
Keine Musikindustrie mehr? Kein Vertrieb? Kein Marketing? Musikschöpfer und Musikkonsument allein zu Haus? Wie soll das gut gehen und vor allen Dingen: Wo sollen die Nüsse herkommen oder besser: die Mäuse (um wenigstens eine Nagetierspezies wieder ins Boot zu holen)? Die Antwort ist so radikal wie simpel: Wir alle, die Hörer, die Fans, die Genießer, die Liebhaber, die Audio-Gourmets, wir, die ewigen Musik-Missionare werden künftig das frische Liedgut in die Welt heraus tragen. Wie früher mit Kassetten und CDRs. Nur: Diesmal bekommen wir sogar Geld dafür. Und nicht nur wir: Die Künstler auch. Das ist neu, das ist toll und das geht so:

Das Kartoffel-System
Benannt nach dem Ursprungsort ihrer Idee heißt das Prinzip von Nützel und Grimm origineller Weise “Potatosystem” und wird mittlerweile von einer Ausgründung der TU, der 4FriendsOnly AG betrieben. Zunächst einmal ist auch das Kartoffelsystem ein ganz normaler Server für bezahlte Downloads. Mittels einer Hand voll inzwischen gängiger Micropayment-Systeme läuft die Bezahlung und die heruntergeladenen Dateien sind erfreulicherweise allesamt frei von jeglichen DRM-Einschränkungen. Der Trick: Als Dreingabe erhält der Käufer einen personalisierten Link, den er sich auf die Homepage kleben kann und der ihm bei jedem darüber getätigten Verkauf dieses Songs zwanzig Prozent Provision in die Kasse spült. Damit noch nicht genug: Der Provisionsanspruch wird weiter vererbt. So erhält der Ursprungskäufer von den Käufern seiner Käufer immerhin noch zehn Prozent und selbst in der dritten Generation stehen ihm noch fünf Prozent vom Reibach zu. Erst dann fliegt er aus dem System. Klingt nach Multi-Level-Marketing? Ist es auch. Na und?
Zu je einem Drittel (über den Daumen) partizipieren an der geflossenen Kohle so die Käufer / Verkäufer, der Künstler und das Potatosystem, das sich aber schließlich auch um Zahlungsabwicklung und vor allen Dingen um die GEMA kümmert, denn seit April verfügt die Kartoffeldistribution über den offiziellen Segen der Verwertungsgesellschaft.
Keine Angst vor Filesharing, Herr Nützel? “Tauschbörsen, in denen alles gratis herumliegt, werden wir natürlich nicht vom Markt drängen können”, antwortet er uns, “das sollen ruhig die Großen weiter versuchen und dabei ihren Ruf endgültig ruinieren.” Das Potatosystem folgt eher dem Goodwill-Prinzip. Es setzt darauf, dass Musikhörer bereit sind, “ihren” Künstler zu unterstützen, weil sie seine Arbeit mögen und Spaß daran haben, diese weiter zu geben.
Aus der Ferne hören wir Neubauten einstürzen und in der Dämmerung, ganz kurz, erheischen wir einen Blick auf die ersten schwimmenden Hamster. Immer noch wütend, aber hilflos.

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Elektronische Lebensaspekte.