Alle Jahre wieder verwandelt sich Barcelona für knapp eine Woche zum Mekka für elektronische Lebensaspekte im Allgemeinen und Musik, Kunst und Design im Besonderen. Das Sonar Festival ruft und alle kommen. Auch im neunten Jahr eatbliert das Sonar seinen Ruf als Lieblingsmeetingpoint des Sommers. Contentraver Mike Riemel berichtet.
Text: mike riemel aus De:Bug 62

Festival

Fiesta Catalunya – pulsierende Perlen oder Fallrückzieher der Hand Gottes?
Das Sonar-Festival in Barcelona

Das neunte Sonar Festival fand im Juni mit 88.000 Gästen in Barcelona statt. Die Vorhaltungen und Voreingenommenheiten, das Festival würde langsam einfach zu groß und stressig, zu arrogant und kommerziell, konnten von den internationalen lustigen Schauern und Machern überprüft werden. Ein Medien- und Musikarbeitertreff der besonderen Art. Massives Fan-, Groupie-, Designer-, Aktivisten(?!)- und Veranstaltermekka. ”A Festival is a collection of ourselves” wurde in den Konferenzen behauptet, und das stimmt.

Um es vorweg zu nehmen: Es ist allemal immer eine Reise wert nach Barcelona Metropolis! Allein das Clubangebot der Stadt, was natürlich ähnlich wie bei der Loveparade in Berlin alles an Booking und Specials bietet, ist überwältigend. Der Mix der internationalen Gäste, die Örtlichkeiten eines Otto Zutz, Nitsa/Apolo, La Paloma, Park Guell oder La Terrazza oder alleine das Klima sind schwer zu toppen. Die ”Barceloneta”, der Strand der Stadt, ist gefüllt mit verdammt lustigen Leuten aller Herkunft, die sich die Zeit nehmen die Seele baumeln zu lassen. Und dieses Jahr war auch noch Fußball am Start – heißt, man konnte sich mal ansehen, wie Katalunen oder Brasilianer den kollektiven Nationalismus mit Sport cachieren. Für Kulturbewusste war das Gaudi-Jahr auch ein guter Anlass sich endlich einmal einen Überblick über die zu Architektur gewordenen Fantastereien des barcelonesischen Michelangelo zu verschaffen.

Proxima Station: Sagrada Familia
… sagt die U-Bahn mit dem Blub – vielleicht sogar eine Art Motto der Festivalgäste: Zusammenkommen im ”Global Electronic Village”. Dazu – strictly non-musical but very nice: tapas here and there… Zurück zum Festival: zum Beispiel ”The Wrong Festival”, das finanziert von Pepe Jeans mehrere Tage umsonst und zentral am Plaza de la Catalunya Laptopper und Experimentatoren versammelt hat. Oder der ”Alterna-Sonar”, der free Techno am Stadtrand predigte, oder tatsächlich zur sehens- und auch hörenswerten ”Sonar de Dia” mit Konferenz, Messe und Ausstellungen. Nicht zu vergessen die sechs Bühnen, auf denen man permanent mit attraktiven Interpreten akustisch gekrault wird. Dauernd am überlegen, wen man zu wessen Gunsten verpasst oder wen man vor welcher Bühne wann noch mal treffen wollte. Da rockt dann Highfish, schwelgt Lali Puna, rattert Kid 606, freakt Alexei Shulgin, battlet Pan Sonic und Peaches und langweilt Doktor L. Safety Scissors leidet unter einem Labtop-Klau-Phänomen, das schon bei der Midem Net-Moderator Ted von der EMI zum Verhängnis wurde. Und so weiter…

Es wird auf ganz klar mehr Musik am Tage gesetzt. Die Mitbewerber um das beste Festival im (advanced) elektronischen Felde wie Mutek/Montreal, Musik und Maschine/Berlin, DEMF/Detroit, Club Transmediale/Berlin, Amsterdam Dance Event, Koneisto/Helsinki und Electronic Village@Midem/Cannes (nee – oder?) kriegen die Power der wohlhabenden spanischen Metropole ins Gesicht geblasen. Die neuen Ausstellungsorte, in denen man z.B. Designers Republic und ihr ”Brain-aided Desig” in ”La Capella” ganz groß inhalieren kann und die finale Highspeed-Diginoise Installation ”Spatial Sounds – 100dB mit 100km/h” im ”Centre d’Art Sta. Monica” erleben darf, erweitern das Festival in die Stadt hinein. In der eh schon sehr schönen CCCB waren ”Viva Helsinki” und in der MACBA das Installationsthema ”Sonic Processes” die Ausstellungsschwerpunkte. Die Berührungspunkte zu Ars Electronica, Transmediale und aktuellen Ausstellungen wie Frequenzen [Hz] in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt werden hier klarer. Es wird fokussiert auf die Crème de la Crème der New Musical Intelligence.

What’s so special about it ?
Alte Katalunen, die mit Ghettoblastern durch die Altstadt wackeln, als hieße es ”Reclaim the City on Flamenco”, sweete Bars, die Pan Sonic DJs (! Tip) hosten, Wechsel Garland, der Bands wie ”Bohren und der Club of Gore” auflegt, Yo la Tengos Pressekonferenzzitate: “We try analogue emulations of the digital”, echte Techno-Drummer(!) vorm Haupteingang, die Ramblas – kurz: der Mix – davon lebt sie, die Sonar, der in die Stadt gegossene Festivalsmythos, der da auf hohem Niveau funktioniert. Und am Ende ist der Moog Club doch wieder der Showdown-Ort der International DeeJay Gigolos, die mit der Barcrew Liquid-Elektro-Trash in rauen Mengen versprühen und die internationale Posse zum Schreien bringen. Die Dynamik der Stadt trägt dazu bei, dass Sonar wohl auch im Jahr 10 das Image und die Attraktivität erhalten bleibt.

Also: Der Rekord von Köln nach Barcelona liegt bei 8 Stunden mit dem Auto! Try to beat it caus’ next year it’s Sonar X. Und die Route über Palma de Mallorca und Fähre, Mitfahrzentrale, Gulliver’s oder Lloret de Mar kann man ja auch noch versuchen. Gibt’s eigentlich noch Tramper da draußen ?

http://www.sonar.es/

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Elektronische Lebensaspekte.