Das französische Trio Dat Politics kann auch auf seinem fünften Album nicht verhindern, dass ihre Laptops nur so überfließen vor bunten Hunden aus dem Streichelzoo. So komplex wie jetzt ist ihnen ihre anti-minimale Quietsche-Operette aber noch nie gelungen.
Text: Natascha Kutusow aus De:Bug 83

Als die Tiere den Wald verließen
Dat Politics

Wer hat eigentlich noch Bock auf dieses ultracoole “Champagne-Cocaine-Limousine”-Elektro-Klischee? Alternativen dazu wären doch Limo, Plüschfliegenpilze und Matchbox-Autos aus unseren Kinderzimmern. Wir wollen doch alle wieder unsere verspielten Tageskrippenzeiten aufleben lassen und dazu stehen können. Dat Politics rupfen gut gelaunt mit ihrer Synthese aus ”quality Entertainment” und ”Gesünder Leben”–Programm das Spaßbremsenunkraut aus.

Von Dumb Anal Trio zu Design Appropriate Tracks
Das französische Laptop-Musikanten-Trio Claude Paillot, Gaetan Collet und Vincent Thierion alias Dat Politics verabschiedete sich schon relativ früh von jeglicher minimaler elektronischer Tick-Tack-Musik, die nur anfangs ganz lustig war für die Tüftler und Dreher der Notebook-Volksmusik, um in jedem Album ein Stückchen mehr an frechen Elementen dazuzugeben. Ihr mittlerweile schon fünftes Album ”Go Pets Go“ wurde durch unzählige digitale Details komplexer und lässt den inneren Popmutanten mehr denn je raushängen. Wichtig dabei blieb immer der Spaßfaktor und der Blick in unbekannte Welten.

Von Divert Arouse Trouble zu Disguise Apes’ Taboo
Man geht doch oft davon aus, dass die Menschen, die ihr Leben vor dem Computer verbringen, nicht unbedingt tierlieb sind – außer zu ihren Mäusen. Anders bei Dat Politics. Schon als Kind erfreute sich Claude am Aufnehmen von Entengeschnattere und Gaetan hatte das selbe Faible, nur mit Insektensurren und Froschgequake. Für das Micro Music Festival in Genua involvierten sie Insektengeräusche in ihr Soundsystem. Das machte ihnen so viel Spaß, dass sie ihr Album zu einem Tribut an die von Menschen regierte Tierwelt machen wollten. So finden sich zwischen Chip-Monks-Gesang, Nintendo-Techno und Commodore64-Geblubber tatzige Katzenmiauer, knurrendes Hundegekläffe und blökende Schafe. Das also passiert, wenn man auf einem Bauernhof aufgewachsen ist.

Von Deviant Antics Trademarks zu Dandy Anarchist Troopers
Es gibt einen Haufen von Interpretationen zur Bedeutung von DAT. Die nächstgelegene wäre wahrscheinlich ”Digital Audio Tape“. Nur diese gelten zu lassen, wäre jedoch zu einfach, denn die Politik von den Dat Politics möchte das bunte Comicunbekannte möglichst dunkel färben. Viel mehr ist es die Aufgabe von DAT, unsere Phantasie und unseren Einfallsreichtum zu stimulieren, so wie auch der eigenwillige Stil ihrer Soundstrukturen selbst.
Wovon aber lassen sich DAT Politics, abgesehen von Tierlauten, selbst inspirieren? Nun, zum Beispiel von Jean-Luc Godard; der Regisseur hat, wie auch Pier Paolo Pasolini, die ”vocal credits“ in die Filmwelt eingeführt, also statt geschriebenem Vor- und Abspann gesprochene und gesungene Info. So kriegt man zum Abschluss des DAT Politics Albums nach den ganzen Tierlauten wenigstens noch ein bisschen menschliche Stimme serviert: DAT Poltics would like to thank Chicks on Speed Munich, Chicks on Speed Berlin, and all the people who support DAT Politics all over the world. Tusch.

Hier schon mal vorab die Tourdaten:
16.09. ch-basel nt-areal
17.09. ch-zürich bogen 13
18.09. ch-bern reitschule
20.09. i-faenza clandestino
23.09. a-innsbruck workstation
24.09. i-triest troika
25.09. i-milano cox 18
26.09. a-graz P.P.C.
28.09. cr-zagreb kset
29.09. sl-ljubljana channel 0
30.09. a-wien rhiz
01.10. d-münchen musterraum
02.10. d-karlsruhe schlachthof
03.10. d-nürnberg k4
06.10. d-berlin hebbeltheater HAU2 foyer
07.10. s-gothenburg nefertiti
08.10. dk-aarhus musikkcafeen
09.10. dk-copenhagen vega + le tigre
12.10. dk-aalborg 1000fryd
14.10. nl-amsterdam paradiso

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Elektronische Lebensaspekte.

Das französische Laptop-Trio "Dat Politics" fusselt sich auf dem neuen Album "Plugs Plus" professionell durch verspielt alberne Anti-Minimalismen, in denen Sänger gegen das Sample-Copyright eingesetzt werden und 80er Kitschsounds danach fragen, wem eigentlich welcher Sound gehört. Mit Grüßen aus der Normandie.
Text: sascha kösch aus De:Bug 58

Die gegenwärtige Vorstellung von Laptop Musikanten ist die, dass die Menge an CPU sozusagen eins zu eins zu der Gehirnmasse addiert wird. Das führt dazu, dass der Laptop Musikant an sich eine Art intellektueller Mutant ist, dessen Kopf so schwer wird, dass er sich (uff) erst mal setzen muss. Ergonomisch nicht einmal sinnvoll wird so eine Synthese aus Mensch und Maschine in einen performativ-taktil-sexuellen Langweiler umgewandelt, der unsere herausragende Jugendkultur sein soll. Klar, dass in einem so massiven amerikanischen Peerpressure-Dilemma Leute wie Kid606 oder Hvratski, die frei nach Leroi-Gouran die Trackpad-freie Hand zur Symbolisierung ihres Status als freie Menschen gerne mit einer Bierflasche füllen, mit dem nackenmuskelstützenden Kopfnicken eine rhythmische Synthese komplexer additiver Mechanik eingehen, auf die D&G stolz wären. Sicherlich wäre es auch an der Zeit, elektronische Musik nach ihren anti-evolutionistischen Paradigmen und den Taktiken des anti-dialektischen Aufruhrs gegen den konstanten Fluss der Re-Zwangsheterosexualisierung (sprich Hegelianisierung, Lifestyleassimilierung, sozialdarwinistische Defragmentierung, sprich alles, was falsch läuft) unserer lieben Clubwelt zu untersuchen und in ihrem stetigen tapferen Kampf zu unterstützen, wo es nur geht. Nur, mit welchen Mitteln und warum mit Dat Politics, die ihre Laptops doch Portables nennen können und mit diesen als Accessoire nahezu jedem Intellektualismusvorwurf so elegant ausweichen können wie einem Haufen Scheiße auf dem geistigen Friedhof der Kuscheltiere und Profiretrozyniker.

Nix los in Lille (ach?!)
Also sichtlich gut gelaunt tummeln sich die mittlerweile auf drei Personen reduzierten Lillianer (Die vierte, Aelters, ist ausgestiegen, um auf ihrem Killer 1000er Auflage CD-Label Ski-pp allein zu produzieren) zur Zeit mit ihren drei Grundfesten der Selbstbestimmung eigentlich woanders: Wir waren immer schon eine Band. Wir mögen nicht im Kunstkontext spielen. Wir sind keine Intellektuellen. (Dat Politics, das sind wir, ja ja ja, so heißen wir, hallo ihr….). Was hat man ihnen angetan, dass sie sich glatt darauf vorbereiten, im Mai in einen Torturbus zu steigen? Dat Politics waren zum Teil früher mal Tone Rec, veröffentlichten auf SubRosa (wird das Label eigentlich mit Kulturgeldern finanziert?) ruhigere Tracks für das gepflegte Homelistening der Klangexperimentalistenelektronikfreunde und wollen da eigentlich nie wieder hin. Da das viele noch nicht wissen, werden sie aber gerne immer noch auf Veranstaltungen gebookt, die im Triumvirat aus Powerbook, institutioneller Stringenz (SubRosa) und Theorie-Praxis-Amalgamen der 80er eine Art gemeinsamen Nenner der möglichen Re-Appropriation einer verlorenen Jugend suchen. Und so müssen sie gegensteuern, schließlich bestimmt dies, wo, wie und wann sie aus Lille rauskommen. Dort kann man zwar gut und billig als “Künstler” leben, aber nach ausgiebigen Dinnern mit “zufällig” vorbeigedroppten Freunden werden dann doch nur angesäuselt im eigenen Studio neue Tracks mit Gastgesang aufgenommen (auch gut, aber nicht alles). “Es ist nach Dat Politics einfach nicht mehr leicht möglich, sich auf ‘Minimales’ einzulassen, aber vielleicht haben wir ja nach der Tour genug davon, ‘lustig’ zu sein.” Vor der Tour ist nach der Tour, also erst mal Schluss mit lustig.

Mitten im Medium
Nachdem ich eine Weile lang geglaubt habe (wie vermutlich auch viele Franzosen, die ihre Bekennerfanpost aus Unwissen an Dat Politics “in English” mailen), dass das Dat in Dat Politics irgendeine Sinn-Zusammenziehung aus flämischer Präposition und dem materialistischen Ausgangspunkt musikalischer Produktion sei, die wie ein Stolperstein vor Politics steht, ohne welchen das Politics aber auch nicht aufrechterhalten werden kann, ich Dat Politics also für ironisierende, regionale E-Marxisten habe halten müssen, bin ich mittlerweile zu folgendem Glauben gekommen: Dat, obwohl all das eben Genannte immer noch gilt, löst sich noch viel mehr in seine Einzelbestandteile auf: Digital Audio Tape, ohne dass man sie – wichtig! – ausgesprochen hören müsste. Wobei Tape dieses atavistische Band meint, diesen Magnetismus, der einen über die vielen Grenzen des Digitalen hinweg zusammenhält. Schön gesagt, oder? Das Tape verbindet dann die Politics noch viel enger mit dem Digital Audio (ich bestehe darauf, dass das digital in “Digital Audio” fast substantivische Qualitäten hat), so dass sich aus dem Namen ein Loop, eine Schleife der ständigen Aufnahme und Wiedergabe bildet – eine mediale Schleife, aus der sich Dat Politics irgendwie, wie so viele Acts mit (u.a.) Powerbook, am besten heraus verstehen lassen. Auch als die notwendige Mediatisierung und Materialisierung der Politik, die man ist; jenseits der Reinstitutionalisierung in Kunstkontexte als etwas, das sich gerne Band nennt, egal wie man es ausspricht.

Exkurs: Sind wir nicht alle ein bisschen Kid?
Bei z.B. Kid606 sind das Medium und Material Tracks. Spezifische Tracks zwischen Drum and Bass und R’n’B/HipHop, fertige Tracks, deren Auftauchen vor allem den Grund späterer Zerstückelung haben. DSP-Dekonstruktivismus, der natürlich Copyright-Probleme ins Visier nimmt (schon mal gemerkt, wie wichtig ihm Missys “Don’t Copy Me” ist?). Aber nicht wie die Klassiker unter den Bootleggern, die quasi das 1×1 dessen nachträglich ausbuchstabieren und das Recht auf Dekontextualisierung deklamieren (also 1©+1©=kein Zeh), was bei Kid schon jenseits von Fließkommas ein Eigentum in komplexen Prozessen auflöst, sondern entdecken, dass in jedem “Don’t Copy Me” schon längst die berechnete Kopierbarkeit steckt, mit der man brachial komplex Spaß haben muss, will man sich in den globalen Finanzmärkten irgendwie unterhalten.

Plugs plus Pop
Dat Politics gehen nicht einen Schritt weiter, was das Unnötigste wäre – das wissen sie genau -, sondern nehmen sich andere Medien vor, die in den Kreislauf ihrer DSP Postproduktion “gepluggt” werden. Z.B. Software. Anstatt geradewegs in den Unilateralismus von DSP zu laufen, unterfüttern sie ihre Tracks immer mit Sounds eines retrobilligen Programms (aus Deutschland, Namen vergessen), das eine Basis von “80er Kitschsounds” liefert und damit die Frage stellt, wem gehören eigentlich Sounds. Hat man die wirklich mit dem Programm mitgekauft? Hat man mit dem Programm eine Ideologie, eine Geschichte mitgekauft? Ist das Programm, das man benutzt, nicht das eigene Programm? Oder man selbst etwa ein Sideproduct des Programms? Oder war es nur diese bestimmte Zeit, dieses scheinbare goldene Zeitalter der Prä-Sample Ära mit all seinen copyrightfreien Klängen, in der das Programm noch wie ein Instrument war, dessen Urheberrechtsanspruch auf seine Sounds sich quasi mit seiner Materialisierung verflüchtigt hat? Weshalb sie auch jetzt, noch bevor man die verführerisch irreführende Stringenz zwischen Biogencopyrights und der Stimme halbwegs angedacht hat, viele Sänger und Sängerinnen auf ihrer neuen Platte “Plugs Plus” haben.

The Final Fussel
Während es bei Menschen ja durchaus normal ist, sie unter Aspekten des Pay Per Use zu betrachten, was bei Eigentum grade erst normal wird und uns exemplarisch gerade bei Musik versucht wird einzuimpfen, instrumentalisieren Dat Politics schon jetzt die möglichen Reste eines Prä-Eigentums-Post-PPU-Menschseins, das vermutlich in der digitalen Gesetzgebung die widersprüchlichsten Zwischenräume der nächsten Jahrzehnte aufmachen dürfte. Warum? Um eine neue Dimension medialer Komplexität anzusteuern, die wieder nach dem unscheinbaren Band zwischen “Analogem” und “Digitalem” sucht, die damit genau das wird, was Dat Politics gerne für sich reklamieren: Professionelle Bastler. Bricoleurs, wie sie sagen würden, was im französischen weniger nach institutionalisiertem Märklinprofessionalismus klingt, weil “Bricoleurs” irgendwie alles auch immer nur halb machen, vorläufig, weil “Bricolage” Heim- und Handarbeit genau so ist wie Fälschung und obendrein seit den 60ern einen theoretischen Ruf hat, als einzig mögliche politische Position, die sich nicht vereinnahmen lässt, also wie selbstverständlich und nebenbei wie Pop für die ganze digitale Familie klingt. Professionelle Fussler, es kann nie genug davon geben.

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