Datenmüll-Desaster könnten schon on naher Zukunft kulturelle Werte und die Privatsphäre verheeren. Höchste Zeit, um endlich ein richtiges Datenbewusstsein zu entwickeln.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 130


Datenmüll scheint in Zeiten von billigem Speicherplatz und allseits verfügbarer Informationen kein Problem zu sein. Dabei könnten schon in naher Zukunft Datenmüll-Desaster kulturelle Werte und die Privatsphäre verheeren. Höchste Zeit, um endlich ein richtiges Datenbewusstsein zu entwickeln.

Datenmüll? Ab damit in den Papierkorb, Papierkorb entleeren. Wo ist da bitte das Problem? Wir leben ganz offensichtlich in der Daten-Wegwerfgesellschaft, der jedes Bewusstsein für Datenverschmutzung fehlt. In Analogie zur Entwicklung mit dem echten, dem physischen Müll müsste auf die Phase völliger Sorglosigkeit ein böses Erwachen folgen.

Einerseits. Andererseits kann man die Analogie zum realen Müll natürlich grundsätzlich bestreiten, schließlich stinken Datenmüllhalden nicht und es ist auch noch kein Fall von Grundwasserverseuchung durch illegale Datenmüllentsorgung bekannt geworden. Wenn es die Analogie tatsächlich geben sollte, müsste es dann nicht auch eine Entsprechung zum Mülldesaster in Neapel geben?

In der brave Bürger der Informationsgesellschaft in ihrem Datenmüll ersticken, weil eine Datenmafia sich ihre Pfründe sichern kann? Wenn man sich dem Begriff des “Datenmülls” nähert, stößt man andauernd auf solche scheinbar völlig blödsinnigen Fragen, während der harmlose Begriff “Datenmüll” gleichzeitig allen Festlegungsversuchen auszuweichen scheint. Denn so gängig der Begriff sein mag, ist eine Definition gelinde gesagt kompliziert.

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Was ist also Datenmüll überhaupt? Die Penisverlängerungs-Werbung, die trotz aller Spam-Filter täglich in unseren Postfächern landet? Die Ordner mit unsortierten Fotos der letzten Urlaube, die man sich nie wieder ansehen wird? Die gefälschten Messdaten eines betrügerischen Wissenschaftlers? Die Excel-Dateien, die vom vorletzten Job übrig geblieben sind und sich irgendwie nicht mehr öffnen lassen?

Die 20 GB mit der Musiksammlung vom Kumpel, der auf Operetten steht, die man sich mal kopiert hat, um ein paar Alben rauszufischen, die einem doch gefallen könnten? Die Backup-CDs, die dein Ex beim Auszug vergessen hat? Und was ist eigentlich mit den Twitter-Feeds, in denen Millionen Menschen täglich ihr langweiliges Leben dokumentieren? Könnte alles Datenmüll sein, muss aber nicht.

Denn grundsätzlich gilt: Datenmüll besteht aus Daten, aus denen man keinen Sinn ziehen kann. Und das kann vielfältige Ursachen haben, angefangen von Dateien im unbekannten Format über unsortierte Datensammlungen, in denen man ewig suchen müsste, um etwas Verwertbares zu finden, bis hin zu Daten, deren Inhalt einen schlicht und ergreifend nie im Leben interessieren wird.

Nun könnte man natürlich einfach sagen: Datenmüll erkannt, ab in den Papierkorb, aus die Maus! Aber das ist aus einer Vielzahl von Gründen leider keine Lösung. Erstens müsste man den Datenmüll vor dem Wegwerfen sauber von den wertvollen Daten trennen, die man behalten will, was in der Praxis (Urlaubsbilder) oft scheitert.

Dazu kommt natürlich, dass Datenmüll nicht nur auf der eigenen Festplatte anfällt, sondern natürlich auch Online und inzwischen sollte es als Binsenweisheit gelten, dass sich Daten aus dem Internet nur schwer und nie sicher entfernen lassen, Zum einen, weil oft die Zugriffsberechtigung fehlt, aber vor allem, weil Daten, die einmal im Netz stehen, zur Vervielfältigung neigen.

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Aber sogar wenn man die Datenmülltrennung und das Löschproblem im Internet außen vor lässt, steht die Datenmüllentsorgung vor einem grundsätzlichen Problem: Nur weil man keinen Sinn aus Daten ziehen kann, heißt das ja noch lange nicht, dass nicht vielleicht jemand anderes dies sehr wohl kann. Jedes mal, wenn man Daten löscht, läuft man daher Gefahr, etwas Wertvolles zu vernichten.

Noch komplizierter wird es, wenn man auch noch in Betracht zieht, dass in Zukunft Technologien entwickelt werden könnten, die aus dem Datenmüll von heute wertvolle Erkenntnisse ziehen könnten. Und auch wenn es sich zunächst nicht so anhört, handelt es sich dabei nicht um einen theoretischen Einwand. Denn die Tendenz zur Datenerfassung und -auswertung ist eines der mächtigsten Instrumente des Fortschritts und der Wertschöpfung, das uns zur Verfügung steht.

Demnach könnte man den Begriff des Datenschutzes radikal erweitern und sagen: Daten sollten prinzipiell erhalten werden, weil man nie weiß, wozu sie in Zukunft noch alles gut sein könnten, daher gehören alle Daten ins Archiv der Menschheit. Um das Phänomen praktisch zu illustrieren, könnt man das Plainspotter-Beispiel anführen: Die Flugzeug-Fanatiker hängen ja bekanntlich auf Flugplätzen rum, um alle Flugzeuge zu fotografieren, die sie vor die Linse bekommen.

Für normale Menschen ohne Flugzeugfetisch sind die Fotosammlungen der Plainspotter einfach Datenmüllberge, denn wo sollte der Mehrwert des x-tausendsten Fotos eines Flugzeugmodells aus der Serienproduktion liegen? Aber ohne den scheinbar sinnfreien Fetischismus hätten wir zum Beispiel nie erfahren, dass der BND über eine Tarnfirma eine Falcon vom Typ 900 EX benutzt, um sinistre Deals mit Folterstaaten abzuwickeln.

Dem radikalen Datenschutz steht allerdings entgegen, dass Datenmüll die Nutzung von wertvollen Daten erschwert oder verhindert: Die meisten Einträge in Google-Ergebnislisten bestehen ja aus Blödsinn, der uns vom dringend Gesuchten ablenkt. Dazu kommt das Problem des Datenmülls, den wir als fleißige Benutzer des Web 2.0-Budenzaubers täglich hinterlassen: Profile auf unzähligen Plattformen, Kommentare, Fotos und Videos.

Diese Form des Datenmülls macht nämlich nicht nur das Auffinden sinnvoller Daten schwieriger, unser heute achtlos weggeworfener Web2.0-Müll kann uns auch eines Tages böse auf den Kopf fallen: Nämlich dann, wenn wie oben erwähnt, zukünftige Technologien Datamining in heute unvorstellbaren Ausmaßen erlauben. Und die Erkenntnisse aus diesem Datamining können natürlich sehr schnell auch gegen uns verwendet werden.

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Um das Datenmüllproblem endgültig zu komplizieren, muss zuletzt noch erwähnt werden, dass gerade der Web 2.0-Müll, den Millionen von Nutzern täglich erzeugen, natürlich auch den gegenteiligen Effekt haben kann: Ohne Datenmüll herrscht schnell ein Zuviel an Übersicht. Denn erst der Datenmüll sorgt für Grauzonen, die in liberalen, demokratischen Gesellschaften nötig sind, um die Privatsphäre und die Freiheit des Individuums nachhaltig zu schützen.

Datenmüll stellt also ganz offensichtlich nicht nur ein Problem dar, sondern gleich ein ganzes Bündel an Problemen, die sich auch noch munter widersprechen. Um nicht ratlos vor dem Rechner zu verzweifeln, haben wir uns an einen Experten gewandt, und siehe da: Michael Horn vom Chaos Computer Club (CCC) hat zwar auch kein einfaches Rezept, wie man mit Datenmüll umgehen sollte, aber immerhin einige Lösungsansätze: Grundsätzlich ist “alles eine Frage des richtigen Datenbewusstseins”. Das hört sich natürlich ziemlich esoterisch an, ist es aber gar nicht:

“Jeder muss seine Antwort auf das Müllproblem finden. Datenbewusstsein heißt dann, dass man sich darüber im Klaren sein sollte, dass sowohl die Herausgabe als auch das Zurückhalten von Daten Konsequenzen hat. Dazu muss man sich natürlich erst einmal der Nützlichkeit der Daten, die man ablegt, bewusst werden. Man muss sich fragen: Welchen Wert haben Daten für mich? Und welchen Wert können sie für jemand anderen haben? Außerdem sollte man sich klar machen, dass das Internet Daten potentiell nicht vergisst, dass aber gleichzeitig alle Daten, die man aus der Hand gibt, verloren gehen können.

Damit nützliche Daten auch gefunden werden, sollte man sich zudem die Datensparsamkeit zu Herzen nehmen. Also zum Beispiel nicht ein Dutzend schlecht gepflegter Profile in allen möglichen sozialen Netzwerken anlegen, sondern nur eines. Außerdem sollte man dafür sorgen, dass nützliche Daten auch nützlich bleiben. Dazu sollte man darauf achten, dass Daten lesbar bleiben, indem man offene Dateiformate wählt. Die können nämlich auch in Zukunft gelesen werden, weil dokumentiert ist, wie die Daten abgelegt werden.

Man sollte daher auch Kopierschutzsysteme meiden: Wenn Microsoft den Server mit den DRM-Schlüsseln für die Musik, die man sich gekauft hat, runterfährt, hat man ja nur noch Datenmüll auf der Platte. Zuletzt sollte man sich darüber klar werden, was die eigenen Daten einem wert sind: Will ich, dass ein Konzern wie Google meine Daten auswertet? Wenn nicht, sollte man sich lieber einen Festplattenstapel zwischen Kühlschrank und Spüle stellen und bei Bedarf auch einen eigenen Server betreiben.”

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Elektronische Lebensaspekte.

3 Responses

  1. Over 9000! | Rickrolel9000's Blog

    […] Ganz schlimm ist es wenn mein Bruder Online geht denn der saugt sich immer einen riesen Haufen Müll. Models für CSS oder Garry’s Mod, da nimmt es einfach kein Ende! 64Gb an Daten hat er nur […]