Dave Aju sampelt nur sich selber, und streicht dabei den Dancefloor in neuen, knalligen Farben.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 127


Gegen alle Standards: Dave Aju hält nichts von 808, 909 Sounds, die Techno und House groß gemacht haben. Er sampelt nur sich selber, schneidet seine Klänge selber aus den Geräuschen seiner Stimmbänder. Und dabei streicht er den Dancefloor in neuen, knalligen Farben.

House packen wir jeden Monat wieder gerne als Sensation aus. Manchmal haben wir damit auch recht. Zum Beispiel bei Dave Aju. Sein Album “Open Wide” öffnet neue Horizonte. Das ist jedem sofort klar, der es das erste Mal hört, das war schon klar, als die 12″s rauskamen. “Be Like The Sun” und “Crazy Place” gehörten zu den Sommerhits, zu den Platten, die man beim ersten Klang abfeiert.

Und endlich mal wieder wartete ein Dancefloor mit Spannung auf ein Album. Und mit der Angst, dass mehr einfach nicht drin sein könnte. Stimmte nicht. “Open Wide” geht noch viel weiter. Und dann ist da noch die Geschichte, dass Dave Aju (ein Wortspiel, ein verdrehtes Deja Vu) seine Tracks mit “dem Mund macht”. Jedes Sample aus Spucke und Stimmbändern gefrickelt. In einem langwierigen Prozess. Das will man kaum glauben. Macht ihn aber einzigartig. Und er beharrt darauf und wir hätten keinen Grund ihm nicht zu glauben.

Schließlich war er mal Freestyle MC und Beatboxer. Wir verstehen das jetzt schon mehr. Und wir gehörten eh nie zu denjenigen, die nicht glauben, dass man aus allem eine HiHat machen kann. Es ist nur verdammt viel Arbeit. Aber dafür steht am Ende der Arbeit auch etwas Neues. Etwas, von dem Dave Aju sagen kann, das ist meins, und sich ohne Mühe gegen Genre-Beliebigkeiten abgrenzt.

Dave Aju kommt aus San Francisco. Genau daher also, wo man vielleicht eine starke Houseszene erwartet, keinesfalls aber eine, die nach vorne geht. Die großen Zeiten sind da definitiv vorbei. Mit Aju kommen sie vielleicht noch. Auch wenn Außergewöhnlichkeit selten Schule macht. “Open Wide” klingt nach einem neuen Soul, einem neuen Funk.

Kein Wunder, dass er gerne James Brown und George Clinton sagt und ihm das französische Label Circus Company oder das kanadische Musique Risquée eher eine Heimat sind als OM, Naked oder was wir sonst noch alles an House-Labelgrößen dieser Stadt längst vergessen hatten. Kein Wunder auch, dass seine Selbstdarstellungen gerne CutUps sind, die aussehen, als wäre er eine Jazzlegende aus den 50ern. Jeder Track von “Open Wide” ist nicht nur aus Stimme, sondern obendrein mit Vocals, Lyrics, jeder Track mit einer sehr eigenen Stimmung, einem Thema, einer Geschichte, vor allem aber auch einem Sound, der stellenweise absurd klingt, so konkret wirken die Beats, und stellenweise ganz schön holzig.

So holzig, dass der Groove erst darüber so wirklich in Gang kommt, der Funk sich durch die Andersartigkeit erst richtig entwickelt. Und das auf einem Album, dessen Tracks autobiographisch sind, einem House-Album vor allem, einem Album, das man wie eine Pop-CD hören kann, weil auf abenteuerliche Weise die Seltsamkeit des Sounds der Zugänglichkeit überhaupt nicht im Weg steht.

Dave Aju ist nicht schwarz. Das mag manchen überraschen. Selbst wenn man längst nicht mehr daran glaubt, dass bestimmte Musik nur aus bestimmten sozialen Zusammenhängen kommen kann, aber irgendwie bleibt manchmal doch ein Rest. Etwas, das sich sträubt, nicht vereinnahmen lassen will.

Und das sich nicht in dieser Gegenbewegung auflöst, sondern in sich hineinhorcht und mit einem Sound-Entwurf kommt, der in seiner Herangehensweise in einer Tradition steht, die man mit Leuten wie Theo Parrish eher verbinden würde. Einer Tradition der herausragenden Charaktere, die sich nicht (vergesst hier mal das Mundgeblasene) über eine Technik, sondern einen fast holistischen Sound definiert. Kein Wunder, dass “Open Wide” für viele längst das Album des Jahres ist.

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Elektronische Lebensaspekte.

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