Der Darling unter den Videoclip-Regisseuren, Michel Gondry, pirscht sich mit Höflichkeit und Europäer-Bonus an den amerikanischen Comedy-Superstar Dave Chappelle und seine Rapper-Freunde ran. Die Doku "Dave Chappelle's Blockparty" zeigt Größen wie Lauryn Hill oder Mos Def so real, wie man sie sonst nie sieht.
Text: Verena Dauerer aus De:Bug 105

Film

Dave Chappelle’s Blockparty
Credibility mit Gondry

Michel Gondry, das ist der mit den niedlichen Wollknäulen in seinen Musik-Videos, mit dem wunderbar durcheinander geschnipselten “Eternal sunshine on a spotless mind“ und demnächst dem Spielfilm “Science of Sleep“. Einer, der neben Spike Jones seine Filme mit Hollywoodstars auf den Kopf stellt, einmal durchschüttelt und wahrscheinlich einen Teil seiner eigenen, fantastischen Träume verfilmt. Das Schöne an ihnen ist jedes Mal, dass sie immer Sinn machen und gar nicht anders können, als sich selbst und ihrer Logik zu folgen. Wie also kommt der Ober-Animator Gondry dazu, eine Konzertfilmdoku zu drehen, wenn es nicht ein Liebhaberprojekt des Hauptdarstellers als auch des Regisseurs ist? Die Block-Party von Dave Chappelle ist dem 72er Festival und gleichnamigen Konzertfilm Wattstax in Los Angeles nachempfunden. Veranstalter war damals das Memphis-Soullabel Stax Records, eines der Lieblingslabel von Gondry. Nach dem Konzert erschienen davon mehrere Platten, und auch Chappelle geht nach seiner Block-Party mit den Beteiligten ins Studio und jammt.
Aber man erfährt noch was, wenn man mit Gondry dem Fernsehkomiker bis in sein Kaff in Ohio und zurück auf seiner Werbetrommel-Tour für sein privates Umsonst-und-draußen-Konzert im Brooklyner Problemviertel Bed-Sty folgt: So semi-dokumentarisch oder wie im MTV-Stil draufgehalten das auch zu sein scheint, Gondry geht auf die gleiche Art an seine Figuren ran, wie er ihnen für seine Video-Clips begegnet.
Natürlich wickelt sich Gondry erst mal um die Person Chappelle, der sein Privatkonzert mit Lauryn Hill, Erykah Badu, Mos Def, Kanye West, Wyclef Jean, Talib Kweli und allen, die noch wichtig sind, schmeißt. Aber nicht ohne vorher eine Blaskapelle aus Ohio mit Gratis-Tickets für Übernachtung und Bus zu versorgen. Chappelle ist jemand, der sich allein am späteren Konzertplatz Ecke Downing and Quincey, gleich bei der Heilsarmee, mitten auf die Straße stellt und sich erst mal selber mit dem Megaphon einheizt. Man erlebt, wie die Kiosk-Frau und die Blaskapelle nach Bed-Sty gekarrt werden und letztere absurderweise im Nieselregen durch Brooklyn paradieren. Dazwischen sieht man die Rapper Backstage, den Ansager und die Backing-Band. Und Gondry? Dessen feiner Humor trifft sich gut mit Chappelles. Gondry ist aber auch ein durch und durch höflicher Mensch – es sei denn, man hält ihm selber ein Riesenmikro vor die Nase.
Gefilmte Authentizität geht bei ihm über das Drehen auf gleicher Höhe: “Dave wollte eine aufrichtige Doku haben und ich versuche nie, den Superstar, den Aspekt der Superolle zu vergrößern“, sagt er zwischen zwei Telefonaten auf der Berlinale. “Ich will eine Art der Intimität finden, eine Art der Mitwisserschaft mit den Leuten, über die ich drehe. Deshalb setze ich sie dem Publikum gleich. Ich drehe immer auf einer horizontalen Achse. So dass ich nicht auf die Leute runterschaue und die Leute auf der Bühne nicht auf das Publikum runtersehen. Das war gut, weil ich zu diesem HipHop-Zirkel nicht unbedingt gehöre.“ Er lebt zwar in New York, geht aber mit dem Europäer-Bonus an die Sache ran: “Zu der Zeit hatte Amerika ein Problem mit den Franzosen, weil die nicht mit in den Krieg in den Irak ziehen wollten. Deshalb prädestiniert mich meine Identität als Franzose mehr, diese Gemeinschaft zu repräsentieren – vielleicht mehr als weiße Amerikaner. Einmal sagte Erykah Badu: ‘Ich habe keine Ahnung, was du da sagst. Aber es klingt gut, weil du Franzose bist.'”

Ein Franzose mit Auftrag
“Ich bin das Auge des Zuschauers. Je näher ich den Künstlern komme, desto näher fühlen sie sich den Zuschauern. Das versuche ich seit meinem ersten Video-Clip. Außer bei den Clips, bei denen ich versagt habe, weil der Künstler eine Distanz zwischen sich und dem Zuschauer herstellen wollte.“ Wie gesagt, bei allem sich Anpirschen an die Musiker bleibt er höflich zurückhaltend und wartet ab, bis die HipHop-Attitüden abfallen: “Manchmal wurden Musiker auf einmal ziemlich politisch. Fred Hampton, der ehemalige Black-Panther-Aktivist, kam ja auch auf die Bühne. Manchmal haben Musiker das Thema benutzt, um anzugeben. Es schien, als würden sie Menschen aus dem Fernsehen imitieren. Ich musste ihnen Zeit geben, sie selbst zu werden. Wenn es dann noch politisch war, kam es genuin von ihnen.“ Gefühltes Realsein im HipHop-Video geht also doch, eben durch das Gondrysche Einfühlungsvermögen.

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Elektronische Lebensaspekte.