In Perth gibt es viele Musiker, aber keinen Plattenladen. Aus dieser Kontellation bastelt Dave Miller die besten elektronischen Jazzplatten.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 93

Dave Miller
Jetzt wärmer

Wer vor zwei Jahren im Zwischenraum von Minimal und Jazz nach Überraschungen und neuen Wegen gesucht hat, der musste automatisch auf Dave Millers EPs auf Background stoßen. Während hierzulande dann Minimal Stück für Stück immer mehr zu Rave & Retro mutierte, wenn nicht gar zu einem Schimpfwort (Holzköpfe!), blieb es um den Australier still. Jetzt erscheint eins von drei neuen Alben, sein Debut “Mitchells Raccolta” auf Background, und aus dem minimal-strengen, clickernd-housigen Jazzsound ist auf einmal ein deeper, breakiger, offener Soundtrack geworden, der die strengen Minimal-Zeiten vergessen lässt und dabei jegliche Fusion-, Soul- und Sonstwas-Fallen mühelos links liegen lässt.

Was hat sich an deiner Einstellung zu Minimal geändert?

Dave: Ich denke, vor allem die Rhythmusstrukturen haben sich verändert und die Art, wie sich die Tracks entwickeln. Meine EPs davor waren eher House, jetzt ist das Tempo variabler, HipHop, Slowmotion, Ambient. In gewisser Weise ist “Mitchells Raccolta” weniger minimal. Es geschieht mehr … Melodien und Harmonien. Ich höre auch nicht mehr soviel minimale Dancefloortracks. Lieber Ambientes wie Alva.Noto & Sakamoto, Greg Davis. Das sind sehr verschiedene Alben, aber beide haben diesen Aspekt, dass sie fokussiert sind auf die Fragmentierung “organischer” Instrumente, Piano z.B., und das interessiert mich sehr. Elektronika hingegen auch nicht mehr. Dinge wie “The Necks”, ein australisches Jazz-Trio, die sich langsam entwickelnde 60-Minuten-Tracks machen, aber um so mehr, das ist für mich Minimal. Ich denke, mein Album ist viel mehr “mein” Sound geworden, viel weniger Genre.

Es gibt eine neue Offenheit in deinen Tracks.

Dave: Ja, alles ist lockerer geworden. Ich wollte, dass es nicht so mechanisch klingt. Die Melodien sind sehr warm und der Percussionsound sollte nicht zu sehr prozessiert klingen. Viele der Sounds sind “organisch”, nur leicht zerschnitten. Man kann immer gut hören, dass es Samples sind, aber sie sind eben nicht clean, es sollte alles nicht poliert klingen. Da ich auch sehr viel live in Kollaborationen mit verschiedensten Leuten gespielt habe, vor allem bei dem wöchentlichen Abend, den ich hier in Perth die letzten Jahre organisiert habe, haben sich meine Produktionsideen sehr stark gewandelt. Wir hatten elektronische Acts, Free-Jazz, Noise, experimentelle Rock-Gruppen und es hat sich daraus auch eine – nach den Möglichkeiten von Perth – kleine Szene entwickelt.

Ist Perth damit auch für deinen Sound verantwortlich?

Dave: Die gehypten Musikstile, mit denen man sich in größeren Städten wohl mehr auseinander setzen muss, beeinflussen mich tatsächlich nicht so sehr. Wir bekommen zwar alle Informationen hier über das Netz, aber eben distanzierter. Auf gewisse Weise ist das gut. Seitdem allerdings hier in Perth der einzige Plattenladen dicht gemacht hat und man nur noch alles online kaufen kann, beginnt man leider auch wieder sich auf Dinge zu begrenzen, die man kennt.

Was passiert nach “Mitchells Raccolta”?

Dave: Da ich ja Software-Entwickler – und als solcher beweglich – bin, plane ich, nach meiner Tour in Europa zu bleiben und eine Arbeit zu finden. Ansonsten erscheint auf dem englischen Label Expanding Records ein Album von mir und Fiam, der auch aus Perth kommt, mit mehr Downtempo-Tracks und HipHop-Sounds und gerade haben Laurence Pike von Triosk und Phil Slater, ein Trompeter, auch aus Sydney, und ich ein Improvisations-Album aufgenommen, das nach nichts klingt, das ich kenne.

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Elektronische Lebensaspekte.