Dave Tarida ist der Bass-Rocker der Brightoner ”No Future Posse” um Cristian Vogel, Tobias Schmidt und SiBegg. Mit ”...Plays Records” hat er auf Tresor eine Mix CD zusammengestellt, die im brummig bangenden Entertainerstyle zeigt, wie die Future von No Future aussehen wird.
Text: Felix Denk aus De:Bug 61

Techno

Tiefes Brummen
Dave Tarrida

Schlägt man in der Encyclopedia Electronica unter dem Begriff Bassline-Rock nach, findet sich folgender Eintrag: “Spielart des Techno, dessen hervorstechendes Kennzeichen darke, brummelige, sog. rockende Basslines sind. Diese sind meist ziemlich tieffrequent und selten einfach nur gerade, da sie oft bewusst ein Gegenmodell zur Linearität des Looptechno darstellen. Führende Vertreter: No Future Posse allg., insbes. Dave Tarrida, ehemals Glasgow, jetzt Barcelona.“

Dave Tarrida, Produzent, DJ, Labelbetreiber und Veranstalter einer Clubnacht, blüht merklich auf, wenn man ihn auf das Thema Basslines anspricht, am besten natürlich auf tiefe, grabende, verwinkelte und höllisch rockende Basslines. Spätestens hier merkt man, auch wenn es nicht immer einfach ist ihn zu verstehen, sofern man nicht selbst Schotte ist, was ihm wirklich am Herzen liegt. Mit ”Dave Tarrida Plays Records” hat er nun bei Tresor Records erstmals eine Mix-CD veröffentlicht, die ein kleines Ein mal Eins des ruffen, tuffen und konsequent unkonventionellen Techno zusammenstellt und so ganz nebenbei seine Entertainerqualitäten als DJ eindrucksvoll beweist. Außerdem wird dank vieler noch unveröffentlichter Tracks ein Einblick gewährt, wie es jetzt bei Tarrida und den übrigen No Future-Mitstreitern demnächst so weitergeht.

Debug: Vor einem guten Jahr ist ”Paranoid”, dein Debutalbum, auf Tresor erschienen. Jetzt gibt es eine Mix-CD. Welche Arbeit hat dir denn mehr Spaß gemacht?
Dave Tarrida: Schon das Album. Wobei ich dachte, dass das mit der Mix CD recht einfach werden würde. Aber ganz so war das dann doch nicht. Um die CD für die Hörer aber auch für mich selbst interessant zu machen, habe ich ziemlich viele Exklusivtracks verwendet. Das unterscheidet die CD von den meisten anderen Mixen, deren Tracks bekannt sind. Es hat definitiv Spaß gemacht, meine ganzen Freunde nach Tracks zu fragen und zu sehen, woran sie gerade so arbeiten.

Debug: Auffällig ist, dass auf der CD kaum alte Stücke drauf sind?
Dave Tarrida: Man hat die Alternative, ob man eine CD mit Klassikern macht, so seine All Time Favorites, oder das, was man im Moment so spielt, was sich also gerade an Platten in meiner Kiste befindet. Dadurch, dass ich wenige alte Sachen drauf habe, ist der Mix schon recht repräsentativ. Größere Obskuritäten habe ich mir auch verkniffen…

Debug: Das hat ja auch oft was Onanistisches…
Dave Tarrida: Ja schon, so als wollte man angeben, was man alles an superseltenen Platten hat, was andere nicht haben oder überhaupt nicht kennen. Das war nicht das Ziel.

Debug: Du bist ja sehr viel länger DJ als Produzent. In wie weit ist der Produzent Dave Tarrida vom DJ Dave Tarrida beeinflusst?
Dave Tarrida: Hm, ich würde gerne sagen, sehr stark. Aber wenn ich ehrlich bin, weiß ich nicht, ob dass wirklich so ist. Als DJ spiele ich natürlich die Tracks, die mir gefallen. Im Studio funktioniert das schon ganz anders, da passieren die Dinge eben so, auch wenn ich versuche, einen Zusammenhang herzustellen. Es ist aber schon hilfreich, DJ zu sein, auch wenn ich vielleicht nicht der beste darin bin, das eine mit dem anderen zu verbinden.

Debug: Du produzierst deine Tracks ja auch oft zusammen mit anderen Leuten…
Dave Tarrida: Ja, gerade in letzter Zeit. Gerade habe ich eine Maxi mit Lars Sandberg, also Funk d’Void, gemacht. Wir teilen uns in Barcelona ja ein Haus, wo wir auch unsere Studios haben. Das war ziemlich spaßig. Sonst arbeite ich oft mit Tobias Schmidt, demnächst wird mal wieder was mit Cristian Vogel kommen.

Debug: Die Zusammenarbeit mit Funk d’Void ist ja schon überraschend, da ihr musikalisch eigentlich nicht so furchtbar viel gemeinsam habt. Wo habt ihr euch denn stilistisch getroffen?
Dave Tarrida: So ungefähr in der Mitte. Wir sind gute Freunde und so war es einfach, zusammen zu arbeiten. Ich kenne sein Studio und weiß auch, wie er arbeitet, und umgekehrt genauso. Die Tracks sind schon ziemlich beatlastig und zielen auf die Mitte der Nacht, so mit komplettem Breakdown in der Mitte. Aber es hat schon ein paar experimentellere Elemente, merkwürdige Edits und Percussion. Hoffentlich hört man das auch heraus, dass wir das gemacht haben. Solche Kollaborationen können ja auch mal voll schief gehen. Wir werden auf jeden Fall mehr zusammen produzieren.

Debug: Produzierst du deine Tracks eigentlich sehr in einem Jam-Style?
Dave Tarrida: Das habe ich lange gemacht, jetzt aber nicht mehr. Früher habe ich mein ganzes Equipment angeschaltet und mit den verschiedenen Drumcomputern und Sequencern herumgemacht, bis etwas rauskam, was mir gefällt. Das war schon immer ziemlich chaotisch und vor allem schwer zu kontrollieren, man musste überall seine Hände gleichzeitig haben. Ich habe das jetzt umgestellt und arbeite strukturierter.

Debug: Machst du jetzt mehr am Computer?
Dave Tarrida: Ja, viel mehr Processing, aber auch Hardware Processing. Ich habe im Prinzip ein ganz neues Studio, das viel mehr Dynamik und einen ganz anderen Sound hat, einen viel besseren Sound glaube ich. Die ersten Sachen, die ich damit produziert habe, erscheinen auf der Single zu der Mix-CD.

Debug: Auf deinen neuen Sachen wie auch auf den Tracks, die du auf der Mix-CD verwendest, fallen die vielen Vocals auf.
Dave Tarrida: Stimmt. Ich benutze immer mehr Vocals, aber eher so als Snippets. Ich habe auch immer gerne Vocals gespielt, am liebsten so cheesy Frankie Bones- oder banging Chicago-Style. Für den Dancefloor ist das natürlich super, vor allem wenn die Tracks eigentlich eher obskur und sonderbar sind und man das mit einem Vocalsnippet auffangen kann. Gerade so die alten Chicago-Sachen haben eine riesige Wirkung auf dem Dancefloor, so DJ Deeon, wicked!

Debug: Ist das so eine Art Retro-Ding? Bei No Future, was ja heute eher eine Haltung als ein Stil ist, haben Verweise ja nie so wirklich eine Rolle gespielt.
Dave Tarrida: Die Retro-Elemente bei vielen No Future-Tracks sind halt so ein bisschen versteckter. Viele Sachen, die wir früher gemacht haben auf dem Sativae-Label etwa, haben schon einen Bezug auf Bass & Bleeps, also im Prinzip den Sheffield Sound. Ein wichtiger Einfluss, den man auch heraushören kann, waren immer diese Bassline-Geschichten – wie bei ”The Mover” (Projekt von Marc Acardipane von Anfang der 90er-Jahre, Amn.) Das wären so die Retro-Bezüge, jeder hat ja irgendeinen Ansatzpunkt, wobei es schon reizvoll ist, den zu verschleiern.

Debug: Bei der Penalty Serie gab es ja auch so etwas wie Electro ohne 80er-Jahre-Bezüge…
Dave Tarrida: Die 80er Jahre mochte ich nie. Damals mochte ich auch diese Art von Musik nicht. Klar gibt es gute Tracks, aber das ist nicht so mein Ding. Die Penalty Serie und die Electroelemente darauf korrespondierten auch eher mit Sativae, kamen also eher aus einem obskuren, düsteren und experimentellen Blickwinkel als happy Arpeggio Synth Lines.

Debug: Dann doch lieber Bassline-Rock…
Dave Tarrida: Ja, das ist schon das, was wir eigentlich immer gemacht haben. Immer auf unterschiedliche Weise, aber immer dunkel, immer mit massiven Basslines, so eine Art ehrliche Darkness – das klingt dann so: brummmm (macht mit einem Funkeln in den Augen ein langgezogenes Geräusch, das wie ein startendes Flugzeug beginnt, zwischenzeitlich einem Staubsauger ähnelt und dann wie ein vorbeifahrender Laster ausklingt) Auch bevor ich Techno gehört habe, mochte ich immer eine spezielle Art von Musik, egal ob Punk, Industrial oder Heavy Metal. Mich haben immer die darkeren Sachen angesprochen, die Sachen mit viel Bass. Fröhliche Musik mochte ich noch nie, noch nicht mal als Kind. Pop Musik sowieso nicht. Irgendwie kommen diese Sachen eben so auf einen zu!

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Dave Tarrida hat die "No Future"-Posse um Cristian Vogel mit aufgebaut. Mit viel Lärm um viel Bewegung setzt er ein Gegenstatement zum Minimaltechno, um die Tanzflächen von Edinburgh bis Barcelona wieder existenziell zu verunsichern. Eine Hotmail aus Barcelona.
Text: Aljoscha Weskott, Alexis Waltz aus De:Bug 47

Eine Hotmail aus Barcelona
Dave Tarrida
Mancher Technofloor hat sich in einen Ort der Steifheit verwandelt: Die Kiefer der Speeduser schieben sich mahlend vor und zurück wie die Hooklines der Tracks ein- und ausgefadet werden; die verspannten Körper reagieren gerade noch auf den Bass. Man scheint sich auf den Sound zu perfekt eingetunet zu haben. Ein spannungsmäßiger Normalzustand ist eingetreten, in dem sich weder interessante Kontingenzen noch krasse Intensivierungen entwickeln. Bei Dave Tarrida aber scheint die zehnjährige Gewöhnung an das elektronische Nachtleben das Gegenteil bewirkt zu haben: In die Selbstgewissheit “Clublands” bricht eine existenzielle Verunsicherung. “In einigen Clubs ist mein Sound zu viel für die Leute. Alles, was sie hören wollen, sind straight up hard tracks.”
Tarridas Debutalbum auf “Tresor Records” heißt “Paranoid”, auf dem Cover ist zu lesen: “Just because you’re paranoid don’t mean they are not watching you”. Bei Tarrida ist das Paranoide aber keine angstbesetzte Fixierung, sondern die Möglichkeit, das akustische Material in extrem gesteigerten Quantitäten zu verarbeiten. Das immer schneller wahrnehmende Bewusstsein eines Jeff Mills wird antiminimalistisch gewendet. Anders als beim klar nach vorn zum Floor gerichteten Blick Mills operiert Tarridas Musik im Augenwinkel. Die Paranoia organisiert sich nicht in den Wiederholungsschleifen von Looptechno, vielmehr soll das Konzept Wiederholung in jedem Moment durch einen euphorischen Ausbruch gecancelt werden. Was natürlich nicht gelingt, aber als geiler Irrtum tolle Effekte produziert.
Drauf sein
Das Begehren nach einem antiminimalistischen Techno-Modell teilt Tarrida mit der No-Future-Posse um Cristian Vogel. Mit dieser Szene ist er seit Anfang der Neunziger durch gemeinsames Feiern und Platten-Machen verbunden: Damals co-organisierte Tarrida den Sativae-Club in Edinburgh, der zu der Zeit noch unbekannte lokale Acts wie Tobias Schmidt und Neil Landstrumm featurete. Claude Young, DJ Hell und Electric Indigo legten dort zum ersten Mal in Großbritannien auf, Irvine Walsh erwähnt den einst in einem Labyrinth von Höhlen gelegenen Club in den Credits zu “Trainspotting”. Eine Legende. 1994 schien der logische Schritt die Labelgründung zu sein: Man fing an, unter den gleichen Namen Tracks zu veröffentlichen. Dennoch war man im Ausland erfolgreicher als in den heimischen Gefilden. Techno funktionierte in Großbritannien schon immer im sehr begrenzten Rahmen: Detroit wurde direkt nur durch Drum and Bass aufgenommen; sonst dominiert der sehr an den Füßen der Tänzer klebende Technohouse. Insofern geht für Tarrida in Deutschland am meisten. Neuerdings wird von der Melbourner Szene Vielversprechendes berichtet. “Die deutsche Clubszene ist die stärkste weltweit. Was ich an der deutschen Szene mag, ist, dass die Leute gut informiert sind und sehr offen für verschiedenste Arten von Techno. Man hat das Gefühl, man kann spielen, was man will, rather than playing to the crowd.” Insofern ist es der Ort, an dem sich sein Sound, den er gemessen an gegenwärtigen Looptechnoplatten als experimentell einschätzt, am ehesten durchsetzen kann. “Ich mag Tracks, in denen viel passiert, und eine Struktur, die Bewegung in sich hat. Das ist schon in sich anti-minimalistisch.” Tarrida reißt den Drum-Komplex auf, der Groove wird von egomanisch-größenwahnsinnigen Basslines, Filtereffekten und Stimmen mitgezerrt. Jede mögliche Konzentration auf einen Sound wird sofort von einem anderen Sound aufgelöst. Der kommt dazu, wirft sich in den Groove, schießt darüber hinaus und biegt diesen in eine andere Richtung. Die Basslines bleiben immer plastikartig durchsichtig. Die Bassdrum, bzw. der Kickdrum-Ball wird flach gehalten, gibt Raum frei für das paranoische Szenario, in dem immer neue Figuren auftreten und verschwinden. Aber anders als bei Electro, an den Tarridas-Sound mit seiner Gewichtung auf die Achtel erinnert, greifen die Sounds in der Art der US-Powerbookszene und auch der des Vorbildes Cristian Vogel immer in den Groove ein. Mit deren softwarebasierten Produktionsmethoden kann Tarrida aber nichts anfangen, seine Tracks nimmt er mit einem Hardwaresetup am liebsten live auf. Um den Floor wieder zu einem existenziell unsicheren Ort zu machen. Auch in Barcelona.

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