Text: Rikus Hillmann aus De:Bug 19

David Carson: The Design-Subjektive. Rikus Hillmann/aeonflux@de-bug.de Anfang/Mitte der 90er Jahre initiierte David Carson als Gestalter des californischen Alternative Rock Magazins Raygun eine stille Revolution in der Welt der Bachelors of FineArts: Die subjektive Informations-Gestaltung. Carson trieb in seiner Gestaltungsarbeit für die Raygun die Entwicklung seines persönlichen “Collage”-Stils zur Perfektion, während die, durch pink und türkis gefärbte Verbrechen der späten Achziger noch hart angeschlagenen Weltgrafiker sich an der Integration von Neville Brody 80s-Schriften auf Energie-Drink Dosen-Layouts versuchten. Carson wurde in diesen Jahren zum Meister der persönlichen Collage, die Text, Bild, Intension durch Interpretation zu einem Ganzen verschmolz. Text und Bild wurden dem Leser nicht als mehr einzelne, formal zusammengehörende Teile, sondern als ein integratives codiertes Bild übergeben, den Leser in der Pflicht, diesen zu decodieren. Carson arbeitete in diesem Sinne wie ein Autor: In dritter Instanz, nach Autor und Photograph, verlieh er durch die interpretative Zusammenführung und Bearbeitung der Elemente, dem Ganzen einen additiven Sinn, einen persönliche Intension, eine weite subjektive Ebene. Layout durfte und konnte wieder emotional sein, störend, kaputt, schwer zu decodieren. Seine Werkzeuge, computergestützte Dekonstruktion von Bild und Text, Zerstörung von Typographie, Verneinung des rechten Winkels, Abweichen von der Norm in jeglichem Sinne, sind der logischer Schluss dieser Arbeitsweise. Die eigentliche Leistung Carsons besteht jedoch darin, die Codierung der Information mit einer fast unverschämten persönlichen Gestaltungs-Gabe durchzuführen, die jeder linearen Gestaltungslogik trotzt, aber sie eben aus diesem Grund um Längen schlägt. Der Nachteil von Carson liegt in Carson selbst. Subjektive Gestaltungsgabe kann man nicht vererben, sie beruht auf der einzelnen Person. Allen anderen sei gesagt: Der Plagiator sollte den Originator 100mal abschreiben. Gregor Wildermann/gregorw@berlin.snafu.de Das Interview führte Gregor Wildermann DE:BUG: Die Zeit nach dem Ende RayGun. DC: Oh man, das ist jetzt eine Zeit lang her! Nach dem Ende meiner Arbeit für RayGun habe ich angefangen, in Videos, Filmen und Werbungen meine Schriften und Ideen einzubauen, was mich später auch zu der eigenen Regie von Werbefilmen brachte. Zu meinen Büchern “The End of Print” und “Second Sight” drehte ich noch einen Experimentalfilm. DE:BUG: Wirst Du weiter in dem Bereich Werbefilm arbeiten? DC: Ich hoffe schon. Mich interessieren bewegte Bilder im Moment mehr und rein prozentual arbeite ich zu 60% im Printbereich und zu 40% im Fernsehen. Ich möchte weiter versuchen, neue gestalterische Ansätze für Fernsehen zu finden, da meistens nur technisch ausgebildete Menschen die Optik bestimmen und das nicht immer sehr ansprechend ist. Sie wissen zwar, wie die Maschinen funktionieren, haben aber keinen getalterischen Background. DE:BUG: In welcher Weise bedeutete die Werbeindustrie eine Umstellung? DC: Wenn man im Printbereich arbeitet, kann man alleine vor dem Computer sitzen und den Ideen freien Lauf lassen. Bei Fernsehwerbung sitzt einem dagegen immer die Werbeagentur im Nacken. Man muß immer wieder die Entwürfe durchdiskutieren. Ich schlimmsten Fall endeten solche Sitzungen damit, das alle Beteiligten ihre Meinung rechtfertigten. Daran mußte ich mich erst einmal gewöhnen. DE:BUG: Hat sich die Akzeptanz von künstlerisch gestalteten Layouts allgemein durchgesetzt? DC: Mit Sicherheit haben Artikel & Werbungen im Fernsehen oder Zeitschriften viele experimentelle stilistische Mittel übernommen und allgemein durchgesetzt. Zum Beispiel hätte manche Autokampagne vor Jahren bestimmt noch konservativer ausgesehen. Vieles was man 1990 noch als unlesbar oder zu radikal angesehen hat, ist heute absoluter Standart. Dabei darf man aber nie vergessen, daß jedes Magazin für eine bestimmte Zielgruppe entworfen wird und auch nur in diesem Bereich etwas erreichen kann. Es war also sehr interssant, für eher konventionelle Produkte & Magazine aus dem Alltagsbereich außergewöhnliche Anzeigen zu entwerfen. Mittlerweile ist aber auch bei Undergroundmagazine wieder eine bestimmte Klarheit grefragt und die Typos im typischen Grunge-Style sieht man kaum noch. DE:BUG: Welches persönliche Ziel verfolgst Du bei der Umsetzung eines Werbeauftrages? DC: Das eigentliche Ziel ist für mich eine emotionale Reaktion des Betrachters. Danach beginnt dann der Balanceakt zwischen den Wünschen des Kunden und meinem Anspruch an das Ergebnis. Jedes Produkt beinhaltet leider gewisse Restriktionen in den umsetzbaren Möglichkeiten und eine Frage muß ich mir selbst bei jedem Auftrag stellen: Kann ich wirklich für beide seiten etwas Neues generieren? Das ist die Herausforderung und selbst bei Auftraggebern wie Microsoft muß ich den Bereich finden, bei dem ich mich sinnvoll einbringen kann. s DE:BUG: Microsoft wird im Moment als Monopolist angeprangert und muß suich wegen dem Internet Explorer sogar vor Gericht verantworten. Wie stehst Du dazu? DC: Ich habe mich damit nicht so sehr beschäftigt. Als ich im letzten Jahr ihre Marketing-Kampagne gestaltete, habe ich diese Firma weder gehaßt noch geliebt. Ich arbeite seit jeher sowieso auf einem Apple-Mac, erst während meiner Arbeit merkte ich, das es diese gespaltenen Lager gibt. DE:BUG: Haben Dich die Entwicklungen bei Apple dann mehr interessiert? DC: Ich habe eine Serie von Werbungen für sie gemacht, wo ich mich auch persönlich hinter das Produkt stellte und kurze Zeit später hieß es, sie würden bald pleite gehen. Da hatte ich schon fast befürchtet, es wäre allein meine Schuld gewesen. Obwohl ich also etwas mehr mit der Firma Apple zu tun habe, befällt mich auch da keine extreme Liebe oder Haß. Ich benutze ihre Computer und freue mich, daß sie wieder auf dem richtigen Weg sind. DE:BUG: Wie gefällt Dir der iMac? DC: Mich hat der iMac von Anfang an gefesselt und mir gefällt er auch optisch sehr gut. In ihren Werbungen sprechen sie davon, daß es langsam Zeit wurde, sich für einen Computer doch auch mal was anderes als die Farbe beige auszusuchen. Auch die Tatsache, daß sie den iMac so lange geheim halten konnten und er mittlerweile ein Verkaufserfolg ist, hat mir sehr gut gefallen. Irgendwo ist der iMAC das richtige Produkt zur richtigen Zeit. DE:BUG: Beschäftigst Du Dich mit dem Internet beschäftigt? DC: Ich habe für die MGM-Studios in Hollywood eine Website gestaltet, habe aber selber kaum Zeit, im Internet zu surfen. Wenn ich vor dem Computer sitze, arbeite ich meistens an einem Projekt und ich kann mir kaum vorstellen, nur so zum Spaß den Computer zu benutzen. Das fände ich eher befremdlich. DE:BUG: Wie wichtig ist Musik für die Arbeit? DC: Sie ist extrem wichtig. Ich kann ohne Musik eigentlich gar keine Designs machen – in meinem Office liegen hunderte von CDs rum, oft noch nicht einmal mehr mit ihrer richtigen Hülle. DE:BUG: Welche CD’s hast du dir gerade gekauft? DC: Uh, da muß ich überlegen. Kurz vor dem Flug habe ich mir das neue REM-Album gekauft und einige ältere Platten von einer New Yorker-Band namens Yo La Tengo. Mein Musikgeschmack ist relativ breit und hat sich hauptsächlich während meiner RayGun-Zeit gebildet, wo ich vor jeder Ausgabe alle Platten der besprochenen Bands auch während der Arbeirt am Heft gehört habe. Da ist man wie ein Schauspieler, der einen Mörder spielen muß und deswegen mit verurteilten Mördern spricht, damit er sich in deren Situation hineinversetzten kann. DE:BUG: Eigentlich müßtest Du relativ viele Aufträge für Albumcover bekommen haben! DC: Überraschender weise gar nicht mal so viele. Ich habe für David Byrne oder der Band Bush das Albumcover gestaltet. Ich glaube, sehr oft denken Plattenfirmen oder Bands, daß ich als Auftragsgrafiker zu teuer oder auch zu beschäftigt bin. Dabei würde ich gerne mehr Cover gestalten. DE:BUG: Wie würde eine von Ihnen gestaltene Einladungskarte für den Sylvesterabend 1999 aussehen? DC: Das ist eine gute Frage und ich muß zugeben, darüber noch nicht nachgedacht zu haben. Hoffentlich fällt mir etwas ein, was im besten Falle überraschend und dem Anlaß entsprechend ist. Im Prinzip ist das aber fast unmöglich, weil dieser Abend jeden betrifft und bereits jetzt überall darüber gesprochen wird. In Amerika ist der 30. Geburtstag ein ähnlicher Meilenstein und ich erinnere mich, daß ich mir schon bei meinem 29.Geburtstag darüber Gedanken gemacht habe. Wenn der Tag dann da ist, hat man sich also schon längst damit auseinandergesetzt und die Überraschung ist verflogen. Ich denke, bezüglich dem Milleniumtag wird es ähnlich sein. Man sollte auch nicht erwarten, das mit dem 1.Januar 2000 die Zukunft beginnt. Das würde nur enttäuschen.

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Elektronische Lebensaspekte.