An USamerikanischen Universitäten gehört der Autor David Foster Wallace zu den großen Vier der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Ein "Must read". Tief hinein in die Keller und die Massenmedien einer monströsen Gesellschaft. Und viel zu sehr an deren Absurdität fasziniert, um pessimistisch zu werden.
Text: michael saager | michaelsaager@hotmail.com aus De:Bug 51

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Absurdität des außerordentlichen Alltags
Der amerikanische Autor David Foster Wallace

Spätestens seit “Infinite Jest” (1996), seinem großen enzyklopädischen Roman, hat David Foster Wallace in den Staaten einen Platz im Pantheon der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Ein Platz auf der Liste derjenigen “Big Books”, die jeder Anglistikstudent gelesen haben sollte: “Die Enden der Parabel” (Pynchon), “Letzte Instanz” (Gaddis), “Unterwelt” (De Lillo) und: “Infinite Jest”. Wallace jagt seine Leser darin durch ein Amerika, dass noch wahnsinniger, greller und verlorener erscheint, als es ohnehin schon ist. Die Bandbreite der Protagonisten reicht von Mitgliedern einer Tennisakademie bis zu Suchtkranken in einer Reha-Klinik, sie hängen ab und rauchen Marihuana, studieren das “English Oxford Dictionary” oder trainieren vor sich hin. In einer Geschichte versuchen Leute, den Bildern eines Films zu entwischen, mit dem Terroristen die Bevölkerung auf ein handliches Maß zu dezimieren trachten. Das Tödliche des Films: Wer den Film einmal gesehen hat, schaut ihn immer wieder und stirbt darüber, weil er schlicht zu essen und trinken vergisst.

Nun ist “Infinite Jest” nicht das einzige, was Wallace in seinen 41 Lebensjahren zu Papier gebracht hat. Unter anderem wäre da noch die Shortstory-Sammlung “Girl with Curious Hair” aus dem Jahr 1989, die nun endlich – mit zwölf Jahren auf dem Buckel – in ihrer deutschen Übersetzung bei KiWi vorliegt.
Da Massenmedien, insbesondere das Fernsehen, fester Bestandteil der (us-amerikanischen) Alltags sind, erscheint es Wallace grotesk lächerlich, heute noch auf eine Weise schreiben zu wollen, die dies nicht berücksichtigt. Andererseits aber geht es ihm gerade nicht darum, die flachen zweidimensionalen Bilder des Fernsehens mit literarischen Mitteln zu reproduzieren, eher liest sich seine Prosa wie ein einziger halluzinatorischer Verweis auf Popkultur. In “Tiere sehen dich an” erscheint der phänomenale Erfolg Julies, die mehr als 700 Mal siegreich aus der Wissens-Show “Jeopardy!” hervorgeht und den Sender vor Quotenglück taumeln lässt, dann auch nur als Kehrseite ihrer traumatischen Kindheit: Die Mutter sperrte den autistischen Bruder zusammen mit Julie, die sich um ihn kümmern sollte, weg, um dem Liebhaber das behinderte Kind zu verheimlichen. Völlig isoliert, vertreiben sich die Kinder ihre Zeit mit der Lektüre einer “obskuren, limitierten kanadischen Enzyklopädie” mit dem Namen “LaPlace’s Guide to Total Data”.
Um das Amalgamieren von Realität und Fiktion geht es in “Lyndon”, einer Geschichte über den Präsidenten Lyndon Baines Johnson; über jenen Mann im Weißen Haus, der den Vietnamkrieg vorantrieb und bei Medien und Öffentlichkeit gleichermaßen verhasst war. Anstelle der gewohnt abziehbildhaften Reduktion Johnsons komponiert Wallace hier die komplexe mögliche Wirklichkeit des Präsidenten in Form einer tieftraurigen und fiebertraumartigen Liebes-, Aufstiegs- und Verfallsgeschichte, die der Autor mit einem verstörend schönen Bild beschließt: Der todkranke Johnson und der vom heranziehenden Aids-Tod gezeichnete haitianische Liebhaber des präsidialen Beraters und Ich-Erzählers liegen aneinandergeschmiegt auf dem Bett, flankiert von zwei Secret-Service-Leuten, während draußen vor dem Fenster Demonstranten gegen den Vietnamkrieg protestieren. Absurdität des außerordentlichen Alltags.

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Elektronische Lebensaspekte.