Die Ruhe nach dem Punk: David Grubbs spielte mit Menschen wie John McEntire und Jim O'Rourke bei "Bastro" und "Gastr del Sol", in Bands also, an die man sich auch noch in 100 Jahren erinnern wird. Dass er nun eigentlich nur noch die Akustikgitarre mit ins Studio nimmt, kann ihm niemand übel nehmen.
Text: Christoph Jacke aus De:Bug 61

David Grubbs

Haufen von Geschichten hat David Grubbs aus Brooklyn zu erzählen. Mit Mitte dreißig kann David auf zwanzig Jahre Veröffentlichungen, Tourneeleben und Studioerfahrung zurückblicken. Anlässlich des Releases seines neuen Solo-Albums “Rickets & Scurvy” tourt Grubbs durch einige europäische Clubs und gibt viele Interviews. David: “Ich lasse gerne die Gitarre sprechen. Oder unterhalte mich mit Nichtmusikern. Rede nicht mit Musikern über Musik, das ist langweilig!”.

Subversivität zwischen langhaarigen Holzfällerhemden

Anfang der unentschlossenen Neunziger stand ich mal wieder in jenem zugerauchten, westfälischen Kellerloch, welches seinerzeit im Spex auch schon mal gerne zum Club des Jahres gewählt wurde, dem “Forum Enger”, im Niemandsland zwischen den Niemandsmetropolen Bielefeld und Herford. In diesem Club unter der Erde spielten oft Bands, die meine Peer Group und ich nicht kannten, von denen wir uns anschließend aber gleich das Sammelpaket für neue Fans am Merchandising zum Sonderpreis erhascht haben. Eine dieser Bands waren eben vor über zehn Jahren Bastro: drei für jene Zeit ungewohnt kurzbehaarte Herren. Der Sänger, ein gewisser David Grubbs, wirkte sympathisch unpathetisch und bescheiden. Der Schlagzeuger, John ‘Warsaw’ McEntire, hatte einen unglaublichen Spaß beim Spielen. Diese Trio spielte eine Art Hardcore/Postpunk, so etwas wie Pre-Shellac, bevor Albini die Drum Machine auf den Mülleimer seiner Popgeschichte schmiss.

Nach dem Krach

Wiederum zehn Jahre später stehe ich an einem Abend vor einem Vortrag mit einem Freund und einem sauteuren Bier in der Hand in einem Club in Toronto, um die wundervollen For Carnation zu sehen. Und stelle fest, dass diese als Special Guest nach der langweiligen Vorband David Grubbs aus dem Postrocky-Hut zaubern. Dieser tritt alleine auf, mit der Akustischen, unglaublich locker und – sympathisch wie eh und je. Mein Begleiter ist Schlagzeuger, wartet auf For Carnation und redet etwas von Hannes Wader in seinen Kaffee. Der Mann lag nicht falsch. Grubbs schlidderte schon arg nahe am Folkabgrund entlang. Aber irgendwie konnte man ihm das gar nicht übel nehmen.

Kontexte galore

Damals, in Toronto 2000, hatte Grubbs gerade sein erstes Solo-Album “The Spectrum Between” herausgebracht, welches den Fokus auf seine Stimme und eben die akustische Gitarre legte. Davor allerdings widmete sich Grubbs mit Projekten wie “Gastr Del Sol” (mit Jim O’Rourke) und “The Red Krayola” der eher experimentelleren Musik zwischen Rock, Jazz, Improvisation und Elektronik und spielte Platten ein, die man erst Jahre später zu lieben und entdecken begann. David zu seiner popmusikalischen Entwicklung: “Meine Musik ist immer von den Menschen beeinflusst gewesen, mit denen ich zusammen gearbeitet habe, und von deren Verständnis. Die Punkbandphase: das war wie Verheiratetsein. Bastro waren offener, wollten mit Free-Jazzern, Bläsern kooperieren – und taten nichts dergleichen. Bei Gastr Del Sol lockerte sich dieser organisatorische Rahmen deutlich. Erst waren das Bundy Brown und ich, dann kam Jim O’Rourke dazu, schließlich wechselten Line-Ups ständig. Was ich heute mache, ist nicht so weit davon entfernt:” Allerdings schienen speziell die Stücke mit Gastr Del Sol, aber auch The Red Krayola, die Grubbs im Interview immer wieder erwähnt, wesentlich mehr von Diskontinuitäten, Stilwechseln und Brüchen geprägt.

Zurück zur fiktiven Band

Mit dem neuen Album möchte David Grubbs eine fiktive Gruppe zusammenstellen und kohärentere Platten aufnehmen: “Dazu muss eine Art von Band auch über den Tonträger hinaus funktionieren. Bei Gastr Del Sol ging es viel mehr um Selbstunterbrechung und Verfremdungsstrategien. Für mich ist es wichtig, die wechselnden Arbeitsweisen zu beschreiben, um damit die sich verändernde Musik zu erklären.” Obwohl die akustische Gitarre und das Piano seit Gastr Del Sol zentrale Rollen für Grubbs spielen, gibt es unter den zehn neuen Songs neben schlicht luziden Balladen (“Kentucky Karaoke”) auch echte Popsongs in voller Bandbesetzung, wie das fabelhafte “Transom”. So ganz kann er das Experimentieren aber nicht sein lassen. Mit “I Did No Such Roaming”, “Precipice” und “Crevasse” finden sich zumindest drei instrumentale Stücke in Filmmusikmanier. Grubbs Interesse für abstrakt-elektronische Stile und speziell Laptopmusik schlägt sich hier in der Mitarbeit von Matmos nieder.
Eigentlich hätte ich mich noch Stunden mit diesem historienbeladenen 34-Jährigen unterhalten können. Aber lassen wir die Musik sprechen, so wie es sich Grubbs wünscht. Später, im Herbst wird David mit einer eigenen, echten Band auch nach Deutschland auf Tour kommen. Da sollte hingehen, wer verstehen will, warum dieser Mann so unspektakulär fasziniert. Respekt. Ja. Ein Fan. Punkt.
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Elektronische Lebensaspekte.