Text: Sascha Kösch aus De:Bug 05

DAVID HOLMES
Let’s get killed

Sascha Kösch
bleed@buzz.de

Es gibt immer solche Momente, die sich so fest in das eigene Gehirn bohren, daß man eigentlich sein Leben lang nicht mehr weiß, wie man sie abschütteln soll. Und noch weniger warum. Man hängt sich an sie und nicht wenige Karrieren bauen sich rings um diesen Schlüsselmoment zu richtiggehenden Grundsäulen der abendländischen Kultur auf. Erschreckend. Eine Zivilisation zusammenfassbar in ein paar hundert entscheidende Momente.
Da nun aber jeder so einen Moment gerne hat und sie nicht wirklich einfach herbeiführbar sind, basteln seit vielen Generationen Menschen an der Entwicklung immer neuer Drogen, eine der wirkungsvollsten für genau diesen Zweck ist seit etwas über 50 Jahren mit Sicherheit LSD.
David Holmes, vertrackter Ire, dessen Label Exploding Plastic Invitable sich durch seine detroitigen Frühwerke, allesamt Klassiker, auszeichnete, der mit seiner ersten LP bei Go Bang eher mäßigen Erfolg hatte, drohte dieser gewaltigen Vernichtungsmaschine, die die Geschichte ist, anheimzufallen. Er steuerte folgerichtig genau auf sein Ziel zu, überlegte sich irgendwie, wie man alles auf einen Punkt bringen könnte, konzentrierte seine gesamte Psyche darauf und kam auf den wahnwitzigen Gedanken, auf LSD durch eine der gefährlichsten Weltstädte dieser Zeit zu laufen und sich die schrägsten Menschen, die die Erde vorzuweisen hat, als Grundlage für seine neue Platte, einleuchtender Weise “Let’s get Killed” genannt, zu suchen. Und, was kam? Todesangst, Erleuchtung, Erfolg, Ruhm und Glück bis in alle Ewigkeit, was zu erwarten war. Eine Art Ich-habe-Gott-gesehen-und-er-ist-New-York-Erlebnis. Nicht das erste, nicht das letzte, aber es ist immer wieder ergreifend, wenn jemand in ein paar noch ganz begeisterten Sätzen, die eigentlich nur für ihn wirklich Sinn machen können, davon zu erzählen weiß.

De:Bug: Bist du zur Zeit in New York?

DH: Nein, in Hollywood, aber ziemlich fertig. Ich war in der letzten Woche in drei verschiedenen Zeitzonen. Und für mich ist es jetzt irgendwie sehr früh.

De:Bug: Deine LP dreht sich dafür um New York?

DH: Ja, die ganze LP handelt eigentlich von ein paar intensiven Wochenenden, die ich in New York unter dem Einfluß von LSD verbracht habe. Ich lief durch die Stadt mit einem DAT Recorder und habe die verschiedensten Freaks auf der Straße aufgenommen. Ich lief herum, war absolut beeindruckt und dachte mir: check ich doch mal ein paar der Verrückten auf der Straße.

De:Bug: Ein eher verrücktes Konzept das.

DH: Ja, aber es war auch irre lustig. Und auf diese Weise sind alle Leute, die auf meiner LP sind, reale Leute, die ich wirklich getroffen habe. Sie sind nicht aus dem Fernsehen gesampelt, nicht aus irgendeinem bescheuerten Kultfilm, sondern reale Menschen, die ich getroffen und aufgenommen habe. Und ich denke, das ist es auch, was die LP für mich funktionieren ließ. So etwas kann man nicht in Deutschland machen oder in England oder Irland. Oder wo auch immer. Die mußte man einfach sehen und das ging nur in New York. Für mich ist New York das Zentrum der Welt. Es gibt absolut jede Rasse, jede Art Kreatur und Farbe dort. Und die Stimmen haben so viel Charakter. Alles Stimmen von verschiedenen Menschen. Ein idealer Platz, um so etwas zu tun, weil die Stadt eh schon so etwas Filmisches hat.

De:Bug: Nie gesehen.

DH: Du mußt dahin! Auf jeden Fall. Vergiss die Clubs, rauch einfach etwas Gras und häng herum. Die Parks, verschiedene Gegenden, check die Basketball Teams in den Straßen, sieh dir die Kids an, wie sie spielen…. Es ist alles wie in einem Film. So verdammt viele Filme wurden dort gemacht, daß man es gar nicht mehr anders denken kann. Und wenn man dann da ist, sieht man, daß sie es nicht mal übertreiben. Es ist wirklich so groß. Wann immer du um die Ecke siehst, ist da etwas Neues. Kids auf Skatebords und BMX Rädern machen verrückte Tricks am Straßenrand, Latinos, Thais, Iren, Japaner, hundertausende und alle mischen sich und mischen sich mit der Musik auf den Straßen. Es ist eine so unglaublich schöne, vielseitige Stadt.

De:Bug: Die vielseitige Musik braucht.

DH: Ja, und ich will es auch gar nicht anders. Was soll ich noch eine weitere Technoplatte machen. Das können andere tun: Jeff Mills, Alter Ego und so. Ich will eher an den Grenzen arbeiten. Verschiedene Stile fusionieren. Ich sehe die LP so wie eine Reise von den frühen Sixties über die Siebziger bis zu einer Fusion mit moderner Elektronik, die dem Ganzen eine Art Jetzteffekt verleiht, aber so, daß die Kratzigkeit und der Soul des verlorenen schwarzen Amerika präsent ist. Motown, die rauhen surrealistischen Latineinflüsse, Loungecore und siebziger Jahre psychedelischer Drogenrock.. Was dann? Ich weiß es nicht, aber psychedelisch wird es werden.

De:Bug: Hältst du es für eine imaginäre Platte?

DH: Ja, das ist der ganze Sinn dahinter. Jede Stimme kann alles bedeuten, für jeden. Ich will niemanden dazu bringen, etwas zu hören. Alle sollen sich selbst entscheiden und es sich selber vorstellen. New York ist einfach New York, die vibrierendste Stadt Amerikas. Ich bin so glücklich mit der LP, sie ging sogar in die Charts in England.

De:Bug: Warum glaubst du, daß die Leute es mögen?

DH: Weil es mehr ist als Musik, es ist ein ganzes Konzept. Es ist eine Geschichte, die erzählt wird. Es gibt darin so viele Menschen. Es könnte jeder Film sein, den du willst. Es klingt wie nichts anderes. Wir liefen durch die South Bronx, morgens um halb drei auf Acid, dachten, daß wir verfolgt werden und wir dachten uns: Fuck it, let’s get killed. Du hättest da sein müssen. Dieser Typ, der sagt: His fuckin face fuckin exploded man. Er war angsteinflößend. Komplett aus seinem Hirn weggetripped. Das war nicht mutig und auch nicht clever, aber ich bin noch da, um es zu erzählen.

De:Bug: Hast du die Aufnahmen so gemacht, daß die Leute sehen konnten, daß du sie aufnimmst?

DH: Die meiste Zeit ja. Das Mikrophone war direkt vor ihrem Gesicht, aber nicht bei diesem Typ.

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Elektronische Lebensaspekte.