Peace, Love and Unity unter der Diskokugel. In David Mancusos Loft wurde ab 1970 der Blueprint für den modernen Club entworfen. Die großen DJs wie Larry Levan, Nicky Siano oder Francis Grosso haben sich von den Loft-Parties inspirieren lassen. Wir sprachen mit dem Urvater aller Kuschelraver. Eine Legende in Socken.
Text: Felix Denk aus De:Bug 101

Zunächst ist es nur ein kurzer Moment. Vielleicht zwei Sekunden trennen David Mancuso vom Rest der DJ-Welt: Mancuso mixt nicht. Zwischen zwei aufeinander folgenden Platten klafft ein Stück Stille. Die unendlich vielen Anschlussmöglichkeiten, die diese Stille schafft, machten David Mancuso zu einem der wichtigsten Gestalten der New Yorker Disko-Szene in den 70ern. Im Loft, der Party, die David Mancuso in seiner Wohnung privat veranstaltete, spielte er eine eklektische und experimentierfreudige Musikauswahl, die der Disko-Bewegung der folgenden Jahre einen entscheidenden Schub gab. Perkussive Afro-Jazz-Stücke wie “Soul Makossa” von Manu Dibango oder “Drums of Passion” von Olatrunji kombinierte er mit Soul- und Funkstücken wie Eddie Kendricks “Girl you need a change of mind” und mischte gelegentlich auch Rock-Nummern darunter. Led Zeppelins “Whole Lotta Love” ist ein all-time Favorit von David Mancuso.

Vieles von dem, was später Disko wurde, nahm hier seinen Anfang. Um 1970, als das Loft regelmäßig öffnete, war es gleichzeitig eine Art Arche Noah und ein Ufo. Eine Arche Noah, weil hier Ideen und Praktiken fortleben konnten, als sich das soziale Klima in Amerika verhärtete. Die Manson-Morde, die Ereignisse von Altamont und der Vietnam-Krieg ließen viele Hippie-Träume platzen. Den sozial-engagierten Utopismus der 60er Jahre konnte das Loft aber in die 70er Jahre retten. Soziale Demarkationslinien wurden hier einfach weggetanzt. Ein Ufo war das Loft, weil es vieles vorwegnahm, was andere Clubs später mit großem Erfolg imitierten. Die Gallery, die Paradise Garage, das Tenth Floor und das Warehouse beriefen sich auf die Parties, die David Mancuso in seinem Loft feierte. Nicht zuletzt wegen der Anlage, die David Mancuso in seine Wohnung bastelte. Sie gehörte zum Besten, was man in der Stadt finden konnte.

Heute ist David Mancuso ein etwas zerzauster 61-jähriger Herr, mit warmen, freundlichen Augen und einer tiefen Stimme, an der schon viel Nikotin genagt hat. Parties veranstaltet er immer noch in New York. Und nachdem er die ersten 28 Jahre seiner Karriere hinter den Plattenspielern nie außerhalb seiner eigenen vier Wände aufgelegt hat, spielt er nun auch regelmäßig in London und Japan. Gelegentlich reist er auch in andere Städte, aber nur wenn er sicher sein kann, dass die Anlage stimmt. Zum Interview in London taucht David Mancuso in Strumpfsocken in der Hotellobby auf und sucht dann den Frühstücksraum ausgiebig nach dem Platz mit der besten Akustik ab. Als das Aufnahmegerät dann läuft, warnt der Loft-Impressario zunächst:

Ich neige dazu, immer hin und her zu springen. Außerdem schweife ich oft ab. Bitte unterbrich mich dann einfach, ja?

Klar. Kein Problem. Das Loft, die Party, die du in New York in deiner Wohnung organisierst hast, fand das erste Mal am Valentinstag 1970 …
Moment! Das Loft war nicht so eine “Ich mach jetzt mal ein Business auf”-Geschichte. Ich wohnte schon seit 1965 in diesem Loft am Broadway und machte seit 1966 hin und wieder Parties mit Freunden. Was dann 1970 begann, das hatte viel damit zu tun, wie ich gerne feiere und mit meiner rebellischen Haltung gegenüber der Gesellschaft, aber auch gegenüber Clubs. Ich habe mich immer wohler in vertrauten Situationen gefühlt, außerhalb des Mainstreams. Der unmittelbare Auslöser, warum ich ab 1970 regelmäßig Parties machte, war einfach, dass ich pleite war. Ich hatte all diesen Platz in meiner Wohnung und deshalb beschloss ich eine “Rent Party” zu organisieren – eine Party bei mir zu Hause, und alle, die kommen, sollen etwas spenden. Das war nicht illegal und sehr praktisch. Für mich war das auch überlebenswichtig.

Gut. Und die erste “Rent Party” war am Valentinstag 1970?
Genau. Ich wollte also etwas Regelmäßiges machen, für meine Freunde, aber nicht so etwas wie einen Club. Ich habe in meiner Wohnung eine Wand entfernt, eine Diskokugel aufgehängt und ein paar Einladungen verschickt. Auf der Karte war ein Bild von Dali, das mit den schmelzenden Uhren. Das passte zu der Idee der Party – ich wollte eine Welt schaffen, in der Zeit keine Rolle spielt. Das war die “Love Saves the Day”-Party. Die Parties davor waren eher an Geburtstagen oder so. Danach gab es zweimal im Monat eine Loft-Party. Wie gesagt: keine professionelle Disko, auch nicht so etwas wie ein Social Club. Das war genau das, was ich nicht wollte.

Valentinstag ist ja eine Propaganda-Veranstaltung für Normalität. Pärchen feiern Treue, Heterosexualität, baldiges Familienglück – konservative Werte. Hat das Datum eine symbolische Rolle gespielt?
Nein, eigentlich nicht. Aber es ging mir bei meinen Parties immer darum, möglichst unterschiedliche Leute zusammenzubringen, weil nur so etwas wie sozialer Fortschritt stattfinden kann. Und in dieser Zeit war der Wunsch, die Gesellschaft zu ändern, sehr ausgeprägt. Auch bei mir.

Mieten als Spaßbremse

Timothy Leary hat in den späten 1960er Jahren Parties in Manhattan veranstaltet, auf denen du häufig warst. Die waren eine Ostküsten-Variante der Acid-Tests aus Kalifornien. Waren diese Parties ein Vorbild für das Loft?
In Manhattan und im Village war damals viel los. Timothy Learys Parties waren natürlich etwas ganz Besonderes – sehr psychedelisch, alle sind getrippt. Ein paar Leute haben auch getanzt, aber darum ging es eigentlich nicht so sehr. Das Schöne an dieser Zeit war aber, dass es so viele Parties gab. Manhattan war wirtschaftlich viel schwächer als heute, deshalb gab es Platz dafür. Heute geht es nur noch um Immobilien. Die Mietpreise von heute sind ja Völkermord! Ich habe keine Ahnung, wie die Kids das durchstehen.

Wer kam denn so in dein Loft?
Meine Freunde.

Klar. Aber wer waren deine Freunde? Waren sie schwarz, weiß oder latino, schwul oder hetero, männlich, weiblich, reich, arm, gebildet oder nicht?
Das ganze Spektrum, eine Mischung aus allen sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen und ethnischen Ecken. Weißt du, in den 1960er Jahren gab es all diese Movements. Die Bürgerrechtsbewegung, Minderheitenrechte wie das Gay Rights Movement, aber auch psychedelische Bewegungen. Es ging immer um die Gemeinschaft. Ich war da auch überall mit dabei und kannte viele Leute, die sich engagiert haben. Es war schön, diese Leute in meiner Wohnung zusammenzubringen.

Wie viele Leute haben denn in deine Wohnung gepasst?
Ungefähr 150. Die meisten Leute kamen gegen Mitternacht und blieben bis sechs Uhr, als die Party endete. Damals schlossen alle Bars um drei Uhr. Was danach noch offen hatte, war illegal. Mann, ich mag dieses Wort nicht. Eine Sache, die ich nicht wollte, war eine Art Afterhour-Laden zu werden. Viele meiner Partygäste waren auf einer Reise, viele verwendeten psychedelische Substanzen. Da passierten viele, viele Sachen. Es wäre nicht gut gewesen, wenn gegen drei noch mal viele andere Leute gekommen wären.

Und deshalb hast du ein Einladungssystem praktiziert?
Genau. Das Loft war eben kein Club, sondern eine Privatparty – deswegen habe ich Einladungen verschickt vier Mal pro Jahr. Sonst habe ich meine Party nicht promotet. Wer eine Einladung hatte, konnte auch Freunde mitbringen, aber das war schwierig, weil die Räumlichkeiten so begrenzt waren.

Wie konnte man eine der begehrten Einladung bekommen?
Das erste Mal habe ich 37 Leute eingeladen. Das hat sich dann im Laufe der Zeit einfach erweitert. Natürlich waren Einladungen kostenlos. Man musste nichts zahlen. Das Letzte, was ich wollte, war Leute wegzuschicken, weil sie kein Geld hatten. Vielleicht hatte derjenige ja den ganzen Tag nichts gegessen und bei mir gab es immer kostenloses Essen und Trinken.

Alkohol aber nicht?
Nein. Aber viele Leute haben sich einen Flachmann oder so etwas mitgebracht. Oder Haschisch. Alkohol konnte ich schon deshalb nicht verkaufen, weil ich sonst eine Lizenz gebraucht hätte und dann hätte ich um drei Uhr schließen müssen. Der einzige Weg, nach drei noch Alkohol zu verkaufen, wäre mit Schmiergeld gewesen, was damals Gang und Gebe war. Aber dann hat man auch schnell die Mafia am Hals. Auch deshalb brauchte ich die Einladungen. Die wurden an der Tür gecheckt. Die Spende haben die Leute dann erst in der Wohnung gemacht. Sonst hatte die Öffentlichkeit keinen Zutritt.

Trotzdem hattest du mal die Polizei im Haus?
Ja. Die haben sich mit einem Trick reingeschlichen: Ein Zivilpolizist hat einen Gast mit einer Einladung gefragt, ob er ihn begleiten dürfe. Dann gab es eine Razzia. Alles war hysterisch: Die Polizei hat von allem Proben genommen, von dem Orangensaft, den ich gepresst habe, von den Nüssen und Früchten auf dem Büffet und auch von dem Eis, das es gab, weil es die Vollmondparty war. Mir war klar, dass so etwas mal passieren müsste. Immerhin geschah es erst nach zweieinhalb Jahren. Ich musste dann eine Nacht ins Gefängnis und dachte darüber nach, was ich nun tun soll. Meine Miete war 175 Dollar im Monat, mit Taxifahren und ein paar Parties im Jahr war das erreichbar. Schließlich ging die ganze Sache vor Gericht, wo sich die Lage drehte: Ich beantragte eine Cabaret Licence, die ich gar nicht wollte und zum Glück auch nicht bekam. Dadurch war klar, dass das Ganze eine Privat-Party war. Ich konnte also weitermachen.

Die Mix-Frage

Obwohl du immer im Loft aufgelegt hast, nennst du dich nicht DJ, sondern Musical Host. Warum?
Das Letzte, was ich sein möchte, ist DJ. Nicht dass das etwas Schlimmes wäre, es ist nur nicht das, was ich will. Als Musical Host kümmere ich mich auch um die Anlage, wenn die nicht stimmt, kommt auch die Musik nicht rüber. Ich bin eh ein Sound-Fetischist: Kennst du das, wenn man in den Bergen ist und auf einen kleinen Bach trifft? Manchmal gibt es da einen kleinen Strudel, der so ganz speziell gluckert. Ich liebe dieses Geräusch! Da halte ich dann immer mein Ohr ganz nah hin, das ist wie Meditation. Da steckt die ganze Geschichte der Welt drin – vom Urknall weg. Aber, um auf deine Frage zurückzukommen, ich habe das Loft nicht gemacht, damit ich Platten spielen konnte, im Gegenteil: Ich bin jedes Mal sehr aufgeregt und ich brauche etwas Zeit, bis ich mich entspannen kann. Ständig habe ich Angst – klappt alles, so wie letztes Mal? Ich möchte es schaffen, lange zu spielen ohne Intensitätsverlust. Das ist es, wo ich hin will. Das, was die DJs heute so machen, das gefällt mir nicht – zu stressig, zu dicht. Als Musical Host geht es mir auch um die Musiker, um diejenigen, die die Platten machen. Ich möchte nicht das zerstören, was die Musiker gemacht haben. Den Moment, in dem die Musik aufgenommen wurde, den möchte ich so genau wie möglich wiedergeben. Ich selbst bin kein Musiker, aber ich liebe die Musik bedingungslos.

Die Mixing-Kultur, wie sie in den 70er Jahren auf HipHop-Blockparties und gleichzeitig in den Diskos entstand, muss für dich ja ein Graus gewesen sein?
Nein, das auch wieder nicht. Es ist nur nicht mein Ideal. Für mich ist Musik Lebensenergie. Die Tatsache, dass Musik aufgenommen wird, mindert ihre Lebensenergie. Aber desto höher die Lebensenergie ist, desto heilender wirkt sie. Natürlich muss jeder selbst entscheiden, welche Musik seine Lebensenergie steigert.

Du mixt nicht, wenn du auflegst. Trotzdem hast du der DJ-Kultur viele wichtige Impulse gegeben. Da liegt eine gewisse Ironie drin. Findest du das vielleicht sogar ein wenig enttäuschend, dass diejenigen, die vieles von dir gelernt haben, alle mixen?
Hm. Ein guter Punkt. Eigentlich nicht. Ich habe auch mal mit Larry Levan einen Abend gemeinsam aufgelegt. Ich habe nicht gemixt, er schon. Wir haben es beide geliebt und es hat super geklappt. Es ist irgendwie eine dritte Sache daraus geworden. Es ist eben so, dass ich nicht an dem rumpfuschen möchte, was die Musiker geschaffen haben. Wenn der Mix wichtiger wird als der Song, dann geht etwas schief. Dann hört man nicht mehr die Musik. Außerdem: Viele Musiker haben durch die DJs ihren Job verloren, einfach, weil die Club-Manager Geld sparen wollten. Aber in der Musik steckt Karma, da muss man umsichtig sein! Man muss den Herzschlag drin lassen.

Dein Auflegen basiert auf einem ästhetischen Konzept, das du aus dem Tibetanischen Buch der Toten abgeleitet hast. Kannst du das mal erklären?
Alle Dinge passieren in drei Bardos – sie haben einen Anfang, eine Mitte und ein Ende. Um Mitternacht spiele ich weich, etwas esoterisch. Später wird die Musik euphorisch, wie ein Zirkus. Aber der dritte Teil ist am wichtigsten. Hier geht es darum, die Leute wieder sanft in die reale Welt zu holen. Ganz viele Parties wurden ruiniert, weil die Leute nicht darauf vorbereitet wurden, wieder in die Welt hinauszugehen und mit all den kleinen, alltäglichen Sachen, die da passieren, zurecht zu kommen.

Im Jahr 1974 bist du dann aus deinem Loft in NoHo in die Prince Street umgezogen. Warum?
Das hatte bauliche Gründe, ich musste aus dem Haus raus. Prince Street war ganz anders als das Loft am Broadway. Es war sehr groß und weniger intim, eine Herausforderung. Es dauerte etwa zwei Jahre, bis alles stimmte.

Hast du da auch gewohnt?
Ja klar. In den ersten 29 Jahren des Loft habe ich immer an dem Ort der Party gewohnt. Erst jetzt, wo die Mieten so hoch sind, kann ich das nicht mehr tun. Aber meine neue Venue ist auch super. Gleich da, wo das Fillmore war und die Leary Lectures stattfanden.

Als das Loft in der Prince Street war, stand auch Disko in voller Blüte. Deine Parties gingen bis Mittag und DJs wie Larry Levan, Tony Humphries und David Morales gehörten zu deinen treusten Gästen. Hast du diese Phase als eine Zeit der Veränderung, des Aufbruchs erlebt?
Eigentlich nicht so sehr. Das Loft war ja nie trendy, sondern immer familiär. Das wichtigste Projekt für mich zu dieser Zeit war der Record Pool, den ich organisiert hatte. Das war eine Non-Profit-Organisation, die ich mit 37 Leuten 1974 gegründet habe. Die Idee war, dass die Plattenfirmen uns mit ihren neuen Platten bemustern und wir ihnen im Austausch das Feedback von der Tanzfläche geben. Zuerst wussten wir nicht, wie wir das, was wir machten, eigentlich nennen sollten. Unter DJs verstand man die, die im Radio spielten. Das Wort “Discotheque” kam aus Frankreich, wir nannten uns also Discotheque-DJs. Eineinhalb Jahre später hieß dann alles Disko und wir DJs. Der Record Pool war selbst verwaltet und total demokratisch. Von DJs für DJs. DJs sind Vinyl-Junkies, sie brauchen Vinyl und Plattenfirmen brauchen Feedback. Wir bestellten immer genau so viele Platten, wie der Pool Mitglieder hatte, plus ein Exemplar fürs Archiv. Der Record Pool existierte von 1974 bis 1979, das war auch die Zeit, als die beste Tanzmusik veröffentlicht wurde. Schließlich ist der Dancefloor das entscheidende Kriterium. Leider ging der Pool dann in die Brüche – viele DJs wollten von den Plattenfirmen individueller behandelt werden. Dadurch wurden sie auch abhängiger.

DJs mit Mafia-Segen

Hast du dich eigentlich auch mal in die schicken Uptown-Clubs wie das Studio 54 gewagt?
Ein paar Mal schon. Aber ich gehe sowieso nicht viel aus. Ich bin eher introvertiert und mag lieber intimere Umgebungen. Am Studio 54 gefiel mir die Türpolitik nicht. Das war Diskriminierung!

Die ersten Club-DJs in New York, Leute wie Francis Grasso, Steve D’Acquisto, Nicky Siano oder du, sind alles Weiße, die schwarze Musik aufgelegt haben. Außerdem seid ihr alle italienisch-stämmig. Wie kam das?
Ein Grund könnte sein, dass die Entertainment-Industrie in New York damals ziemlich organisiert war – soll heißen: Die Mafia mischte oft mit. Die meisten DJs kamen aus Brooklyn und da war die Mafia stark.

Diskos steilem Aufstieg in den Mainstream folgte ein ziemlich jäher Fall. War das für dich und das Loft ein Knackpunkt?
Nicht so sehr. Irgendwie hat doch eh jeder alles gespielt. Erst im Rückblick wird Disko daraus. Für mich war die Erfindung der Drummachine ein entscheidender Einschnitt. Als ich das erste Mal Kraftwerks “Trans-Europe Express” im Loft gespielt habe, musste ich die Platte nach der Hälfte ausmachen. Die Leute waren verwirrt, es war ja ein großer Hit. Aber ich habe das nicht ausgehalten, ich habe mich davor gefürchtet. Es war so kalt. Ich habe dann “Love is the Message” gespielt. Kraftwerk konnte ich einfach nicht fühlen. “Trans-Europe Express” war auch der einzige Song, den ich nicht gespielt habe, wenn ihn sich jemand gewünscht hat. In der Prince Street kamen nämlich oft Leute und haben sich Songs gewünscht. Ich habe die immer gespielt. An manchen Abenden waren alle Platten, die liefen, Wünsche. Und es hat funktioniert. Das war wunderschön.

Anfang der 80er Jahre hat Aids die Welt verändert, was sich auch im Nachtleben niederschlug. Wie hast du das damals erlebt?
Oh je. Viele Leute starben, auch Freunde. Es hieß ja damals der schwule Krebs. Alle waren paranoid, denn es wusste niemand, was passierte. Es gab keine verlässlichen Informationen. Zudem ging alles furchtbar schnell.

Wie war die Atmosphäre zu dieser Zeit im Loft?
Es hat natürlich die Parties beeinflusst, aber nicht zerstört. Die Leute sind enger zusammengerückt, das Loft war ja kein Club, sondern eher eine familiäre Situation. In gewisser Weise hat die Band eben weitergespielt.

Was ist mit dem Loft heute los?
Pro Jahr veranstalte ich fünf Parties in New York, vier Mal spiele ich in London und einen Monat verbringe ich in Japan. In Norwegen bin ich gerade dabei, etwas zu starten. Am Anfang muss man immer erst mal ein Soundsystem organisieren. Wenn das klar ist, kann es losgehen. Aber über Nacht passiert das nicht. Ich bin auch sehr skeptisch, was das Club-Business angeht.

War Japan die erste Station, die du außerhalb von New York gemacht hast?
Ja. Nach 29 Jahren, in denen ich nie woanders als bei mir gespielt habe. Früher hatte ich dafür keine Motivation, mittlerweile mache ich das ganz gern hin und wieder.

Verfolgst du eigentlich die Dance-Music, die heute so gemacht wird?
Ich bin an einem Punkt, wo ich kaum noch neue Platten höre. Bei Techno kann ich schon verstehen, worum es gehen soll. Kids, die aus einem schwierigen Umfeld kommen, die die ganze Woche mit sozialer Härte konfrontiert werden … klar, dass die dann Techno hören. Mir selber gefällt es eher, wenn ich richtige Musiker hören kann. Ich mag Opern, Jazz und natürlich James Brown.

Du hast nie aufgehört, Parties zu veranstalten. Gab es denn nie einen Punkt, wo du einfach keine Lust mehr hattest?
Nein, nie! Ich bin sogar begeisterter dabei denn je. Das Gefühl, die Vibration, das Teilen – das ist unglaublich! Ich mache einfach weiter. Wirtschaftlich bin ich von den Parties nicht abhängig. Ich hatte immer Jobs nebenher: Schuhputzer, Friseur, Antiquitätenhändler, alles. Das Letzte, was ich gemacht habe, war, dass ich in der Personalabteilung für ein großes Unternehmen gearbeitet habe. Irgendwann fanden die mich aber eine komische Besetzung für den Job. Parties veranstalten, das möchte ich für den Rest meines Lebens machen.

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Elektronische Lebensaspekte.