Text: dietmar dath aus De:Bug 05

Die Wanderdüne Weltklang
(David Toop & das Meer namens Sound)

Dietmar Dath

1. Apokrypha
Schön und rund, das Ganze und von einschmeichelndem Wohlklang, dachte ich. Das war beim Entlangspazieren auf einer dieser schuttgesäumten Strassen der Großbaustelle Berlin, spät in der kühlen Septembernacht, während ich insektenäugig & fledermausohrig neugierig mir die auf einer Bandschlaufe in meinem Aufnahmegrät eingefangene Ansicht anschaute und -hörte, die David Toop gerade im Ausläppern, Zuendefransen des Interviews noch eingeworfen hatte: die Ansicht, es sei die ungezähmte, kosmische Willkür, das Überwältigende der nicht menschengeschaffenen NATUR, wonach die Leute, das Publikum, in der Kunst, in der Musik suchten, worin sie aufgehen wollten, wenn sie sich der pumpenden Systole/Diastole-Polarität von Beats überliessen oder den frischen Winden einer Analogklangwand-Breitseite oder dem ambienten Zirpen der Zukunft, von CD oder Band oder Vinylplatte. Wie verwünscht passend, daß es gerade die allerkünstlichsten, ausgerechnet ausgerechneten (Computer!) Musiken der Jahrtausendneige sind, die einem verdienten britischen Musikjournalisten, HipHop-Historiker (“Rap Attack”) und jetzt um neue, noch proteisch zerfliessende Präzisionen ringenden Nacherzähler von im weitesten Sinne “ambienter” Soundgeschichte diesen Gedanken eingeben. Am Ende der Künstlichkeit des KUNSTSCHÖNEN, das in den digitalen Studiofacilities mit ihren Möglichkeiten schier unendlicher Feinkörnigkeit bei Klangfotos somit zu sich selbst gekommen wäre, enthüllte sich für eine solche Perspektive das vom KUNSTSCHÖNEN treuhänderisch Bewahrte als nichts anderes denn ein zweites, aber diesmal nicht unschuldiges, NATURSCHÖNES. Techno war also doch, wieder mal: Folk, vom Kopf auf die Füße gestellt? Obskur. An Alien Light. Boshaft lachendes, daher verlockendes Ringelreihen der Pixel-Elfen, im Wald der Antennen, an den mäandernden Strömen der Glasfaserkabel, im Regen der Plingtropfen, auf den Dünen der verwehten, zerbröckelten Loopkörnchen: Siliziumsand, der singt. Am Ende aller suchenden Nomadologien: eine Oase der Hellhörigkeit in der Wüste des erzählfernen Schweigens benutzerfreundlicher Geräte. Schöne Idee. Aber ob sie stimmen darf?

2 Der Besucher: Cuilceach
Es war einmal, vor uneinholbar langer Zeit, da stieg auf einem fernen Planeten (nicht SO fern: er kreiste um eine schon ein wenig alte, gebläht orange Sonne in der “Nähe” des weissen Zwerges VZ Ceti) ein unerhörtes Lebewesen aus Meeren träge wogenden flüssigen Eisenerzes, in einer Atmosphäre gasförmigen Schwefels, bei Temperaturen, die einen Hochofen dazu gebracht hätten, um Eiswürfel und Dr. Motte-Platten zu betteln – ein Wesen, dessen “Biologie” auf einer komplexen basalen Verschränkung von Aluminium- und Siliziumbestandteilen beruhte und dessen Siliconpolymer-“Nerven” glücklich summten zum Klang der Musik, die seine Geschwister machten. Sie nannten ihre Welt “Aphex Twin” und der ozeanische Eisensee, in dem sie sich bewegten, hieß “LaMonte Young”, am Küstenstreifen “John Cage”. Das Wesen hörte auf den Namen “Cuilceach”, was in der Eingeborenensprache jener Welt soviel wie “Brian Eno” bedeutete und es hatte einen Traum, den vor ihm keines seiner Geschwister je geträumt hatte: es wollte MusikkritikerIn werden. Da die Ausbildungsstellen für MusikkritikerInnen infolge einer schweren Viskositäts-Seuche auf jenem Planeten, die das gesamte lesewillige Publikum dahingerafft hatte, ziemlich dünn gesät waren, erschuf sich Cuilceach mithilfe telekinetischer Kühlungstechnik aus dem Lebenselement des Eisenerzozeans ein torusförmiges Raumschiff und verließ “Aphex Twin”, um irgendwo im Weltall sein/ihr Glück zu machen. So kam er/sie/es, nach einer ereignislosen Reise über eine Distanz von ca. 60 Parsec, schließlich auf der Erde an, wo Cuilceach, mithilfe einer Refraktionstarnkappe unsichtbar geworden, nach einigen Wanderungen durch Wüsten und grüne Täler, zufällig genau zur rechten Zeit Ende 1997 in Berlin eintraf, um Mercedes Bunz, Barbara Kirchner und mich dabei zu beobachten, wie wir nach einiger Warterei schließlich David Toop auf der von der Zigarettenfirma WEST veranstalteten “Millenium Lounge” lange genug beiseite zerren durften, daß ich ihm ein paar Fragen aufhalsen konnte. Cuilceach spitzte die… nun ja, nicht direkt “Ohren”, aber… was Cuilceach vernahm, war…

3. Die Tücken der Nacherzählung
Ich habe beim Lesen der Digressionen, Parenthesen etc. in “Ocean of Sound”, das es im sorgsamen Hannibalverlag jetzt auch auf Deutsch gibt, immer das Gefühl, es ginge Toop auch wesentlich darum, das dezentrierte Von-Überall-her der Musik, das Hintergrundrauschen, STRUKTURELL abzubilden, von dem das Buch auf der INHALTLICHEN Ebene spricht.

Toop: “Im Gegensatz zu RAP ATTACK, meinem Erstling, bei dem ich sozusagen naiv vorgegangen bin, wollte ich diesmal meiner Frustration mit der gängigen linearen Musikgeschichtsschreibung gerecht werden. Alles passiert doch gleichzeitig. Die gegenwärtige Ära ist sehr mixfreudig, verwirrend. Wie schreibt man das auf? Zuerst habe ich, ganz brav linear, den Anfang geschrieben: den Erinnerungsteil, das Zurückholen ins Gedächtnis – was hat SOUND dem inneren, empfindenden Ohr mal bedeutet? Wie war das? Als ich das fertig hatte, schrieb ich ein Jahr lang gar nichts. Als ich wieder dranging, schnitt ich Träume rein, kleine Anekdoten, Vignetten… und das hatte was Befreiendes. Ich stand nicht mehr unter der Fuchtel, einen nahtlosen Erzählfluß erzwingen zu sollen, beim Jahr 0 anzufangen. (…)
Natürlich war mir die Burroughs/Gysinsche Cut-up-Technik gegenwärtig und in der Musik gab’s Sampling etc., in der Bildenden Kunst Kurt Schwitters… Das konkrete technische Fenster war dann Hypertext, ich hatte ein paar kleinere Sachen auf diesem Feld gemacht. Man wird automatisch dahin geleitet, wenn man einmal anfängt, mit “Cut” und “Paste” am Computer zu arbeiten. (…) Wenn man bei der Geschichtsschreibung auch Träume zulässt, wird Geschichte subjektiver… und das scheint präziser zu erfassen, was Musik mit der Erfahrung macht. Also der subjektive Zug wird plötzlich einem objektiven Zug gerecht: denn Geschichte ist ja wirklich so, die Dinge passieren gleichzeitig und werden erst im Nachhinein segregiert, weil Geschichtsschreibung selektiv arbeitet, sequenziell, chronologisch… uns scheint es so, als ob… wenn man z.B. in den späten 50ern in Los Angeles gelebt hat, begegnete einem RnB, Rock’n’Roll, Freejazz, Elektronische Musik, Easy Listening…aber wenn WIR auf diese Dinge zurückblicken, scheint es uns, als hätten sie in verschiedenen Epochen stattgefunden (…). Sinatra, das waren die 40er, Freejazz war in den 60ern, Rock’n’Roll sind die mittleren 50er und die elektronische Musik… vielleicht ab den späten 40ern? Aber es ist gleichzeitig passiert. Also, wie macht man das in einem Buch, wenn doch die Seiten sequenziell aufeinander folgen? Der ‘subjektive’ Ansatz war meine Antwort darauf. Implizit spricht da also eine Stimme der Fiktion mit.”

Fiktion, dachte Cuilceach…ein seltsamer Brauch dieses Homo Sapiens. Er/sie/es wollte die beiden Menschen jetzt nicht stören. So leise wie möglich machte sich Cuilceach daher auf seinem/ihrem Notizblock (mit Methylsilicongrundierung) einen kleinen Vermerk, diese Frage noch genauer zu ventilieren – war den Leuten hier nicht klar, daß der Unterschied zwischen der zurückgenommen statischen Draufsicht bei der (z.B. Platten-) Kritik oder Historiographie einer- und der expansiven Weltaneignung bei “Fiktion” andererseits nicht nur ein Unterschied der Bewegungsrichtung des Erzählens war, sondern auch die Differenz zwischen Auge (Schrift, Geschichte) und Ohr (Rede, Ereignis) ? Gespannt lauschte die außerirdische Intelligenz Toops Bekenntnis zur Fiktion.

4. Exotisches, Intimes und Imaginäres
Toop: “Genau das soll das nächste Buch sein. Fiktives Musikerleben.”
Ich fragte ihn also, ob es dabei nicht um eine ganz andere Intimität als die des klassischen Rockschreibers, der etwas “wirklich erlebt” hat und dafür die Geschichte und zig andere Rahmen ignoriert, gehen müßte… das Ziel wäre doch, die Intimität zum Schlüssel zu machen für eine auf nichterpreßte Art objektive Geschichte? Atmosphäre?
Toop sagte, ein wenig müde, aber bereitwillig Auskunft gebend: “Das Buch wird EXOTICA heissen und versuchen, Fiktion und Journalismus zu mischen. Fiktionalisiertes Behandeln von, nunja, Menschen, die mir begegnet sind, die ich interviewt habe… und dann will ich auf diese Art Dinge über ihr Leben sagen, über die gewöhnlich nicht geschrieben wird. Und das dann legieren, amalgamieren mit kurzen Geschichten über Musik. Was da angesprochen werden soll, ist Imagination und der imaginäre Ort, an dem man Musik erlebt. OCEAN OF SOUND war eine Wegmarke dahin, zu diesem imaginären, emotional aufgeladenen Ort. Emotionale, intellektuelle, physische Koordinaten…und das soll jetzt noch ein wenig weiter auf demselben Weg gehen. Aber obwohl ich das jetzt so sage, weiß ich noch nicht, ob das alles so rauskommt.Ich habe eben erst damit angefangen. Es ist auch ein bißchen semiautobiographisch.” Cuilceach erschrak über die Blitzlichter der ernsthaft arbeitenden, emsigen Fotografin, aber als er/sie/es sich daran gewöhnt hatte, war das Gespräch schon wieder zurückgeschwappt zum alles umspülenden “Ocean”.

5. Küstenlinien
Gab es denn den “Ocean” schon immer?, wollte ich wissen. Ist das nicht irgendwie doch vorgeschichtlich, primordial gedacht? Toop verneinte: “Also, ich habe mir schon vorgenommen, über die Musik im 20. Jh. zu schreiben und diese Qualität des Eintauchens, die da im Spiel ist, das ozeanische Gefühl… Es gibt viele Gründe dafür, warum das gerade im 20. Jh. eine Rolle spielt. Vielleicht ist es das zunehmend Vereinzelte, Individuierte und Detachierte der Leute… Man hat diese Gewißheiten nicht mehr, was denn nun zählt im Leben.”
Jeder sein eigener Isotank?
“Naja, es gibt schon diese Idee, daß uns die Industrialisierung stark vereinzelt und die Entfremdungseffekte vervielfacht hat… der Verfall der Religionen… Und das Auftauchen der Medien mit großer Reichweite hat dann den Umstand vorbereitet, daß man plötzlich eine Atmosphäre hatte, die dieses Erlebnis des Eintauchens, z.B. in Musik, ermöglicht. Das charakterisiert Musik in diesem Jahrhundert wohl schon wesentlich. Aber andererseits: nicht nur Musik. Leute tauchen in Virtualitäten ein oder in besonders physische Erlebnisse, Extremsport……das scheint ein zunehmender Trend zu sein. OCEAN OF SOUND war übrigens ein Titel, den ich zunächst nur erfunden hatte, um das Buch verkaufen zu können. Ich zögerte, ihn wirklich zu benutzen. Aber die Verleger fanden das sehr gut. Ich zweifelte. Ich dachte, es klänge vielleicht ein bißchen new-agey, aber sie haben mich schließlich überzeugt.”
Klar, es gibt ja noch ein paar mehr Bedeutungen für den Ocean als nur dieses New Age-Ding.
Er nickte: “Es gab lustigerweise dann in Amerika ein paar Kritiker, die genau das Gegenteil fanden und das vehement nicht mochten – es war ihnen gerade nicht new-agey genug. Es machte sie wütend, weil die Kanten zu deutlich hervorstachen, es lief zuviel auseinander, es gibt in dem Buch nicht so eine utopische, singuläre New Age-Perspektive. Ich mag solche Ideologien nicht. Ich mag Dogmatismus nicht. Natürlich gibt es dennoch prononcierte Ansichten in dem Buch, deutliche Worte… es drückt eine Weltsicht aus, freilich, aber es ist nicht dogmatisch. Man kann es lesen und trotzdem mit nichts davon übereinstimmen.”
Ein Werkzeugkasten also auch – bei diesem Gedanken wurde Cuilceach nun wirklich hellhörig und wäre, im Eifer des Sich-Vornüber-Beugens, fast an den Interviewer angestossen. Toop schien nichts zu bemerken und wandte einschränkend ein: “Nun ja, selbstverständlich ist es dann andererseits nicht so wie der Whole Earth Catalogue, der nur die reinen Informationen anbietet, was da ist. Es ist sehr pesönlich, wie gesagt, aber in anderer Hinsicht ist es wirklich wie ein Werkzeugkasten und eine Einführung in all die musikalischen Praxen, mit denen ich seit 30 Jahren zu tun habe. Aber um nochmal auf den Ozean zurückzukommen… das ist rahmenabhängig. Peter Brötzmann kann genausosehr ein Meer sein oder der Merzbau, whatever… Für mich hat die Analogie mit der Natur große Bedeutung. Naturkatastrophen, Erdbeben…” Ach so, ja: da gab es ja auch mal ein Fach namens “Naturgeschichte”, nicht?

6.Booming Sand
Cuilceach, der/die/das jetzt doch langsam Probleme bekam, der Sache so recht zu folgen und außerdem aufgrund von Stoffwechselproblemen, d.h. wegen Energienot, längst zum Schiff hätte zurück sollen, spürte, wie seine/ihre Gedanken angesichts der hier zwischen diesen beiden Menschen verhandelten Dialektik von ungemachter versus gemachter Natur zu wandern begannen… jetzt sprachen sie über “dröhnenden Sand”, singende Dünen und Cuilceach entsann sich, daß er/sie/es von diesem Phänomen, den “Sounds of the Desert”, die schon Marco Polo beschrieben hatte, einiges wußte – eine Eigenheit der irdischen Wüstengebiete, die jedes Jahr mehr Raum für sich beanspruchten: Sanddünen, die sich gegeneinander verschoben, machten ausser knirschenden auch hallende, dröhnende und andere evokative Geräusche. Cuilceach wußte, daß menschliche Wissenschaft mithilfe von Elektronenmikrographie entdeckt hatte, daß die Beschaffenheit der Sandmusik von der FORM der Sandkörner abhing- stiller Sand ist rauh, quietschender Küstensand glatter und der Sand, der, etwa in der Wüste Nevadas, dröhnende “Detonationen” hervorruft, ist der abgeschliffenste von allen. Cuilceach machte noch eine letzte Anstrengung, sich zu konzentrieren, auf diesen Wortwechsel der Menschen dort in der Nische. David Toop sagte gerade: “Ja, ich habe ja eine Platte gemacht namens SCREEN CEREMONIES. Da geht es um diese Analogie, Verbindungen zwischen Natur und Nichtnatur. Freunde von mir haben Performances über diesen singenden Sand gemacht, im Norden Schottlands. In OCEAN OF SOUND gibt es die Sache mit dem Sandmuseum in Japan. Das Entscheidende an der Natur ist doch: sie ist letztlich unvorhersehbar, extrem gefährlich, kann bösartig werden…Während der New-Age-Blick das nur als so eine Umarmung denken kann, wir sind im Schoße aufgehoben…”
“Dabei sind wir dem Zusammenhang ganz gleichgültig.”, sagte ich.
Toop pflichtete bei: “Natürlich. If there’s an earthquake, then fuck anybody who’s there. ” Toop lachte. Ich lachte auch. Wir beendeten das Interview, ich drückte mich noch ein Weilchen auf der “Millenium-Lounge” herum, von der Mercedes ahnend schwante, man werde sich “noch oft dran erinnern: Ja, damals, auf der WEST-Millenium- Lounge.” Ob das so ganz ernst gemeint war? Schließlich, wie gesagt, ging’s eine dieser schuttgesäumten Berliner Bruchbeton-Straßen lang und ich machte mir so meine fusseligen Gedanken über die Geschichtlichkeit der Dünen… darüber, wie sich benutzte zu zitierter Natur verhielt… die Wüste lebt?
Cuilceach aber, der/die/das sich aus konvex nichtlokalen Schallfeldern per Raumzeitsprung zurück in sein/ihr, im Mondkrater Copernicus wartendes, Raumschiff stülpte, beschloß nach der Auswertung dessen, was er/sie/es da gehört hatte, daß der Beruf “MusikritikerIn” vielleicht doch nicht der erwünschte war. Statdessen plante Cuilceach jetzt, alles über jenen merkwürdigen ANDEREN, durch ein, zwei VertreterInnen auch am heutigen Abend repräsentierten Beruf in Erfahrung zu bringen, der auf der Erde, nachdem es ihn jahrtausendelang gar nicht gegeben hatte, auf einmal ungeheures Sozialprestige besaß und der Cuilceach vorerst nur unter einer kryptischen Abkürzung bekannt war: “DJ”.
Und falls das auch nichts war, konnte Cuilceach immer noch Taxifahren, in Großberlin.

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Elektronische Lebensaspekte.