Die Pariser Brüder Hanak splattern Arsch-shakend durch HipHop.
Text: Alexandra Dröner aus De:Bug 109


“Es ist in erster Linie die Musik, die fasziniert”, meint eine professionell klingende deutsche Frauenstimme und ahnt nicht, dass sich ihr unschuldiger Satzschnipsel als neckende kleine Intelligenzbestie auf dem neuen Longplayer der französischen Brüder Fred und JB Hanak aka dDamage wiederfinden wird, direkt neben einer wahnsinnigen Teeparty von Avant-Hoppern und Neu-Rappern. dDamage sehen was, was wir nicht sehen, bevor wir uns nicht Schicht für Schicht durch einen Baumkuchen von Album gewühlt haben. Eines aber muss klar sein: HipHop ist das nicht.
“Shimmy Shimmy Blade” steht unter dem dicken dDamage-Tag auf eine von Einschusslöchern übersäte Wand gekritzelt, vor der ein fellbekappter Jungspund mit schwarzer Monsterbrille und iced-out Grillz zwei rauchende Colts aus Blade Runners Waffenschrank in die Höhe hält, während hinterrücks eine garstige Echsenaffen-Chimäre aus den düster-naiven Unterwelten des französischen Zeichners Ra gekrochen kommt. Peng, du bist tot. Der bejahrte Kenner sieht sofort (und die Jugend liest’s im Beipackzettel), hier wird ein Bomb-the-Bass-Cover adaptiert, “Into The Dragon” von 1988. Tim Simenon weiß Bescheid und hat seinen Segen gegeben, persönlich. Die brutale Begeisterung, mit der Fred, 34, anerkannter Musik- und Literaturjournalist, und JB, 29, Gitarrist, DJ und Studiofrickler, ihre Lieblingsblumen aus dem Garten Eden der neueren Musikgeschichte zu glitchigen, elektronischen Synthie-Massakern umzüchten, reißt beim ersten Hören mehr um als mit. Shimmy Shimmy Blade bedarf beherzter Zuwendung, bis das Hirn den Splatter weggefiltert hat und rehäugige Popliebchen, Ravesignale, Krautrockhymnen und melancholisches Banlieue-Liedgut zum Vorschein kommen lässt.

Die Hanak-Brüder zum Zitat, bitte:

“Home But Home”

So nennen die Jungs ihre Produktionsweise im eigenen Studio, das sich erwartungsgemäß als unaufgeräumter Devotionalien-Schrein für 8-Bit und Lo-Fi-Gläubige präsentiert. Spinnerei, Konzeption, Fummelei und Bastelarbeit darf hier zwischen Atari-Computern und Microkorgs stattfinden. Bedroom-Production als Stilmittel, hochpoliert auf High-Tech-Niveau.

“Bloß nicht noch mehr langweilige Instrumentals”

Sondern? Shopping Spree im MC-Großhandel: Existero, Tes, Bigg Jus, Dose One, Mike Ladd, Crunc Tesla, Sin, TTC, Orko Elohiem, Stacs of Stamina und MF Doom. Fast zweieinhalb Jahre haben dDamage damit verbracht, dieses stattliche Kompendium alternativer HipHop-Vokalisten aus den Reihen der Shapeshifters, Company Flow, Lex Records, Anticon, Big Dada etc. in diversen Studios zu treffen. In Fleisch und Blut. Abgesehen nämlich vom klassisch schwierigen MF Doom und dem terminlich verhinderten Dipset-Mitglied SIN wurden Tracks und Rhymes bei langen gemeinsamen Vorgesprächen zurechtgeschliffen und auch die Rekrutierung ihrer Superhelden verlief ganz persönlich, über Freunde von Freunden, zufällige Bekanntschaften unterwegs auf Tour, von Künstler zu Künstler, vorbei an Managern und Plattenfirmen. Trotzdem wir von allen MCs einiges an widerständigem Krach und Stolper gewöhnt sind, schaffen es die Hanak-Jungs mit ihren sperrigen Beats, überwältigenden Strukturen und einer Verhackstückung der Reime in bester Chopped&Screwed- und Max-Headroom-Tradition, die stilistischen Eigenarten der Profi-Flows wie neue Klingen zu schärfen und tiefer schneiden zu lassen als in ihrem üblichen Kontext. Es ist eben nicht in erster Linie die Musik, die fasziniert, es gilt sich zu verbrüdern.

“Sich auf der Bühne zu prügeln, ist der beste Kampf unter Brüdern”

Sie streiten sich gern kurz und heftig, im Studio und anderswo, und das nicht nur verbal: Gerade hat JB Fred bei einem ihrer Auftritte öffentlich einen halben Zahn ausgeschlagen, eine stolz belachte Trophäe handfester Bruderliebe. Existentielles Aneinanderreiben mit System, aufgeraute Flächen kleben besser zusammen, dDamage funktioniert nur im Verbund. Allein wäre Fred, so meint er, viel zu phlegmatisch, um mehr als ein, zwei Tracks zu produzieren, und der fleißigere JB, der sich auch schon mit einem Soloalbum als Boulder Ddash auf dem Label Angelika Köhlermann profiliert hat, vielleicht zu gitarrenlastig. Und so sind ihre Songs als kognitive Karten brüderlicher Bewusstseins-Kopplung zu lesen, intendierte, wechselseitige Beeinflussung zum Wohl der Gemeinschaft, in der JB sich schon mal durch Freds gesamte Klaus-Schulze-Sammlung graben muss, um in die vom großen Bruder visionierte Stimmung für den besonderen Synthie-Schmäh des MF-Doom-Tracks zu kommen.

“Ein eigenes Label machen, ist wie sein eigenes Gras anbauen”

Der Wechsel von Planet Mu und Tigerbeat 6 zum hausgemachten Labelprojekt Tsunami Addiction soll ihren ehemaligen Heimstätten nicht etwa den Finger zeigen, dDamage sind sehr dankbar für alles, was war, sind aber an dem Punkt, die Füße unter den eigenen Tisch zu stellen. Mit ihrem kleinen Dachverband für Musik, Grafik, Mode und Medien kehren sie zurück in die Arme Frankreichs, möchten der lebendigen Pariser Szene den Rücken stärken, Einheit zeigen und natürlich Kontrolle, Einfluss, kürzere Produktionswege und Entscheidungsfreiheit erlangen. Frankreich ist wieder wach, was auch durch die eigenständige Qualität des TTC-Beitrags auf Shimmy Shimmy Blade demonstriert wird, die es im Gegensatz zu den tölpeligen Stacs of Stamina problemlos mit ihren amerikanischen Kollegen aufnehmen können.

“Violence is the world”

Nicolas Sarkozy, gegenwärtig französischer Innenminister und möglicher Präsidentschaftskandidat der Rechten, ist der meistgehasste Buhmann der Gebrüder Hanak, die selbst aus den Pariser Vorstädten stammen und mit großer Wut über seine Rolle bei den Jugendunruhen des vergangenen Jahres sprechen, mit denen sie im Kern sympathisieren. Anstatt Autos anzuzünden, lassen sie lieber ihre Tracks explodieren. Gewaltbereitschaft und Gegenwehr als Antrieb, hier sehen sie den Link zwischen Punkrock und HipHop, einer Verbindung aus Brutalität, Emotion und der tragenden Rolle des gesprochenen Wortes, mission accomplished.

P.S. “Gebt eure Stimme Segolene Royal!”

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Elektronische Lebensaspekte.