Die Postpunk-Szene westlicher kapitalistischer Staaten ist der letzte Retro-Schrei, der nach historischem Wissen und Styles abgegrast wird. Und wie sieht's mit der Szene hinterm Eisernen Vorhang aus? Ein neues dokumentarisches Buch schiebt den Vorhang zur Seite und gibt den Blick frei auf AG. Geige, Ornament & Verbrechen und die anderen Kassetten-Experimentatoren, von denen viele heute noch an der globalen Elektronika-Szene mitbauen.
Text: Kito Nedo aus De:Bug 106

Literatur

Spannung, Leistung, Widerstand
Post-Punk in der DDR

“Jeder reflektiert diese Zeit anders, abhängig von der ureigenen Situation, vom Aufbruch oder Abgesang. Nicht selten folgte auf das eine das andere. Eines jedoch verband alle: Die DDR kotzte uns an!”, schrieb die Malerin Cornelia Schleime im Katalog zur letztjährigen Berliner Ausstellung “ostPUNK! – too much future. Punk in der DDR 1979-1989”. Bevor Schleime 1984 von Ost- nach Westberlin übersiedelte, spielte sie gemeinsam mit den beiden Künstlern Ralf Kerbach und Michael Rom und dem später hinzugekommenen Dichter Sascha Anderson in der 1981 gegründeten Band Zwitschermaschine. Die Lieder der Band fanden auf verschlungenen Pfaden 1983 ihren Platz auf der von Dimitri Hegemann initiierten und in Westberlin veröffentlichten Split-LP “DDR von unten” (Aggressive Rockproduktionen 0019) – das erste Westvinyl mit Ostpunk drauf. Mit dem Track “geh übern fluß” wird nun zumindest ein Stück dieser historischen Aufnahmen dieser Tage wieder veröffentlicht – auf dem Buch/CD-Sampler “Spannung Leistung Widerstand – Magnetbanduntergrund DDR 1979-1989”. An dieser Pioniertat – es handelt sich hier um nichts Geringeres als die allererste Bestandsaufnahme der ostdeutschen Post-Punk-Szene der achtziger Jahre – sind das Greifswalder Fanzine Zonic, des Hamburger ZickZack Label und der Berliner Verbrecher Verlag beteiligt.

Die Veröffentlichung des Zwitschermaschinen-Materials im Westen blieb die große Ausnahme: Inoffizielle Musikproduktionen und Konzertmitschnitte wurden in der DDR zumeist auf Kassetten aufgenommen, vervielfältigt und weitergegeben. Oft gingen die Untergrund-Tapes auch zusammen mit kleinstauflagigen selbstverlegten Zeitschriften oder Künstlereditionen von Hand zu Hand. Über zweieinhalb Jahre haben die Musiker Ronald Lippok, Bernd Jestram, Bo Kondren sowie der Dichter Bert Papenfuß die eigenen Tape-Archive gesichtet und viele ehemalige Protagonisten der halb- und inoffiziellen ostdeutschen Musik- und Kunstszene um Beiträge zu diesem Sampler gebeten. Mit rund fünfzig Tracks geben die beiden CDs einen – wie die Kompilatoren betonen – subjektiven Überblick über das, was zwischen 1-2-3-Punk à la Schleim-Keim und Indie-Popfraktion (die so genannten “anderen Bands”), in der Zone sonst noch so passierte. “Spannung Leistung Widerstand” ist eine beeindruckende Dokumentation der vergessenen Beats, Loops, Sounds und Sprachexperimente einer vitalen Szene zwischen Ostberlin, Karl-Marx-Stadt, Dresden, Erfurt, Leipzig und Halle in den letzten zehn Jahren des Honecker-Staates.

Abstand zur Vergangenheit
Erinnerungsarbeit sei jedoch nicht das vordergründige Ziel der Aktion, sagen die Kompilatoren. Anstatt ein Archiv einzurichten, sei es darum gegangen, sich den historischen Stücken aus der Jetztzeit zu nähern, erklärt Ronald Lippok: “Wir haben darauf geachtet, Sachen auszuwählen, die uns heute noch berühren und interessieren.” Dazu, sagt der Musiker, der in den Bands Tarwater und ToRococoRot spielt, musste über die vergangenen Jahre genügend Distanz zu diesem Material entstehen, um es sich neu anhören zu können. “Während der Arbeit an dem Sampler haben wir viele Sachen auch für uns selbst wiederentdeckt”, sagt Lippok, der manche Tracks heute sogar wieder in ein DJ-Set einbauen würde.

In der Tat wird mit “Spannung Leistung Widerstand” nicht nur einer ganzen Dekade aufopferungsvoller Soundarbeit unter schwierigen technischen und politischen Bedingungen der längst fällige Tribut gezollt, diese Musik ist auch jenseits ihres Dokumentcharakters hörenswert. Zum Beispiel das lässig dahingroovende “37º” (1989) von Corp Cruid – einem Seitenableger aus dem “Ornament & Verbrechen”-Umfeld der Gebrüder Lippok. Für den Track wurde der Mitschnitt eines Radiovortrags des Psychoanalytikers und Orgon-Philosophen Wilhelm Reich verwendet, den Lippok d. Ä. seinerzeit in einer Wohnung am Zionskirchplatz per Hand von einem Stern-Rekorder abfuhr. Aufgenommen wurde das Ganze mit einer Uher-4-Spur-Bandmaschine, veröffentlicht in einer Auflage von dreißig Kopien auf dem hauseigenen Kasettenlabel “Bleibeil”. Der Track endet mit Reichs Worten: “And then you ask why the world is in a mess.” Der Osten in der Endphase liebte es existenzialistisch.

Ein Jahr vor der Aufnahme von “37º” hatte der Karl-Marx-Städter Frank Bretschneider, damals Mitglied der Gruppe AG. Geige, eine Art Manifest der Szene mit dem Titel “Audio-Art” geschrieben: “Die Stücke klingen oft kahl, ohne Glamour hergestellt. Sie sind ohne viel Produktionsaufwand zu verwirklichen, ja oft ist gerade der musikalische Müll, den Geräte der untersten Preisklasse produzieren, ein erwünschter, weil radikaler Effekt. Billige Instrumente, Bandschleifen, schnelle Schüsse mit dem Mikrophon, ein Text als Performance. Solche Produktionsweise mit raschen Schnitten aus den verschiedensten historischen, ideologischen, künstlerischen, ethnischen Bereichen, versehen mit exotischen tonalen und sprachlichen Manierismen, ist typisch für die Audio-Art.” Bretschneider, der wohl zu den agilsten Experimentatoren und den hartnäckigsten Techniknerds der damaligen Zeit gezählt werden darf, betrieb ab Mitte der achtziger Jahre das Kassettenlabel klangFarBe, auf dem er Musik seiner verschiedenen Projekte und Kollaborationen wie die Kriminelle Tanzkapelle, Heinz & Franz, AG. Geige oder dem Solounternehmen A.F. Moebius veröffentlichte: kleine surrealistische Elektropopsensationen mit sächsischem Einschlag. Die Höchstauflage der Editionen betrug 50 Stück. Von einem Tape gab es vielleicht auch ein paar mehr Exemplare: “Yachtclub und Buchteln” (1987) von AG. Geige zählt zu den absoluten Klassikern der Ost-Tapekultur. Doch: “An Geld hat eigentlich niemand gedacht. Es ging wenig um Verkauf, es ging darum, seine Ideen zu verbreiten, öffentlich zu machen und von den Leuten ein Feedback zu kriegen”, erinnert sich Bretschneider in einem im Buch abgedruckten Interview.

Um technische Perfektion oder feste Songstrukturen oder die Einspeisung von kommerziellen Tonträgern in die Warenzirkulation ging es den Postpunkern also nie. Experimentierwillen, Zusammenarbeit in verschiedenen Konstellationen und das Schreiben einer eigenen Geschichte jenseits des realsozialistischen Kulturbetriebs waren die Triebfedern der Szene. Tapes waren unabhängige, schnelle Mittel zur Kommunikation, die es ermöglichten, den eigenen Output selbst zu kontrollieren. An diesem Punkt arbeitete die Ostszene nicht anders als vergleichbare Akteure im Westen wie etwa Throbbing Gristle, die auch – allerdings aus anderen Gründen – keinen Sinn darin sahen, sich irgendwelchen Plattenfirmen anzudienen. Sporadische Konzerte fanden in “Subräumen” (Papenfuß) unter dem Radar der regulierten Öffentlichkeit statt: Kirchen, Proberäume, Galerien oder Wohnungen. Die DDR und ihre Medien kotzte die Künstler nicht nur an, sie war ihnen egal. Was zählte, war die eigene Arbeit in eigenen Räumen, was natürlich in einem vormundschaftlichen Staat schon wieder ein Politikum darstellte. Nach der Wende fand man ziemlich schnell heraus, dass einige Aktivisten wie etwa Sascha Anderson oder Frank “Trötsch” Tröger langjährige Informanten des Ministeriums für Staatssicherheit waren. Mit beiden Künstlern gibt es im Buch ausführliche Interviews, bei denen es auch, jedoch nicht hauptsächlich um ihre Stasimitarbeit geht. Und das ist auch okay, denn um den Ostunderground für immer und ewig den Historikern vom Deutschen Historischen Museum und der Birthler-Behörde zu überlassen, ist dort einfach auch zu viel anderes passiert.

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Elektronische Lebensaspekte.