Liegt die Zukunft des Radios im Netz? Oder ist Netzradio nach den zahlreichen Dotcom-Pleiten schon wieder Geschichte? Wir wollten es genau wissen und surften mit dem Klubradio-Mitbegründer und Streaming Media-Experten Pit Schulz zu gelungenen und gescheiterten Radio-Websites. Ein Gespräch über das Netzradio als Spartenmedium, die besten Audioformate, die dümmsten Business-Modelle und die perfekte Cubicle-Beschallung.
Text: janko roettgers | janko@debug-digital.de aus De:Bug 52

radio

radio.fm
Netzradio hören mit Pit Schulz

http://www.daswebradio.de

Pit: Das ist Netzradio als eins zu eins-Kopie des terrestrischen Formatradios. Das Netz wird nur als weitere Broadcasting-Technik benutzt. In diesem Fall ist das ziemlich dröge.

De:Bug: Sollen wir mal hören, was die grad so spielen? Immerhin Jan Delay.

Pit: Super-Scheiß-Sound, das ist interessant. 24kbps. Sogar surfen kann man nebenbei noch. Damit kannst du auch jeden Modem-User erreichen. Und da das Material in den Charts eh so produziert ist, dass es auf jedem Kofferradio läuft, geht das halbwegs.

De:Bug: Hat so eine Site denn Zukunft?

Pit: Vielleicht überleben sie, vielleicht nicht – aber das Format ist schon geschickt. Absolute Charts, schlechte Qualität, aber dafür für jeden erreichbar. Ich glaube nicht, dass das wirklich Zukunft hat. Aber für eine Übergangsphase ist das genau das, wo man die Leute abholt. Etwas, was sie verstehen, was sie auch sofort akzeptieren. Und nur mit solchen Sites kannst du dieses Modell von Einschaltquoten generieren, nachbilden. Aber ich glaube nicht, dass es für das Netz sinnvoll ist, mit solchen Reichweitenmodellen zu arbeiten. Die Zukunft liegt eher in Spartenprogrammen, die nur wenige Leute interessieren.

http://www.youwant.com

De:Bug: Youwant hat sich ja im Electronika-Bereich eine ganze Reihe solcher Spartenprogramme geleistet. Den Pole-Stream zum Beispiel. Überlebt haben sie trotzdem nicht.

Pit: Da passte einfach die Firmenkultur nicht zusammen. Wenn das jetzt ein Plattenladen wie Hardwax anbieten würde, dann würde das vielleicht Sinn machen. Aber auch nicht in der hier anvisierten Größe. Youwants Problem war auch, dass sie in vorauseilendem Gehorsam dem Gema-Modell entsprochen haben, bei dem On Demand wesentlich teurer ist als Jukebox-Radio. Deswegen haben sie diese simulierten Channels. Eigentlich ein Muzak-Modell, bei dem du dich durch verschiedene Dudelkanäle durchswitchen kannst. Das ist nicht falsch, aber die Channels müssen schon einen eigenen Charakter haben.

De:Bug: Dahinter stand ja auch die Idee, dass man sich über das Bewerten der Titel seine eigenen Channels zusammenbauen kann.

Pit: Aber dieses Ranking benutzt niemand, wenn es nicht wirklich Community-mäßig personalisiert und nur so blöde Buttons sind wie hier. Du weißt nicht, was eigentlich passiert, wenn du jetzt drei mal auf gut oder schlecht klickst. Es gibt hier überhaupt kein Feedback.

De:Bug: Das Schlimmste an Youwant.com fand ich immer, dass dieser Real-Stream ständig die Bitrate geändert hat. Ständig kurze Unterbrechungen.

Pit: Wobei ich schon sagen muss, dass Real besser ist als sein Ruf. Der Codec ist bei 64k momentan das beste, was man kriegen kann. Da kann auch Windows Media nicht mithalten.

De:Bug: Es gibt ja Leute, die sagen, Real Audio klingt analoger.

Pit: Ja, genau. Wenn du die verschiedenen Codecs vergleichst, hat Real den dynamischsten, wärmsten Sound. Bei niedrigen Bitraten zischelt’s zwar immer so ein bisschen, aber es nervt nicht, indem es eine Pseudo-Hifi-Qualität vorgaukelt. Aber für dieses Channel-Modell sehe ich schon Möglichkeiten, wenn es sich inhaltlich mehr ausdifferenziert. Das Gute an so einer Vorauswahl ist, dass sie dem DJ-Modell sehr nahe kommt. Wenn man das wie hier Dance/ Club-Mix nennt, bedeutet das natürlich nicht viel. Aber statt dessen zum Beispiel ein DJ Hell-Channel mit monatlichen Updates, das würde schon Sinn machen.

De:Bug: Dann lass uns doch mal das Land der tausend Channels angucken.

http://www.live365.com

De:Bug: Hier gibt’s mehr Channels als Hörer. Auf den ersten Blick sehr demokratisch, oder?

Pit: Ja, so Bert Brecht eben. Die One-To-One-Streaming Connection. Ich schließ meinen Plattenspieler an und irgend jemand auf der Welt hört zu.

De:Bug: Jetzt können wir Faithless hören. Als Endlosschleife. Das ist ja auch nett, dass hier so eine Live-Illusion erzeugt wird.

Pit: Ja, das Gegenüber von Archiv und Live-Situation ist schon interessant. Wie sich das Präsenz-Gefühl von Radio – alle hören gleichzeitig ein Signal – so langsam vermischt mit einem simulierten Live-Stream. Aber auch das ist im Grunde keine Neuerfindung des Netzradios. Das gesamte Fernsehprogramm ist ein ständiger Mix von Archiv- und Live-Sachen. Das ist im Streaming-Bereich genau so: Das Archiv befindet sich ständig im Workflow mit der Live-Situation. Im Idealfall hat der User dann noch Chancen, darauf Einfluss zu nehmen.

De:Bug: Und was lernen wir jetzt von dieser Site über das Brechtsche Radio-Modell?

Pit: Tja. Es ist realisiert, aber es ist zu steril. Es geht zu sehr in Richtung einer Eins-zu-eins-Übersetzung: Eigentlich hat jeder hier sein eigenes Privatradio, aber keiner hört mehr zu.

http://www.somafm.com

Pit: Das ist jetzt ein Beispiel dafür, dass sich online auch die Klangfarben ändern. Eine immer größere Rolle spielt da meiner Meinung nach Downtempo und zwar nicht nur der “cheesy stuff”. Die Leute, die Netzradio massiv konsumieren, hören es meistens in einer Firma und wollen dort in ihrem Cubicle einfach die Umgebung vergessen. Sie haben gar nicht die Zeit, ihre Musiksammlung ständig upzudaten, weil sie ja arbeiten müssen. Diese komische Gruppe der Thirtysomethings, die irgendwo auf der Welt an ihren Web-Arbeitsplätzen sitzen und auf Downtempo-Electronica stehen.

http://www.shoutcast.com

Pit: Shoutcast finde ich als Verzeichnis für Radiostreams ganz gut, weil es so einfach ist. Das Anbieten von Indices ist eben immer noch ein sehr gut funktionierendes Netz-Modell. Du hast einen Austausch-Standard, meistens auf XML-Basis, und schaffst damit den Usern die Möglichkeit, ein heterogenes Feld auf einen Blick zu überschauen. Eigentlich steht da eine Peer-to-Peer-Idee dahinter: Ein verteiltes System und ein zentraler Index.

http://www.radiospy.com

De:Bug: Kennst du deren Client? Den finde ich als Player meets Index-Modell eigentlich noch spannender. Oh, off the air. Tja, war spannend.

Pit: Der Player mit der besten Usabilty, den ich momentan kenne, ist iTuner für den MAC. Aber ich glaube, dass es sowieso nicht auf den PC als Endgerät hinauslaufen wird. Stell dir vor, es gäbe einen Hardware Real Player für 100 Mark zu kaufen und dazu ne Flatrate für 23 Mark im Monat. Das wären die Bedingungen dafür, dass Netzradio auf der End-User-Ebene funktioniert. Dann brauchst du auf der Infrastruktur-Ebene noch Multicasting, also ein System, was die Distribution der Streams optimiert. Du sendest nicht für jeden User von San Francisco nach Berlin einen einzelnen Stream, sondern einen nach Deutschland, von Deutschland aus einen nach Berlin, und versorgst dort dann alle, die in Berlin zuhören. Alles über den einen Stream. Das kommt mit dem nächsten Internet Protokoll IPv6, aber bis diese Standards etabliert sind, dauert es sicher noch eine Weile.

http://www.klubradio.de

De:Bug: Und was macht ihr bis dahin?

Pit: Unser Business-Modell ist eigentlich der Versuch, sich einem Business-Modell weitgehend zu entziehen. Und sich allein darüber zu finanzieren, dass man Dienstleistungen anbietet, also anderen Firmen Streams anbietet. Das ist für uns sozusagen ein Survival-Modell. Wir hätten auch bei der Neuen Ökonomie mitspielen können, aber dann wären wir jetzt auch automatisch an einer Position, wo man mit dem Rücken an der Wand steht. Man hat ja nur für Ideen Geld bekommen, die auch dementsprechend schnell überholt waren. Schnell wachsen, schnell verschwinden.

De:Bug: Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit den Clubs?

Pit: Eigentlich ganz okay. Die sehen das einfach als Werbung und sehen, dass viel Feedback von Leuten aus Japan kommt oder sonst woher. Dass es ein Spartenmedium ist für Hardcore-Musikfans. Beim Tresor gibt’s zum Beispiel eine ganze Horde von Fans, die nur Mittwochs zuhören. Immer, wenn sie nicht vorbeigehen können, hören sie es zumindest im Netz. Und da geht es eigentlich hin, in Richtung der totalen Spezialisierung. Den einzelnen Streaming-Websites kann es dabei nicht darum gehen, New Economy-mäßig gegeneinander zu arbeiten. Sondern eher darum, dieses ganze Plateau von Projekten in seiner Heterogenität besser vermittelbar zu machen. Das Problem ist doch heute: Reviews finde ich in der De:Bug, bei Hardwax oder MDos kann ich die Sounds dazu kaufen, bei Klubradio finde ich ein Live-Set – aber um das alles zusammenzufügen, brauche ich ein enormes Wissen, viel Zeit und ein System, das perfekt läuft (zeigt auf den Rechner, der grad mal wieder abgestürzt ist). Wir brauchen einfach Tools, die diese Zusammenhänge besser darstellen. Das wäre eine sinnvolle Sache. Aber auch viel Aufwand.

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Elektronische Lebensaspekte.