Cass & Mangan are dead! Long live Deadset!
Text: Benjamin Dannemann aus De:Bug 116


House ist eine Kirche, in der es gar nicht genug Bleeps geben kann. So sehen das die englischen Produzenten Deadset und tauchen tief in die OIdschool-Geschichte des UK-House ein.

Bereits unter dem Namen Cass & Mangan haben Cass Cutbush und Tom Mangan einige EPs und Remixe gebastelt, darunter auch für Miss Kittin, Justin Timberlake und Tiefschwarz. Mit “Keys Open Doors“ haben sie als Deadset nun ihr erstes Album herausgebracht, mit dem sie sich in die Tradition des oldschoolig-eleganten UK-Sounds stellen. Durch Gebleepe und Casio-Touch geben sie aber auch einen Kopfnicker in Richtung der Verspultheit des Fidget House, diesem überdrehten und alles sampelnden Monster.

De:Bug: Das Statement auf eurer Myspace-Seite: “Cass & Mangan are dead. Long live Deadset!“ transportiert ja einen relativ radikalen Neubeginn…

Cass: Das war eine persönliche Stellungnahme zu unserem eigenen musikalischen Output. Wir fühlten uns Ende 2006 zum ersten Mal auf dem produktionstechnischen Stand, dass wir über die Länge eines kompletten Albums musikalisch etwas transportieren konnten und sich der lange Weg des Produktionsprozesses auch lohnen würde.

Tom: C & M existierte schon länger, als wir es eigentlich geplant hatten, denn je länger du an die Marke eines Namens gebunden bist, desto schwieriger wird es hinterher, sich wieder davon zu lösen – von einem professionellen und finanziellen Blickwinkel her gesehen.

De:Bug: Euer Album startet eher trashy und entwickelt sich dann mehr und mehr zu geradlinigerem House. Steckt dahinter eine bestimmte Dramaturgie?

Cass: Das Album repräsentiert einfach alle Facetten von House, die wir lieben. Die Ideen hinter einigen Tracks sind zwar ziemlich konzeptuell, weil sie eine bestimmte Atmosphäre oder bestimmte Gefühle ausdrücken, aber wir versuchen, an ein Album nicht zu analytisch heranzugehen. Am Anfang experimentierten wir mit verschiedenen Beat-Strukturen, aber das lief nicht so richtig flüssig, also haben wir ein bisschen weiter rumprobiert, bis wir diese schlurfenden Breaks hatten, die das Album ausmachen. Es gab eigentlich nur eine Maxime, die wir während der Produktion des Albums an der Wand hängen hatten, nämlich, dass der Entwicklungsprozess organisch verlaufen muss.

deadset1.jpg

De:Bug: Im Albumtitel sprecht ihr von “Keys Open Doors”. Was verbirgt sich dahinter?

Cass: Eigentlich war es nur eine Schlagzeile von einem Magazin-Cover. Ich habe eine lange Liste mit Phrasen, der Albumtitel stand da immer ganz oben. “Warm Pony”, “Sex Wind” und “Fine Butter No Parsnips” wurden als Album-Titel abgelehnt!

Tom: Es ist immer schön, wenn Leute hinter den Titeln kleine Geheimnisse vermuten. Ich hoffe, das ist auch jetzt noch möglich, nachdem Cass alles ausgeplaudert hat …

De:Bug: Als C & M habt ihr noch nach eurem Sound gesucht, den ihr jetzt als Deadset gefunden habt?

Cass: Genau das ist es. Dieses Gefühl, den eigenen Sound gefunden zu haben, war während unserer zwölfmonatigen Arbeit im Studio ständig präsent. Diese Spannung und Freude, die wir im Studio empfunden haben. Die Gewissheit, dass wir endlich eine eigene Definition von Musik gefunden hatten, war der Auslöser für die Umbenennung in Deadset und nicht anders herum. Die Namensänderung hat unsere Entwicklung auf der Produktionsebene perfekt reflektiert.

De:Bug: Auf “Keys Open Doors” existiert nicht ein einziger Track, auf dem die Vocals zentral sind. Woher kommt dieser neue Minimalismus?

Cass: Wir benutzen die Vocals gerne als Teil der Perkussion oder als Teil des Grooves. Dadurch bekommt man zwar das Gefühl von Vocals, aber ohne sie richtig verorten zu können. Das ist etwas, was du auf dem Album dauernd finden kannst.

De:Bug: Welche Rolle spielt der Casio-Sound für eure Musik?

Tom: Du spielst auf die Bleeps an …

Cass: Yeah, wir sind beide totale Bleep-Lover. Dieser Old-School-Casio-Style-Sound ist einer unserer liebsten und er kommt deshalb wohl immer wieder raus. Wenn ich mitten in der Produktion stecke, dann höre ich das gar nicht bewusst. Erst nachher, wenn ich ein wenig Abstand gewonnen habe, bemerke ich bestimmte Charakteristika oder Eigenheiten, die mir aus den verschiedenen Tracks entgegenspringen.

Tom: Wir haben aber gar keinen Casio, sondern einen Juno!

deadset3.jpg

De:Bug: Warum ist House eigentlich nicht totzukriegen?

Cass: Ich denke, dass die Präsenz von House im Musikbewusstsein mit der Energie zu tun hat, die dich seelisch erfrischt und die in dir das Verlangen weckt, sich gehen zu lassen und zu tanzen.

Tom: Amen, ehrwürdiger Vater! Du hörst dich an, als wärst du aus einer alten Chicago-Prediger-Platte herausgesprungen. Nice! Jetzt aber zur Beantwortung deiner Frage: Es gibt einige alte oder klassische House-Stücke, die sich immer noch super anhören, und es gibt auch einiges, das sich schon lange überlebt hat. Unsere Aufgabe sehe ich darin, viel gutes Zeug zu hören (und auch einigen Scheiß), in die richtigen Clubs zu gehen, um uns inspirieren zu lassen. Das ist vielleicht diese Energie, die uns dazu bringt mitzumachen in diesem sich unendlich drehenden Kreislauf namens House.

De:Bug: Wie beurteilt ihr die House-Entwicklung in England momentan?

Tom: Bei uns hat House immer noch seinen Platz in den Charts! Hier findest du auch diese Kopien des französischen Sounds und immer noch diese großen Acts, die schwedischen Sachen wie Prydz, Axewell sind hier zurzeit sehr angesagt. Ich denke, dass House eine riesige Kirche ist … es ist einfach schwer zu sagen. Meiner Meinung nach erobert sich House langsam die Tanzböden zurück, die Minimal besetzt hat.

De:Bug: Plant ihr bereits den Tod von Deadset?

Cass: Deadset1 & Deadset2 sind für einen langen Beutezug gerüstet.

Tom: Ich halte es da mit den Carpenters: “We’ve only just begun”!
http://www.wearedeadset.com

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.