Zuviel Neo-Klassik, so weit das Auge reicht. Zwei Norweger mischen die Karten jetzt neu. "Pale Ravine" zieht einen mit ... abwärts.
Text: Hendrik Kröz aus De:Bug 97

DIE WELT AUSFINDIG MACHEN

Das Leben? Ernst, aber gut, sagen Deaf Center. Dicke, mollene Streicherteppiche kommen zum Einsatz, um die Behauptung zu stützen. Doch nicht die Melancholie, sondern etwas anderes hält Einzug – eine gelassene Klarheit, erzeugt durch ein paar schlichte Klaviertöne. Warum geht elektronische Musik nicht öfter in der Klassikabteilung spazieren? Erik Skodvin und Otto Totland betreten mit ihrem Debütalbum “Pale Ravine” Neuland, wie es scheint. Max Richter, Gas, Satie oder die Geigen von Scott Walker können als entfernte Vergleiche dienen, doch Deaf Center sind ein anderes, existenzialistisches Kapitel: Erhaben und irgendwie weise ziehen die Stücke ihre Runden, sind “teppichartige Abstraktionen, die durch die Natur fließen wie Wasser durch den Ozean”, wie Deaf Center ihre Vision formulieren, ohne mit der Wimper zu zucken. Trotzdem heißt das Album “Pale Ravine” – die “fahle Schlucht”. Wer in Skandinavien mal durch mondbeschienene Wälder gelaufen ist, durch große Stille, die die Ohren halluzinieren lässt, kann sich vorstellen, worum es Skodvin und Totland geht: “Dunkelheit zieht uns an. Und unbekannte Territorien, die darin verborgen sind. Wir wollen nicht die direkte und böse, sondern lieber ihre mysteriöse Seite beschreiben. Kennst du den Traum, in einer Landschaft, die dir völlig unbekannt ist, alleine zu sein? Ganz alleine? Wir wollen den sublimen, aber auch den bedrohlichen Aspekt dieser Situation einfangen.” Eine Idee, die lange im Hinterkopf war: “Filmhafte Musik hat uns schon immer inspiriert. Soundtracks von Cliff Martinez und Yann Tiersen zum Beispiel.” Genau wie John Twells aka Xela, der von Deaf Center so begeistert war, dass er es fortan mit seinem Label “Type” umso ernster meinte und ihre erste Mini-LP “Neon City” veröffentlichte. Das Album “Pale Ravine” ist der nächste Schritt auf dem gemeinsam eingeschlagenen Weg: “Unser Sound gewann Gestalt, kurz bevor John uns kontaktiert hat. In der Zwischenzeit haben wir das Konzept weiterentwickelt.” Gibt es im Deaf Center eine Uhr? “Die Vergangenheit spielt eine große Rolle in unserer Musik – unsere persönliche genauso wie die aller Menschen. Der gleichzeitige Blick nach vorne und zurück ist für Deaf Center essentiell.” Wichtiger Bestandteil von “Pale Ravine” sind neben Orchesterklängen die exakt gesetzten Field Recordings: trockene Blätter, die von hastigen Schritten aus der Ruhe gerissen werden, ein brausender Chor, knarzende Holzbalken, das Schleifen von Skiern über vereiste Oberflächen. Und mittendrin das unerbittliche Schnarren eines Filmprojektors. Zuerst kaum hörbar, dann viel lauter, bis das Stück zerbricht. All die Musik, die man im Leben wirklich mag, versammelt sich im Deaf Center.

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Elektronische Lebensaspekte.