Digitale Schrift braucht Zeichensätze, damit sie abgebildet werden kann. Die bisherigen Zeichenstandards wie ASCII sind zu limitiert für eine globale Welt mit ihren verschiedensten Zeichen. Der Unicode dagegen umfasst sie alle.
Text: Jan Rikus Hillmann aus De:Bug 94

Decodeunicode.org – Ein typografisches Wiki decodiert die Zeichen der Welt

Unicode:
Der Unicode, ein Darstellungs- und Ordnungssystem für digitale Zeichensätze, hat den ASCII-Code und seine Nachfolger als weltweiten Schriftstandard auf PCs abgelöst – ist aber weitgehend in seiner Funktion und seinem Umfang unbekannt.
Der Zeichenvorrat des ASCII Standards mit seinen 128 Positionen reicht nur für die englischen Schriftzeichen (und somit Darstellung der Sprache) aus. Erweiterte Standards wie ISO-Latin-1 (dem Standard für die europäischen Zeichen mit seinen Ös und Äs), stießen bei der sich ständig erweiternden Komplexität des globalen Zeichengewirrs langsam an ihre Grenzen. Der Unicode hingegen bietet mit seinen 1.114.112 möglichen Zeichenpositionen eine fast unerschöpfliche Basis, auf die die Schriftverwaltung verschiedenster Systeme wie Apple OS X, Windows NT, 2000, XP oder auch Java, XML und das Schriftformat Opentype aufsetzen können. Das heißt, dass alle weltweit bekannten Schriftzeichen in dieses System integriert werden könnten. Chinesisch zum Beispiel benötigt allein mehr als 80.000 Zeichen.

Decode:
Johannes Bergerhausen hat sich mit seiner studentischen Arbeitsgruppe die Aufgabe gesetzt, den Unicode zu decodieren, und leistet auf diesem Feld Basisarbeit. Kernstück des Projektes ist eine Website, die wie ein typographisches Wiki, also eine Web-Enzyklopädie funktioniert. Es kann also jeder Informationen beitragen, der etwas über einen bestimmten Zeichensatz des Unicode weiß. Damit tritt die Projektgruppe gekonnt den definitiven Beweis an, dass Typographie und Standardisierung als Thema verständlich dargestellt werden kann und nicht abstrakt und trocken sein muss. Die Website hat ein slickes, funktionales Interface, das in Deutsch und Englisch erschienene wunderbar gestaltete Booklet liest sich als ein hochinteressantes und griffiges Kompendium der digitalen Zeichensysteme. Es zeichnet die Entwicklung und die weit reichenden Auswirkungen der Durchsetzung eines internationales Schriftstandards nach. Mit dem Din A0 Plakat zum Projekt fand man sich zuletzt in der Auswahl der 100 besten Plakate 2005 wieder. Wir finden, das ist sinnvolles und funktionales Informationsdesign, wie es besser nicht sein kann.

Decodeunicode:
Wie lässt sich decodeunicode.org am einfachsten beschreiben?

Johannes Bergerhausen: Wenn das System weiter gut angenommen wird, wächst es zu nicht mehr und nicht weniger als einer Wiki-Enzyklopädie der Zeichen der Welt.

Aus welchen Modulen setzt sich das System zusammen?

Bergerhausen: Unicode fasst die Zeichen in so genannten Blocks zusammen, meist identisch mit Zeichensystemen wie Griechisch, Kyrillisch, aber auch Gruppen wie Pfeile o.ä.
Zu jedem Block und zu jedem einzelnen Zeichen können Texte und Bilder hochgeladen werden. Über eine Volltextsuche kann man bequem durch 50.000 Zeichen browsen. Man gebe dort z. B. einfach einmal “Türkisch” oder “star” ein.

Wie würdest du den Projektcharakter beschreiben?

Bergerhausen: Demokratisch. Enzyklopädisch. Unicode codiert die Zeichen der Welt und wie in der UN ist dort fast jede Kultur vertreten.

Welche Motivation steckt dahinter?

Bergerhausen: Jeder moderne Rechner hat heute dank Unicode Zugang zu abertausenden Zeichen. Nur weiß der normale User oft weder davon, dass diese Zeichen existieren, noch dass er sie verwenden kann, geschweige denn, was sie bedeuten. Wir wollen schlicht Aufklärung leisten. Zum Beispiel: Die Debug verwendet gerne dieses Zeichen: ¬. Es heißt Logical Not, wird codiert unter U+00AC und ist ein mathematisches Zeichen. Manche nennen es auch Türklinke. Es wird oft verwendet, da es im bisherigen 8-Bit-Zeichencode (256 Zeichen insgesamt) ISO Latin-1 vorhanden ist. Die Basic Multilingual Plane von Unicode ist 16-Bit groß, das sind 65.536 Zeichen. Ich denke, in Zukunft werden die Keyboard-User mehr und mehr ungewöhnliche Zeichen verwenden.

Welche Erkenntnisse habt ihr euch versprochen?

Bergerhausen: Wir sind von Haus aus Typografen und Gestalter und gehen täglich mit Zeichen um. Wir wollten möglichst viel über die Bedeutung und Anwendung der Zeichen auch aus anderen Disziplinen wie Astronomie, Linguistik, Mathematik und so weiter erfahren.
Ein Ausrufezeichen hat zum Beispiel in der Mathematik eine andere Bedeutung als in einer Comicsprechblase. Wir möchten alle diese Bedeutungen sammeln und freuen uns über jeden Beitrag.

Welche Chance gibst du diesem wachsenden System, dieser offenen Datenbank im Kontext der webbasierten User-Teilnahme, die ja wie ein typografisches Wiki funktioniert? Habt ihr schon Erfahrungen gemacht, wie mitgearbeitet wird?

Bergerhausen: Wir schätzen, dass von 70 bis 100 Besuchern vielleicht eine/r etwas schreibt. Ich selbst sehe bei Wikipedia ja auch oft hinein, schreibe aber nur ab und zu. Langsam aber sicher sammeln sich mehr und mehr Beiträge. In zwei Monaten Beta-Test hatten wir mehr als 1000 Beiträge zu mehr als 600 Zeichen. Bei dieser Geschwindigkeit brauchen wir also nur 14 Jahre, um den kompletten Unicode zu entschlüsseln …
Ein Spezialist zu den japanischen Kanji-Zeichen hat uns angeboten, dass wir seine Daten zu mehr als 6.000 japanischen Zeichen übernehmen können. Wir arbeiten gerade daran.
Im Betatest haben wir pro Zeichen noch Rubriken vorgegeben wie: Geschichte, Verbreitung, Bedeutung. Damit haben wir die Leute überfordert. “Where to put things?”, schrieb ein Amerikaner ins Feedback. So vereinfachten wir die Navigation zu einem Artikel pro Zeichen.

Hast du einen Lieblingseintrag, etwas, was komplett neu für dich war?

Bergerhausen: Aus irgendeinem Grunde codiert Unicode auch das jahrtausende alte chinesische Horoskop I-Jing. Das erste Zeichen, U+4DC0, besteht aus 6 gleichen, übereinander liegenden Linien und steht für “Creative Heaven”. Der kreative Himmel entschlüsselt. Wenn das nichts ist.
Oder auch: Aus Prinzip codiert Unicode weder politische Symbole noch Logos. Nur ein anderes Prinzip sorgt hier für Ausnahmen. Unicode übernimmt sämtliche nationalen Codierungsstandards, um rückwärtskompatibel zu sein. Und so erscheint unter U+3020 plötzlich ein merkwürdiges Gesicht, eine Art naiver Smiley. Dies scheint das Corporate Animal der japanischen Postbehörde zu sein. Weiterhin: Das Recycling-Symbol, unter U+2672 codiert, hat ein Student entworfen, der 1970 in Kalifornien damit einen Logowettbewerb gewonnen hat.

Wer hat an dem Projekt mitgearbeitet?

Bergerhausen: Das Konzept und den Entwurf haben Siri Poarangan und ich entwickelt. Drei Tutoren
kümmern sich um die schönen Produkte, wie das Poster, in unserem Shop; selbstverständlich fliessen die
bescheidenen Einnahmen in das Projekt. Die ersten Inhalte haben Dutzende Studierende aus
mehrere Seminare in den Fächern Typografie und Buchgestaltung im Studiengang Design
an der Fachhochschule Mainz beigesteuert und waren gleichzeitig unserer Beta-Tester.

Was wollt ihr als nächstes decodieren?

Bergerhausen: Unser Projekt im Studiengang Design an der Fachhochschule Mainz war ziemlich genau 18 Monate Arbeit, übrigens gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Nach dem Launch sind wir erst einmal ziemlich müde und möchten zuallererst alle Sandkörner eines schönen Strandes decodieren, und zwar mindestens 50.000.

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Elektronische Lebensaspekte.