Hartmut Wesseling aka Decomposed Subsonic, der uns mit seinem "Blaue Löwen"-Hit das merkwürdigste Minimalismus-Rave-Lyrik-Crossover des letzten Jahres bescherte, meldet sich mit seinem neuen Album "Gradients" auf Ware zurück und erfindet die totale Kontrolle der Bodenhaftung zwischen Underground und Mainstream für sich neu.
Text: Katja Hanke aus De:Bug 61

Mach den Kopf aus, es geht los

Decomposed Subsonic

Verträumte Synthesizer-Melodien schmiegen sich an das Hörerohr. Sanft und harmonisch swingen sie dahin, dass man sich treiben lässt und sich in vollkommener Glückseligkeit verliert. Dann kommt ein Break und – Fluff – so von hinten eine tiefe, warme Bassdrum. Nur einmal, ganz kurz. Dann taucht sie sporadisch wieder auf, stellt sich der Melodie quer in den Weg. So, als wolle sie sich ankündigen, auf sich aufmerksam machen. So beginnt Decomposed Subsonic aka Hartmut Wesseling sein neues Album “Gradients”. Ab dem zweiten Stück steht die Bassdrum, die sich eben noch eingeschlichen hat, im Vordergrund. Tief und wuchtig, aber gleichzeitig rund und warm führt sie den Hörer durch das Album. Auf ihrem Weg wird sie von Wesseling mit viel Liebe zum Detail mit bezaubernden Elementen geschmückt.
Ja, er überbetone die Bässe schon gern, meint Hartmut Wesseling. “Wenn die Musik lauter ist, muss sie auch physisch passen. Man muss sie spüren können.” Das ist wie beim HipHop, der eine alte Leidenschaft Wesselings ist. Oder eben Rave. Den mag er, um mal ”so richtig auf die Glocke zu hauen”. “Meine Musik ist aber nicht nur fett”, sagt er gleich danach, “sie ist sehr überlegt konstruiert und technisch sauber produziert. Da ist alles geplant.” Das ist der Techniker, der das sagt, ein Frickler mit Hang zum Experimentellen.
Techniker ist er schon lange. Früher programmierte er Sounds und seit ein paar Jahren hat er mit Michael Rötgens, dem Ex-Thekenschlampen-Gitarristen, die Musikproduktionsfirma Xtreme Sound. Decomposed Subsonic ist so gesehen ein Projekt nebenbei, seine “Spielwiese”, wie er sie nennt. Und eine ziemlich neue dazu. Projekte hatte er schon viele, zum Beispiel eine Acid-Jazz-Band. Eine Drum’n’Bass Platte hat er auch schon aufgenommen. Als sie dann erschien, war die Luft aber aus dem Projekt schon raus. “Drum’n’Bass hatte irgendwie keine Energie mehr. Dann habe ich die Kölner Minimal-Sachen gehört und fand sie sehr charmant. Das wollte ich klanglich nachmachen.” Danach bastelte und frickelte er vor sich hin und die Eigenkreativität “explodierte” förmlich. Das war vor fast vier Jahren.

Blaue Experimente
Und da Mathias Schaffhäuser schon lange sein Nachbar ist, wurde das Ergebnis auf Ware veröffentlicht. “Blaue Löwen” heißt diese Platte, deren Cover ein gelbes Quietscheentchen ziert. Hier experimentiert Wesseling zwischen Skurrilität und Eingängigkeit. Das tut er mit oben erwähnter Bassdrum, einem trocken-funkigen Mördergroove und einer gewissen Sound-Ästhetik von Dub, die sich bei Wesseling jedoch vom gängigen Dubhouse unterscheidet, da er die Elemente spartanischer und unsymmetrischer verwendet. Es knistert, fiepst und schnarrt in den hintersten Ecken. Dann tauchen unerwartet schräge Samples und Sounds aus dem Nichts auf, um dort auch wieder zu verschwinden. Überraschende Breaks zerschneiden vorhersehbare Melodien und wenig später werden sie langsam von hinten wieder zusammengesetzt. Zwischendurch gibt es auch deutsche Gesangsstücke, die irgendwie gewöhnungsbedürftig sind, letztendlich aber jede Party rocken. Skurrile Klänge mit einem packenden Groove in technischer Perfektion. “Nach dem ersten Album wurde ich in die minimal-experimentelle Ecke gesteckt. Ich rocke aber zu gern. Auf dem neuen Album will ich dem Image vom Experimentellen gegensteuern.” Das neue Album ist für Wesseling eine Erweiterung der ersten Platte, einige Stile hat er weiter ausgebaut.

Entlang der Bassdrum
Das Quietscheentchen ist jetzt an den Rand der Bildfläche gerückt. Mehr 4/4-Bodenhaftung ist angesagt. Die Musik ist geradliniger, aber trotzdem verzichtet Wesseling nicht auf die interessanten, technischen Details, die man von “Blaue Löwen” kennt. Auf “Gradients” bewegt er sich in zwei Richtungen. Auf der einen Seite lässt er seinen Pop-Ambititonen freien Lauf und begeistert mit eingängigen Melodien. Da ist ein massiver Stroboskoplicht-Housetrack mit Sänger Coloma, ein Disco-Groover mit der französischen Sängerin Twila Too und wieder so ein liebenswürdiger, wenn auch gewöhnungsbedürftiger Fast-Schlager. Zum anderen behält er die Bassdrum kontinuierlich fest im Blick und betont sie immer mehr in Richtung Rave. Er arbeitet sich von dubbigen zu hymnischen Klängen vor und strafft das Tempo zunehmend. Durch raffinierte Breaks und perfekt platzierte Clicks und Strings steigert er die Euphorie immer weiter. Und mit “Digital Voodoo Tapes” gelangt die Platte an ihren zentralen Punkt. Hier eskaliert die Entwicklung schließlich in einem Rave-Monster, das einen mit treibenden Beats und hypnotischen Schleifen völlig verspult. Da möchte man einfach “Hurra” brüllen und die Arme nach oben reißen. Wesseling mag so was auch. “Musik muss Energie haben und wenn es richtig losgeht, soll der Kopf sowieso aus sein.” Überhaupt ist die Platte glatter und eingängiger als das erste Album. Die Rave-Assoziation findet er passend. “Nenn es mainstreamiger”, sagt er gelassen. Damit hat er kein Problem.

Was Musik weiter bringt
Dass andere Leute das anders sehen, bekam er letztes Jahr zu spüren. Da produzierte er mit zwei Kollegen einen Radio-Mix zu “Blaue Löwen”. Sie nannten sich New Sonic und die Single erschien auf einem Major. Der lässige Groove des Originals wurde gegen komprimierten Hochglanz eingetauscht und die Löwen klangen jetzt wie Schlümpfe. Man war erstaunt und einige der Erstaunten nannten Wesseling einen Sell-Out. Das kann Wesseling nicht begreifen. “New Sonic ist ein ernstgemeintes Projekt. Ich experimentiere gern und überall. Und hier gibt es eine Schnittstelle, an der man noch mehr Leute erreichen kann. Bei Musik geht es immer um Gefühle und letztendlich hören diese Leute auch mit Herz.” Außerdem täte ein bisschen Kommerz jeder Musik ganz gut. Mainstream und Underground, danach wird Wesseling oft gefragt. Er selbst findet es überflüssig, darüber zu reden. Er fühlt sich auf beiden Seiten wohl. “Im Mainstream kann man emotional vollkommen eindeutig sein, den Kitsch rauslassen. Und im Underground kann man dagegen mit allen Klängen spielen, kann experimentieren und den Ideen freien Lauf lassen, ohne von irgendwelchen Kriterien eingeschränkt zu werden.” Dann stutzt er aber. So frei sei der auch wieder nicht. Schließlich werde man schnell auf ein Image festgelegt und letztendlich regieren dann wieder andere Kriterien. “Jedes hat sein Gutes.” Am wichtigsten sei für ihn die “Reibung”, die zwischen Underground und Kommerz entsteht. “Beide Seiten füttern sich gegenseitig. Das bringt Musik generell weiter.” Ja, vielleicht ist das neue Album ein Stück näher am Mainstream. “Die Dinge, die sich vorn abspielen, sind schon offensichtlich. Aber im Hintergrund, da passiert auch auf dieser Platte unheimlich viel zum Hinhören.” Die perfekte Kombination.

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Elektronische Lebensaspekte.

Der Kölner Hartmut Wessling hangelt sich hyperaktiv von Akkordeon über Acid Jazz über Soundprogrammierungen zum dekomponierten, subschalligen Cologne-Funk. Endlich angekommen mit Grossvaters Posaune unter'm Arm.
Text: Christoph Jacke aus De:Bug 37

/köln/ Spätsozialisierter No-Name-Funk ist geil Decomposed Subsonic ”Hauptsache Musik”, sang die Berliner Band Mutter einmal in den mittleren Neunzigern, “Hauptsache funky Musik”, scheint sich Hartmut Wessling alias Decomposed Subsonic beinahe sein gesamtes bisheriges Leben lang in die selbstreflexiven Gehirnschlaufen einjustiert zu haben. Was uns die einfache Blockflöte oder die zur Verzweifelung treibende Trompete bedeutete, war bei Wessling ein Akkordeon; auch nicht gerade ein Playmobilinstrument. “Das habe ich dann irgendwann so mit 13 heimlich verkauft und mir ‘nen Chorus Bodenpedal gekauft.” Kommt einem auch bekannt vor. Das anschliessende Wohnzimmergeschrammel und Gitarrengebrülle “im Killing Joke-Stil” ist der konsequent-logische Pseudo-Aufstand, den man besser mal durchlaufen haben sollte, um, sowohl musikalisch als auch sozial, beruhigt in offensichtlich reifere Sphären vordringen zu können. Und es war doch der Jazz Wessling lernte, als er 23 war, einen Jazz-Pianisten kennen, der ihn “wesentlich durch sein Spiel (yes – er hatte ein original Fender-Rhodes) und seine Plattensammlung (Weather Report/Miles Davis – eben alles, was Hölle schiebt, tricky und bekifft ist) beeinflusst hat.” Dieses Treffen war sicherlich auch ausschlaggebend für Wesslings Eintreten in die, nennen wir es Acid-Jazz-Combo Dr. Di, die einige Tonträger beim Kölner Label Atelier Music herausbrachte, Wessling aber letztlich zu sehr HipHop-inspiriert wurde. Obwohl sich, nicht zuletzt durch intensives Touren, der erste Erfolg langsam einstellte, wurde es den Di’s letztlich zu stressig, nun wirklich in das ominöse Musikgeschäft einzusteigen – Ende der Geschichte. Wer nicht spielt, produziert – oder beides? Nebenbei und ganz für sich hatte Wessling schon länger seinen eigenen Musikproduktions-Think-Tank Xtreme Sound entwickelt, bei dem zunächst das Soundprogramming Nukleus war. “Da habe ich dann so meine 30 bis 40 Sounds pro Tag an allen Kisten, die es zu der Zeit so gab (es war gerade Workstation-Seuche) gemacht.” Und flugs an Händler und solche, die es werden wollten, und Musiker und solche, die es werden wollten, vertickt; einschliesslich ROM-Cards. Nachdem ein zweiter Gesellschafter mit in den Zug eingestiegen war, gab es immer mehr Jobs im Mastering-Bereich, von Eigenproduktionen im Pop/Dance-Bereich bis zu Remixen für BMG und Sony. Money makes the disc go round, meint man. Unser Mann war also eifrig. Zuletzt wurde unter anderem die Ware-Compilation “Digital Warenkorb # 1” gemastert und designt. superfunky namenlos Aber wie zuvor Akkordeon und Acid-Jazz, so hielt bei Wessling die Musikproduktionschiene auch nicht richtig lange vor. Erst Ende der Neunziger geriet der Hyperaktivist in Kontakt mit dem, was wir Techno nennen. Komisch, warum passiert das eigentlich so vielen (nicht nur H. Wessling, R. Goetz und mir) erst so spät, dann aber nachhaltig? Antworten an die Trendscout-Abteilungen von Ferrero Küsschen und Sarotti-Mohr bitteschön. “Als ich auf der einen oder anderen Party die ersten wirklichen Kölner Sachen hörte, sagte mir das erstmal gar nichts”, berichtet Wessling. Es dauert eben ein klein wenig, bis sich die ganze Sexyness des trocken- funkigen House aus Cologne unwiderstehlich macht, und man eh immer weiter hört, immer mehr und immer tiefer. So ‘musste’ Wessling, aktiv wie er nunmal ist, persönlich nachlegen, an die Kommunikationsangebote des Sound Of Cologne anschliessen und erneut sein eigenes Ding machen. Decomposed Subsonic. Here we go into Pop-Land. Abgesehen von dem Track “Plastik” auf der schon erwähnten Ware-Compilation gab es eine 12″ auf dem Label Plong, das die Kölner Partymaker von Frisch FM betreiben. Eine zweite Maxi kommt in diesen Tagen als zehnter Release des Schaffhäuser-Labels Ware heraus, mit dem sich Schaffhäuser also vorläufig endgültig auch anderen Projekten öffnet. Auf der neuen, ebenso namenlosen 12″ wie der ersten gibt es einen Track von ausschliesslich (auch die Drums!) bearbeiteten Sounds von der Posaune von Wesslings Grossvater. Zurück voran zur grosselterlichen Musikvorbildung sozusagen. Und hey, Wesslings Tracks als Decomposed Subsonic sind sehr fett (der Funk hier) und sehr deep (die Bässe dort). Klare Ansage Richtung Tanzboden, kein Umwege, Schätzchen. Und schmeiss den flachen Eric bitte vorher ins Urinat (abziehen). Weitere Kapitel to come.

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