Sascha Kösch plädiert dafür, den Pitch-Regler gegen den Trend mal wieder ins Plus zu ziehen. Denn wo Geschwindigkeit ist, wächst die Deepness auch.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 120


Ohne sonderlich mystisch zu werden, gibt es auf dem Dancefloor zwei verschiedene Arten von Geschwindigkeit. Die, die man in BPM zählen kann, falls alle Uhren gleich gehen, und die, sagen wir mal – widerwillig -gefühlte. Die Überschneidungen oder das Wechselspiel zwischen beiden befinden sich in einem ähnlichen Dilemma wie sonstige Körper-Geist-, Hirn-Bauch-Dialoge. Das hängt alles irgendwie zusammen, aber längst nicht so, wie man auf die Schnelle mal so dahinsagt, normalerweise um das eine dem anderen vorzuziehen.

Unfair ausgebremst

Seit Jahren befindet sich die Geschwindigkeit auf dem allgemeinen Dancefloor im Abwärtsstrudel. Techno wurde in Minimal subsumiert und hat mächtig auf die Bremse getreten. House liebäugelt immer mehr mit Prä-90er-Oldschool-Relaxtheit. Abende, die solide unter 125 BPM dahintuckern, sind längst keine Seltenheit mehr. Den Pitchregler immer häufiger auf Minuspfaden oder an der grünen Ampel zu finden, ist schon fast Regel. Eine Abscheu vor den Prozenten unter Null haben vielleicht nur noch englische Drum-and-Bass-DJs (und die wissen ja auch immer noch nicht, dass konstantes Rot beim Pegel irgendwie immer verzerrt klingt).

Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Detailreichtum durch technologisch immer differenziertere Soundtechnologie bekommt bei sinkendem Tempo einfach mehr Raum, auch gehört zu werden. Nicht dass das gelegentlich nicht von einigen Produzenten missbraucht würde, um die sieben Minuten auf der 12″ in nahezu Echtzeit mit einer Hand voll halbgarer Patterns fertig zu produzieren, damit man am gleichen Tag schnell noch drei Remixe machen kann. Entgegen dem, was im Feuilleton zurzeit gerne als das Ende der Dynamik in der Popmusik beklagt wird (den Fuß durchgetreten auf dem Kompressionspedal zu halten), schafft elektronische Musik es seit Jahren schon bei maximalen Lautstärken, größtmögliche Sound-Dynamik und -Differenzierung immer tiefer in den Klangraum einzubetten. Das ist schön. Führt aber auf der anderen Seite – nicht ganz zu unrecht – zum großen Minimalgähnen, übrigens ein enger Verwandter der Dubtechno-Narkolepsie. Die langsame Abwärtsspirale, durch DJs noch mal potenziert, wird zur ewigen Durchhalterstrecke und die Crowd macht es einem auch nicht einfacher.

Zombies on Liquid Acid

Kein Wunder, dass Minimal, aber auch angrenzende Formen reduzierter Housetracks, die sich, oft umsonst, von Minimal distanzieren wollen, viel von ihrer Existenz, ihrem Ruf und ihrem Willen, trotz widrigster Marktumstände nicht nur weiterzumachen, sondern geradezu in Releases zu explodieren, aus der Afterhour zieht. Dem Ort, an dem Zeit zu einer Linearität zusammengezurrt ist, die kein besseres Morgen verspricht oder die Suche nach Höhepunkten erfüllt, sondern ein sanft blubberndes Hier und Jetzt ist. Kein Wunder auch, dass GHB genau hier so populär ist, weil es zur Euphorie in geringen Dosen genauso taugt wie zum Einschläfern von Elefanten, wenn man nachlegt.

Noch weniger wundert es, dass scharenweise Kids zu Ed Banger oder ähnlichem Verzerrer- und Kompressor-Brei (oder Funk, je nach Vorliebe) wechseln, denn eine Party, auf der der Höhepunkt darin besteht, dass ein prägnanter Sound nach ein paar Minuten jetzt mal etwas lauter wird, und die Spannung darin, ob die nächste Platte wirklich genau so stilrein bimmelt wie die letzte, hat selten eine Chance, zum Rave zu werden.

Anziehen, abgehen!

Dabei liegt die Chance genau in den extrem ausproduzierten Tracks, denn gelegentlich braucht es nur ein paar Bpm mehr und schon kickt eine scheinbar unscheinbare Durchschnittsminimalware unter größtmöglicher Bewahrung ihrer Dynamik völlig unerwartet. Was wir (ich) hier fordern, ist nicht mehr Speed in den Nasen der Produzenten oder eine Gabba-Renaissance, sondern ein langsames Drehen an der Schraube der Geschwindigkeit. Eine Balance auf dem Plattenteller zwischen Dynamik und Aufregung, einen Ausgleich zur technischen Beschleunigung in den Sound und zur asymptotischen Verlangsamung einer Hypnose der Afterhour. Den Willen, Druck zu machen, Spannung zu erzeugen, das Tempo zu steigern, die größtmögliche Intensität durch ein behutsames Zu-sich-Heranziehen des Pitchreglers zu erzeugen und die Grenze zu finden, an der diese Intensität sich nicht in einem belanglosen Davonrattern wieder auflöst. In einem Wort, wir fordern Deep Speed.

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Elektronische Lebensaspekte.