Nicht totzukriegen, die Basic-Channel-Pilgerschaft
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 115


Immer noch nicht totzukriegen, die Basic-Channel-Pilgerschaft. Deepchord aus Detroit war lange Zeit mysteriös weit vorne, was die Weiterentwicklung des Berliner Sounds anging. Jetzt hat sich Rod Modell, die eine Hälfte von Deepchord, mit Steve Hitchell aka Soultek aus Chicago zusammengetan und mit der Maxi-Serie “The Coldest Season” auf Modern Love den Berlinern das definitive Denkmal gesetzt, auch wenn er das völlig anders sieht.

Der Deepchord-Sound repräsentiert nur einen kleinen Ausschnitt dessen, was Modell seit den 80er Jahren produziert hat. Damals ging es vor allem um Elektro-Akustik, Musique-Concrète-inspirierte Stücke und Field-Recordings. Letztere hat er in die bislang konkreteste Ausformung seines musikalischen Schaffens gerettet. Was seit den 90er Jahren als logische Fortführung des Basic-Channel-Sounds gilt, die Deepchord-Releases, die er zusammen mit Mike Schommer auf dem gleichnamigen Label veröffentlichte, sich durch dubbige Chords und viel, viel Rauschen auszeichnete, basierte auf den Erfahrungen von Modells früherer Arbeit.

Das Rauschen ist purer O-Ton, in der Detroiter Nacht mit dem DAT-Rekorder aufgezeichnet und später im Studio weiterverarbeitet. “Berlin war immer sehr metallisch, Detroit eher warm. Das ist der Unterschied”, sagt Modell und zitiert einen Journalisten, der es auf den Punkt brachte: Wenn Berlin schwarz und grau sei, dann ist Deepchord eher braun und rot.

Das Basic-Channel-Erbe
Steve Hitchell hat eine völlig andere Sozialisation hinter sich. In Chicago spielt er zunächst in Jazzbands, fühlte sich dann im Dancehall, Ska und Reggae zu Hause. In den späten 80ern gab es dann kein Halten mehr und er ging komplett in Chicago House auf. Wenig später fing er an zu produzieren, wagte sich aber erst rund zehn Jahre später mit seiner eigenen Musik an die Öffentlichkeit.

Als Partypromoter lud er Berliner und Detroiter nach Chicago ein und James Pennington setzte ihm schließlich die Pistole auf die Brust: “Du musst deine Tracks veröffentlichen!” “Zuerst habe ich Rod Demos geschickt, schließlich wurde eine Freundschaft daraus.” Steve remixte einige Deepchord-Tracks und die beiden entschieden sich, zukünftig gemeinsam an Musik zu arbeiten. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits rund 40 Platten veröffentlicht.

Jetzt also Modell und Hitchell zusammen. Deepchord Presents Echospace heißt das gemeinsame Projekt, vier Maxis haben sie bislang vorgelegt. Das Basic-Channel-Erbe hat sich lange nicht mehr so schlüssig und so advanct weiterentwickelt angehört.

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Steve Hitchell aka Soultek

De:Bug: Ich empfinde “The Coldest Season” gar nicht als kalt, im Gegenteil …

Steve: Der Titel ist eine Referenz auf die Zeit, in der wir aufgenommen haben. Es war Winter und einfach bitterkalt. Zwei Jahre lang haben wir Files hin- und hergeschickt und uns zwischendurch immer wieder getroffen und gemeinsam die Ideen ausgearbeitet. Mann, war das kalt! Spaß beiseite … der Ausgangspunkt der Tracks waren die Field-Recordings von Rod, die wir in langen Nächten seziert und bearbeitet haben. Wir sind dabei bewusst komplett analog vorgegangen, haben zig Tape-Echo-Spuren gelayert und schließlich die Synths draufgelegt. Es war auch eine Art Experiment. Wir hatten immer die 12″ als Endprodukt vor Augen und wollten den kompletten Produktionsprozess analog gestalten. Bis zum Tonband und Umschnitt auf Vinyl.

De:Bug: Eure Heimatstädte Detroit und Chicago sind von der Landkarte der elektronischen Musik nicht wegzudenken, gleichzeitig werden bei Deepchord regelmäßig Basic-Channel-Vergleiche gezogen. Ich sitze in Berlin, von wo Mark Ernestus und Moritz von Oswald ihre Platten releast haben. Es ist also an der Zeit, über das musikalische Erbe unserer Heimat zu sprechen. Warum werden unsere Städte immer wieder als Referenz herangezogen? Was ist das Besondere an Berlin, Detroit und Chicago? Gibt es diesen Trademark-Sound überhaupt, der uns immer unterstellt wird?

Rod: Die Stimmung in Detroit macht’s. Viel mehr als die tatsächliche Musik. Es gibt nichts, was mich mehr motiviert ins Studio zu gehen, als an einem grauen Herbsttag die Jefferson Avenue runterzufahren. Das ist schon etwas Besonderes. Menschen, die die Stadt besuchen, spüren das und assoziieren es dann mit der Musik, die sie kennen. Ich könnte hier nie wegziehen, ich fühle mich nicht wohl, wenn ich nicht zumindest in der Nähe von Detroit bin.

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Rod Modell

Steve: Und das schlägt sich doch in der Musik nieder! Es kamen so viele gute Platten aus Chicago und Detroit, so viele talentierte DJs und Produzenten. Die Leute denken sich das ja nicht aus. Ich war infiziert von Ron Trent und Chez Damier. Als der mir dann die Main-Street-Maxi gab, an der er beteiligt war, war es um mich geschehen. Ich merkte, dass da in Berlin Musiker sind, die genauso deep produzieren wie Trent und Damier. Die Deepness hält unsere drei Städte zusammen.

De:Bug: Und konkreter zu Basic Channel?

Steve: Ich glaube, ich habe fünf Kopien all ihrer Releases. Dasselbe gilt für alle Deepchord-Platten. Das ist kein Zufall, das ist Seelenverwandtschaft. Für mich geht sich das alles perfekt aus. Basic Channel sind Helden für mich, ganz klar, und Rods Releases waren ähnlich prägend für mich. Ich habe damals sogar extra bei einem Vertrieb zu arbeiten angefangen, um an die BC-Platten zu kommen. Ich dachte anfangs auch, dass BC aus Chicago oder Detroit kommen müssen. Anders konnte ich mir diesen Sound gar nicht erklären.

Rod: “Inversion” ist mein Lieblings-Release, das klingt einfach wie ein einziger Sequenzer. Das mag ich. Gleichzeitig habe ich aufgehört, ihre Platten zu kaufen, als Basic Channel vorbei war. Da habe ich eher die frühen Releases auf Imbalance gehört und Palais Schaumburg entdeckt.

De:Bug: Ich will nicht nerven, aber die Essenz von Basic Channel war für mich immer die CD mit den eher ambienten Edits. Bei “The Coldest Season” geht es mir ähnlich.

Steve: Die CD-Version unserer 12″s passt einfach. Es hat viel Zeit gekostet, die Tracks so zu editieren und ineinander zu mixen, dass die Gesamtidee der Tracks auch so stark rüberkommt.

De:Bug: Vielleicht ist es in Zeiten der MP3s und des komplett Track-orientierten Musikhörens wieder Zeit, sich auf Alben zu konzentrieren …

Steve: Es sind komische Zeiten, auf jeden Fall. Ich kaufe längst nicht mehr so viel Musik wie noch vor ein paar Jahren. Der Digital-Trend in der Musik hat uns das Interesse verlieren lassen, oder?

Rod: Absolut.

Steve: Musiker, die wir fast schon mit religiösem Fanatismus verfolgt haben, haben plötzlich ihr Laptop aufgemacht und die langweiligsten Tracks aller Zeiten releast. Da gebe ich mein Geld lieber für Ambient, Jazz, Reggae oder Dub aus.
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Elektronische Lebensaspekte.