Das Label Defected ist der jüngste Anwärter auf den Hüterposten des englischen Spezialgrals Ravegarage. Jetzt wird alles daran gesetzt, den deutschen Markt zu erobern. Über Strategie und Ziel hat sich Jan Joswig in der Londoner Kommandozentrale schlau gemacht.
Text: jan joswig [janj@de-bug.de] aus De:Bug 34

/house/garage Pop meint populär, nicht cheesy Das Londoner Houselabel Defected ”Mousse T., Tiefschwarz, Sounds of Life, Kneedeep Bros., Boris Dlugosch: wenn Deutschland solche Künstler hervorbringt, dann muss es dort auch eine entsprechende Szene geben. An deren Entwicklung wollen wir von Anfang an teilnehmen. Endlich kein cheesy Trance oder harter Techno mehr.” So sieht die Deutschlandperspektive eines englischen Houselabels aus, das in der Eigenwahrnehmung die Fahne einer Tradition hisst, die sich weigert, zwischen Roger S., Erick Morillo oder Harry Choo Choo Romero und klassischem New Jersey-Sound einen Bruch zu sehen. Eine Tradition, mit der man sich in England als Verfechter eines Genres verstehen kann, das zwischen Trance und Speedgarage aufgerieben zu werden droht: klassischer US-Garagehouse in der englandtypischen Horror Vacui-Ausprägung, die die Gans lieber bis zum Platzen vollstopft, als zu riskieren, dass sich jemand über eine Rosine zuwenig beklagt. Das Label Defected also, die jüngsten Anwärter auf den Hüterposten des englischen Spezialgrals Ravegarage. SlipÔnÔSlide hat schon ein Krisenmanagement einberufen. Defected-Labelboss Simon Dunmore, flankiert von seiner Geschäftspartnerin Janet Bell und dem Inhouse-DJ und Produzenten Seamus Haji, ist schliesslich langjähriger Profi. Vor zehn Jahren verpflichtete er als A&R bei Cooltempo Adeva oder Monie Love, baute nach Cooltempo das Houselabel AM:PM aus Herb Alperts/PolyGrams Kasse auf und hat auch für sein eigenes Label Defected innerhalb eines Jahres Big Business-Kontakte zur Kaugummiindustrie (Smint) und zum corporate Nachtleben (Ministry of Sound) aufgebaut. Im Labeldeal mit Edel soll jetzt Deutschland von Defected überzeugt werden. Simon Dunmore will beweisen, das zwischen grossem Geld und grosser Kunst kein Widerspruch besteht. Man lacht über Indiedogmatiker, die Kunst nur an einem überzogenen Dispokredit erkennen können? Wem der vermeintliche Widerspruch angesichts der Pet Shop Boys längst keiner Widerlegung mehr bedarf, der sollte sich mal angucken, welche seiner House-EPs denn mehr als 500 bis 1500 Stück verkauft. MAW, Subliminal und Yoshitoshi? Genau, darauf ist auch Simon Dunmore gekommen und hat prompt Lizensierungsabkommen mit Masters at Work, Erick Morillo und den Deep Dish-Leuten vereinbart. Von Mousse T. bis Erick Morillo, das ist so die Liga, die sich Dunmore für Defected vorstellt. Gleich mit der ersten Defected-Veröffentlichung hat er per Kickstart aufgeschlossen: “CanÔt get enough” der Soulsearchers stieg bis auf Platz 8 der UK Top Ten. Mit den Lizensierungen von Paul Johnsons “Get get down”, Masters at Works “To be in love” und Eddie Amadors “Rise” ist der Geldberg erst einmal hoch genug, um das Risiko eingehen zu können, ihn von unbekannten Neuverpflichtungen wieder ein Stück weit abtragen zu lassen. Unbekannte Namen, aber bekannte Musiksprachen. Der Garage-Stilrahmen buchtet sich zwar gen Techhouse auf der einen und Filterdisco auf der anderen Seite aus, hält aber sonst an den NY Formensetzungen um 94/95 fest, fett ohne Fragen. “Wir halten zu dem, was wir kennen. Wir entwickeln uns, aber wir verändern uns nicht sehr.” Traditionsbewusstsein statt des Anhängens an jeden Hype durch die Industrie. Auch eine Profilierungsvariante. Englische Handwerksethik: tailormade statt Kaufhaus. “Jeder Musikstil ist ein Hybrid, der sich nach Drogennehmerbedürfnissen entwickelt.” Schwört man auf traditionelle Drogen (vergorener Apfelsaft), beharrt man auch auf traditionelle Housesprachen. Wir sind nicht Underground Resistance Der Fan als Geschäftsmann, der Geschäftsmann als Fan. Wer aus seiner Minimalhousenische bei Defecteds Künstlerprogramm so recht keinen Unterschied zwischen Simon Dunmore und Bernhard Zyx Mikulski zu sehen vermag – alles chartthematisch abgekartet – der verkennt, dass erstens Mikulski ein Held ist, zweitens Dunmore aus einem Selbsverständnis handelt, dass Underground in England nicht als künstlerischen Integritätsvorsprung im Verhältnis zum Mainstream sehen mag, sondern nur als geschäftliches Ungeschick, und dass die Verweigerungshaltung von Underground Resistance als einen gewieften Image-Schachzug verdächtigt. In fact, there is no Underground. Der kämpferische Impetus, der Mainstream-Konsolidierung um Judge Jules, Seb Fontaine oder Pete Tong und ihrem “cheesy Trance” einen neuen Mittelstand mit “crispy Garage” entgegenzustellen, richtet sich nicht auf den Aufbau neuer, unabhängiger Strukturen, sondern die dominante Plazierung innerhalb der bestehenden. Kooperation mit Ministry of Sound eben. Wer für Phonography oder Classic eher mitleidige als bewundernde Anerkennung übrig hat, dem bleibt nur ein Karriereplan, der im Einklang mit Tony Blairs Neoliberalismus-Papier aus Produkten Profit schlägt, deren Konsum genau den Druck dieses Papiers ausgleichen soll. “Wir wollen kein Nischenlabel sein. Pop means popular, not cheesy.” Und Herbert ist ästhetisch nicht voraus, zwar anders, aber nur parallel. Alle bei Defected lieben ihre Produkte. Mit dem Schlachtruf “Genres kommen und gehen, Garage bleibt bestehen” hieven sie mit einem integren Label integre Tracks in die grösstmögliche Öffentlichkeit. “Auch der coolste Produzent will von möglichst vielen gehört werden. Wir stellen die propere Basis zur Verfügung. Wir wollen in jedem Plattenladen ein eigenes Fach wie Strictly Rhythm, und beim Fish & Chips-Imbiss am besten auch.” Wer bei der künstlerischen Integrität von “Get get down” seine Zweifel anmelden möchte, dem halten sie entgegen: “Louie Vega spielte den Track als erster. Einen cooleren Paten kann man wohl kaum finden.” Ob ihr persönlicher Geschmack vorauseilendes Marktgehorsam ist oder ob der Markt sich ihrem persönlichen Geschmack beugt – wer welchem Druck folgt, sollen Zivilisationspessimisten entscheiden. Die Defected-Aura sagt überzeugend: künstlerisches und geschäftliches Signing ist eins, wir sind mit uns eins, und wer nie begriffen hat, was an Garage anabolikaüberladen sein kann, der ist mit unserem Programm eins. Nur bei dem Thema Housestadt Hamburg brechen Zweifel durch: “Hamburg ist so housy, weil es so cultivated ist. Wie sagt man cultivated in german?” “Bourgeois.” “Oh mein Gott, wir machen bourgeoise Musik!”

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Elektronische Lebensaspekte.