Das Handy ist nicht einfach ein Telefon, sondern die wandelbare Ikone des letzten Jahrzehnts. Doch gerade in weiterentwickelbaren Features wie der Handy-Ortung liegen Wirtschaftskrise und totale Überwachung enger denn je bei sammen.
Text: anton waldt | waldt@lebensaspekte.de aus De:Bug 52

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Ist das auch tragbar?
Wo wo bist du?

Die Handy-Ortung
Im Gegensatz zur immer noch unbewiesenen Panik um den Elektro-Smog sind die Befürchtungen der Bürger, am Mobiltelefon überwacht zu werden, schon konkreter. Zwar läuft auch hier die gängige Paranoia in die falsche Richtung, da kein Polizist sich die Mühe machen will, den gemeinen Kiffer zu belauschen. Die oft kolportierte Super-Spracherkennungssoftware, die automatisch die Kommunikation nach Schlüsselworten durchsucht, ist ebenso ins Reich der Legenden zu verweisen. Dafür sind die Pläne zur Erstellung von Handy-Nutzerprofilen um so konkreter. Dabei geht es eben nicht um das mühsame Belauschen in Stasi-Manier, sondern darum wer mit wem und wie lange kommuniziert und in welcher Funkzelle er sich dabei aufgehalten hat. Momentan fordern die sogenannten “gesetzlich ermächtigten Behaufgörden” – also alles von der Polizei bis zum echten Schlapphut – diese Daten noch mühsam im Einzelfall von den Netzbetreibern an, die wiederum die Daten händisch aus ihren Rechnern kratzen müssen. Die Planungen für eine Automatisierung dieses Prozesses laufen allerdings schon auf Hochtouren und sollen es in naher Zukunft den “gesetzlich ermächtigten Behörden” ermöglichen, die gewünschten Daten ohne Verzögerung und lästige Extraanfragen auf ihre Monitoren zu zaubern. Zentraler Ort dieser Planungen ist ein “ETSI”-Ausschuss, wobei ETSI [European Telecom Standards Institute] eigentlich nur eine technische Normanstalt auf europäischer Ebene ist, die sich allerdings gerade wegen dieser nüchternen und langweiligen Funktion besonders gut für konspirative Aktionen eignet [wir berichteten in der letzten de:Bug). Im LI-Unterausschuss [Lawfull Interception] sitzen hier Vertreter der großen Telekombehörden, der Hersteller der Infrastruktur, der Polizei und der Geheimdienste gemütlich zusammen und entwickeln Schnittstellen, die den “gesetzlich ermächtigten Behörden” jederzeit Zugriff auf die gewünschten Daten ermöglichen.

Überwachung oder Businessmodell?
In der Handy-Ortung liegen aber nicht nur die Hoffnungen der Überwacher, sie soll auch – endlich kommt wieder was Positives – den hochverschuldeten MSPs einen warmen Geldregen bescheren. Wir alle sollen in Zukunft statt auf Stadtpläne, Restaurantführer und Veranstaltungszeitschriften zurückzugreifen die tollen Orts-bezogenen Dienste nutzen. Sie sollen uns hilflosen Kreaturen verraten, wo die nächste Tanke, unsere Lieblings-Burgerbratbude oder aber unsere Kumpels gerade sind. Immerhin letzteres könnte interessant, aber auch peinlich sein, wenn per “Friendfinder” herauskommt, wie man gerade um die Ecke sein Verhältnis betreibt. Ähnlich wie bei den beliebten Instant Messengern im Internet sollen dafür nämlich Listen von Freunden angelegt werden, von denen wir dann jederzeit erfahren können, wo sie sich aufhalten. Zusammen mit Musik und Film-Downloads und mobilen Internet-Anwendungen vom Surfen über Infosites bis zu Rollenspielen sollen die Orts-bezogenen Services die Killer-Anwendungen sein, die den Telekoms in ein par Jahren den großen Reibach bescheren. Soviel zu den Hoffnungen. Genauso wahrscheinlich wie das fröhliche Geldverdienen ist allerdings eine neue Pleitewelle, gegen die das Dot-com-Sterben eine harmlose Grippe war. Die Telekoms haben im letzten Jahr allein ein Viertel aller internationalen Kredite für die Lizenzfinanzierung und den Netzaufbau aufgenommen, und auch seriöse Finanzexperten sehen mit den Telekoms auch deren Banken untergehen. In der Weltuntergangs-Wirtschaftskrise, die dann folgt, müssen wir uns aber wenigstens nicht mehr vor den E-Smog Strahlen fürchten.

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Elektronische Lebensaspekte.