Max Cooper remixt "The Piano"-Komponist
Text: Christian Kinkel aus De:Bug 161

Michael Nyman ist Oscar-gekrönter Komponist (“The Piano”) mit Minimal-Music-Background. Max Cooper releast seinen Techno mit Trademark-Harmoniewechseln seit ein paar Jahren auf Traum Schallplatten. Was die beiden Jungs miteinander zu tun haben? Mehr als man denkt. Wir klären auf.

“Schon als ich noch ein kleiner Junge war, spielte meine Mutter Stücke von Michael Nyman auf dem Klavier. Er inspiriert mich also gewissermaßen schon seit ich denken kann.” Das dürfte nicht nur Max Cooper, einem der Aushängeschilder des Kölner Labels Traum Schallplatten, so gehen. Denn Nyman gehört mit seinem Œuvre zu den einflussreichsten Komponisten zeitgenössischer Musik. Sein Soundtrack zu dem Film “The Piano” verzauberte die ganze Welt und heimste dafür sogar einen Oscar ein, aber auch jenseits der großen Medienaufmerksamkeit verstand es zum Beispiel die Oper “Facing Goya”, ihre Hörer mit E-Gitarren und Indie-Rock-Brücken in ihren Bann zu ziehen. Neben Mozart und Anton Webern prägt vor allem der Grundsatz, ein Komponist habe eine Art soziale Verpflichtung, Nymans musikalisches Schaffen und lässt ihn ausschließlich “schöne” Musik schreiben, während er atonale Zwölftonmusik genauso verachtet wie eckige Brillen.

Soweit die Fakten. Kürzlich irritierte – natürlich im positivsten Sinn – eine 12″ auf Last Day On Earth. Warum? “Nyman Reworks” enthält die ersten offiziellen Remixe von Nymans Musik. Angefertigt hat sie eben jener Max Cooper, das lässt uns zunächst nach Verbindungen suchen, die diese ungewöhnliche Konstellation ermöglicht haben könnten. Bei interessanten Parallelen in der Kompositionsweise werden wir fündig.
Nyman arbeitet mit musikhistorischen Bezügen in Form von harmonischen Zitaten seiner Helden und setzt sie im Zuge der Minimal Music vor einen neuen, die ursprünglichen Kadenzen aufbrechenden Hintergrund. Mit Harmoniewechseln kennt Cooper sich ebenfalls gut aus, sie sind fast eine Art Trademark für ihn geworden. Und in seinen Remix-Projekten für unter anderem Hot Chip, Au Revoir Simone und Portishead arbeitet er nun gewissermaßen ähnlich wie Nyman, wenn er aus dem Original neue Formen schneidet, Elemente hinzufügt und am Ende ein neu kontextualisiertes, klangästhetisches Zitat bleibt, das den Geist des Originals in sich trägt. Diese Vorgehensweise wird bei den “Nyman Reworks” mehr als deutlich. Cooper arbeitete mit dem Stück “Secrets, Accusation and Charges”, das 2009 auf dem Album “The Glare” erschienen ist. Die Stücke dieses Albums basieren auf damals bereits bestehenden Werken von Nyman, die mit den Vocals des Sängers David McAlmont neu eingespielt wurden. “Secrets, Accusation and Charges” stammt zum Beispiel aus dem Score zu dem Film “Gattaca”. Und so stolz Cooper auch ist, das Ausgangsmaterial ärgerte ihn schon ein bisschen. “Mir wurden nur zwei Spuren zur Verfügung gestellt. Zum einen die Gesangsspur von David McAlmont und zum anderen die Instrumentalspur, die sämtliche Instrumente beinhaltete. Das machte die Arbeit sehr schwierig, da ich zunächst das Ausgangsmaterial in unglaublich viele kleine Snippets schneiden musste.”


Foto: Javier Delgado Esteban (Creative Commons Lizenz)

Das Ergebnis davon ist die “Deconstruction”. Bereits hier fällt sofort auf, dass von dem Gesang als solchem nicht mehr viel übrig geblieben ist. “Vocals habe ich schon früher beim Musik hören fast komplett ausgeblendet, sie nur als Sound wahrgenommen, nicht als Sprache. Wenn ich heute mit Vocals arbeite, nutze ich sie eben genau unter dem Aspekt ihrer Harmonik.“ So werden die zerhäckselten Versatzstücke der Gesangslinie harmonisch groovend neu ineinander geschoben und hüpfen im Stakkato über ebenfalls neu arrangierte Streicher und Klavier und die schleppenden Drums. Das mag nach Euphorie klingen, ist im Endeffekt aber noch melancholischer als das Original. Für die “Reconstruction“ hängt Cooper nun diese ganzen Snippets an einen treibenden, für ihn typisch blubbernden Tech-House-Strang, der ganz klar in Richtung Dancefloor schielt. Hin und wieder stolpert dieser Strang über seine eigenen Beats, um danach neue Fahrt aufzunehmen. Auch hier stehen ganz klar die Nyman-Zitate im Fokus, die dem Stück seinen ganz eigenen Charme geben.

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Elektronische Lebensaspekte.