Um das Amsterdamer Label Delsin ist ein ganz eigener Techno-Planet entstanden. Labelgründer Marsel klärt im Interview die Befindlichkeiten, die in Amsterdam die Musikvorlieben bestimmen.
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 96

Musik statt Mythos

Was vor knapp zehn Jahren auf einer Amsterdamer Studentenbude mit einer rudimentären, vor allem Detroit-Techno gewidmeten Website und einem Demo mit einer handvoll Tracks begann, hat sich mttlerweile zu einem der angesehensten Post-Detroit-Label überhaupt entwickelt. Oder wie Dan Sicko, der Autor der Detroit-Bibel “Techno Rebels”, seine Linernotes zur jetzt anstehenden Delsin-Compilation, dem fünfzigsten Release des Labels, eröffnet: No other Label has managed to do it. Und damit nichts anderes meint, als das es Delsin als einzigem Label gelungen ist, sich innerhalb des Detroit-Techno-Universums einen eigenen Planeten zu erschaffen, vielleicht auch ein Paralleluniversum, das nicht nur bloße Kopie ist, sondern seine eigene Geschichte erzählt. Große Worte auf jeden Fall. Wir haben uns mit Marsel, dem Mann hinter Delsin, in Amsterdam getroffen, um der Sache näher auf den Grund zu gehen.

Was fasziniert dich so sehr an Detroit? Waren die Mythen, die sich um Detroit-Techno ranken für dich wichtig, oder ist es wirklich nur die Musik?
Marsel: Es ist wirklich nur die Musik. Alle weiteren Infos habe ich erst viel später bekommen. Als ich mir die ersten Retroactive- und Transmat-Platten gekauft habe, faszinierte mich dieser träumerische, warme Sound, der gleichzeitig so voller roher Energie war. Meine Liebe zu Detroit wuchs über die Jahre noch mehr, als ich feststellte, dass diese Platten viel zeitloser sind als viele der anderen Platten, die ich mir damals gekauft hatte.

Warst du schon mal in Detroit?
Marsel: Nein, ich war noch nie da. Ich wollte immer mal, bin aber nie dazu gekommen. Und jetzt … (überlegt), ich erwarte nicht mehr wirklich etwas von Detroit. Von dem, was ich immer höre, ist es vor allem eine teilweise ziemlich heruntergekommene Stadt. Viele Produzenten wohnen ja auch nicht mehr da. Die neueren Platten aus Detroit sind für mich auch nicht mehr so pur, so wichtig. Mit der so genannten ”Third Wave of Detroit Techno“ konnte ich schon nicht mehr so viel anfangen. Terrence Dixon mal ausgenommen. Es passiert dort einfach nicht mehr so viel Spannendes. Damit will ich nicht sagen, dass es bei uns genau das immer tut. Natürlich sind die frühen Detroit-Sachen die bessere Musik.
Na ja, auf jeden Fall hab ich meine Detroit-Pilgerfahrt im Hinterkopf. Wenn ich irgendwann in die USA fliegen sollte, dann werde ich auch auf jeden Fall dorthin fahren.

Gibt oder gab es bisher denn Feedback aus Detroit?
Marsel: Keith Tucker, der als Optic Nerve ein paar Platten auf Delsin gemacht hat, hat mir erzählt, dass wir einen guten Ruf in Detroit haben. Shake meldet sich auch immer mal wieder und Carl Craig auch. Der hat ja auch eine EP von Newworldaquarium für Planet E lizenziert. Der Kontakt ist schon da.

Wie kam der Kontakt zu Dan Sicko zustande, der ja die Linernotes zur neuen Compilation geschrieben hat?
Marsel: Ich kannte Dan Sicko schon von früher. Ich habe mit ihm zusammen an seinem Buch ”Techno Rebels“ gearbeitet. Damals hatte ich noch mein E-Zine Forcefield.org und er fragte mich, ob ich ihm mit einigen Kontakten zu holländischen Technoartists aushelfen könnte. Nachdem das Buch fertig war, sind wir in lockerem Kontakt geblieben, und als ich ihm die ersten Tracks von der Compilation geschickt hatte, war er ganz begeistert und wollte sofort den Rest der Tracks haben, um die Platte zu reviewen. Ich hab ihn dann einfach gefragt, ob er nicht auch gleich die Linernotes schreiben wolle, und er hat sofort zugesagt.

Was hast du gedacht, als du seinen Text zum ersten Mal gelesen hast? Etwas zugespitzt formuliert behauptet er ja, dass Amsterdam das neue Detroit ist.
Marsel: (lacht) Oh ja, ich war so stolz. Ich wusste durch ein Interview, das er vor knapp einem Jahr mal gegeben hatte, dass er Delsin sehr schätzt. Aber dass er es so formulieren würde, hat mich schon sehr stolz gemacht. Es hat mir auch mal wieder vor Augen geführt, dass Schreiben eine Kunst an sich ist. Ich hätte mir keine besseren Linernotes vorstellen können … Aber ganz abgesehen davon, bin ich mir nicht sicher, ob er diesen Amsterdam/Detroit-Vergleich wirklich so gemeint hat.

Zumindest attestiert er euch, dass ihr den Detroit-Sound nicht nur kopiert, sondern weiterspinnt. Was macht einen Delsin-Track aus?
Marsel: Es sollte nicht zu klassisch sein. Manchmal höre ich einzelne Tracks, die mich an Derrick May erinnern, aber an das Original im Endeffekt nicht heranreichen. Wahrscheinlich kann man das auch für einige Delsin-Sachen sagen, aber ich denke, dass man hören muss, dass man versucht hat, einen Schritt weiterzukommen. Deswegen war ich mir zum Beispiel auch nicht sicher, ob ich die Dynarec-Platten herausbringen sollte. Ich war von Anfang an begeistert, aber die Tatsache, dass sich die Stücke so sehr nach Drexiya und Dopplereffekt angehört haben, hat mich anfangs in meiner Euphorie ein bisschen gebremst. Das ist immer ein schmaler Grad. Im Großen und Ganzen würde ich sagen, dass Delsin mehr ein Label für Zuhause ist. Für den Musikliebhaber.

Das befreit dich dann auch von dem Druck, unbedingt Platten zu veröffentlichen, die auf dem Dancefloor gut funktionieren.
Marsel: In den letzten zwei Jahren hat sich das schon verändert. Ich habe das Gefühl, dass mittlerweile fast nur noch DJs, egal ob professionelle oder Hobby-DJs, Maxis kaufen. Das verändert natürlich auch ein bisschen den Fokus, wenn man sich für einzelne Tracks entscheidet. Wenn ein Artist einen richtigen Dancefloor-Track hat, würde ich nicht mehr bis zum Album warten, sondern ihn sofort auf einer Maxi rausbringen.

Funktionalität scheint aber auf jeden Fall kein wichtiges Kriterium für dich zu sein. Schwebt der Planet Delsin trotzdem auf einer soliden Umlaufbahn?
Marsel: Schon. Mir ist aber irgendwann klargeworden, dass Delsin wahrscheinlich nicht mehr großartig wachsen wird, weil es einfach nur eine gewisse Anzahl von Leuten auf der Welt gibt, die sich für unseren Sound interessieren. Der Markt, auf dem wir verkaufen, ist sehr spezifisch und auch eher klein. Ich habe mir dann gesagt, dass ich glücklich und zufrieden sein kann mit dem, was aus Delsin geworden ist. Dass ich machen kann, was ich will und es funktioniert. Ich habe mich damit abgefunden, dass ich von einer Maxi teilweise nur fünfhundert Exemplare verkaufe. Das Feedback, das Lob entschädigt da auch für vieles. Manchmal frage ich mich trotzdem, ob Delsin nicht doch ein bisschen funktionaler werden sollte. Mehr für den Floor. Aber das bin ich nicht. Ich war immer eher Plattensammler und Musikliebhaber als DJ oder Raver. Ich hatte nie einen Lieblings-DJ, sondern immer nur Lieblingsproduzenten und -labels. Ich war auch nie ein großer Tänzer. Der Teil von Techno hat mich nie wirklich interessiert, auch wenn ich gerne ausgehe. Aber deswegen wird Delsin wahrscheinlich nie ein ”richtiges“ Dancelabel werden, es ist aus einem anderen Geist heraus entstanden. Ich sollte das auch gar nicht versuchen zu ändern.

Du produzierst auch selber …
Marsel: Das hab ich eine ganze Weile auch vernachlässigt, weil ich so viel anderes zu tun hatte. Es kam irgendwie immer was dazwischen. Als die ersten Alben auf Delsin von Future Beat Alliance und Aardvarck herauskamen und auch sehr gut liefen, habe ich meinen Job gekündigt, um mich ganz auf das Label und die Musik zu konzentrieren. Ich habe dann auch meinen Vertrieb nomorewords.net gegründet und mit einigen Leuten Label gestartet. Ich dachte, das wäre eine gute Alternative zu einem normalen Job. Aber das ist mir irgendwann zu viel geworden. Plötzlich hatte ich zwölf Label, um die ich mich kümmern musste: Black Label, Ampoule etc. Wenn es zu sehr zum Job wird, macht es mir auch keinen Spaß mehr. Deswegen hab ich jetzt enstchieden, mich nur noch um Delsin und Ann Aimee, mein Elektronika-Label, zu kümmern. Deswegen auch der Name Planet Delsin. Das ist mein Ort, auf den ich mich immer flüchten kann. Ich will mich neben dem Label jetzt auch wieder mehr aufs Produzieren konzentrieren. Vor kurzem habe ich unter dem Namen Hal Varian eine EP auf New Religion herausgebracht und die Reaktionen darauf haben mich motiviert, wieder mehr Zeit im Studio zu verbringen. Meine Tracks sind auch nicht schlechter als die von anderen. (lacht)

Wie geht es weiter?
Marsel: Kirk Degiorgio hat mir letzte Woche gemailt und mir zum Planet-Delsin-Album gratuliert. Im Oktober startet er sein legendäres ART-Label wieder. Auch mit einer Compilation. Er meinte, vielleicht könnte man ja ein Techno-Revival einleiten mit Planet Delsin und seiner Compilation. (lacht) Ich hoffe, dass es ein Techno-Revival gibt. Aber ehrlich gesagt keimt diese Hoffnung seit zehn Jahren immer wieder mal auf und dann ändert sich doch nichts großartig. Na ja, es ist immer schön, neue Hoffnung zu spüren. (lacht)

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Elektronische Lebensaspekte.