Ein großes Festival elektronischer Musik, ausgerechnet in Detroit, der Geburtsstadt von Techno, wo die Künstler jahrelang weitestgehend ignoriert wurden? Carl Craig machts möglich. Das Detroit Electronic Music Festival ging Ende Mai in die zweite Runde. Doch nicht ohne Querelen.
Text: Ines Ackermann | circonium@snafu.de aus De:Bug 49

Detroit Electronic Music Festival
26. – 28.05.2001

Das Detroit Electronic Music Festival ist für Besucher kostenlos und bietet trotzdem ein hochqualitatives Line-Up. Seit dem letzten Jahr findet es unter künstlerischer Leitung von Carl Craig statt und lockte – auf drei Tage verteilt – mit einem beindruckenden Line-Up von überwiegend Detroiter Künstlern prompt mehr als 1 Million Besucher an. Schauplatz des Festivals war auch dieses Jahr wieder der Hart Plaza, ein großer Platz mitten in Downtown, direkt am Ufer des blau leuchtenden Detroit River, von dessen gegenüberliegender Seite die Skyline von Windsor / Kanada freundlich herübergrüßt. Auf der anderen Seite wird Hart Plaza flankiert von mehreren Wolkenkratzern und dem futuristischen Hochhaus-Komplex des Renaissance-Center. Ein perfektes Szenario für drei Tage Techno. Doch schon im Vorfeld des diesjährigen Festivals gab es einige Auseinandersetzungen: Anfang Mai wurde überraschend bekannt, dass Carl Craig, langjähriger Musik-Akteur in Detroit, als Creative Director des Festivals gekündigt wurde. Pop Culture Media (Medienunternehmen und Veranstalter von Groß-Events) versuchte auf diese Weise, Einfluss auf das Festival zu nehmen und seine offensichtlich kommerziellen Interessen einzubringen. Einige Künstler fanden auf der Bühne deutliche Worte gegen diese Aktion. Grell leuchtende “I support Carl Craig”-Aufkleber auf jedem zweiten Rucksack, Carl Craig T-Shirts, ein riesengroßes Banner mit der Aufschrift “DEMF = Carl Craig” und bereitliegende Unterschriftenlisten gegen Carl Craigs Kündigung waren nur ein Teil der Unmutsbekundungen der Besucher auf dem Festival. Großveranstaltungen in Downtown Detroit gehören ja nicht gerade zur Tagesordnung, und so war das Publikum eine bunte Mischung aus ravenden Kids aus den Detroiter Vorstädten, Musikliebhabern aus aller Welt, allerlei Protagonisten der Detroiter Elektronik-Szene und neugierigen Einwohnern. Unter die Masse mischten sich gelegentlich auch offensichtlich obdachlose Menschen, die sich den Spaß nicht nehmen ließen, einfach mitzufeiern, und sich wunderten, was in der sonst eher verwaisten Detroiter Innenstadt plötzlich passierte. Neben altbekannten Akteuren der “Motorcity”, wie z.B. Inner City, Kenny Larkin, DJ Dijital, Terrence Parker, K.Hand und Suburban Knight tummelten sich dieses Jahr viele Künstler aus geographisch und stilistisch anderen Gegenden auf den vier auf dem Platz verteilten Bühnen: Autechre, Kit Clayton, Tortoise, Jazzanova, Nobukazu Takemura oder Mix Master Mike spielten auf den zahlreichen Bühnen oder auf den Parties, die rund um das offizielle Festivalprogramm stattfanden.

Große Momente gab es am laufenden Band. Titontons Live-Set zum Beispiel: Unterstützt von Drummer, Sängerin und Violinist endete das Set mit einem großartigen Keyboard-Solo und bekam als Zugabe einen öffentlichen Heiratsantrag für die Sängerin, die von einem vor ihr knieendem jungen Mann den Ring an den Finger gesteckt bekam. Zu Autechre strömten soviel Menschen, dass das Areal um die Bühne vorübergehend abgesperrt werden musste, um die Sicherheit zu gewährleisten. Juan Atkins brachte am letzten Festivaltag mit einem DJ-Set voller Elektro- und Detroit-Techno-Klassiker alles noch einmal auf den Punkt. Eine atemberaubende Kulisse: Schon fast dunkel, Kraftwerks “Trans Europe Express” tönt aus den Lautsprechern, tausende Menschen feiern vor der Bühne riesige Blitze erleuchten von fern den Nachthimmel. Derrick May stand anschließend auf dem Plan und sollte sozusagen das glorreiche Ende des diesjährigen Festivals bilden. Oder doch nicht? Denn plötzlich brach ein Hagelsturm herein, begleitet von heftigen Windböen und dichtem Regen. Auf der Bühne ging das Licht aus, die Musik verstummte, Lautsprecher und Technik wurden hastig mit großen Plastikbahnen eingehüllt. Der eben noch gedrängt volle Platz vor der Bühne leerte sich schlagartig, viele überkletterten die Absperrzäune und suchten in der Nähe Schutz. Eine dreiviertel Stunde lang warteten die Leute trotz anhaltenden Regens, riefen, pfiffen. Dann irgendwann ertönte aus dem Dunkel die Stimme von Derrick May, der das Festival aus Sicherheitsgründen für sofort beendet erklärte, sich bei den Besuchern bedankte und alle nach Hause schickte. Zu erwähnen sei noch die offizielle Ehrung, die die drei “Innovatoren” Juan Atkins, Derrick May und Kevin Saunderson auf der Hauptbühne im Namen des Bürgermeisters überreicht bekamen (ist demnächst Wahlkampf?). Auch Carl Craig erhielt eine Anerkennung für seine Leistungen im Zusammenhang mit dem Festival.

Dass das Festival auch nächstes Jahr wieder stattfinden wird, steht bereits fest. Ob es sich jedoch lohnt, dann wieder nach Detroit zu fliegen, wird sich zeigen, denn noch ist die Auseinandersetzung um den Posten des Creative Directors und den Einfluss von Pop Culture Media und Sponsoren auf die musikalische Qualität nicht endgültig entschieden.

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Elektronische Lebensaspekte.