Das Duo verschneidet für "Tryptych" sphärische Sounds und okkulte Videofetzen
Text: Christian Blumberg aus De:Bug 149

Demdike Stare

Demdike Stares dreistündige Werkschau ‘Tryptych’ ist ein rätselhaftes und erhabenes Stück Musik. Voller popkultureller Querverweise arbeitet das nordenglische Duo vor allem an einer Übertragung der Ästhetik älterer Horrorfilme in Musik. Das klingt, angesichts einer Popkultur, die sich gegenwärtig gerne wieder schwarz kleidet, zunächst sehr nach Zeitgeist. Im Falle Demdike Stare verbirgt sich dahinter jedoch eine beinahe schon ideologisch zu nennende Motivation.

Beginnen wir mal mit der Sachlage: Die Mother Demdike (bürgerlicher Name: Elizabeth Southerns), die nach eigenen Angaben gegen Ende des 15. Jahrhunderts Blut und Seele mit einem bösen Geist namens Tibb getauscht hatte und infolge dessen über allerlei todbringende Hexenkünste sowie eine überschaubare Gefolgschaft anderer lokal ansässiger Hexen verfügte, starb 1612 in einem Kerker zu Lancashire, England.

Es war bereits viel Gras über die Sache gewachsen, als Sean Canty (Betreiber des Labels Finders Keepers) und Miles Whittaker (aka MLZ sowie Part von Pendle Coven) telefonisch beschlossen, einen Soundtrack zu einem möglichen Horrorfilm zu produzieren und unter dem Namen Demdike Stare zu veröffentlichen. Denn ihre Musik sollte sich eben so anfühlen wie der unbarmherzige Blick einer Hexe. Am Ende ist etwas mehr daraus geworden als bloß ein Soundtrack.

”World“
2010 sind bei Modern Love, der feinsten Adresse für britischen Dubtechno, gleich drei Demdike-Stare-Alben erschienen. Bislang nur auf Vinyl, werden ”Forest of Evil“, ”Liberation Through Hearing“ und ”Voices Of Dust“ – so ihre klangvollen Namen – als Quasi-Trilogie nun auch als Dreifach-CD veröffentlicht. Das 170-minütige Werk namens ”Tryptych“ überzeugt durch einen originären, vor allem aber überwältigenden Klangkosmos. Keine Übertreibung. Diese Geistermusik ist eine Amalgamierung aus Ambient und Dub, aus Library Music, frühen Synthesizer-Arbeiten und Samples, denen man am ehesten den Stempel ”World“ aufdrücken könnte, vorzugsweise aus dem mittleren und dem fernen Osten stammend.

Und all das in seiner denkbar düstersten und okkultesten Ausprägung. Einsam summende Vintage-Synthesizer gibt es ebenso wie perkussive Passagen. Dabei bleiben die Tracks immer unberechenbar: Nicht selten gibt es ein plötzliches Aufbrausen, wo eben noch pastorale Ruhe herrschte. Die Genreschubladen lässt man also lieber gleich zu und bestaunt stattdessen die erratische Qualität dieser Musik. Pate standen 60-Jahre-Avantgarde bzw. Underground: Die Protagonisten des BBC Radiophonic Workshop ebenso wie Asmus Tietchens, Eno oder Xenakis, vor allem aber B-Movies der gröberen Machart.

Die ganze Welt der ”Video Nasties“ vom Giallo bis zum Splatter begleitet als filmische Collage nicht nur jede Live-Performance des Duos, sie hallt auch in dessen unnahbarer Musik nach. Und das meint nicht die sleazy Soundtracks etwa eines John Carpenters, sondern eher das Gefühl körperlicher Bedrohung, die solche Filme durchdeklinieren. Und weil eben von Weltmusik die Rede war: Das Sample eines orientalischen Bellydance funktioniert hier nicht als exotische Garnierung handelsüblicher Beats; schon gar nicht dient es der regionalen Kulturvermittlung: Bei Demdike Stare klingt es wie ein spiritistisches Beschwörungsritual.

Diggen
Miles und Sean kennen sich seit 15 Jahren und teilen vor allem eine Leidenschaft für das Diggen (pop-)kultureller Abseitigkeiten. Ergo ging es bei Demdike Stare bald nicht mehr um den Horror-Soundtrack, sondern um ein möglichst umfassendes Bündeln gemeinsamer Vorlieben. Dennoch wollen Whittaker und Canty ihre Platten nicht als Zitatpop verstanden wissen, eher schon als eine Art Library einer unsichtbaren Popgeschichte. Wer hinhört, wird die Ansicht teilen, dass Demdike Stare mitnichten einen eklektischen Flickenteppich oder eine weitere postmoderne Pastiche gewoben haben.

Was gemeinhin als Einfluss kategorisiert wird, soll in diese Musik weniger einfließen, sondern ganz bleiben. Es geht ausnahmsweise mal nicht um die Summe der einzelnen Teile, sondern um ihr Nebeneinander, vielleicht sogar ein Miteinander. Demdike Stare basteln an nicht weniger als einer Multitude der Klänge im Sinne einer Zusammenarbeit autonom bleibender Teile. Und schon hat man den Salat: Demdike Stare haben eine politische Dimension. Und wenn sich ihre Platten noch so gut anhören, so stellt sich spätestens jetzt die Frage, was das Ganze eigentlich soll.

Demdike Stare 2

Tibetisches Totenbuch
Eine eindeutige Antwort wird es freilich keine geben. Fragen muss man trotzdem. Vor allem angesichts der Fülle von Zeichen, die Demdike Stare in Track-Titeln und Artwork noch zusätzlich mitliefern und die vor Symbolismus nur so strotzen. Durch das Bild des Triptychons betonen Demdike Stare vor allem das zweite Album, das auf diese Weise als Kern von den anderen flankiert wird. Es heißt ”Liberation Through Hearing“. Da mag beim ein oder anderen die Nazi-Alarmglocke anschlagen (möglich, dass das sogar gewollt ist). Der Titel rekurriert jedoch auf das Tibetische Totenbuch, jenes buddhistische Einmaleins der Wiedergeburt, in dem man gewisse Interimszustände zwischen Leben und Tod beschrieben findet.

Solche Zustände prägen auch die Namen der Tracks: Gleich der erste heißt ”Caged in Stammheim“. Man muss schon rein biologisch argumentieren um Isolationshaft als einen Zustand des Lebens zu begreifen. Zweiter Titel: ”Eurydike“, zwischen Totenreich und Alltag wandelnde Nymphe. Nächster Titel: ”Regolith“: geomorphologischer Begriff für arg verwitterte Gesteinsschichten diverser Planeten. Äh. Wie bitte? Besieht man das Cover (sechs Bilder, sechs Tracks, sechs Phasen der Wiedergeburt), entdeckt man: ein Auge, ein gezeichnetes Auge, ein ausgeschnittenes Paar Augen, eine Miniatur-Wünschelrute sowie einen entblätterten Baum. Aha.

Einzig gesicherter Befund: Auch für ihren Metatext bedienen sich Demdike Stare der Logik des Horrorfilms, die da lautet: Scheiß auf Logik. Canty und Whitaker haben das zum Prinzip erhoben. Übrigens im Gegensatz zu vielen, die unter Labels wie Witch House etwas abhaben wollen von der großen Wiederkehr des Gothic, der 2010 als Über-Hype endgültig wieder salonfähig geworden ist. Das Demdike’sche Triptychon ist ein einziges Rätsel. Und wer Rätsel aufgibt, muss noch lange kein Lösungsheft mitliefern.

Evil Empire
Die beiden Produzenten lassen sich ihren Text nicht enträtseln. Jede mit dieser Absicht ausgestattete Frage bleibt konsequent unbeantwortet. Konzeptionell aber geht da schon mehr. Der Begriff der Politik ist ja bereits gefallen. Die demokratischen Arrangements der Musik von Demdike Stare sind dabei aber nur ein Aspekt. Ein anderer ist die dezidiert linke Positionierung ihrer Erfinder. Miles Whitaker schimpft leidenschaftlich über die Hochglanzwelt der Popkultur.

Es offenbaren sich da mitunter etwas überkommen anmutende Vorstellungen von Underground (“real”) versus Mainstream (“fake”) und von einer Kulturindustrie als Teil eines Evil Empires. Popkünstler aus der Sicht von Whitaker: in der Mehrheit nichts als ökonomisch überformte Körper. Der Underground sei zwar “genauso falsch”, aber doch zu bevorzugen, weil tendenziell naiver und aufrichtiger – und somit irgendwie doch noch mehr in der Realität geerdet. Weil es dort alles in allem einen Hauch menschlicher zugeht, darum begeben sich Whitaker und Canty sozusagen in die Welt der kulturindustriellen Abfallprodukte, in die Welt der schäbigen kleinen Splatterfilme und der unterproduzierten Noise-Cassetten – kurz: an die Orte, an denen die Eingemeindungswut des bürgerlichen Kulturkanons noch nicht zugeschlagen hat.

Eine Lesart, in der sich auch mit dem anti-aufklärerischen Rumoren einer Ästhetik des Horrors prima Politik machen lässt: Erst im Geschundensein bekommt der Körper sein Natürliches zurück, das ihm im Laufe seiner Kultivierung immer mehr abhanden gekommen ist. Und so soll auch die Musik von Demdike Stare ein Erfahrungsraum sein, der nicht von vornherein kulturell verstellt ist. Demdike Stare: adornitisch geschulte Romantiker, gute Menschen.

Demdike Strae, Tryptych, ist auf Modern Love/Boomkat erschienen.

http://www.modern-love-co.uk

6 Responses

  1. Demdike Stare: Hexenmusik mit Zeitgeist und Ideologie | GBA News

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  2. XLR8R Podcast: Demdike Stare « in defense of lost causes

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