Konsequenzen der Entmaterialisierung von Musik
Text: Sebastian Schwesinger aus De:Bug 160

Als 1996 die amerikanische Unterhaltungsindustrie das Konzept der Celestial Jukebox vorstellte, klang das alles noch wie ein Märchen. Alle Medieninhalte “on demand”, “anytime”, “everywhere”?! Was damals noch Zukunftsmusik war, hat sich heute mit der Cloud-Musik realisiert. Damit scheint nicht nur die letzte Widerständigkeit des Materials endgültig überwunden, sondern auch das vielbesungene Lied der Demokratisierung der Musikkultur zu seinem Finale anzusetzen.

“Digital ist besser” sagten sich Mitte der 90er nicht nur Tocotronic, sondern auch jeder, dessen schmales Portemonnaie nicht mehr als ein virtuelles Schlafzimmerstudio ausspucken konnte. Fehlte noch ein Streichersatz, gab es die entsprechende Library aus dem Freundeskreis, der sich zum Glück nicht mehr nur aus Gleichgesinnten aus dem Nachbarort rekrutierte. Das MP3 als Standardmusikformat und der Computer als Stereoanlagensubstitut ließen die nächste Hürde, namentlich die Tonträgerherstellung, verschwinden und jetzt fällt mit der Distribution auch der letzte Baustein einer traditionellen Musikvermarktungskette in sich zusammen. Genau wie es nie einfacher war, Musik zu produzieren und unters Volk zu bringen, gab es auch nie einen so unbeschränkten Zugang zu Musik. Die Frage, wo die Datei ist, hat sich erübrigt, denn die Cloud ist stets schon da, bevor man fragt – online, immer und überall. Zumindest potentiell. Zwar gerät der Stream der Demokratisierung an dieser Stelle etwas ins Stocken, aber welche Revolution war schon jemals perfekt? Wer kann verlangen, dass ich in der Uckermark wirklich auf die Tshetsha Boys aus Südafrika zugreifen kann? Dennoch erfüllt sich für die meisten der Wunschtraum einer Celestial Jukebox, mit der man stets ein unendliches Arsenal an Musik im Gepäck hat.

In der Streichholzschachtel durch die Milchstraße
Genau diese Opulenz jedoch birgt die Heraus-forderung für den Nutzer. Bisher sah man in der Cloud eher ein Sinnbild der überquellenden Musikabspielmaschine. Ein nicht abreißender Strom an Uploads machte die Sound- und Videoclouds zu buchstäblich nebulösen Gebilden. Für die Plattensammlung hatte man sich noch ein eigenes Ordnungssystem erdacht, auch die MP3-gefütterte Festplatte konnte man zumeist noch irgendwie bewältigen. Doch wer kann die neue, zum Bersten gefüllte Jukebox noch bedienen? Allein das Durchblättern der unzähligen Seiten würde mehrere Leben in Anspruch nehmen. Die erste Generation von Cloud-Diensten, wie die mittlerweile verschmolzenen Anbieter Napster und Rhapsody, versuchte nur zaghaft und von nicht besonders viel Erfolg gekrönt, der Überforderung des Konsumenten entgegenzuwirken – meist mit Top-Listen oder radiobasierten Empfehlungsstrategien. Doch wie man in der Cloud wirklich interessante und unausgeschrittene Wege gehen kann, bildeten diese Mechanismen noch nicht ab. So streifte das verlorene Musiksubjekt meist nur über Suchmasken und Playlists durch die unerschöpfliche musikalische Objektwelt. Vor allem auf mobilen Endgeräten navigierte man sich bisher mit einem Sichtfenster im Streichholzschachtelformat durch ein gefühlt milchstraßengroßes Universum. Was fehlte, war die richtige Orientierung. Die soziale Komponente des Musikkonsums wurde mit dem Erfolg sozialer Netzwerke von der Musikbranche wiederentdeckt. Und so ist es kein Wunder, dass die junge Konkurrenz wie Deezer, Rdio, etc. auf die konsequente Integration von Facebook setzt. Auf diese Weise scheinen sich Mechanismen zu finden, um die diffuse Wolke wirklich nutzbar zu machen. Denn so verlockend die Potenz einer unendlichen Musikbibliothek ist: Letztere will auch erschließbar sein.

Die Sozial-Cloud
Das X-Millionen-Songs-Geprahle der Cloud-Dienste ist zum Standard geworden, der eigentliche Mehrwert der Marktneulinge ist aber auf der sozialen Seite des Konsums zu finden. Nicht nur wie viel Musik man konsumieren kann, sondern vor allem wie man seine Freunde trifft und mit ihnen neue Musik findet, ist zum schlagenden Verkaufsargument geworden. In einer digitalen Umwelt soll es dem Ego so möglich gemacht werden, seinen früher in Plattenmetern und Spezialmusikwissen gebundenen Fetisch irgendwie kompensieren zu können. Unabhängig davon, ob das Sozialsubjekt nun als musikalischer Leitwolf seines Freundeskreises auftritt oder selbst seinen Lieblingskritikern folgt, die bekannte soziale Dynamik ist in der Cloud angekommen. Nicht länger dient die Wolke der musikaffinen Netzgemeinde nur als Datenbank oder Abspielautomat für die an anderer Stelle gelebte Diskussion. Je mehr die Cloud zum Netzwerk wird, desto besser scheint sie also zu funktionieren.

Offen exklusiv?
In der Cloud verschränken sich viele der Musikdienste, die früher von anderen Akteuren angeboten wurden. Der Plausch im Plattenladen wird zum Echtzeit-Chat im sozialen Musik-Netzwerk, dem Kritiker des Lieblingsblogs folgt man in der Fachabteilung der Cloud und das gute alte Radio hat in kollektiv-intelligenter Form sowieso schon längst den Weg dorthin gefunden. Es scheint sich die von Marshall McLuhan erkannte Weisheit zu bestätigen, dass in neuen Medien stets zunächst die alten abgebildet werden. Auch wenn sich in Zukunft sehr viel mehr Leben in der Wolke selbst abspielt, kann sich vor allem eine einzelne Cloud nie zum Komplettintegrat der Musikkultur, zum alleinigen Ort allen musikalischen Umgangs aufschwingen. Um für Innovationen empfänglich zu bleiben, muss sie an ihren Rändern durchlässig bleiben, zum Beispiel für die Verbindung mit Freunden aus Konkurrenzdiensten oder fremde App-Nutzungen. Das wiederum stellt die Betreiber vor eine große Herausforderung. Denn wenn die Attraktivität ihrer Dienste von deren Offenheit und Kompatibilität abhängt, steht ihr Geschäftsmodell des exklusiven Cloudzugangs auf wackeligen Beinen. Und das ist auch der letzte Stolperstein, der die euphorischen Demokratisierungsgefühle noch dämpft. Patrick Burkhart beschreibt dies in seiner Untersuchung zu “Music and Cyberliberties” als den ambivalenten Erfolg von Cloud-Diensten: Wenn das Musiksubjekt zum Nutzer oder Client degradiert wird, lacht sich der Gatekeeper ins Fäustchen. Denn wer den Zugang zur Cloud kontrolliert, hat sowohl den Musikmacher als auch den Musikhörer am Haken. Wer seine Kulturflatrate nicht zahlt – egal, wie erschwinglich sie mittlerweile auch geworden ist – oder gegen die Regeln spielt, ist draußen. “Hey! You! Get off of my cloud!”

Fotos & Konzeption: Rachel de Joode
Assistentin: Anna Massignan

2 Responses

  1. Pino Grzybowsky

    …kann es denn so schwer sein, die Künstler angemessen zu bezahlen? Hallo Youtube, GEMA, iTunes und vor allem Beatport, deren (Beatport’s) Geschäftsgebaren eher an Wegelagerei erinnern – kommt endlich in der Gegenwart an, die Zukunft hat schon begonnen.