Es liegt ein tiefer Graben zwischen dem klassischen Konzertsaal und der Technobühne? Nicht für den amerikanischen Kompositionsstudenten und Technoproduzenten Dennis DeSantis, der mit Notenpapier und Laptop hin- und herspringt. Angst hat er nur vor falschen Fusionen und kontemplativer Erstarrung.
Text: Alexis Waltz, Katja Kynast aus De:Bug 62

Techno

Somewhere im Konzertsaal
Dennis DeSantis

Plötzlich tauchten beim eher experimentellen Kanzleramt-Offshot K2o diese wunderbar knisternden Berlin-Detroittracks auf, die uns an Lieblinge wie Aril Brikha oder “The Deepest Shade of Techno” denken ließen. Vor dem Interview mit deren Produzent Dennis DeSantis horchten wir in Google. Und wer antwortete? Die Financial Times – “Frisch und lebendig!” und die New York Times – “Brillant” und der San Francisco Chronicle – “Ein Triumph des Ensemble-Spiels!” Triumph des Ensemble-Spiels? Katja Kynast und Alexis Waltz fragten nach.

Vor seiner Abreise nach Deutschland verabschiedet sich DeSantis in seinem Internet-Tagebuch vorsorglich von seiner Leserschaft: Er wisse nicht, wann er wieder ins Internet komme. Soll heißen, wenn er sich eine Zeit lang nicht melde, muss es nicht daran liegen, dass deutsche Raver nach 20 Pillen Appetit auf New Music-Komponisten kriegen. Der Kulturschock ist ein anderer. DeSantis spielt hier vor Leuten, die sich um einiges besser als er, der jahrelang Musikgeschichte studiert hat, mit Techno auskennen. Und er hat mit Menschen zu tun, die nicht an der Uni lehren und dennoch von der Musik leben können. In seinem Umfeld in den USA wäre dies beides für DeSantis undenkbar. Nach seinem Master in Yale schreibt er nun seine Dissertation, eine Oper, an der Eastman School of Music in Rochester, NY. Mit ehemaligen KommilitonInnen bildet er das KomponistInnen-Quartett Minimum Security, auf deren Website sich volle Subjekte in Schwarz-Weiß-Photographien präsentieren. Zudem interpretierte er als Perkussionist im Alarm Will Sound–Ensemble Steve Reichs “Music for a Large Ensemble”, wofür sie sich obige Kritiken abholten.

Befreiung aus dem Referenz-Empire

Techno produziert DeSantis erst neuerdings, im Juli veröffentlichte k2o das Debut-Album “Clock Wise”. Hier wird an Detroit- und Basic Channel-Sounds das Flächige, Positive herausgearbeitet. Die Dubs verharren dabei immer im Melodischen, sie bilden zwar einen Hintergrund, aber verhallen nie. In der Abgrenzung gegen Dub-Mystiken ist DeSantis bei aller Offenheit sehr genau und insistierend. Strings, Flächen und Basslines, die dem Floor eine andere Konsistenz geben, verschenkt DeSantis, als habe er sie zuhause säckeweise, trotzdem entstehen niemals fahrige Momente. Sein Umgang mit den Dubs ist wieder mal eine technoide Befreiung aus dem Referenz-Empire. Paradoxerweise ermöglicht der verinnerlichte Formalismus Desantis, letztlich großzügiger mit dem Material umzugehen. Ob er demnächst ein formalistisches Percussion-Stück komponiert, eine Techno-, eine Drum and Bass-Platte produziert oder einen Popsong schreibt, ist ungewiss, weil er aus keiner Szene heraus agiert. Er denkt/ produziert nicht in Kategorien von Intervention und Revolution, das heißt eine Techno-Oper steht nicht an.

Debug: Wie hast du angefangen Techno zu produzieren?
DeSantis: Ich habe Anfang der 90er mit dem Sequenzer von Tanguerine Dream beeinflusste, elektronische Musik gemacht. Aber ich wusste nicht, was ich tat. Dann in der Universität habe ich klassische Musik und Noten auf Papier geschrieben. Vor ein paar Jahren bin ich zur elektronischen Musik zurückgekehrt, habe ein Studio aufgebaut, mehr Techno gehört. Richtige Technotracks mache ich aber erst seit einem Jahr. Ich habe ein paar Tracks auf mp3.com gestellt und schöne Emails bekommen. Ich habe einige Demos verschickt, mir Gedanken über Labels gemacht, die ich mag. Ronny [von K2o] war am engagiertesten und realsten.

Debug: Wird das, was du hier tust, deine Oper beeinflussen?
DeSantis: Auf jeden Fall ist meine klassische Musik mehr von Techno beeinflusst als andersherum. Obwohl mir immer wieder jemand sagt: Ja, dein Techno klingt, hättest du die Akademie besucht. Ich glaube nicht, dass ich das will.

Debug: Wie beeinflusst deine musikalische Ausbildung deine Produktionsweise?
DeSantis: Ich versuche einfach hinzuhören und mit dem, was ich höre, mitzugehen. Offensichtlich hilft es aber, dass ich meine Hände nehmen kann und weiß, was ich spiele, dass ich hören kann, wie sich das, was ich spiele, mit anderen Sachen in Beziehung setzen wird. Aber ich versuche nicht, eine Struktur vorherzubestimmen. Das mache ich in meiner klassischen Musik auch nicht. Ich versuche, nicht zu viel über meine Ausbildung nachzudenken. Ich habe Angst, dass meine Musik zu selbstreferentiell wird.

Affekt statt Kontemplation

Debug: Worin besteht für dich der Unterschied, ein klassisches oder ein Dancefloor-Publikum zu affizieren?
DeSantis: Das geht mit Techno viel schneller und auch auf einem tieferen Level, diese unmittelbare, sinnliche Beziehung zwischen der Musik und dem Hörer. Klassische Musik will, sie versucht es zumindest, zur Kontemplation anregen. Und dann gibt es diese eklige Distanz zwischen dem Publikum und dem Musiker. Ich hasse das.

Debug: Sie können ihre Affekte nicht kommunizieren?
DeSantis: Genau. Es ist keine Sache, die in beide Richtungen verliefe. Wenn ich Techno spiele und da etwas richtig mache, fangen alle an zu schreien. Wenn ich was falsch mache, verlassen sie die Tanzfläche. Und das ist gut so. Ich mag dieses Konzept des Musikers als Heiligen nicht und auch nicht die Selbstverteidigungskonzepte, die Neue Musik für sich ausgearbeitet hat. Wenn es heißt, gefällt euch ein Stück nicht, habt ihr es nur nicht verstanden. Dennoch liebe ich es, klassische Musik zu spielen, aber es ist ein anderes Mind-Set. Ich glaube, da sind überhaupt wenig Ähnlichkeiten, vielleicht ist das mein Fehler, dass ich die Verbindungen nicht sehe. Vielleicht sollte ich mich mehr um die Ähnlichkeiten kümmern. Aber es interessiert mich überhaupt nicht, ein Technostück für Orchester zu machen oder ein klassisches Stück für Sequenzer. Das würde sich nur dumm anhören. Vielleicht liege ich falsch, aber ich sehe keinen Weg, wie Techno für Live-Musiker funktionieren könnte. Denn etwas, dass Techno zu dem macht, was es ist, ist die Tatsache, dass der Rhythmus perfekt ist. Wenn du die Kickdrum auf jeden Beat legst, wird die Kickdrum auf jedem Beat sein. Da gibt es keine Veränderung. Das ist essentieller Bestandteil von Techno, Menschen können so nicht spielen.

Debug: Einige Leute auf der Tanzfläche haben mehr Platten gehört als du. Was denkst du darüber?
DeSantis: Es ist demütigend für mich, hier zu sein. Die Leute von Kanzleramt, mit denen ich hier bin, haben ein enzyklopädisches Wissen. Es ist komisch, ich habe Jahre damit verbracht, Musikgeschichte zu studieren. Ich versuche aufzuholen. Ich hoffe, es war kein Fehler mit dem Produzieren anzufangen, ohne genug Platten gehört zu haben. Es besteht das Risiko, was zu machen, dass wie alles andere klingt. Ich hoffe, das ist nicht passiert. Ich höre jetzt auch immer mehr. Es gibt so viel guten Techno und Drum and Bass und Hip Hop und alles.

Debug: Warum war der deepe Detroit-Sound wie Kenny Larkin oder Aril Brikha für deinen Anfang so wichtig?
DeSantis: Etwas in ihrer harmonischen Sprache erinnert mich ein bisschen an Jazz. Sie verwenden Harmonien, die mich in jeder Musik interessieren. In diesem Sinne gibt es eine Verbindung zwischen meiner klassischen Musik und meinem Techno. Die Harmonien, die ich benutze, sind oft ähnlich. Ich habe alle möglichen Musikgenres gehört und manche Sachen springen mich einfach an. Viel davon waren Detroit- und Berlin-Sachen.

Debug: Was strebst du in der Neuen Musik an? Was passiert da so?
DeSantis: Ich habe keine Agenda. Agendas können für Musiker sehr gefährlich sein, aber meine meisten Sachen sind rhythmisch sehr lebendig und auf eine Art unterscheidet es sich nicht so von meinem Techno. Ich benutze Pattern, aber normalerweise Pattern von ungleichmäßiger Länge, die sich gegenseitig verschieben. Die meisten meiner Stücke sind für klassische Konventionen recht kurz, sieben oder acht Minuten. Ich mag mir keine halbstündigen Stücke anhören, also versuche ich es auch nicht selbst. Die Oper ist ziemlich lang, eine Stunde, aber aufgeteilt in 16 Szenen. Ich schreibe viel für Schlaginstrumente, weil Percussionisten einen besseren Rhythmus als die meisten anderen Musiker haben und meine Musik rhythmisch sehr fordernd ist. ich konzentriere mich auf Rhythmus und Harmonien und weniger auf Melodien. Und ich mag rhythmische Spielereien, wie feste Pattern mit einem Regelsystem, wo bei jeder Wiederholung die Pattern ein wenig kürzer werden, bis sie Ineinanderfallen und sich woanders wieder entfalten. Es leiht sich viel von der amerikanischen minimalistischen Schule, Reich ist sehr wichtig, Ligeti und Bartok.

Debug: Wäre es für dich interessant in anderen Genres zu arbeiten, Songs zu schreiben z.B.?
DeSantis: Ich will auf jeden Fall auch andere elektronische Sachen machen. Sehr gern eine experimentellere Platte und auch eine Drum and Bass-Platte, was in der Szene passiert, ist unglaublich. Einen Popsong? Sicher, was auch immer. Wo ich aufgewachsen bin, hat man sich nicht viel mit Genre-Beschränkungen aufgehalten. So sehe ich es jetzt auch noch. Ich bin kein Techno-Produzent und kein New Music-Komponist. Ich bin nur jemand, der Musik mag. Wirklich.

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Elektronische Lebensaspekte.