Kunst statt Handwerk
Text: Leonhard Lorek aus De:Bug 109


Die beiden ehemaligen Mitglieder von “Ornament & Verbrechen” schöpfen auf ihrem zweiten Album technisch aus dem Vollen, um sich dem menschlich Unbestimmten zu nähern. Das ist gefährlich schön.

Parport, Paraport, Parallelport, schlichtweg: Parallelschnittstelle; Modem und Drucker wurden früher über eine solche an den Rechner angeschlossen. Inzwischen ist der Paraport eine vom Aussterben bedrohte technologische Option und somit selten. “Selten“ wiederum ist genau das Attribut, mit dem die Musik von Denzel & Huhn belegt werden kann. Und das aus verschiedenen Gründen.

Bis in die 90er hinein spielten Bertram Denzel und Erik Huhn mit Brad Hwang sowie Ronald und Robert Lippok bei Ornament & Verbrechen. Schaut man sich heute die aus diesen Ansätzen resultierenden Projekte an, also auch To Roccoco Rot und Tarwater, so ist allen, neben dem Umstand, dass sie Rock’n’Roll-resistent sind, vor allem eines gemeinsam: der auffällige Respekt vor Musik als Kunstform.

Bei Ornament & Verbrechen sind in der anbrechenden Post-Punk-Ära Leute aufeinander getroffen, die mehr Künstler als Musiker, oder genauer: Musikanten, waren. Erik Huhn: “Das brachte andere Sichtweisen mit sich, und auch andere Umgangsformen. Handwerksmusik eröffnete nie die Optionen, die Rechner und Samples bereithalten. Das Feld ist sehr weit offen.” Auch Denzel hat nicht das Gefühl, dass die Mittel ausgereizt sind. Auf “Time Is A Good Thing“ haben die beiden ihrer Affinität zum Technischen freien Lauf gelassen; es schien damals so, als würden sie der Beseeltheit von Geräten nachspüren, nur eben nicht auf die naive Art, wie es Laptop-Jungs für gewöhnlich tun: Denzel + Huhn haben sich in den Labyrinthen von Möglichkeiten, die Technologie aufmacht, nicht verlaufen. Sie wussten, was sie tun: Die 15 Tracks auf “Paraport” sind um einiges gefährlicher, aber auch schöner als die auf dem Debütalbum. Die Frage, warum zwischen den beiden Produktionen vier Jahre liegen, beantwortet Bertram Denzel amüsiert: “‘Time is a good thing’ … jetzt haben wir wieder was zu sagen.“

Nun denn: Auf ihrem aktuellen Album scheinen die beiden Berliner mehr daran interessiert zu sein, das menschlich Vage als das technisch Unerforschte auszuloten. Reife Leistung: Das Album transportiert Musik für die stabile Psyche; für eine, die sich darauf einlassen kann, verunsichert zu werden. Kunst vermag so etwas durchaus zu leisten. Und egal wie dicht hier der, formal minimalistische, Stoff gepackt ist: Das Album als solches ist nicht hermetisch. Es ist offen, luftdurchlässig. Die Musik okkupiert nicht. Wären Denzel + Huhn Rock’n’Roller, würde dem Spannung assoziierenden Auftakt zum Album ein furioser, raumgreifender Track folgen. Nur sind sie keine: Bei ihnen wird die Spannung von einem semielektrischen Sediment aufgesaugt, verschluckt, und hält über die gesamte Albumlänge an. Das hat Folgen: Folgen vom Feinsten.
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Elektronische Lebensaspekte.