Send me an angel
Text: Michael Döringer aus De:Bug 163


(Foto: Xan Shian)

Der Keyboard-Maestro d’Eon ist ein alter Freund von Claire Boucher alias Grimes und füllt mit seinem neuen Album “LP” die weirde Popabteilung Marke Montreal um ein weiteres Prachtstück. Sakrale Vintage-Synths und R’n’B treffen auf digitale Esoterik und münden in theosophischen Hymnen für die an ihrem Glauben zweifelnde Internetgemeinde. d’Eon aber fühlt sich aber mehr zum Floristen als zum Popstar berufen.

Seht ihn euch an, den Zottel. Komischer Vogel. Man erkennt ihn vielleicht wieder, vom Cover seiner EP “Dark Bloom” zusammen mit Grimes. Waren es solche Sprüche, die den bärtigen Chris d‘Eon und seine lockige Naturmatte so gekränkt haben, dass er bei seinem neuen Album alle persönlichen Referenzen aus dem Artwork tilgen wollte? Es bleiben alleine die goldenen Buchstaben “LP” unter einer Kirchenmalerei im spätgotischen Stil, die die biblische Verkündigungsszene mit Maria und dem Engel Gabriel darstellt. “Ich wollte das optische Gegenteil der EP machen”, sagt d‘Eon. “Niemand soll sich Gedanken darüber machen, wie ich aussehe, oder sich über meine Klamotten oder Haare das Maul zerreißen. Hier sind meine Songs, alles andere zählt nicht.” Der 1985 geborene Kanadier meint das gar nicht so snobby, wie es klingt, aber offensichtlich ist er empfindlich, was Reaktionen auf sein Äußeres angeht. Dass er so kein Popstar wird, weiß er selbst: “Ihr Weg ist definitiv ein ganz anderer als meiner”, sagt er über seine gute Freundin Grimes. “Mir würde schon die körperliche Kraft fehlen, um so viel zu touren und das alles zu schaffen. Mein Herz würde das nicht mitmachen.” Er leidet an Bluthochdruck und ein Leben als herumreisender Musiker ist fast ausgeschlossen. Das notwendige Geld möchte er lieber mit ganz einfachen Sachen verdienen, als Florist: “Darüber habe ich in letzter Zeit viel nachgedacht. Blumen zusammenzustellen ist so schlicht, ruhig und friedlich. Ich könnte dann einen normalen Beruf haben, und trotzdem etwas Elegantes machen. Und danach Musik machen und sie veröffentlichen wie ich will.”

Dass Komponieren für ihn der schönste Teil der Musik ist, zeigen seine gerade erschienenen Mixtapes: “Music for Keyboards Vol. I & II”, sehr meditative, instrumentale One-Take-Variationen, die an klassische Minimal Music und romantischen New-Age-Kitsch erinnern, und die Hommage an Steve Reich schon im Namen tragen. d‘Eon hat bereits mit vier Jahren klassischen Klavierunterricht bekommen, spielte am liebsten europäische Barockkomponisten und entdeckte mit dreizehn die Minimalisten Reich und Riley. “Das hatte großen Einfluss darauf, wie ich Musik wahrnehme. Diese Repetition hat mich zu viel britischer und europäischer Dancemusic, Jungle, auch zu Sachen wie Underworld geführt, dann nach Detroit, Frankfurt und Berlin. Ich stand also total auf Dance wegen Steve Reich.”

Seine eigene Musik hat einen sehr spirituellen, sakralen Charakter. Das liegt an der elegischen Künstlichkeit seiner Synths, den 80er-Standards Yamaha DX7 oder dem Korg M1, aber auch an ihm selbst. 2009 hatte er einen toten Punkt im Leben erreicht, seinen Bürojob geschmissen und zog nach Indien. Dort lebte er aus Geldnot in einem Kloster nahe Dharamsala. Von der fernöstlichen Kultur ließ er sich zwar inspirieren, in erster Linie aber entspannte er einfach. Mit geschärftem Geist, aber nicht als xenophiler Weltverbesserer kehrte er zurück: “Ich habe mich sofort wieder in die westliche Kultur verliebt und angefangen, R‘n‘B- und House-Tracks zu machen. Nachdem ich so viel tibetanische Volksmusik gehört hatte, deren Tonleitern nur aus fünf Noten bestehen … also, diese Musik ist brillant, aber eine andere Welt. Ich kam zurück aus Indien, und wollte nur noch Popmusik machen!”

Auf seiner “LP” erstrahlt sein für manche unerträglich käsiger Synthpop-R‘n‘B so durchdacht und ambitioniert wie noch nie. Solche Vintage-Sounds sind per se nicht mehr sehr originell in letzter Zeit, aber d‘Eons Tracks klingen einfach absolut eigenartig und versprühen einen Spirit, den kein anderer Retro-Producer zu bieten hat. “Woran ich mich beim Aufnehmen wirklich orientiert habe, sind Crosby, Stills, Nash & Young, ich liebe ihren reichen Harmoniegesang! Ich habe versucht, das mit meiner Stimme und Auto-Tune nachzubauen, haha.” Eine schreckliche Vorstellung, doch das Ergebnis klingt wundervoll. Das, worum es auf dem Album geht, macht die krude Mischung perfekt. “Transparenz” ist das politische Schlagwort der Stunde, wieso taucht es bei ihm so oft in den Songtiteln auf? “Es geht um die Transparenz des Internets, unser Leben ist mittlerweile völlig transparent. Jeder beobachtet jeden, ständig. Aber wo ist Gott? Jeder scheint mich zu sehen, außer Gott, das ist eine totale Umkehrung, wenn man an biblische Zeiten denkt: Es gab keine Möglichkeit, Information zu erhalten, außer von Gott und durch seine Propheten.” Das seien weder religiöse Meinungen, noch allzu ernste Technologiekritik, die er vertrete, sondern vielmehr verwirrte Gedanken, über Religion und das Zeitalter der Überinformation: “Mich interessierte immer die theologische Seite der Welt: Wenn es Gott wirklich gibt, was soll dann das Internet?! Der Erzengel Gabriel hat Information von Gott zu den Menschen auf der Erde gebracht – gibt es also eine Verbindung zwischen Gabriel und dem Internet? Denn sie tun eigentlich dasselbe.”

d’Eon, LP, auf Hippos In Tanks erschienen.

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