Depeche Mode und Remixe waren schon immer eine Sache für sich. Anfangs wollten sie niemanden so wirklich an ihre Songs ranlassen. Nach einigen Jahren durften immerhin auserwählte Menschen aus dem direkten Umfeld Hand anlegen, schließlich sogar angesehene Produzenten. Die neue Doppel-CD "Remixes 81 ... 04" fasst zusammen, was Künstler von Ulrich Schnauss bis Timo Maas aus Depeche-Mode-Songs gemacht haben.
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 87

Fan bleibt Fan, Mix bleibt egal
Depeche Mode remixt

Depeche Mode funktioniert – strukturell – wie Goa. Will sagen: autark. Abgeschlossen von jeglichen Trends und Marktmechanismen. Egal ob neue Platten erscheinen oder nicht: Depeche-Mode-Fans stehen geschlossen hinter der Band und kommentieren neue Sound-Richtungen ihrer Helden mit einem lapidaren “Ja, ja, war eh klar”. Tonträger werden manisch gesammelt und wenn der Remix X von Hit Y nicht vollkommen zu gefallen weiß … was solls!? In der Tat haben Remixe bei Depeche Mode nie eine Rolle gespielt, auch wenn es sie praktisch von Anfang an gab. Machten Bands wie Soft Cell aus jeder Single-Auskopplung eine epochale Maxiversion, waren Depeche Mode eher zurückhaltend, bauten Stücke selten komplett um, erweiterten den Song vielmehr um einige wenige Momente. “In der Regel hatten wir damals einen Tag Zeit, um die Single-Version zu mischen”, erzählt Daniel Miller, Chef von Mute Records und in der Frühphase der Band Produzent/Engineer in Personalunion. “Bei den 12″-Versionen waren wir damals also vor allem daran interessiert, Elemente und Aspekte des Songs mit einzubinden, die es bei der Kurzversion nicht geschafft hatten. Dennoch stand der Song immer im Vordergrund. Der Markt forderte Maxis, also haben wir sie nach unseren Vorstellungen gemacht.” Drei Jahre dauerte es, bis die Band erstmalig tatsächliche Remix-Aufträge vergab: 1984 remixte Adrian Sherwood vom On-U-Soundsystem “People Are People” und “Master & Servant” und das passte in die Zeit, in den damaligen Sound der Gruppe. Depeche-Mode-Remixe, und diese Tatsache hat sich erst in der jüngsten Vergangenheit aufgelöst, waren generell kein Job für hoch bezahlte Produzenten. Gemixt wurde inhouse, vom jeweiligen Produzenten oder Engineer oder von alten Weggefährten, anderen Mute-Künstlern … warum auch nicht!? “Die Songs waren der Band zu wichtig”, sagt Miller. “Bänder an andere Produzenten zu geben, war ein Ding der Unmöglichkeit. Sherwood war der erste, auf den sich alle einigen konnten. Wir waren Fans und vertrauten ihm.”

Depeche Mode hatten immer ein Problem. Ihre Fans hassten Dance-Music. Aus tiefstem Herzen. Paradox, galt doch die Band als Vorreiter elektronischer Tanzmusik, war wichtiger Ideengeber für House- und Technoproduzenten. Als die Band Ende der 80er diese neue Strömung plötzlich in ihre eigenen Produktionen integrierte, sich von den Beatmasters remixen ließ, rümpften die Fans die Nase, obwohl sich eigentlich nur der Kreis schloss. Mittlerweile ist das natürlich anders, nicht nur, weil sich die Fan-Gemeinde extrem verjüngt hat und die Geschichte der Gruppe aus einer völlig anderen Perspektive sieht. Dennoch: “Für Fans ist ein unveröffentlichter Track auf der B-Seite viel attraktiver als ein Remix. Wir haben es hier mit einer Pop-Gruppe zu tun, nicht mit einem Studio-Projekt, das auf Remixe angewiesen ist, um sich in bestimmten Kontexten zu profilieren”, sagt Daniel Miller. “Remixe sind gerade in den vergangenen Jahren immer unwichtiger für die Band geworden. In England ist der gesamte Dance-Markt zusammengebrochen, also machen Remixe auch marketingtechnisch nicht mehr den Sinn wie noch vor einigen Jahren. Mixe von anderen Künstlern bleiben aber im kreativen Sinne wichtig. Die Songs werden in andere Richtungen ausgearbeitet, man hat die Chance mit interessanten Künstlern zu arbeiten, deshalb wird es auch zukünftig Mixe geben.”

Über zwei Jahre hat es gedauert, die nun vorliegende Compilation zusammenzustellen. Tracklistings wurden hin- und hergeschickt und schließlich wurde ein enger Freund der Band mit der definitiven Reihenfolge beauftragt. Die normale Version (Doppel-CD) lässt 24 Jahre Geschichte Revue passieren. Die limitierte Version (Dreifach-CD) beinhaltet außerdem exklusiv unveröffentlichte Mixe, die speziell für dieses Projekt angefertigt wurden. Egal ob Timo Maas oder Ulrich Schnauss, Goldfrapp oder Speedy J, Beatmasters oder die Band selbst: “Remixes 81 … 04” beleuchtet ein knappes Vierteljahrhundert Geschichte einer der erfolgreichsten Bands der Welt. Ob man es gut findet, dass Mike Shionda von “Linkin Park” den Track “Enjoy The Silence” mit Rock-Gitarren zukleistert, ist dabei eigentlich nicht wichtig. 24 Jahre Remixe ermöglichen einen komprimierten Blick auf die Band, den man sich aus dieser speziellen Perspektive sonst lange hätte zusammenbasteln müssen. Danny Tenaglia stört dabei ebenso wenig wie William Orbit oder DJ Muggs, diese Ausfälle werden von großen Momenten und Highlights in Grund und Boden gestampft. Aber nach so vielen Jahren stört einen Depeche-Mode-Fan eigentlich sowieso nichts mehr. Mit den Originalen im Schrank kann man gut und gerne loslassen.

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Elektronische Lebensaspekte.