Ein Veteran des digitalen Musikbusiness über die Hintergründe aus De:Bug 108

Die 1,6 Milliarden für den Kauf von YouTube durch Google haben die Spekulation um das Business rings um Web 2.0 neu entfacht. Aber hinter die Türen des großen Deals wurde nur selten geschaut. Auf der renommierten Pho-Mailingliste von Jim Griffin aus LA, der das New Media Department von Geffen Records aufgebaut und geleitet hat, einem Netzwerk, in dem sich seit Jahren schon die Größen der neuen Medien mit denen der Musikindustrie treffen, aber erschien die hier veröffentlichte, anonyme Mail, die einem einen teils spekulativen, teils erhellenden Einblick in die dem Deal zugrunde liegenden Strategien gibt.

Als erfahrener Veteran im digitalen Musikbusiness möchte ich meine Vision der Umstände, die zum Kauf von YouTube geführt haben, schildern. Manches davon basiert auf Gesprächen mit Leuten, die in den Deal involviert waren, anderes ist Spekulation aufgrund meiner Erfahrung in der Industrie, vor allem mit Schlichtungen und der Kriegsführung vor den Gerichten.

In den Monaten vor dem Abschluss des YouTube-Verkaufs steigerten sich die Beschwerden um Urheberrechtsverstöße massiv. Kleinere Rechteinhaber, aber auch die großen reichten immer mehr Unterlassungserklärungen ein, damit ihr Inhalt von YouTube verschwindet, nur um den gleichen Inhalt nahezu im gleichen Moment wieder auftauchen zu sehen. Diese Probleme mussten natürlich den Bewerbern für den Kauf von YouTube offen gelegt werden. Google wusste davon, ebenso wie Yahoo, deren Verhandlungen mit YouTube schon fortgeschritten waren, und sogar News Corp hatte sich erkundigt, war aber aufgrund der Tatsache, dass sie selber mit MySpace einen Großteil des Traffics von YouTube verursachten, vom neunstelligen Preis schnell abgeschreckt. Obwohl die Searchengine-Riesen ein wirklich ernsthaftes Interesse hatten, hatte sich die Wahrscheinlichkeit massiver Urheberrechtsverstöße und darauf folgender Klagen zu einem der größten Hindernisse beim Verkauf von YouTube entwickelt.

YouTube wusste, dass dieses Problem dringend gelöst werden musste, und offerierte den Klägern einen direkten Beteiligungs-Deal, wenn die dafür ihre Anwälte zurückpfeifen würden. Die großen Medien-Firmen haben dieses Angebot zunächst mal aus zwei Gründen abgewiesen. Erstens spielte YouTube kein Geld ein, und auch die Pläne, wie das in Zukunft geschehen sollte, waren viel zu unbestimmt. Wichtiger aber noch aus der Sicht der Medien-Firmen war die Tatsache, dass der Berg von Verstößen, die YouTube bis dahin schon angehäuft hatte und auf die YouTube ihr Geschäft und ihre Bekanntheit gegründet hatte, schon so groß war, dass sie davon auch noch profitieren wollten. Wer würde ihnen das vorwerfen wollen. Trotz aller aufgebauscht lobenden Artikel über “user-generierten” Inhalt war es den meisten klar, wie viel davon dadurch generiert wurde, dass die User ihre TV-Tuner mit dem Rechner verbunden hatten und einfach auf Aufnahme drückten.

Auf Seite der möglichen Käufer brauchte es kein Team von Harvard geschulten Investment Bankern, um mit der offensichtlichen Lösung zu kommen. Einen Teil der Kaufofferte musste man für die Schlichtung der kommenden Urheberrechtsverletzungsklagen zurücklegen. Es ist bei solchen Transaktionen allgemein üblich, einen Batzen für solche Verpflichtungen zurückzulegen, und YouTube wusste, dass sie wirklich viele Leichen im Keller hatten. Also verständigten sich die Parteien, darunter die Venture Capital Firma Sequoia Capital, darauf, einen beachtlichen Teil des Kaufpreises für eben diese legalen Folgeschäden zurückzuhalten. Nahezu 500 Millionen der 1,65 Milliarden wurden nicht an die Aktionäre ausbezahlt, sondern treuhändisch hinterlegt.

Das Ganze sah zwar damit auf dem Papier erst mal gut aus, den Google-Anwälten war aber immer noch unwohl, denn die enormen Rechtsansprüche ließen voraussehen, dass 500 Millionen möglicherweise nicht genug sein könnten, schließlich reden wir von Hunderttausenden von Urheberechtsverletzungen. YouTube bekräftigte zwar immer die aufgrund des DMCA gesicherten rechtlichen Grundlagen und stellte auch drei Vollzeitkräfte zur Löschung von Videos ein, aber das war Google nicht genug. Die Probleme mit kleineren Firmen waren dabei nicht mal so wichtig, aber die Gefahr, dass die Großgewichte im Medienbusiness Klagen würden, war immer noch ein großes Hindernis für den Kauf. An beiden Fronten würde dieser legale Kampf jedenfalls nicht mit dem Winken von Entschädigungszahlungen gewonnen werden. So gab es also die Entscheidung, im Voraus schon Einigungen mit den größten Musik- und Film-Firmen zu erzielen. Denn wenn es möglich war, sich mit denen zu einigen, dann würden auch die eigenen Anwälte dem Deal zustimmen und die für Banker so überaus wichtige so genannte “Fairness Opinion” zustande kommen, die bescheinigt, dass der Kauf zu dem Preis vernünftig ist.

Mit dem avisierten Google-Geld ausgestattet, näherte sich YouTube den Medien-Firmen nun mit dem Angebot, den Frieden zu kaufen. Da sie ihr ursprüngliches Angebot – Teilhabe an den Gewinnen – in Cash umgewandelt hatten, witterte die Film- und Musikindustrie einen fetten Scheck. Dabei wussten sie allerdings noch nicht, dass Google eine so enorme Summe für YouTube ausgeben würde. Die Angebote von mehreren 10 Millionen Dollar, von denen YouTube nun auf einmal redete, erschienen den Firmen fair und sie würden die eigenen Bilanzen des dritten und vierten Quartals einfach wesentlich besser aussehen lassen. Die Majorlabel bekamen natürlich untereinander mit, dass ihre Konkurrenten in heißen Diskussionen mit YouTube waren, und nutzten den unter dem Namen “Most Favored Nation” bekannten Trick, um eine Klausel einzuführen, dass, sollte einer von ihnen einen besseren Deal mit YouTube abschließen, sie selber die gleiche Menge bekommen würden. Und so sprangen am Ende 50 Millionen für jede der großen Medien-Firmen heraus.

Die Aufgabe für die Medien-Firmen bestand nun darin, das zu tun, was sie besonders gut können. Nämlich: Wie könnten sie das Geld von YouTube kassieren, ohne dass sie dazu verpflichtet sind, es an die Musiker oder Schauspieler etc. weitergeben zu müssen. Wäre das Geld als eine Art Sende-Lizenz für YouTube über den Tisch gegangen, dann hätte ein Großteil dessen, was sie eingenommen hätten, rechtlich geteilt werden müssen. Die meisten Plattenlabelverträge z.B. räumen den Künstlern 50% solcher Lizenzdeals ein. Es wurde also entschieden, dass die Medien-Firmen eine so genannte “Equity Position” als Investoren in YouTube einnehmen würden, die Google ihnen dann abkauft. Das bewahrte all das vorausgezahlte Geld vor allen möglichen Tantiemen-Forderungen von Seiten der Künstler, weil es eben als Gewinn eines Investments verbucht werden konnte. Ein paar clevere Agenten werden sich wohl noch beschweren, dass sie nichts bekommen haben und mit einer kleinen Zahlung abgespeist werden, die meisten aber werden von dem, was sich da ereignet hat, keine Ahnung haben.

Da nun also jeder tief in die Taschen von Google gegriffen hatte, wollte Google auch ganz sicher sein, dass der große Deal eine weise Entscheidung war. Der Wert von YouTube wird ja vor allem an seinem Traffic und an seiner marktführenden Stellung gemessen, die Google jetzt unbedingt erhalten muss. Hätten sie einfach zugestimmt, dass jeglicher unautorisierte Inhalt verschwinden muss und der User-Experience schlicht Anzeigen aufgepfropft wird, würde aus YouTube sehr schnell nur noch ein Schatten seiner selbst werden. Die User – einen Mangel an ähnlichen Seiten gibt es ja nicht – würden einfach, wie oft bei Social-Network-Seiten beobachtet, weiterziehen. Und die Medien-Firmen hatten nun auch 50 Millionen Gründe, ihre Hilfe anzubieten. Die Entfaltung der zweifachen Strategie von Google kann man jetzt grade in ihren Anfängen beobachten.

Der erste Schritt war einfach. Eine Übereinkunft aller Beteiligten, für die nächsten sechs Monate einfach in eine andere Richtung zu sehen, während die Urheberrechtsverletzungen munter weitergedeihen. Dieser rechtliche Waffenstillstand findet – wie so oft – unter dem Mantel der Erarbeitung von Tools statt, die es den Rechteinhabern später einmal ermöglichen sollen, ihren Inhalt selbst zu managen und die Tantiemen-Einkünfte nachvollziehbar zu machen. Einiges davon wird mit Sicherheit auch in der Absicht produziert, es später zu nutzen, dennoch weiß Google vor allem auch, dass jeder Tag, den sie im Schatten des Urheberrechts mit YouTube zubringen, ein weiterer Tag ist, an dem YouTube immens wachsen kann. Die Erfahrung, die Google mit ihrem eigenen Angebot Google Video gemacht hat, das ein wesentlich stärkeres Augenmerk darauf legt, eben nicht unautorisierte Videos anzubieten, zeigt, dass Google sich völlig bewusst ist, wo der Unterschied liegt. Aus eben diesen Gründen jedenfalls findet man auch heute noch, und vermutlich noch eine ganze Weile, Clips von Filmen, Fernsehserien und so gut wie jedes Musikvideo auf YouTube.

Die zweite Übereinkunft war die, im Lichte eben dieses Kaufs einer exklusiven sechsmonatigen Lizenz zum Urheberrechtsbruch bei Videos ein paar Gerichtsverfahren gegen die Konkurrenz anzustrengen. Universal kam dem schon nach und verklagte prompt die beiden YouTube-Klone Bolt und Grouper. Und auch das hat mehrere Effekte. Zum einen erzeugt es einen enormen Druck auf die anderen Video-Seiten, dem Laissez-Faire-Inhalt, der auf all solchen Seiten vorherrscht, die Daumenschrauben anzulegen. So dass, wenn Google einmal eingestehen muss, dass sie massiv Inhalte von YouTube entfernen müssen, der Rest der Branche inhaltlich keine Vorteile mehr hat. Zum anderen schließt es so den Hahn des Investment-Kapitals, der in Folge des Google-YouTube-Deals möglicherweise geneigt wäre, weitere massive Investitionen in dem Sektor zu tätigen. Und ohne dieses Kapital können die aufstrebenden Videofirmen mit berüchtigterweise massivem Trafficaufkommen weder die nötige Bandbreite für eine Marktherrschaft bezahlen noch die dafür nötigen Rechenzentren aufbauen.

Ein paar interessante Kapitel werden sich in der nächsten Zeit noch entwickeln. Eins davon ist, wie viel von den Hintergründen des Deals noch veröffentlicht wird. Aufgrund der Börsenaufsicht ist Google verpflichtet, größere finanzielle Entwicklungen offen zu legen. Ein Vorteil von Google ist allerdings ihre enorme Marktkapitalisierung, die ihnen genügend Spielraum bieten dürfte, Transaktionen von 50 Millionen als nicht signifikant auszuweisen. Sollten andere Video-Seiten allerdings über genügend Kleingeld verfügen, so ist es nicht unwahrscheinlich, dass sie einen Rechtskampf anstreben, und jeder vernünftige Anwalt würde dann die Dokumente des YouTube-Aufkaufs sehen wollen und möglicherweise die Medien-Firmen und Google der geheimen Absprache bezichtigen.

Das andere Kapitel dürfte das der nun noch kommenden Klagen gegen YouTube und sein stolzes neues Elternteil Google sein, denen Google vermutlich auf zwei Wegen begegnen wird: sehr teure Gerichtsverfahren oder einfache schnelle außergerichtliche Einigungen, für die sich wohl die meisten entscheiden dürften. Ob es neben EMI noch andere große Firmen geben wird, die lieber einen Kampf wollen, als den großen Scheck zu akzeptieren, werden wohl erst die nächsten Wochen zeigen.

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Elektronische Lebensaspekte.