Nach dem Swing das Scheppern
Text: Wenzel Burmeier aus De:Bug 174

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Knapp zwanzig Jahre nach dem ersten Release bleibt Techno die Basis des Dritten Raumes – das neue Album “Morgenland” zelebriert sie in Minimal-Ästhetik. Inmitten der Baustelle seines neuen Studios zieht Andreas Krüger ein erstes Resümee und erzählt von Riesenraves, Swing-Ausflügen und dem Weg zum eigenen Label.

Plattendeal via Demotape – eine geradezu romantische Vorstellung, zumindest für eine Generation die mit der stetigen Pflege von Soundcloud-Profilen aufwächst. “Im Prinzip ist das ja immer noch die selbe Geschichte”, meint Andreas Krüger. “Früher musste man Kassetten aufnehmen, überspielen und lustige bunte Cover dazu malen. Heutzutage schickst du halt nen Download-Link per Mail rum.” Musik wird als Medium noch immer von den Gatekeepern der Industrie in Empfang genommen. Jenseits der Technikalien der Distribution, hat sich gar nicht so viel verändert, könnte man meinen.

Andreas Krüger verschafft sich mit besagtem Demotape den ersten großen Deal bei Sven Väths Harthouse, etwa zwanzig Jahre ist das her. Ende der 90er, eine Zeit, in der die Scheine auch für Rave-Platten an den Bäumen hingen, meldet das Frankfurter Label dann aber Konkurs an. Der Dritte Raum kommt beim Major Virgin unter, was folgt sind große leuchtende Events mit PlayStation-Bannern und Live-Übertragungen auf den privaten Sendern. Die Kommerzialisierung der Raves steht in voller Blüte. Mittendrin: Der Dritte Raum mit dem trancigen Hit “Hale Bopp”.

Andreas reflektiert diese Zeit ganz unbefangen: “Wir sind damals in diese große, kommerzielle Rave-Szene aufgestiegen und haben auf gigantischen Festivals gespielt. Das ist auch mal toll, auf so einer Monsterbühne vor zigtausend Leuten zu spielen und die Gagen sind natürlich auch verlockend. Wenn du aber irgendwann der super Rave-Star bist, wird das völlig normal und an dem Punkt verlierst du den Bezug zum eigentlichen Ding, was auch immer das ist – Techno, Musik. Da mussten wir irgendwas ändern.” Also fasst Der Dritte Raum den Entschluss nach Hause zu fahren. Kurz vor dem Auftritt bei einem riesen Festival, irgendwo in Holland. “Wir sind einfach zur Bühne, haben das Equipment geholt und sind weg.” Andreas lacht. Seitdem werden nur noch ausgewählte Veranstaltungen und Festivals gespielt, oft im kleinen Rahmen. Eine Entwicklung, die wenig später eine Label-Landschaft im Umbruch nachspielte, erzählt Andreas inmitten unverputzter Betonwände – eine Baustelle, die bald sein neues Studio sein soll. An einer der Wände könnte man vielleicht ein Schild mit dem Slogan “Künstlerische Freiheit” in großen Lettern anbringen. Die hält jedenfalls Der Dritten Raum weit hoch, seit die Virgin-Maschine 2004 den Geist aufgab.

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Visitenkarte Vinyl
Releast wird nun auf dem eigenen Label Save To Disc, das Andreas vor einigen Jahren mit seinen Kollegen Stephan Lieb und Ingrid Oehm gründete. Hinzugekommen sind die Sub-Labels Funken und Der Dritte Raum; letzteres dient konsequenterweise nur den eigenen Releases während Funken als Plattform für “experimentelle elektroakustische Musik” aus Andreas’ direktem Umfeld gedacht ist. Folgt man Andreas’ Logik, unterteilt sich die Industrie derzeit in drei Kategorien: “Da sind die großen Majors im Pop/Rock-Bereich, die das machen, was sie schon immer gemacht haben. Dann gibt’s kleine Indie-Labels, die immer noch Tonträger herausbringen und auch online arbeiten. Und den letzten kleinen Bereich könnte man als Weiterentwicklung der alten Kassettenkultur oder Tape-Labels bezeichnen. Die verkaufen gar keine Musik mehr, sondern veröffentlichen nur noch online und dann oft for free.” Save To Disc plus Sub-Labels würden demnach in der zweiten Kategorie unterkommen. Auf dem Plan stehen Vinyl-Auflagen, die mit letzter Kraft den Break-Even erreichen, gefolgt von einem hart erkämpften Backkatalog, der in Zukunft auch die Generation USB-Stick auf digitalem Wege über die Geschichte vom Dritten Raum aufklärt. “Vinyl dient heute doch sowieso eher als elegante Visitenkarte.”

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Ausgeschaukelt
Die jüngere Generation dürfte dem Dritten Raum wohl über den Superhit “Swing Bop” begegnet sein. Eine “Hale Bopp”-Adaption, als Swing-Nummer interpretiert, mit Blasinstrumenten eingespielt. Einen Remix wollte Andreas eh schon lange veröffentlichen, auch weil das Stück trotz massiver Resonanz nicht in digitaler Form herauskam. Von einer zehnjährigen Resteverwertungs-Dauer geblockt – die man sich vielleicht wie eine atomare Halbwertszeit vorstellen darf -, kam Krüger 2008 schließlich auf die zündende Idee: der Überhit als Selbstzitat, Krüger covert Krüger. Für den Dritten Raum ein eher ungewöhnliches Stück, vor dem er selbst ein bisschen Angst hatte, das aber in Windeseile zum Quasi-Inbegriff der Open-Air-Hymne avanciert. Im Anschluss ein Swing-Album nachzulegen, wäre wohl ein Leichtes gewesen. “Als es dann aber so erfolgreich wurde, und dazu noch der ganze Elektro-Retro-Swing-Sound Ende der 2000er explodiert ist – die Stücke konnte man ja bei Karstadt hören -, war mir das Ganze zu aufgesetzt.” Die Basis vom Dritten Raum bleibt also nach wie vor Techno in minimaler Form, mit einem Hang zu Acid-Basslines und trancigen, melodischen Synthies.

Also alles beim Alten, möchte man annehmen. Zumindest wenn Andreas anfängt, von der “Morgenland”-Produktion zu erzählen. “Das ist alles mit uraltem Gerät gemacht. Praktisch nur Roland System 100, Prophet von Sequential Circuits und Korg MS-20.” Die Arbeit mit Ableton hat er ausprobiert und für sehr praktisch befunden – ein paar PlugIns, Sounds aus der Library, Clips hin und her schieben und ruckzug fertig ist das Stück. Aber macht ihm einfach nicht so viel Spaß, also zurück zu den alten Synthies. Natürlich sind die Produktionstechniken der letzten zehn Jahre auch an Andreas Krüger nicht spurlos vorüber gezogen. Heute schmeiße er als Erstes den Computer an, gibt er lächelnd zu.

Mit Vorschlaghammer im Studio
Die digitale Arbeitsweise zeigt sich auf “Morgenland” vor allem im Arrangement. Der Sound entsteht mit analogen Geräten, wird aber am Rechner in Logic zusammengebastelt. “Da ergeben sich schon andere Ästhetiken. Wenn es zum Beispiel in einer Break-Spur, in der noch kurz die Drums und Bässe verschwinden, einen ganz harten Cut gibt und plötzlich etwas völlig anderes reinkommt, dann bekommt es diesen brachialen, breakigen Touch. Das ist so nicht möglich mit einem analogen Mischpult. Ich habe also diese ganzen alten Geräte aufgenommen und die da mal so richtig ‘reinscheppern lassen.” (Seine Lieblingsbeschäftigung auf der Studio-Baustelle übrigens: mit dem Vorschlaghammer die alten Wände einreißen.)

http://www.youtube.com/watch?v=j-BEdJwde9g

“Morgenland” klingt irgendwie analog und modern zugleich. Das ist, entsprechend der Synthese aus analoger Erzeugung und digitaler Weiterverarbeitung, wohl auch dem zeitgemäß stark komprimierten und zunehmend im Vordergrund stehenden Sound geschuldet. Wohin die Tracks wollen, wissen sie noch immer: nach vorne und zwar im Gleichschritt. Der Dritte Raum bleibt der 4/4-Bassdrum treu, um sie herum spielen funky HiHats und zuckende Synthies, hier und da taucht eine typische, alte Acidline auf. Im Großen und Ganzen doch recht minimal gehalten, vielleicht noch reduzierter als frühere Produktionen. Außerdem fällt der Einsatz von akustischen Instrumenten auf, vor allem Klarinette und Schlagzeug. Ein Prozess im künstlerischen Schaffen, der vielleicht auch auf eine größer angelegte Tendenz in der elektronischer Musik zurückzuführen ist? “Natürlich findet man auf meiner Platte auch Dinge verarbeitet, die um mich herum passieren. Ist ja nicht so, dass ich immer noch meine alten Rave-Platten von vor zwanzig Jahren höre und so tue als hätte sich die Welt nicht weiter gedreht.” Das hört man “Morgenland” an, im positiven Sinne.

Als wir die Baustelle seines zukünftigen Studios verlassen, frage ich, was denn vorher eigentlich hier drin gewesen sei. Sein Studio, meint er, nur eben in anderem Zustand.

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Elektronische Lebensaspekte.