Mit ihrem zweiten Album “Up in Flames” entwickeln sich Khan und Snax zur filigranen Discoband. Zwischen den Supremes on Acid und den Beach Boys auf Techno lauert das unbekannte Discoimago Rod Stewarts.
Text: Aljoscha Weskott aus De:Bug 92

Der Glamour kaputter Körper
Captain Comatose

Are you ready for your Close up? What’s Porn today? Wäre der Versuch einer szenischen Nachstellung einer Pornosequenz völlig nutzlos, um ein Bild für die Jugend von heute zu finden? Eine Szene aus Larry Clarks Film ”Ken Park” vielleicht, wo Porno in einen strukturellen Gewaltzusammenhang eingespannt ist und nur Selbstzerstörung übrig lässt: eine Damentennis-Geräuschkulisse und ein strangulierter Masturbationskörper als kalifornisches Jugendzimmer-Stillleben. Wäre das ein adäquates Soundbild für das ”Private Life“ (Grace Jones) today? Up in Flames!? Wenn Disco eine Chiffre für alles werden konnte, für ein Bild des vielstimmigen Parlamentarismus genauso wie für den durchschnittlichen Bosnien-Warlord der 1990er Jahre, so bleibt Sex der letzte Signifikant von Disco. Das hat Captain Comatose bewiesen. “Alle wissen, dass unsere Musik von Sex handelt, erläutert Khan. Mein Penis braucht aber keine scheinbar realistische Einrahmung, kein Image, das symboliert: My Penis is in use.“ All right, Babies. Das Bild ist eine reine Schöpfung des Geistes. Und schließlich heißt es in Ken Park ja auch: “Ich kann nicht von anderen Orten träumen. Ich habe keine Vorstellung, wie sie aussehen könnten. In meinen Gedanken sieht immer alles aus wie hier.“ Und damit hat Captain Comatose nun wirklich nichts zu tun. Trotzdem ist Porno, zumindest als Kunstform, nicht völlig totgeritten, wenngleich es nur schwer in ein interessantes Stadium zu überführen ist, das nicht die Ausbeutung des männlichen Körpers (sic!) zum alleinigen Ziel hat. Das habe ich Snax und Khan sagen hören.

Poesie und Überschreitung

Captain Comatose verkörpert augenscheinlich etwas anderes. Es ist die letzte künstlerisch-musikalische Anarchiebastion der sexuellen Discophantasie. Immer wieder schafft es das Duo, einen imaginären Vergangenheitsraum zu errichten, wie er vielleicht nur in Bruce la Bruces Filmen vorzufinden ist, den etwas anderen Pornostreifen mit Handlung. Kein Zufall, dass Khan drei Songs für dessen letzten Film “Raspberry Reich“ beisteuerte. In dieses dramaturgische Prinzip lassen sich auch Captain Comatose einordnen: Poesie und Überschreitung als lustvolles Scheitern ist die unsichtbare Gebrauchsanleitung ihres neuen Albums ”Up in Flames“. Längst sind sie auch auf Solo-Pfaden durch alle Schattierungen von Disco und Rock gewandelt, um nun auf eine neue, eher zaghaft schillernde Figur des Zusammentreffens von Disco und Rock zu treffen: Rod Stewart. Der Anti-Held und lebendige Beweis für das “Burn Out Syndrom“ wird zur heiligen Kuh auserkoren. Das ist konsequent, weil in Captain Comatoses Welt kein “Haute Couture Glamour“ Platz hat. Der geschwächte, zum Teil geschundene Körper rückt in das Zentrum des Interesses. Bei einer der letzten Shows von Snax war zu beobachten, wie Zuschauer Krücken in die Luft ragen ließen. Nicht verwunderlich, dass auch der Hangover wichtiger Bestandteil der Party ist, wie wir von Snax erfahren. Die gebrochene Schönheit der “Loser Fags“ entdeckt das Disco-Duo auf “Up in Flames“, indem die Militanz und die Obsession von “Ride Me“ heruntergeschraubt wird. Ein vielschichtiger elektronischer Ereignisraum öffnet sich, der Geschichte als Geschichten auflöst, ohne den spektakulären Performanceauftritt zu verraten.

Harte Arbeit, beste Persiflage

Das erste Album war eher ein Statement, eher eine Kollektion, sagt Khan. Das zweite Album ist eher ein songorientiertes Album, sagt Snax. “Ride me” war einmal. Captain Comatose ist nun an einem anderen Punkt. Nehmen wir exemplarisch “Sing my Song“. Eine durchaus melancholisch aufgeladene Beobachterrolle unterbricht den mit Captain Comatose identifizierten harschen Technopunk und beschert uns eine bittersüße, aber immer treibende Wiederbegegnung mit Mick Jaggers “Dancing in the Streets“. Nur besser. “I saw you dancing in the street – to my song. I saw you singing in the street – my song.” Werden hier die Stooges gleich mit restauriert? Nein. Ich dachte eher an die Supremes on Acid, korrigiert Khan. Und Snax will lieber von Beach Boys on Techno sprechen. Captain Comatose bedeutet auch Khan versus Snax und Snax versus Khan. Ihr gemeinsames Kind Captain Comatose ist vielen Konkurrenzkämpfen ausgesetzt. Aber immer full of love, wie sich versteht.
Die Fiktionalisierung des Vergangenen entspricht nicht der Suche nach dem wirklichen Performancesplitter von einst. Captain Comatose muss im modulierten Disco-Erinnerungsraum Tonnen von Bildern aus vergangenen Disconächten sortieren und rekonstruieren. Das ist extrem harte Arbeit und allerbeste Persiflage der von vielen so geliebten Clap-Rekonstruktionen von Salsoul 2 oder 5 oder who knows. Weil die Vergangenheit nie tot ist, muss das Verständnis für Sound immer wieder an Disco gebunden werden. Augenscheinlich ist das Disco-Rock-Format dafür kein Gefängnis geworden. Tanzmusik gestaltet sich darin einfach komplexer. Denn manchmal tanzt auch niemand. Dann lohnt sich das Zuhören, wenn sich die Lyrics-Ströme in einem Gefüge aus Strings und Elektrosplittern verlieren.
Manchmal könnte man den Eindruck gewinnen, dass die Menschheit sich in einem Endspurt befindet, sagt Khan. Captain Comatose möchte hin und wieder von dem unaufhaltsam rasenden Zug ins Nirgendwo abspringen. Die Lust, nur am Abgrund sein zu wollen, hört sich anders an und versteinerte Ruinen sehen anders aus. Khan und Snax haben andere Tickets gezogen. Blitzschnell zücken sie die Botschaft eines chinesisches Glückskeks, auf dem zu lesen ist: “Sie haben wahnsinnig viel Energie und schaffen ein Mammut-Programm.“ Wieder kein Ken-Park-Image, sondern tatsächlich ihr eigener unverwechselbarer, stets gebrochener Glamour-Film.

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Elektronische Lebensaspekte.