Techno-Punk-Gipfeltreffen der besonderen Art
Text: Anton Waldt & Ji-Hun Kim aus De:Bug 161

Anlässlich von “Der Klang der Familie”, dem Oral-History-Buch zur Entstehungsgeschichte von Techno in Berlin, treffen die beiden Autoren Felix Denk und Sven von Thülen auf Jürgen Teipel, der den zusammengemashten Interview-Stil mit “Verschwende deine Jugend” populär machte. Dabei läuft alles auf die Frage zu, ob Techno es einfacher hatte oder es einfach besser gemacht hat als Punk?

Vor zehn Jahren erschien die inzwischen legendäre Geschichte des deutschen Punk “Verschwende deine Jugend”, für die der Autor Jürgen Teipel O-Töne der Szeneprotagonisten zu einer großen Kollektiverzählung montiert hatte. Die Kombination aus Oral History, Collage und Vielstimmigkeit erwies sich als Knaller und Teipels Buch als ein erfolgreicher Longseller, der jetzt in einer um weitere Textpassagen und rund 50 Fotos erweiterten Jubiläumsausgabe herauskommt. Trotz dieses Erfolges hat es zehn Jahre gedauert, bis andere Autoren Teipels Erzählprinzip aufgenommen haben, um eine andere Szene zu beschreiben: Jetzt haben die langjährigen De:Bug-Autoren Felix Denk und Sven von Thülen mit “Der Klang der Familie” eine Geschichte des Berliner Techno vorgelegt, in der mehr als 100 Zeitzeugen – DJs, Clubbetreiber, Szenevögel, Raver – davon berichten, wie aus strikt durch die Mauer getrennten Vorläufern ab 1990 die Berliner Techno-Kultur entstand.

Anlässlich unseres Gesprächs sind die drei Autoren sich zum ersten Mal überhaupt leibhaftig begegnet, obwohl sie bereits seit längerem eine rege E-Mail/Telefon-Kommunikation gepflegt hatten. Im Gespräch reflektieren Teipel, Thülen und Denk ihr Format der vielstimmigen Erzählung und ziehen historische Linien vom Punk auf den Dancefloor.

Jürgen Teipel: Über das Oral-History-Format bin ich in den USA gestolpert, da gab es dieses Buch über Edie Sedgwick. Das hieß einfach “Edie” und war eine Collage nur aus Interviews. Ich war begeistert, in Deutschland gab es so was überhaupt nicht. 1997 kam dann die Punk-Geschichte “Please Kill Me” im gleichen Cut-up-Prinzip. Damals habe ich im Schwarzwald gelebt, aber nachdem ich dieses Buch gelesen hatte, musste ich da raus. Ich wollte wieder in die Stadt und mich mit dem Thema beschäftigen, denn durch “Please Kill Me” bekam ich die Kraft des Ganzen zu spüren. Bei mir ist das Punk-Ding ja auch ein bisschen nach hinten losgegangen, wie bei vielen, die in meinem Buch zu Wort kommen. Pleiten, kommerzielle Aufgüsse, alles ging den Bach runter. Danach war man erstmal sehr desorientiert.

Sven von Thülen: Als ich “Please Kill Me” entdeckt habe, hat mich das Format auch sofort begeistert. Und als nur wenig später “Verschwende deine Jugend”
herauskam, war das endgültig der Anstoß zu unserem eigenen Buch über Techno in Berlin.

Felix Denk: So authentisch und von innen heraus wie in “Verschwende deine Jugend” war mir vorher nie von Popkultur erzählt worden.

Jürgen: Sven und Felix haben mich Anfang 2011 kontaktiert und von ihrem Projekt im Interview-Format erzählt, was mich sehr gefreut hat. Ich bin mit “Verschwende deine Jugend” ja erstmal bei 15 Verlagen abgeblitzt – zunächst auch bei Suhrkamp, wo mir der Lektor von Rainald Goetz versicherte, dass sich wirklich niemand im Haus für so etwas interessiert.

Sven: “Der Klang der Familie” sollte das Buch werden, das wir selber gerne lesen wollen. In dem eben nichts theoretisch aufgearbeitet wird, sondern die Protagonisten selber zu Wort kommen. Sonst bemühen sich alle immer um Analysen.

Felix: Gerade dieser Popdiskurs der Spex, wo Phänomene immer exakt
diskursiv eingeordnet werden müssen.

Jürgen: Ich weiß gar nicht, warum so wenig Leute das Format nutzen – es ist doch eine miese Ausgangsbasis sich als einzelner Autor anzumaßen, die Geschichte einer Bewegung zu erzählen, die von tausenden Leute mit genauso vielfältigen Motivationen gebildet werden. Es ist doch okay, die Leute selber erzählen zu lassen, wie es war! Ich kann mir das noch zu allen möglichen Themen vorstellen.

Felix: Ich würde gerne eine Oral History des Techno in Frankfurt lesen!

Sven: Die Form ist natürlich nur dann eine gute, wenn die Leute ein bisschen aus sich heraus gehen. Weil dem Leser das Gefühl vermittelt wird, wie das war. Das kann ein Autor allein eher nicht leisten.

Jürgen: Dafür muss der aber auch Ego abgeben. Du bist eben nicht mehr Thomas Meinecke, der in poetischen Schachtelsätzen erklärt, warum das jetzt toll ist und dabei auf wahnsinnig unerhörte Gedanken kommt. Aber mir ging es beim Format auch um das egalitäre “No more heroes!”, das im Punk zwar immer an die ganz große Glocke gehängt wurde, aber überhaupt nicht umgesetzt wurde. Es ging dann nämlich einfach um andere Heroes. Aber ich wollte nicht der Autorenheld sein.

Sven: Eine Zeit lang war das im Techno tatsächlich mehr als ein Claim. Der DJ-Kult war zu Beginn wohl noch nicht so ausgeprägt, weil das Ding an sich noch so unglaublich war, also die gemeinsamen Erlebnisse auf dem Floor, wo es ums Tanzen und um die Musik ging und nicht wie in der 80er-Discokultur um Gewalt, blöde besoffen sein und sexuellen Notstand.

Felix: Die frühe Berliner Rave-Kultur hat auch etwas Ornamentales: spektakuläre Räume, schimmelige Keller, dazu entsprechende Lichtinstallationen. Es ging um Muster, die Menschenmasse, um Nonfigurales. Entsprechend wurde der DJ nicht besonders exponiert.

Jürgen: Techno habe ich anfangs nicht so mitbekommen, weil ich mit persönlichem Schlamassel beschäftigt war. Später dann ein bisschen was übers Tanzen – ich habe schon immer gerne getanzt aber das durfte man ja zu Punk-Zeiten nicht. Richtig etwas mitgekriegt aus der Ecke habe ich erst, nachdem Acid Maria auf einer sehr frühen Lesung von “Verschwende deine Jugend” aufgelegt hatte und wir uns sofort sehr gut verstanden. So kam ich auch auf das Thema meines DJ-Romans “Ich weiß nicht”. Als Vorbereitung habe ich dann Gespräche mit Leuten wie Hans Nieswandt, DJ Hell, Miss Kittin und Richie Hawtin geführt, da ging es aber weniger um die Musik als vielmehr um das Leben als DJ, etwa ums viele Reisen. Nachdem ich mit Sven und Felix über ihr Buch gesprochen hatte, dachte ich, das darf nicht sein, dass diese Interviews auf Band bleiben, und jetzt werden sie 2013 als Buch erscheinen.

Felix: Zu der Zeit, als du die Szene entdeckt hast, habe ich mich als Techno-Hörer gerade ein wenig gelangweilt. Die Musik hat sich immer mehr auf Vergangenes bezogen, da fand ich es spannend zu schauen, was eigentlich vor 20 Jahren genau passiert ist. Es fing an eine Historizität zu bekommen, auch wenn im Vergleich zur ersten Punk-Generation noch relativ viele Protagonisten in dem Bereich unterwegs waren und auch noch sind.

Jürgen: Nach Punk waren die meisten in der Versenkung verschwunden. Die waren weg. Man war einfach total orientierungslos: Ist da überhaupt etwas passiert? Oder haben wir uns das alles nur eingebildet?

Sven: Schön an dem Interview-Cut-up-Format ist ja, dass auch Sachen nebeneinanderstehen können, die sich widersprechen. Vielleicht nicht fundamental, aber in Nuancen, Details, Urteilen. Das Gesamtbild ist dann trotz oder gerade wegen solcher Widersprüche schlüssig.

Felix: Wir hätten unsere Geschichte ja auch deutlich drastischer, härter machen können, aber auf die meisten der wirklich krassen Sachen haben wir am Ende verzichtet.

Jürgen: Krasse Anekdoten werden natürlich gerne vom Stern oder so zitiert, aber man merkt auch schnell, dass solche Thrills in Wirklichkeit gar nicht so stark sind.

Felix: Genau! Am Anfang ist man geflasht und denkt sich: OMG! Krass! Das wird bestimmt überall zitiert! Hakenkreuze aus Kokslines und solche Dinge …

Sven: Manche Sachen bleiben dann doch besser in der Nacht.

Jürgen: Ich hatte auch immer wieder Gänsehautmomente bei meinen Interviews. Oft hatte ich das Gefühl: Oh, der muss jetzt wirklich reden. Der war seit 20 Jahren vergessen und man weiß nicht wirklich warum. Teilweise war ich wirklich erschüttert. Meine Helden von damals, legendäre Typen, die fast auf einem Penner-Level vor sich hin vegetierten. Wenn man sich auf der Parkbank zum Interview traf und der hat seine Dinge aus einer alten Plastiktüte heraus gekramt. Da, guck mal. Das war teilweise richtig traurig.

Felix: Da gibt es aber frappierende Anknüpfungspunkte zwischen deinem und unserem Buch, wenn vom Berlin Ende der 80er die Rede ist, wo der Schwung raus war und Kreuzberg nur noch ein Ort für düstere Rocker. Die Punks hatten ja irgendwann alle aufgegeben. Techno ist da ausdauernder, vielleicht auch weil es
eine Primärfunktion der Musik ist. Man hat immer weitergemacht, eigene Strukturen geschaffen.

Jürgen: Bei Punk hatte man auch heftigst versucht, alles selber auf die Beine zu stellen: Indie-Presse, Indie-Labels, Indie-Vertriebe. Aber es gab keine Vorbilder und zu wenig Erfahrungswerte, wie man das anstellen sollte. Die meisten sind da völlig mit baden gegangen. Einige Leute aus der Zeit haben es aber später in einem zweiten Anlauf noch einmal probiert, jetzt mit mehr Erfahrung. Das ist dann in Techno oder deutschen HipHop gemündet.

Sven: Der Vertrieb EFA hat ja mit Punk angefangen. Bis sie 1990 geschnallt haben, dass mit elektronischer Musik was geht und sie eine eigene Dance-Abteilung gründeten. Die Punker haben das aber nicht verstanden und fanden es richtig scheiße.

Jürgen: Tanzen war total verpönt. Alles, was damit zu tun hatte, war John Travolta. “Folter für Travolta” stand auf einem Button. Daher waren DAF schon ziemlich visionär. Es durfte einfach nicht funky sein. Man durfte nicht tanzen, hedonistisch sein. Diese Attitüde war eine Reaktion auf die Spät-68er. Dazu gehörte auch das Glaubensbekenntnis, dass man mit der ganzen Sache kein Geld verdienen darf. Wenn du Erfolg hattest, bist du sofort verkloppt worden. In politisierten Städten wie Hamburg war das ganz extrem, aber auch Berlin, die Kreuzberg-Punks, Katapult und so, die waren da radikal.

Felix: Techno hatte von Anfang an ein entspannteres Verhältnis zum Ökonomischen. Vielleicht einfach weil der Club schon mal ein gastronomisches Unternehmen ist, mit dem man eine andere und wohl auch eine weniger anrüchige Einnahmequelle als den Schallplattenverkauf hatte. Und DJ-Gagen hatten anfangs auch nicht einen derartigen dekadenten Symbolwert.

Jürgen: Wobei gerade DJ-Gagen etwas sind, was der Normalbürger auch nicht mitbekommt.

Sven: Die Techno-Gemeinde hat den kommerziellen Fallout wie Somewhere-over-the-Rainbow allerdings schon schlimm gefunden.

Felix: In den Interviews ging es auch oft darum, wo die Entwicklung die falsche Abzweigung genommen hat und an welchen Stellen man sich nicht gewehrt hat, obwohl es nötig gewesen wäre – was Punk zu viel an Widerständigkeit hatte, gab es bei Techno zu wenig.

Sven: Aber im Techno konnte man immer noch Underground sein. Es gab trotz Hitparaden-Eurotrash immer noch Cutting-Edge-Platten, wie Mark Ernestus das ausgedrückt hat, und es gab seriöse Clubs. Das Underground-Erlebnis konnte unabhängig von den Charts existieren. Das hat bei Punk wohl nicht so gut funktioniert.

Jürgen: Weil es beim Techno die Indie-Strukturen schon gab, die man nutzen konnte! Die gab es bei Punk noch nicht. Damals gab es nur die Majors. Grundsätzlich ticken die Szenen wohl nicht anders. Aber in der Clubkultur sind eben Sachen integriert, was man bei Punk noch meinte draußen lassen zu müssen. Lebensfreude zum Beispiel. Oder Zusammengehörigkeit.

Felix: Techno handelte davon, Grenzen zu überwinden. Dieser magische Moment auf dem Dancefloor, wo alle zusammen kommen. Gerade in Berlin mit Ost und West, da stellt man keine Fragen. Es geht eher darum, das Hirn auszuschalten und was zu erleben und nicht die Unterschiede zu betonen, seien sie kulturell oder finanziell oder die Herkunft. Das zu überwinden war ein großes Ziel.

Sven: Das war das Revolutionäre, dass es auf einmal egal war, wo du herkommst, wie du aussiehst, was für Klamotten du anhast. Und die Dancefloor-Erfahrung hat eine Art des Umgangs geschaffen, aus der eine Gemeinsamkeit entstanden ist. Die Toleranzschwelle wurde eine ganz andere.

Jürgen: Punk war dagegen total intolerant und elitär, eine reine Gegenbewegung. Gegen Hippies, gegen den Spätnazimuff. Die späten 70er waren aber auch wirklich eine muffige, graue, ganz furchtbare Zeit mit kaum einer Perspektive. Punk war daher kurzes, schnelles Abspritzen.

Felix Denk, Sven von Thülen, Der Klang der Familie – Berlin, Techno und die Wende, ist bei Suhrkamp erschienen.

Jürgen Teipel, Verschwende Deine Jugend, ist 2001 bei Suhrkamp erschienen, eine erweiterte Ausgabe mit zahlreichen Fotos erscheint am 21. Mai.

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