Web2.0 ist Kannibalismus im Quadrat
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 108

Kannibalismus hat einen schlechten Ruf. Zu Unrecht. Web2.0 ist Kannibalismus im Quadrat. Es gibt kaum eine Web2.0-Seite, auf der Konsum nicht heißt, den anderen die Haare vom Kopf wegzufressen. Nur dass danach niemand kahl bleibt. Web2.0 braucht ein anderes Verständnis von Massen, eines, das zentral sagt: Das Konsumgut ist der Konsument. Und das in entschiedener Differenz zu Dingen wie Reality-TV etc., die nur sagen, wir machen den Konsumenten zum Inhalt. Wieder eine Trennung verloren gegangen, durch die man seit Ewigkeiten die Welt erklärt. Wenn schon das Netz ein gefundenes Fressen für Dekonstruktivisten war, Web2.0 – das sich ja auch als Wiederauferstehung des “ursprünglichen” Netzes sieht, das was manche auch Read/Write-Web nennen – ist ihnen purer Genuss. Und auch andere Distinktionen stehen auf einmal zu sich selbst in einem offenen Widerspruch. Selbstausbeutung vs. Wahre Arbeit Wahrer Lohn z.B. Unter der Prämisse, dass die grundlegende Funktionsweise von Web2.0 kannibalisch ist, wird Selbstausbeutung in der Mitte zerteilt und landet nur noch halb auf der Seite des darbenden Arbeiter-Ichs, halb aber eben auf der Seite des genussvollen Konsums des Sozialen. Aber auch positiv besetzte Begriffe, wie der der Emanzipation der Medien, die man gemeinhin mit Web2.0 verbindet, erscheinen nur noch halb so jubelnd. Denn wenn das Ziel der Selbstbefreiung der Darm einer undefinierbaren Masse ist, wird dieses Ziel zumindest schwammig.

Das Phänomen Inhalt

Um die Masse zu verstehen, hatten wir im letzten Jahrhundert einige Bilder zur Verfügung. Fluss, Meuten, Horden, Massen am Tropf der Medien, in der letzten Zeit immer öfter auch den Schwarm. Schwarm klingt nach Intelligenz, der Sublimation von Intelligenz. Nach aktivem, aber eben nicht personalisiertem Willen. Der Schwarm kreist um irgendwas. So wie die User um die Web2.0-Seiten. Aber auch der Schwarm reicht nicht, um ein Phänomen zu erklären: das des Inhalts, den die User auf einmal selbst bestimmen: Wikipedia-Enzyklopädisten, Hobby-Filmer auf YouTube, Selbstdarsteller auf Myspace. Ist der Inhalt erst mal da, dann gelten vielleicht wieder Schwarmgesetze. Der Mehrwert des Sozialen, der die Arbeit des jeweils Einzelnen entbehrlich macht. Die Vernetzung als Katalysator, die eine Webseite auf eine andere Ebene hebt, ohne die – ein oft gemachter Fehler – Web2.0 wirklich nur eine Anhäufung von selbstverherrlichenden Monaden wäre. Statt zu behaupten, Web2.0 wäre das Ego in Reinstform, müsste man grundlegender sagen, Web2.0 ist eine Maschine, in der das Ich durch den Fleischwolf gedreht wird, um sich selbst daraus eine endlose Parade von McMenus zu braten.

Klar, wenn der Kosument sich selbst konsumiert, dann laufen die Konsumgüter und deren klassische Produzenten Sturm. Web2.0 wirkt auf die monetären Verhältnisse im freien Markt Internet so, wie die Ankündigung eines Perpetuum Mobiles auf den Ölmarkt wirken dürfte. Es verursacht eine gewisse unterschwellige Angst, aber so recht daran glauben will auch keiner, denn sonst müsste eine komplette Ökonomie umgestellt werden. So erklären sich auch die sich nahtlos von Filesharing auf Web2.0-Seiten einschießenden Salven von Rechtsklagen. Es geht der Contentindustrie weniger um ihr zu verteidigendes Recht, sondern um ihr Businessmodell. Gefährlicher als YouTube, MySpace etc. sind deshalb auch Seiten, in denen die User ihr Recht auf den Eigenkonsum von sich selbst bewahren. Wikipedia oder eben GNU dürften deshalb auch viel grundlegendere Positionen klären. Ein auf ähnliche Weise “unabhängiges” soziales Netzwerk, in dem nicht die finanziellen Interessen der Medienindustrie bestimmen, wer konsumierbar ist und wer nicht, wäre durchaus denkbar. Die entscheidende Frage dürfte allerdings in der nächsten Zeit nicht sein, ob sich solche Netzwerke bilden, sondern ob sie untereinander vernetzt bleiben, denn auch die scheinbar unüberschaubarste Community von Kannibalen geht irgendwann ein, wenn nicht ständig neues Fleisch zirkuliert.

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Elektronische Lebensaspekte.