Moodymann ist nach wie vor das Deep-House-Enigma, an dem sich hierzulande die Geister scheiden. Jetzt kam er mit seiner KDJ- und Mahogani-Posse zu einem exklusiven Konzert nach Berlin. Tobias Rapp war da und hat sich bei Moodymanns Mitmusikern Pirahnahead und Andrès umgehört.
Text: Tobias Rapp aus De:Bug 94

Der Kreis der Geschichte – Moodymann & die Mahogani-Posse

Vielleicht ist ja doch alles ganz anders. Ein wenig ratlos steht man am Ende des Moodymann-Konzerts im Berliner Watergate herum und wundert sich. Das soll er gewesen sein, Kenny Dixon Jr.? Dieser Sleazemeister, der gerade eine viertel Stunde über einem langsamen Hintergrundgroove seiner Begleitmusiker einen langen und einigermaßen enigmatischen Vortrag darüber gehalten hat, dass er ein crazy motherfucker sei und einige Ladys in seinem Schlafzimmer darauf warten, mit ihm freaky zu werden? Der dann beim Duett mit seiner Sängerin Nikki-O stöhnend ins Mikrofon gebissen hat? Dieser Spaßvogel, der sich den ganzen Abend in verschiedenen Variationen in ein riesiges blaues Batikhalstuch einwickelte und sich als sein eigener Roadie ausgab, scheinbar schicksalsergeben eingeschnappt, dass die ganze Drecksarbeit immer an ihm hängen bleibe? Das hatte so gar nichts von dem heiligen Ernst, der ihm so gerne unterstellt wird, war meilenweit von dem Moodymann-Bild entfernt, das zu verbreiten er selbst sich ja auch einige Mühe gegeben hat – des einzigen Gerechten, der kompromisslos und radikal seine Idee eines militanten House-Entwurfs durchzieht. Vielleicht hatte er auch bloß einen Clown gefrühstückt. Vielleicht ist aber eben auch alles ganz anders.

Eines ist auf jeden Fall wie erwartet. Er gibt keine Interviews. Vielleicht – vielleicht doch, hatte es vorher geheißen, aber das entgeisterte Don‘t-even-think-about-it-Gesicht des Tourmanagers, als er nur das Wort Interview hört, ist eindeutig. Und warum auch? Am Ende hätte man sich fast zwangsläufig die Hälfte der Zeit darüber unterhalten, warum er sich normalerweise nicht unterhält, man hätte die rare Gelegenheit des fehlenden Vorhangs genutzt, um über eben jenen Vorhang zu reden – wer so lange so gut mit einer Strategie der partiellen Kommunikationsverweigerung zurecht gekommen ist, hat keinen Grund, diese über den Haufen zu schmeißen.

Denn tatsächlich sendet Kenny Dixon Jr. ja in einem fort Zeichen aus. Sei es über die Titel seiner Platten, durch die er den strukturellen Rassismus der amerikanischen Gesellschaft (“Amerika – this planet‘s biggest thief“) und die Geschichtsvergessenheit seiner Community (“Don‘t be misled“) geißelt, an Künstler erinnert, die ihm wichtig sind (“The day we lost soul“) oder die Bezug auf bestimmte Traditionen betont (“Small black church“). Sei es durch seine verwirrende Art und Weise, die gleichen Stücke auf unterschiedlichen Platten oder unterschiedliche Platten unter der gleichen Katalognummer zu veröffentlichen – was am Ende ja nichts anderes als eine Aufforderung ist, sich um das zu kümmern, was man liebt, sich auf die Suche zu begeben nach dem, was man haben möchte, Leidenschaft für das aufzubringen, das ohne Leidenschaft nie hätte entstehen können. Er sei eine “outspoken voice“ in der Welt der elektronischen Musik, heißt es in der Kurzbiographie bei discogs.com. Und all das ohne seit Jahren ein Interview gegeben zu haben. Das ist das eine.

Auf der anderen Seite hat diese Kommunikationsplattform natürlich eine beträchtliche Schieflage – denn so laut Kenny Dixon Jr in den Wald hineinruft, hinter den Bäumen warten vor allem weiße Europäer auf neue Nachrichten. Auch das ein guter Grund, keine Interviews zu geben. So bleibt die konzeptuelle Strenge erhalten und das Mysterium gewahrt.

Außerdem gibt es ja noch seine künstlerischen Partner. Mahogani heißt das Label, das Moodyman vor gut zweieinhalb Jahren zusätzlich zu KDJ Records ins Leben gerufen hat. Das zu promoten hatte er sich zusammen mit einigen seiner Künstler zu einer kleinen Europatour aufgemacht: mit einer Station in Deutschland, dem Watergate in Berlin.

Zu sechst auf dem Souljazz-Ross

Zu sechst waren sie alles in allem gekommen, neben dem Meister (den die anderen im Gespräch interessanterweise nur ungerne beim Namen nannten, sondern höchst respektvoll “our man right here“ sagten, wenn die Rede auf ihn kam) waren zwei Sängerinnen mitgekommen: die junge Nikki-O, bisher noch nicht größer in Erscheinung getreten, und Roberta Sweed, eine ältere Dame, die seit den frühen Siebzigern in Detroit immer dort war, wo die Musik spielte, und um deren Stimme sich das wunderbare Moodymann-Stück “Runaway“ herumgruppiert. Außerdem dabei: Paul Randolph, Bassist für Funkadelic und Amp Fiddler, dessen Album “This Is … What It Is“ gerade bei Mahogani erschienen ist, der Houseproduzent Andrès als Perkussionist (der als DJ Dez mit der Hiphop-Formation Slum Village zusammenarbeitet) und Maurice Herd alias Piranhahead an der Gitarre. Sowohl Andrès wie Herd haben ebenfalls schon auf Mahogani veröffentlicht.

Im Alter von zwei Jahren, sagt Herd, habe seine Familie schon gewusst, dass er einmal Musiker werden würde – obwohl er kaum laufen konnte, habe er sich immer wieder an dem Schränkchen, auf dem die Anlage stand, hochgehangelt und Schallplatten angemacht. Bevor er zu lesen gelernt hatte, konnte er anhand der Farben auf den Platten schon die Labels unterscheiden. Parallel dazu lernte er Klavier und Gitarre, fing an aufzulegen – und nun im Alter von 32 Jahren kann er nicht nur auf eine ansehnliche Laufbahn als DJ zurückschauen, als Gitarrist war er auch schon mit dem Funkadelic-Keyboarder und Black-Noise-Irren Bernie Worrell unterwegs, hat mit Amp Fiddler und Morris Day gespielt, ist ausgebildeter Toningenieur, hat das Detroiter Studio 707 mit aufgebaut, studiert nebenbei noch Musikerziehung, hat einen Stapel House-Maxis bei den unterschiedlichsten Labels veröffentlicht, macht String Arrangements, komponiert Filmmusiken und was noch nicht alles. Kurz: Er ist einer dieser Gestalten, die nie wirklich im Vordergrund stehen, ohne die aber keine Szene je auskommen kann. Neben einer Platte für Womenonwax arbeitet er gerade an einem Projekt mit einem Tabla- und einem Sitarspieler.

“Ich habe Jazz studiert“, sagt er. “Und ich habe das Gefühl, dass die Musik sich gerade in eine Richtung bewegt, wie es sie zu Zeiten von Charles Mingus und Charlie Parker schon einmal gab. Wo die Leute sich ihre Instrumente nahmen und zu Jam Sessions trafen.“ Gerade Detroit habe eine große Jazztradition. “Die Geschichte von Detroit wird oft übersehen. Wenn du deine Geschichte nicht kennst, bist du verloren. In den Dreißigern und Vierzigern hatte Detroit eine unglaublich lebendige Szene. Du hattest Art Blakey, John Lee Hooker und viele andere. Wo ist Berry Gordy in den späten Fünfzigern hingegangen, um sich seine Musiker für das Motown-Studio zu holen? In die Jazzclubs. Und wenn sie bei Motown Feierabend hatten, sind sie zurück in die Jazzclubs. Dann kamen Funkadelic. All das ist in Techno und House eingegangen. Es ist doch so: Deine Ahnen tragen dich. Man muss zurückschauen, wenn man sehen will, wohin man geht.“

Wer nun aber erwartet hatte, diese Jazzsensibilität würde sich auch in dem Auftritt wiederfinden, musste allerdings eine Weile warten. Zunächst war es ein schlichtes Labelshowcase, das jedem Künstler seine Viertelstunde einräumte – die anderen spielten währenddessen mal mit oder ließen es bleiben. An- und abmoderiert von einem unsichtbaren Kenny Dixon Jr, der hinter einem Vorhang herumrumorte, war es eine interessant verfahrene Veranstaltung. Das hatte etwas von einer Jam-Session – vor allem weil nichts wirklich zusammenlief.

Während Nikki-O, eine junge Sängerin, ein wenig überfordert zu sein schien mit ihrer Interpretation von “Summertime“ und den jazzigen Neosoul-Stücken, die sich anschlossen, bis der Computer mit dem Backingtrack abstürzte, groovte Paul Rudolph ganz anständig vor sich hin. Johnny Guitar Watson sagte jemand, das hat ja sein Gutes und sein Schlechtes. Es waren Discohouse-getriebene R&B-Stücke, die er mit seiner Falsettstimme sang, dazu ließ er ab und an seinen Bass knarren. Um dann seinem aufgedrehten Labelchef die Bühne zu überlassen. Und wer weiß, wer sich hier gerade über wen lustig machte.

Wobei es Roberta Sweed war, die mit einer wunderbar einfach-obszönen Coverversion von “Fever“ das große Souljazzhouse-Versprechen einlöste. Und wie sie da in ihrem Glitzer-Outfit auf der Bühne stand, seufzte, sich wie nebenbei am Finger leckte, mal diesen und mal jenen Zuschauer fixierte, aber eigentlich ganz bei sich war – da war dann für ein paar Augenblicke die Tradition ganz im Hier und Jetzt.

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Elektronische Lebensaspekte.