Text: gerold liere aus De:Bug 15

Metaphysik und Technik Constantin von Barloewens Buch zum Mensch im Cyberspace Gerold Liere gerold@de-bug.de Gefragt wird nach dem metaphysischen Potential des “Cyberspace” [kann nicht endlich mal jemand ein anderes Wort erfinden?]. Gegenfrage: Wie kommt jemand auf die Idee, daß das Internet Basis für eine spirituelle Erneuerung oder dergleichen sein könnte? Ist es mit seinen ganzen Kabeln, Routern, Protokollen, Wartezeiten, kryptischen IP-Adressen und seinen größtenteils hochgradig banalen Inhalten nicht ebenso profan wie ein Gullydeckel, nur einfach viel komplizierter? Auch wenn in den Newsgroups noch so viel über Religionen, Mythologien und Philosophie gesprochen wird, wie kann man bei dieser Apparatur ernsthaft von der “technischen Form Gottes” reden oder allein über sie mutmaßen? Vom Verlust der religiösen Bodenhaftung Von Barloewen läßt sich von metaphorischen Analogien leiten: “Es wird nach einer Religionsform ‘nach dem Tod Gottes’ gefragt, Analogien werden aufgebaut zwischen der Figur Gottes und dem Cyberspace. Gott wird als ortsunabhängig, als instantiell, als nicht materiell, als reiner Geist, als nicht sterblich und als ‘ludus globi’ begriffen.” Bei genauerer Betrachtung wird hier schon ein zum Transzendenten neigender Leser vorausgesetzt, der nicht überprüfbare Spekulationen gelassen als Argumente gelten läßt. Der Wille zum Glauben schlägt den Willen zum Wissen. Allerdings verneint von Barloewen die Möglichkeit einer neuen Metaphysik im Cyberspace und zwar mit der Begründung, daß die Erfahrung von Transzendenz immer auf etwas Jenseitiges verweise, der Cyberspace aber immer etwas Diesseitiges bliebe. Nach einer kurzen Einführung in die technischen Grundlagen des Internet widmet er sich dem virtuellen Raum und seinen Auswirkungen auf Mensch und Kultur, worauf ein Kapitel zur ‘Metaphysik des virtuellen Raums’ folgt. Quintessenz: Der Mensch nimmt, ermöglicht durch Gen- und Computertechnologie, seine Evolution selbst in die Hand und verliert dabei seine religiöse und physische Bodenhaftung. “Es ist ein technologischer Absolutismus zu fürchten, wobei sich der empfindliche Punkt des Cyberspace weniger als politisch denn als religiös erweist. Cyberspace ist unsere neue Heimat. Wirklichkeit gilt als der Tod, Cyberspace als das Voranschreiten aus einer staubigen Wirklichkeit, den Begrenzungen von Raum und Zeit, der Sterblichkeit nach einem kosmischen Plan.” Indem er sich bei Baudrilliard und Virilio Unterstützung holt, feiert von Barlowen den postmodernen Abschied von der Wirklichkeit. Dies geschieht allerdings nicht entlang eines erkennbaren Argumentationsstrangs, sondern vielmehr als eine Bündelung essayistischer Theoriefragmente. Es wird der Eindruck vermittelt, als würden wir heute schon körper- und identitätslos durch virtuelle Räume schweben, und die physikalische Wirklichkeit wäre von der medialen nicht mehr zu unterscheiden. Das Virtuelle leite einen ontologischen Wandel ein, eine ‘Transformation des Seins’ und “die Simulation … (werde) zu einer neuen Metaphysik, einer Scheinwelt, da die Philosophie am Ende ist, ein Trugbild des Geistes, weil ihre Irrealität heute das Prinzip des Realen selbst ist.” Nur am Rande: Bisher verfügt der größte Teil der Menschheit nichteinmal über einen Telefonanschluß. Woher stammt eigentlich die Gewißheit, wie in der Zukunft die Technik das Leben der Menschen beeinflussen wird? Über die Frage, wie sich die Menschen ihre zukünftigen technologischen Möglichkeiten aneignen werden, nachzudenken ist eine Sache, heute schon von einer bestimmten Entwicklung als fixem Datum auszugehen, ist dagegen jedoch reichlich fragwürdig. Es scheint in dem literarischen Spektrum zwischen Medientheorie und Philosophie eine goldene Regel zu geben: Sobald jemand den Begriff Ontologie bemüht, braucht er sich um eine empirische Beweisführung nicht mehr zu scheren. Thomas Mann hat Heidegger mal als einen “raunenden Beschwörer des Seins” bezeichnet. Seinen Erben raunen noch heute. Insgesamt empfiehlt sich eine metaphernreiche, möglichst nebulöse und formelhafte Sprache, die die Leser eher in einer diffusen Ahnung des Gemeinten hinterläßt als mit neuer Erkenntnis. Einen argumentativen Ausweg bietet auch immer der Verweis auf die ungeahnten Möglichkeiten der Zukunft, auf die mit großer Selbstverständlichkeit zurück (bzw. vor-)gegriffen wird. Auch die Verwendung des Begriffs Cyberspace verhilft zur Flucht ins Diffuse. Mit Cyberspace meint von Barloewen zunächst schlicht das Internet (in seiner heutigen Form), stellt aber virtuelle Räume, Datenanzüge, Datenhandschuhe und Cybersex als so selbstverständlich dar, als ob die Kopulation per Datenübertragung so alltäglich wie die Telefonauskunft der Telekom wäre. “Cyberspace” vermischt sich hier zu einer Mixtur aus dem gegenwärtigen Internet und undefinierten Vorstellungen von dem, was es als ein vernetzter virtueller Raum einmal sein könnte. Die kosmische Entwurzelung des Menschen Die zweite Hälfte des Buches verdeutlicht, weswegen von Barloewen überhaupt der Frage nachgeht, ob sich dort ein neuer Raum der Metaphysik entwickelt: Er ist ein Mystiker. Und er schimpft auf Wissenschaft und Technik, die Kumpane der Säkularisierung, die den Menschen metaphysisch entwurzelt und ihn seiner kosmischen Identität beraubt hat. Darum fordert er eine Revision gerade der Naturwissenschaften, die zu einem nur objektivierenden Rationalismus verkommen seien, und die für den Menschen – dem religiösen Tier – so wichtige metaphysische Gehalte ausklammere; eine “authentische” Wissenschaft verschaffe hingegen auch den spirituellen Bedürfnissen des Menschen Geltung. “Die letzte Wirklichkeit bleibt aber das Transzendentale als das Jenseitige, als die objektive Welt, als das Auge des Herzens, als göttliches Eingreifen in den kosmischen und historischen Prozeß. Nur durch dieses Eingreifen kann die Wirklichkeit erkannt werden. Das Bewußtsein gleicht dem Beweis für den Primat des Geistes oder des göttlichen Bewußtseins, dessen Widerhall das menschliche Bewußtsein ist. ” Say no more. Constantin von Barloewen: “Der Mensch im Cybersp@ce. Vom Verlust der Metaphysik und dem Aufbruch in den virtuellen Raum”, 1998, Eugen Diederichs Verlag, München —————————————- Zitate Mutmaßungen zur technischen Form Gottes Wie kommt jemand auf die Idee, daß das Internet Basis für eine spirituelle Erneuerung oder dergleichen sein könnte?

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Elektronische Lebensaspekte.