Text: dietmar dath aus De:Bug 07

Der Minkowski-Baumfrosch Science-Fiction-Fortsetzungsroman exklusiv für DE:BUG von Dietmar Dath Kapitel 1: Zu Gast bei Old Err Null: Transit Zu Gast bei…? Da heißt es, sich sputen. Aufbrechen von hier. Ach so, die Brille muß ich abnehmen. Linsen? Na gut, Kontaktlinsen. Aber eine eklige Invasion eigentlich, eine Belästigung, das da auf den Augäpfeln vornedrauf, Haftschalen, was, so eine Art… fast, wie wenn man ein technisches Introjekt in die Haut, in den Schädel… na, nur Mut. Künstliches Auge hätte man natürlich gerne: Hatten wir das nicht schon x-mal besprochen? Zwei Millionen Bildpunkte für jede Grundfarbe. Pixelplurale. Oder die Frau, die sich über “Bernsteinik” in “Spex” gewundert hatte, Folge 2, wo ich von Retina-Erkennen statt Iris-Erkennen schrieb – klar, Iris kann man nämlich fälschen (Kontaktlinsen eben: siehe “Last Action Hero”). Jetzt die Pillen schlucken. Gut. Und in die Maschine. (Unten im Gemäuer spielen Kinder, oben auf dem Wehrgang spazieren Touristen, schießen Fotos…). Also, die Reise kann… Wo, hier? Hier/jetzt. Wann, hier/jetzt? Eintritt. Konforme Krümmung entlang, zeitartig bis… The Society represented the spirit of innovation in late eighteenth-century Britain, generating new life in the provinces by launching the early stages of the Industrial Revolution, and bringing about the educational and cultural changes appropriate to this setting. Konforme Krümmung revers, raumartig bis… In general relativity there is a long-standing problem of defining momentum and angular momentum in a general curved space-time. In this chapter, we describe an application of twistor theory which aims to provide a solution to this problem. As we shall see, this aim… Zurück wie ein Pendelschwung, mit dem ganzen Körper als Pendel, oder Senkblei, dann: Austritt, Atemholen, Angstkrampf, und dann: Liegen im bebenden Gras. Der Vollmond schien stumpfglänzend über den hohen Bäumen. Ich atmete flach. Ich beruhigte mich langsam. Appropriate to this setting. Es war jedesmal ein Fegefeuer. Und jedesmal ein Sakrament, ein Wunder, ein … Geschenk. Wenn einer eine Reise tat. Eins : Dietmar und Georg Vielleicht hatte er eine Pistole, oder schlimmer: ein Messer bei sich. Ansprechen kam also nicht in Frage. Ich war sowieso ein bißchen schief im Sinn, die milden Halluzinogene und die nicht ganz so milden Uppers, die ich eingenommen hatte, um den Transit erträglicher zu machen, kribbelten noch in den Venen, Sehnen und Nervenenden. Trotzdem: er gefiel mir gar nicht. Sicher sein kann man sich in diesen Dingen nie, aber ich möchte beschwören, daß der schlaksige, etwas gebeugt an der Schanknische stehende Mann in der Waldschenke, an dem Spätsommerabend, an dem begann, worüber ich schreiben will, meinem Blick auswich, weil er spürte, daß ich ihn, wie man sagt, genau maß und mir vor allem sein Armeemantel so gar nicht gefiel – niemand außer mir in der Schenke hätte den Mantel als Armeemantel identifizieren können, die militärischen Kennzeichen waren entfernt worden, und dem Schnitt nach hielten die örtlichen Hintlerwäldler das Ding womöglich für das “Gewand eines reichen Kaufmanns aus London” – aber ich wurde das Gefühl nicht los, den Mantel schon mal irgendwo gesehen zu haben und den leicht angeschickerten, extrem nach vorgezogenem After-Hours-Chillout aussehenden Typen, der drinsteckte auch. Aber wo und wann? Eine Berliner Straßenzeile im harschen Winter 1943 fiel mir ein, als ich mit Georg und Katja nach einem frühen Frosch-Manuskript gesucht hatte, das angeblich von Jakob Böhme persönlich stammte und im Besitz eines hohen Wehrmachts-Arschlochs gewesen war – angeblich, wie gesagt – wir fanden nämlich nichts. Unter so vielen Nazis – ich meine, so richtigen Nazis mit Hakenkreuz-Armbinden, Endsieg im Althirn und Parteibuch in der Tasche und allem Drum und Übel – wurde ich immer schnell nervös. So ähnlich wie im Moment, als ich den verbauten Knaben dort vorne fixierte. Naja, er war natürlich nicht ganz so ekelerregend wie dieses deutsche Mördergesockse in seiner “besten Zeit”, aber… War dieser schräge Vogel beim Dunkelbier drüben vielleicht doch einer der Laufburschen der Wehrmachtscanaille mit dem angeblichen Böhmemanuskript gewesen? Oder hatte ich ihn woanders gesehen… Köln 1995, bei einem House-Music-Abend in… wie hieß der Club doch… nein, da hatte niemand solche Mäntel getragen, und wenn, dann wäre… Oder war es bei der Japangeschichte gewesen, 2007, nachdem Kato und Barbara die Sprache der Frösche das erste Mal soweit geglättet hatten, daß sinnvolles Decrypting der Fragmente von Procyon möglich wurde… Damals hatten die Fischleute uns überfallen, ein paar Rechner zerstört, wir sind zwar noch mal davongekommen, aber Katos Frau war getötet worden, üble Geschichte, er ist nie damit fertig geworden. War dieser Typ da also vielleicht einer von den Söldnern der Fischtruppe gewesen, die damals mit Nadelgewehren im Anschlag ins HQ gestürmt waren? Ich wünschte mir, ich hätte ihn genauer ausforschen können… besseres Licht, näher dran, um zu hören, was er eventuell sagte… wenn ich eins dieser künstlichen Augen gehabt hätte, wie das rechte von Old Err… Ich senkte den Blick auf meinen Apfelsaftbecher, das Zeug sah irgendwie zu dicklich aus, zu gelb, zu… die Scheißdrogen machten alles trüb und erhöhten irgendwie die… Viskosität der Welt. Schmadder. Eine Hand legte sich von hinten auf meine Schulter, und wenn mich die Drogen nicht auch noch verlangsamt hätten, wäre ich wahrscheinlich von der Bank aufgesprungen und hätte den kleinen Holztisch mit den Knien umgestoßen – so aber sog ich nur etwas pfeifend einen Happen Luft in die Lungen und sah auf, während die vertraute Stimme hinter mir mich schon beruhigte, bevor ich den Mann ausmachen konnte, der sich zu mir setzte. “Also, Dath, alter Pfeifenkopf, auch wieder in der… Gegend?” Es war Georg, sein Vollbart sah noch elektrisierter aus als sonst, der geknöpfte bayrische Frack (“im Stil der Epoche”, fiel mir Katjas Zeitreisenden-Dauerjoke ein) unter seinem Wildledermantel war grau, aber von ein paar Kreideflecken verunziert (hatte er wieder wen belehrt, der Gute, auf einer Tafel natürlich – er haßte Laptops, Powerbooks und Heft-NALs). Gemütvoll seufzend zog er sich einen Stuhl heran und ließ sich langsam darauf nieder. “Warst ganz schön gedankenverloren, was? Oder bist du grade erst angekommen?” ”Grade erst angekommen.”, mümmelte ich, noch mal vom Saft kostend, blinzelte ihn aus kopfschmerzdumpfem Kopf wahrscheinlich ein bißchen schafsäugig an, denn er grinste (der große Schnauzbart sträubte sich lustig) und fragte jovial: “Ausgangskoordinaten?” ”Naja, Mitteleuropa, Ende 1997. Ich hab Katos vierte Maschine benutzt, in der Schweiz.” “Alpen, ja.” nickte er gedankenverloren. Ich berichtigte das nicht – was hätte es ihm gebracht, wenn er gewußt hätte, daß die Maschine im Tessin im Gebirge versteckt gewesen war… gewesen sein würde… der Scheiß mit der Zeit (“syntagmatische Temporaldynamik von präeinsteinischen Grammatiken”, Barbara) machte mir jedesmal die Birne wacklig. Ich versuchte, meinen etwas flackernden Blick wieder auf den schattigen Schurkendarsteller an der Zapfnische zu heften – aber der war weg. “So ein..”, murmelte ich, aber Georg legte mir die massive Hand aufs Knie und sagte: “Also, was ist, soll ich dich mitnehmen, Landsmann? Ich nehme doch an, du willst zu Old Err? Vollmondnacht und so weiter?” Ich nickte. “Hast du denn…” setzte ich an, und Georg winkte großzügig ab: “Natürlich, vor der Schenke steht eine Kutsche. Wieso, wie bist du hergekommen? Wo bist du eingetroffen?” ”Hier. Zwanzig Meter weit im Wald.”, erläuterte ich trocken, warf dem Wirt, der sich langsam vom Dunkelbierfaß zu unserem Tisch in Bewegung setzte, eine Münze zu, damit der gar nicht erst hoffte, Georg würde was bestellen, stand mit meinem Kollegen auf und ließ mich von ihm vor die Schenke führen, wo sein von Old Err gestellter Zweispänner wartete – auf den Türen waren stilisierte Rotaugenlaubfrösche abgebildet, ich bewunderte sie einen Augenblick (Georg nickte zufrieden: “Ja, Agalychnis callidryas – Old Errs Gärtner hat sie gezeichnet, mit diesen Wunderstiften, die Barbara mitgebracht hat.” Er meinte die Eddings. Ja, man kann auch mit kleinen Sachen/ den Menschen aus vergangenen Jahrhunderten eine Freude machen. Ha.). Oben auf dem Bock des Fahrzeuges saß ein Bediensteter von Old Err, wie ich beruhigt feststellte, und als Georg mir die Tür öffnete und ich auf wackligen Beinen einstieg, hörte ich den Aushilfskutscher leutselig sagen: “Jolly fine evening ’tis, yes ’tis indeed, esteemed guests from faraway Germany. Jolly fine indeed, surely for those who speak the tongue of the frog.” ”Yes, sure, so let’s be on our way, aye?”, grummelte Georg gemütlich, stieg zu mir in den Wagen, und ich hörte die Peitsche knallen, hörte die Räder rollen, spürte den Anfahrtruck und das rhythmische Ruckeln, als der Zweispänner Fahrt aufnahm, hörte Grillen an der Böschung, sah aus dem Kabinenfenster: der Vollmond stand überm Wald nahe Birmingham, und das bedeutete in der Tat, daß im Zeichen des Frosches ein paar ziemlich hochkarätige Gäste den Weg zu Old Errs Anwesen finden würden. Mal abgesehen von einem, mich mal wieder über den Stand der Wissenschaften in meinem “Referenzrahmen” ausfragenden, Georg: “Und war es nicht 1997, als ihr vor lauter wirtschaftlichen Schwierigkeiten sogar Stellen beim Joint European Torus streichen mußtet? Wegen Kursschwankungen des englischen Pfunds, man denke! Das war vor den Synchrotron-Strahlungsquellen der fünften Generation, oder? Ein weiter Weg noch für die Leute bis zu Katos Entdeckungen! Ihr habt ziemlich den Schwung verloren an eurem Ende, was?” Ich sagte nichts, ich ließ ihn schwelgen – er behauptete am Ende seines Monologes jedesmal, “sein” Jahrhundert sei eben doch das beste gewesen für den Forschergeist (wie DER mir manchmal zum Hals raushing! Der Forschergeist, nicht Georg natürlich.), und schon klingelten mir die Ohren von der enragierten Replik, die ihm Err heute abend verpassen würde, wonach DIESES, also Errs, Jahrhundert, NOCH viel besser gewesen sei. Ich genoß den leichten Fahrtwind und die sternenklare Nacht und das allmähliche Zergehen der pelzigen Drogenschleier vor dem Verstand. Die ECHTEN Streitereien würden früh genug losgehen. Zwei: Katja Benante Katja stolperte über eine knorrige Eichenwurzel, griff mit der rechten Hand nach dem rettend aus dem duftenden Waldboden ragenden Leib des Stamms, riß sich daran herum (wie ein Raumschiff, fiel ihr zusammenhanglos ein, das die Gravitationsmulde eines Planten oder einer Sonne zur Beschleunigung nutzt, indem es einen Bogen innerhalb der Raumzeitkrümmung fährt: Eintauchen in den Gravity Well, Abzapfen) und wäre fast auf die Schnauze geknallt, da sah sie über sich einen starken Ast, drückte die Knie durch, schnellte in die Höhe, griff nach dem Ast, hangelte sich daran empor und schwang mit todesverachtender Leichtathletinnen-Muskelanspannung daran hoch, kletterte rauf, schlang die Beine drum und blieb keuchend auf dem Ast liegen, während im Gebüsch das Knacken der Stiefeltritte ihrer Verfolger lauter wurde, näherkam. Scheiße, dachte sie zerschlagen und mit glühenden Synapsen, keine fünfhundert Meter bis zur Waldschenke und keine viertausend bis zu Old Errs Anwesen, und ich schaff’s nicht, die Wichser abzuschütteln. Die Fischmänner hatten ohne Vorwarnung das Feuer eröffnet, als Katja verschwitzt, mit klopfendem Herzpuls, ins Kontinuum gefallen war, direkt im Kieselbett des Baches/Kleinflusses südlich der eigentlich angepeilten Location (Sie kam gerade aus dem 25. Jahrhundert, die Maintenance der Twistormaschinen in dieser Epoche war notorisch schlecht.). Sie war, infolge des Ungleichgewichts und der Überraschung, am falschen Ort angekommen zu sein, auf den glatten Steinchen ausgerutscht und im Wasser lang hingeschlagen, hatte noch verblüfft das Glitzern und Gluckern registriert (ja: Mondnacht), dann waren die ersten feindlichen Nadeln neben ihr ins Wasser geprasselt, zwei Handbreit von ihrem Schädel weg. Schöne Scheiße. Sie rollte auf den Rücken, machte ihre eigene Waffe vom Hüftgürtel los, schwang die Beine in die Höhe, dann ein “Klappmesser” wie aus dem Sportpädagogenhandbuch, und sie kam auf die Knie und feuerte in die Richtung im Gebüsch, aus der die Stahlprojektile hagelten – d.h. sie HÄTTE in diese Richtung gefeuert, WENN die bescheuerte Knarre nicht wieder mal blockiert gewesen wäre. Sie tat also, was ihr Georg für solche Fälle mal nahegelegt hatte: sie ließ einen furchterregenden Schrei los, machte einen stolpernden Schritt in Richtung ihrer Angreifer, sprang zur Seite, duckte sich und hechtete über den Erdwall am Bach ins Gehölz, wo sie im Zickzack versuchte, die Bande (es mußten drei oder vier sein) hinter sich zu lassen – bis gerade eben, als sie sich auf diesen Ast hier gerettet hatte. Das Stiefelholzgeknacke setzte einen Augenblick aus. Sie hörte die Burschen sich leise unterhalten: Jägerabsprachen, “Verteilt euch!” und der ganze Dreck. Jetzt trat einer aus dem schraffierten Schatten nahebei, stand, angestrengt ins Finstere spähend, schräg vor/unter ihr, und sie dachte sich: Angriff ist die dümmste Verteidigung und schwang sich runter und trat ihm von hinten in die linke Niere, daß er einknickte, aufseufzte – sie schlug ihm mit der Handkante gegen den Hals, er pfiff und schnorchelte, sie trat ihm vor die Brust, er sank nach hinten auf den Waldboden: Farne, Moos, Wurzelwerk. Sie entwand ihm die Waffe. Eine ihrer langen braunen Locken hatte sich aus dem Gummiband hinterm Kopf befreit und war ihr vors Gesicht gefallen, sie strich sie beiseite und richtete den Lauf der Nadelwaffe auf den Söldner am Boden (während sie schon die Schritte seiner Kameraden heranknacksen hörte), auf sein Gesicht. Als er lange genug Zeit gehabt hatte, zu sehen und zu begreifen, daß sie ihn hätte töten können, in diesem Moment, auf dieser Lichtung, warf sie sich zur Seite, in die Schatten, tauchte wieder weg zwischen Ästen und Mondlicht. Sie konnte sicher sein, daß der Bursche seine Mitschergen wissen ließ, daß sie jetzt bewaffnet war. Vielleicht würde das Faschistenpack von weiterer Verfolgung Abstand nehmen. Auf einem zitternden grasgrünen Halm, keine anderthalb Meter weit weg von der Stelle, an der der schwer atmende, gepreßt fluchende, angeschlagene Fischsoldat (es war, wie der Zufall so spielte, auch ein Deutscher: ein junger Sachse aus dem frühen 21. Jh.) lag und sich die schmerzende Seite hielt, saß ein weißgenetzter Riedfrosch (Hyperolius parallelus alborufus), der alles beobachtet hatte, was geschehen war. Seinen hypersensitiven Augen, zwei kleinen Meisterwerken der avancierten Ophthalmonanonik des ausgehenden dreiundzwanzigsten Jahrhunderts, gefertigt auf dem Mars (Robinson City/Hellas Planitia), war auch nicht das kleinste Detail entgangen – und das FTL-Signal, das sein modifiziertes Amphibiengehirn aus der Bildaufzeichnung gemacht hatte, kreuzte schon jetzt, als Parallele spezieller zeitartiger Vektoren, den Minkowskiraum, auf dem Weg zum zentralen NAL der Froschleute. Der Frosch reckte den Kopf, als die zwei Kampfgenossen des Angeschlagenen auftauchten, beschloß, daß er ihre Visagen nicht mochte und hüpfte mit einem ziemlich gekonnten Sprung mitten ins Blattwerk eines noch sehr jungen Baumes am Rande der Lichtung. Drei: Old Errs Abendgesellschaft Sagte ich “ziemlich hochkarätige Gäste”? Freunde und Nachbarn, ya don’t know the half of it! Der Saal war weitläufig, in dem die Tafel stand und die Leute in kleinen Gruppen miteinander konversierten, also, ich weiß nicht, wie groß (Grundflächeschätzen: Hab’ ich schon in der Schule nicht gepackt.), aber sagen wir mal so: wenn man sämtliche “DE:BUG”-LeserInnen in diesen Raum hätte packen wollen, so hätte jedeR von ihnen zu diesem Zweck nicht mehr Gewicht abnehmen müssen, als man durch, sagen wir, fünf mittelgute Raves… Aber ernsthaft: Kaum hatten sie uns die Mäntel abgenommen und uns an den so dekorativ in die Wände eingelassenen Fenstern der großen Terrarien und Aquarien vorbeigeführt (Mit meinen brillen- und linsenlosen Augen war nicht viel zu sehen. Georg klärte mich aber auf, daß ein paar Neuerwerbungen zu bestaunen wären: ein Neuguinea-Riesenlaubfrosch sei ihm aufgefallen und im Kurzgras zwei tropische Arten, die er nicht kannte, vielleicht aus der ferneren Zukunft.), kaum hatte ich mir, vor dem Eintritt durch die Flügeltüren in den großen Saal, die Kontaktlinsen wieder eingesetzt (in der Schenke hatte ich aus Sicherheitsgründen keine getragen: wenn jemand genau hinschaute und sie bemerkte…), kaum also hatten sich die Flügeltüren zum Festsaal für uns geöffnet, bot sich der Anblick einer Versammlung von HeldInnen, wie sie höchstens ein Historienschinken mal auf einem Tableau zusammenkommen läßt. Bei einer ein bißchen traurig aussehenden Topfpalme, unterm Kuppelglasdach in der Erkernische, stand in knöchellangen Hosen, Gamaschen, Schafswolljacke, mit Augenklappe natürlich, der schlaksige Jim und teufelte auf Thomas ein, der mit seiner Tonsur selber wie ein “Mond” aussah (jedenfalls wurde das Kronleuchterlicht von seinem blanken Schädel reflektiert). Ich verstand nicht genau, was der hagere Ire in schnarrendem Kirchenlatein mit schon leicht alkhoholverwaschener Stimme an den Italiener ranlaberte, fing nur die Fetzen “Nunc stans…” und “…mundum superavit” auf, worauf der Vollgequatschte langsam, jedes Wort betonend, zu einer bedächtigen Antwort ansetzte: “Nec potest aliquis dicere…”. Georg scherte sofort aus, als wir den Saal betraten und gesellte sich zu unserem Gastgeber, Old Err, der eben mit dem berühmten Bischof von Cloyne (lebte der eigentlich noch zu der Zeit, oder war er offiziell schon gestorben? Du liebes 18. Jahrhundert, wurde mir wiedermal bewußt: einen Dreck wußte ich.) über dessen “Alciphron” redete und dabei lachte… ich hielt Ausschau nach unserem russischen Freund aus dem 20. Jahrhundert, der von Lenin so auf die Mütze gekriegt hatte, weil er just diesem Bischof in ein, zwei Ideen so nahestand, aber Aleksander war nirgends zu entdecken – wie ich überhaupt eine Weile rumirren (und von diversen Tabletten, die rumgereicht wurden, diverses Häppchenzeug fischen und in mich reinstopfen) mußte, bevor ich die ersten Gesichter aus dem 20., immerhin ja meinem eigenen, Jahrhundert zu Gesicht kriegte: Katos 25-jährigen Bruder Hiro, an eine Wand gelehnt (“lässig”, im Stil der späten Neunziger gekleidet), der sich von J.A.W. (wie er in dieser Gesellschaft nur hieß) belehren ließ: “Mr. Takahashi, what your Brother actually is proposing in his famous Paper from July of 2032 goes far beyond what we…”. Ich nickte den beiden stumm zu und stellte mich neben J.A.W, der mich wie üblich nicht registrierte, Hiro nickte knapp zurück und sagte: “Barbara ist mit Errs Enkel zu den Vogelbauern raus… Nachtluft und so… – ist aber schon seit drei Stunden da.” Der Brite bei Hiro hatte sich anscheinend in Rage geredet: “All the people ever talk about is this… this time-travel stuff. I mean, it’s proper that they should discuss it – at least we owe it to this aspect of your brother’s work that we all can be assembled tonight – but this business with the hypersurfaces… Look, as I’ve explained before, when we were looking at how the action integral is influenced by changes in the location of the upper spacelike hypersurface, we had… it was, we… it was what we called many-fingered-time. If you look at…”. Ich ließ den Blick einen Augenblick wandern, freute mich an der Atmosphäre, den Stimmen, der… “Nachthaftigkeit” des Ganzen (bin immer schon ein Nachtfan gewesen, eine klasse Zeit jederzeit), von wegen Mondlicht, Taftrascheln, Kostüme… dachte auch einen flüchtigen Moment lang an die Worte, mit denen Mea Allan in ihrem saugeilen Buch über Old Errs Enkel, diesen Laden hier, “Lunar Society”, dessen wahre Natur (transtemporaler Club der Froschleute) sie nicht kannte, beschrieben hatte: “eine in der Geschichte der Wissenschaft einmalige Gesellschaft”. Konnte man so stehen lassen… und “eine der Triebkräfte der industriellen Revolution”? Naja…drüben an der Sektbar stand zumindest James Watt, der alte Imperialistenarsch, wenn er auch ein bißchen kränklich aussah (soviele Köpfe aus anderen Epochen machten ihn immer leicht nervös). Ich verlor mich an meine fusselnden Gedanken (stand da drüben, vor den schweren Vorhängen bei Kato, etwa auch noch dieser Goetz? Der mußte ja wohl auch überall… Von dem hatte ich in letzter Zeit unabsichtlich mehr als genug ge… Nein, zum Glück, eine Verwechslung. Bloß ein technischer Assistent von Katos Institut). Ich versuchte wieder, mich in J.A.W.’s Privat-Vortrag für Hiro reinzuhören (“…thus the detemporalization effect hinges upon a contrived…”), als plötzlich ein Schatten über den Mond zu huschen schien. Das große Kreuzfenster an der Saalsüdseite war plötzlich irgendwie… rauchverschmiert oder… und dann platze es mit einem Geräusch wie einstürzende Kristallpaläste in den Saal, bedeckte Thomas (der einen Schritt nach hinten stolperte) und den ausrutschenden und in die Palme stürzenden Jim mit einem gräßlichen Glasregen, Splitter flogen in den Saal, Leute kreischten, stolperten, rannten umher, J.A.W. stotterte: “What in…”, Hiro packte ihn am Jackenaufschlag und schrie: “Down!”, und ging, den Briten mitreißend, in die Hocke – ich tat einen halbherzigen Schritt zur Seite, sank verwirrt und ängstlich in die Knie, massenhaft legten sich Leute auf den Boden – an der Flügeltür sah ich Barbara und Errs Enkel, beide aus der Zukunft, die eben eingetreten waren, hinter der Bar Schutz suchen – Old Err und Bischof Berkeley aber standen immer noch da, wo ich sie vorhin hatte stehen sehen, Georg bei ihnen, alle drei wie angewurzelt – und dann sprang durch die zerborstene Ruine des Fensters, das offenbar von einer Deto-Nadel getroffen worden war, eine dreckverschmierte, wild aussehende, lockige Piratin in Jeans und olivgrünem T-Shirt in den Saal, eine Waffe in der rechten Hand, noch im Sprung herumwirbelnd und aus dem Nadelgewehr in die Büsche vor dem Fenster feuernd: Katja. Ich öffnete den Mund, obwohl ich nicht wußte, was ich sagen, rufen oder schreien wollte – da sprang durch dieselbe “neue Tür”, durch die Katja hereingekommen war, ein offensichtlich Irrer in wehendem Mantel, beide Hände bewaffnet, wahllos in den Saal ballernd, Katja duckte sich hinter die Topfpalme (vor der Jim, fluchend, gekrümmt, auf dem Boden lag, seine Augenklappe war vom Auge gerutscht – Thomas hatte Schutz unterm Buffettisch gefunden) und wollte das Feuer erwidern, aber der Irre schlug einen Haken und tat einen Satz auf die Gruppe um Old Err zu – legte mit der Rechten an (die Linke schoß in die “ungefähre Richtung”, in der Katja sich duckte), auf Old Err, und brüllte (natürlich auf deutsch, die meisten Arschlöcher kommen scheint’s aus der “Heimat”): “Verreck, Froschauge!” – er hätte ihn auch getroffen, wenn Georg nicht als einziger aus dem bedrohten Trio ein Fünkchen Geistesgegenwart besessen hätte – er schubste Old Err beiseite und trat gleichzeitig etwa einen halben Schritt auf den Angreifer zu – so daß sich die für unseren Gastgeber bestimmten Nadeln in Georgs Schulter, seinen Hals und seine linke Wange bohrten – er fiel nach hinten, dem Bischof in die Arme, und dann brach auch der Angreifer zusammen, von sechs Nadeln aus Katjas Waffe in den Rücken, die Oberarme, den Hinterkopf und die Hüfte getroffen. Katja stand auf, ging zuerst langsam auf das geborstene Fenster zu, die Waffe noch im Anschlag – das Knirschen ihrer Schritte auf den Glassplittern war das einzige Geräusch in dem Raum, in dem jeder Laut erstorben war. Sie spähte in den mondhellen Park – keine weiteren Angreifer waren zu sehen – und inzwischen war auch ein halbes Dutzend von Old Errs Sicherheitsleuten aufgetaucht – im Park, auf der Veranda und im Saal, wo sie Leuten aufhalfen, Verwundete begutachteten. Verhältnismäßig rasch war nach der Katastrophe ermittelt, daß wir “glimpflich davongekommen” waren: niemand außer dem Angreifer und Georg war ernstlich verletzt worden: es gab nur Schnittwunden vom Glas, und einen Streifschuß (Jim). Im Park lagen zwei Tote, Fischmänner wie der im Saal – und Georg lebte auch nicht mehr. Barbara, Kato und ich, Katja und der Arzt Seymour Xao saßen hohlwangig, schweigend und starrend in dem Raum, in dem sie Georg aufgebahrt hatten, nachdem alle Versuche, ihn zu retten, vergebens gewesen waren – ich konnte es nicht fassen. Noch immer grübelte ich, sinnloserweise, um nicht daran denken zu müssen, daß Georg tot war, wirklich tot, darüber nach, wie es möglich gewesen war, daß die Fischleute jede Spielregel gebrochen hatten und Old Err ZUHAUSE, also auf NEUTRALEM BODEN angriffen… während massenhaft ZivilistInnen dabei waren… zu denen ich mich auch selber zählte… als Old Err plötzlich auf deutsch zu Barbara sagte: “Es ist furchtbar. Besonders für euch, unglücklicherweise.”, und er sah mitfühlend auch zu mir.”Naja…” sagte ich betreten, “Ich habe ihn nicht SO gut gekannt, aber..” ”Das meint er nicht.”, fiel mir Barbara ins Wort, und ich muß ziemlich begriffsstutzig zurückgeblinzelt haben, denn geduldig, ruhig, traurig erklärte Kato: “Er meint, daß wir hier festsitzen – du, Barbara, J.A.W., ich, mein Bruder, Katja…alle, die aus einer der Zeitlinien stammen, in denen Georg erst am 6.1.1918 in Halle gestorben ist. Diese Zeit ist von uns, wie wir hier zusammensitzen neben einem Georg, der in seiner 1910-Version gestorben ist, als er für einen Besuch bei Old Err 1910 für ein paar Stunden verlassen hatte, für… immer abgeschnitten. Es gibt nämlich kein Relais zu dieser Zeitlinie… der Zeitlinie ‘toter, verschwundener Georg’. Soweit wir die Zukunft kennen, und die verschiedenen Alternativkurven, war eine derartige Realität nirgends vorgesehen. Die Fischleute haben die Matrix nachhaltig gestört. Ihr größter Sieg seit… seit der verdammten Nazischeiße.” Ich atmete langsam aus und schüttelte stumm den Kopf. Scheiße. Es stimmte. Eine illegitime Bernsteinik, und wir mittendrin. Wir waren gestrandet. Fortsetzung folgt ———————————————– Sätze: Ich senkte den Blick auf meinen Apfelsaftbecher, das Zeug sah irgendwie zu dicklich aus, zu gelb, zu… die Scheißdrogen machten alles trüb und erhöhten irgendwie die… Viskosität der Welt. ”Ausgangskoordinaten?” ”Naja, Mitteleuropa, Ende 1997. Ich hab Katos vierte Maschine benutzt, in der Schweiz.” “Alpen, ja.” nickte er gedankenverloren, und ich berichtigte das nicht – was hätte es ihm gebracht, wenn er gewußt hätte, daß die Maschine im Tessin im Gebirge versteckt gewesen war… gewesen sein würde… der Scheiß mit der Zeit machte mir jedesmal die Birne wacklig. Ja, man kann auch mit kleinen Sachen/ den Menschen aus vergangenen Jahrhunderten eine Freude machen. (Sie kam gerade aus dem 25. Jahrhundert, die Maintenance der Twistormaschinen in dieser Epoche war notorisch schlecht.) Seinen hypersensitiven Augen, zwei kleinen Meisterwerken der avancierten Ophthalmonanonik des ausgehenden dreiundzwanzigsten Jahrhunderts, gefertigt auf dem Mars (Robinson City/Hellas Planitia), war auch nicht das kleinste Detail entgangen – und das FTL-Signal, das sein modifiziertes Amphibiengehirn aus der Bildaufzeichnung gemacht hatte, kreuzte schon jetzt, als Parallele spezieller zeitartiger Vektoren, den Minkowskiraum, auf dem Weg zum zentralen NAL der Froschleute. Soweit wir die Zukunft kennen, und die verschiedenen Alternativkurven, war eine derartige Realität nirgends vorgesehen. Die Fischleute haben die Matrix nachhaltig gestört.

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Elektronische Lebensaspekte.