Text: dietmar dath aus De:Bug 08

Der Minkowski-Baumfrosch Science-Fiction-Fortsetzungsroman Dietmar Dath Was bisher geschah: In einem versteckten Herrenhaus bei Birmingham, Mitte d. 18. Jh.s, trifft eine aus vorläufig unklaren Gründen mit d. Wappentier “Frosch” assoziierte Abendgesellschaft v. WissenschaftlerInnen, KünstlerInnen u.a., darunter einige aus dem 20. Jh. stammende (z.B. d. Ich-Erzähler), auf eine Soldateska mit d. Feldzeichen “Fisch”. Einer der Killer hat es auf den Gastgeber “Old Err” abgesehen, tötet aber dann den dazwischentretenden 20.-Jh.-Zeitreisenden “Georg” und erschafft damit eine topologisch geschlossene, zeitförmige Mannigfaltigkeit (eine “Bernsteinik”), von der aus kein Weg ins 20. Jh. des Ich-Erzählers führt. Man sitzt fest und sinnt auf Abhilfe. Kapitel 2: Vergeudung von Jahren Eins: Nachtgarten und Totenwacht Frische Luft- ich mußte raus aus dem Tagungsgebäude der wahren Lunar Society (die Geschichtsbuchversion traf sich jeden einer Vollmondnacht nächstgelegenen Montag – die wahre an den Vollmondnächten selber), um mich eine Weile in den Gärten zu ergehen, die Beklommenheit abzuschütteln, zu atmen. Ich ging die Eichentreppe runter, an den an der Wand hängenden, gerahmten, naturkundlichen Zeichnungen (Amphibien, Pflanzenschemata, Baumrindengravuren) vorbei und durch die Eingangshalle, in der geschockte Festgäste aus halbdutzend Jahrhunderten standen und sich mit zagen Stimmen flüsternd unterhielten. Auf den Balkon, wo ich mich auf die Treppe stellte, das Heckenlabyrinth betrachtete (am Treppenabsatz lag ein toter Angreifer, von einer schwarzen Plastikplane bedeckt), dann wagte ich mich auf den Kiesweg. Ein mit verschränkten Armen an den Blumentrögen posierender Sicherheitsmann von Old Err nickte mir zu, als ich per Geste andeutete, daß ich ein paar Schritte gehen wollte – also Fuß vor Fuß auf dem Kies, um mich aus niedergedrücktem, stumpfen Stupor allmählich durch beherzte Atemzüge, volle Bissen von der kühlen Nachtluft, in eine klarere Trauer um Georg und ein schärfer konturiertes Bewußtsein unserer Lage an dieser Schiffbruchsküste sturmgepeitschter Raumzeit reinzudenken. Englischer Garten in tiefblauer Nacht, wenn die Blätter die Farbe von Bleistiftminen haben, Winde wispern, Melancholie sich nicht mehr wie eine Emulsion von Unglück in Langeweile anfühlt, sondern wie samtenes Wissen von friedlicher Vergeblichkeit: Trost finden in still vor sich hin wachsender, wuchernder, dabei gut euklidisch-geometrisch in planvolle Ordnung eingefaßter, zivilisierter “Natur”. Engländer, dachte es aphoristisch in meinem Kopf, haben den wahren Cyberspace erfunden, virtuellen Wald, und ihn “Country House Garden” genannt. Die wußten gar nicht, wie behaglich sie’s hatten, an der Schwelle zur Industrialisierung (wie ein Gespensterschatten schwebte vor meinem inneren Auge das bleiche Gesicht James Watts, das sich vorhin über Georg gebeugt hatte und seine bekümmerten Worte dazu, daß Georgs Herz nicht mehr schlug: “Oh dear.”). Ordnung, Botanik, ein Traumgesicht. Your verses, Mr. botanist, consist of pure description. Vom nahen Teich her das Quarren der Försche: Rrrwak, Rrrwak- Ja, dachte ich: Rrreprazent, rrreprazent! Vocal Bassbeatboxes. Ich kramte in den Taschen meiner Hose aus grobem Stoff, die ich seit zwei Tagen, also schon vor dem Transit, noch in meiner Heimatzeit, getragen (im 20. Jh. fallen Klamotten aus dem 18. weniger auf als umgekehrt) und fand zwischen Taschentüchern und gefaltetem Papier mit Notizen (Telefonnummern: Was würde man hier jetzt von diesen Zahlenreihen denken, wenn ich verunglückte und jemand die Zettel fand?) ein Fünfzigpfennigstück, das ich bei der Vor-Transit-Durchsuchung meiner Kleidung nach unzeitgemäßer Konterbande übersehen hatte. Ich fischte es raus und hielt’s ins Mond- und Sternenlicht – da fuhr ein Schreck durch mich, denn Schritte hatten nahe an meinem Ohr geknirscht. Ich drehte mich sehr langsam um, und vor mir stand Katja Benante, verloren lächelnd, und sagte: “Was ist, vergleichst du, was silberner schimmert, deutsches Geld oder der Mond?” ”Vielleicht hättÔ ich dafür ‘ne CD mitnehmen sollen.”, erwiderte ich launig. Sie wußte, was ich meinte: Mond- und Sternenlicht waren ANDERS in diesen Tagen vor dem im elektrischen Licht der Städte erblaßten Nachthimmel. Fahler, numinoser. Sie bot mir eine Zigarette an – wann, vom Zweistromtal der Frühgeschichte bis zu den Kuppelstädten des Mars der fernsten Zukunft, hatte ich Katja je ohne ihre Marlboro Menthols angetroffen? Ich schüttelte den Kopf: “Nee, lieber nicht.”, und sie steckte sich die Zigarette, die sofort in ihren rechten Mundwinkel gewandert war, mit einem Streichholz an – nein, zeitgemäßer – “Schwefelhölzchen”. ”Was geht drinnen ab?”, fragte ich. ”Sitzen alle um den ovalen Tisch im Strategiezimmer neben den Labors. Kato versucht, das richtige Bild zu finden.” Ich muß die Brauen gehoben haben, so daß Katja den Eindruck gewann, ich würde mich fragen, was sie meinte, denn sie führte aus: “Naja, die richtige Visualisierung für unser Problem. Du weißt ja, er ringt immer um Anschaulichkeit. Bis jetzt ist er nur so weit, daß… wir den Mord an Georg als eine Singularität auffassen sollten…, er malt Penrosediagramme, Weltlinien…, aber er ist sich noch nicht sicher, ob er die Wellen, die der Mord geschlagen hat, nun durch miteinander via unsere Maschinen verschaltete Minkowskiräume laufen lassen soll, oder durch Einsteinräume.” Selbst ich mit meiner begrenzten Auffassungsgabe konnte ungefähr folgen: Gesetze der Matrix waren verletzt worden, und das Dilemma für unseren japanischen Chefphysiker lag jetzt darin, ob er sozusagen nur die “lokalen” verknüpften Raumzeiten (Minkwoskiräume: die vierdimensionalen Räume der speziellen Relativitätstheorie) davon berührt sah, oder ob das Konsequenzen hatte, bei denen die großräumige Struktur des gesamten Universums, also die allgemeine Relativität, mit reinspielen würde – war die Katastrophe eine im “flachen” (Minkowski) oder eine im “gekrümmten” (Einstein) Raum gewesen? Unsicher hakte ich nach: “Wieso? Ich meine, was kann ein kleines Ereignis auf der Erde…”. Sie deutete mit einer Aufwärtsbewegung ihres Kinns (über das, wie ich im Mondschein jetzt erkannte, eine dünne Narbe lief, noch rot, also frisch – vom Kampf vorhin) ihre Antwort an und sagte: “Du weißt doch: da oben.”. Ich folgte ihrem Blick ans Firmament – natürlich, Procyon. Das war ja das derzeit wichtigste Projekt unserer Leute vom Zeichen des Frosches: dem Signal auf die Schliche zu kommen, das erst teilweise entziffert war und nicht von Radioschüsseln, sondern in einer Quantenversuchsanordnung aufgefangen worden war – und offenbar von jenem hell leuchtenden Stern kam, der mir da zwischen Krebs und Zwillingen zublinzelte, im kleinen Hund: Procyon, der achthellste Stern unseres Himmels, auch Antecanis genannt, a.k.a. Elgomaisa, a.k.a. Algomeysa, a.k.a. Alpha Canis Minoris, oder nach den Sternkatalogen: HR 2943 bzw. HD 61421. Durch mehrere Jahrhunderte hindurch hatten wir an “strategischen Raumzeitpunkten” Versuchsanordnungen aufgebaut, die bestätigten, daß das Signal volle 800 Jahre lang, zwischen 1200 und 2000 n. Chr., hierher abgestrahlt wurde/wird/werden wird und dann plötzlich aufhörte/aufhört/aufhören wird. Ich blickte wieder zu Katja, die jetzt ihr kleines Fernglas (ein Geschenk unserer “Chefin” , wie Barbara und Katja die neben Kato erfahrenste Zeitreisende im Froschteam nannten, die heute abend, wie mir jetzt erst auffiel, nicht hier war) an der Nasenwurzel angesetzt hatte und durchsah: “Procyon ist nur 11,8 popelige Lichtjahre weit weg – aber ich kann Kato verstehen, daß er sich ‘nen Kopf macht, ob, weil das Signal sich ja an uns Froschleute zu richten scheint, die großräumige Struktur…” ”Hmhm.”, nickte ich und las im Schimmer die Hersteller-Inschrift auf dem Glas: “G. Rodenstock München, ALDON”. Katja setzte das Glas ab und verstaute es wieder in ihrem Utility-Gürtel. “Er sieht nicht gelb aus, sondern weiß.” Ich wußte, was sie meinte – auch ich hatte durch Teleskope Procyon betrachtet und enttäuschenderweise nicht bestätigt gefunden, was man in der Literatur las. Nämlich, daß der Stern vom gelben Spektraltyp 6 mal so hell (und 2 mal so groß) wie die Sonne war – er sah wirklich bloß weiß aus. ”Na, ihr zwei?”- es war Barbara, die, eine geschälte und angegessene Mandarine in der Hand, vom Haupthaus her zu uns stieß. ”Wollt ihr mal rein? Err hat ‘n Plan.” ”Klar.”, seufzte Katja und nahm Barbara die Mandarine weg. “Immer hat irgendwer ‘n Plan. Scheißspiel.” Zwei: Arbeitsteilung (Old Errs Plan) Schon auf dem Korridor zu den Labors hörten wir durch die geöffnete Tür Kato und J.A.W. erhitzt palavern: “But, Mr. Wheeler, don’t you see… we must take it seriously. I don’t propose the singularity idea as a mere metaphor. I say laws break down here! Georg was not supposed to have died here, and that places us.. “, und Wheelers polternde Antwort:”Well, which laws break down? Any? All? Which coordinates? In Minkowski Spacetime, you have preferred coordinates: the Lorentz coordinates, but in General Relativity, well… every coordinate system is equally preferred..” “But symmetry demands…” Katja rollte vielsagend mit den Augen, und ich räusperte mich beim Eintreten. Sie waren alle da (außer der “Chefin”, registrierte ich abermals) : Jim mit seinem verbundenen rechten Arm (Streifschuß) und der Augenklappe, Kato, Wheeler, Thomas Aquinas, Old Err, Errs Enkel Charles, Watt, Aleksander (neben dem ein Platz frei war: Ich setzte mich da hin) und noch ein paar andere Gesichter. Am Wandschirm die Grafiken, von denen Katja gesprochen hatte. In Wheelers und Katos Debatte ging’s wohl nicht vor und nicht zurück, denn statt sie wieder aufzunehmen, schwiegen die zwei einander erschöpft an – was Err die Gelegenheit gab, aufzustehen, signalgebend zu husten (die Tuscheleien, die vereinzelt stattgefunden hatten, brachen ab) und dann in seinem ornamentreichen Englisch, das ich der Einfachheit halber übersetzt und entschmückt wiedergebe, die zusammenfassend-ausblickende Ansprache zu halten, die wir von ihm erwarteten: “Liebe Freundinnen und Freunde, diese Nacht ist finster. Die Fischleute haben den Krieg, den wir nie gewollt haben, mit einem Schlag eskaliert. Georg Cantor ist tot. Ich sollte ermordet werden. Und noch während wir nach einem adäquaten wissenschaftlichen Verständnis der Konsequenzen dieses Verbrechens suchen…”, ein kurzer Seitenblick zu Kato und Wheeler, “noch während wir bemüht sind, zu verstehen, was das bedeutet, liegt eins bereits auf der Hand: der politische Zweck dieses Schlages. Es ging darum, eine Bernsteinik zu erzeugen, die uns Zeit kostet. Wir sind auf diese Weise daran erinnert worden, daß, Twistormaschinen und Zeitbrücken zum Trotz, jedem von uns begrenzte Lebenszeit gegeben ist. Das zweite Gesetz der Thermodynamik kriegt uns alle, auch wenn uns kein Fischfeigling erschießt. Wer von uns erinnert sich nicht, im Zuge eines wissenschaftlichen, künstlerischen oder politischen Projektes Jahre vergeudet zu haben, die, wenn wir allwissend wären oder unsterblich, nicht ins Gewicht fielen, die uns niemand zurückgeben kann. Unser lieber Teddy” (Katja mußte grinsen: typisch Err, Abwesende, die sich nicht wehren konnten, weil sie anderweitig auf Missionen waren, mit grotesken Spitznamen zu bedenken) “hat in seinem Buch gegen Heidegger von der ‘Abschaffung des Todes’ als einem würdigen Ziel gesprochen, gegen das ‘der Mensch muß sterben’-Daseinsgefasel vieler Heideggerepigonen. Soweit sind wir noch nicht, das mit der Abschaffung gestaltet sich schwierig – eben wegen des zweiten Hauptsatzes. Aber die Rechnung der Fische soll trotzdem nicht aufgehen. Denn wir werden uns durch diesen Anschlag nicht mehr Zeit stehlen lassen, als unbedingt nötig…Charles?”- er nickte in Richtung seines erwachsenen Enkels aus der Zukunft, und der stand auf, ging zu den Kontaktfeldern neben dem Schirm und gab einen Code ein – die sechs Meter lange westliche Wand des Konferenzzimmers veränderte sich: An vier Stellen öffnete sich je ein Gebilde, das wie ein Vortex aussah – die Vortizes waren Türen, und als die Wand an diesen vier Stellen “verschwunden” war, sahen wir dahinter – uns selbst. “Wow!”, machte Katja, die in der Ecke des Raums an einem Sockel gelehnt stand, auf dem eine chinesische Froschplastik aus Speckstein thronte. “Klone?”, fragte Aleksander mich flüsternd, und ich antwortete ratend: “Oder Cyborgs.” Err, der uns wohl gehört hatte (sein Gehör war sprichwörtlich fein), lachte verhalten: “Weder Klone noch Cyborgs, meine Lieben. Siliconkopien – das heißt, Kopien aus einem nanoskalig verbesserten neuen Werkstoff, der siliconähnlich ist, was Konsistenz und Viskosität angeht, ansonsten aber die besten Eigenschaften von großen Carbonmolekülen hat, von Proteinen, von… von außen sehen sie aus wie die Menschen, nach denen sie gefertigt wurden, aber innen… Nanoniken mit NAL-Chips, neuronal vernetzt…wir können ein ganzes, per Komplettscan digitalisiertes menschliches Bewußtsein auf diese Dinger downloaden. Was sie hier sehen, sind ihre neuen Zweitkörper, mit voraussichtlichen 400 Jahren Lebensdauer, extrem verschleißresistent.” ”Da soll mich doch der Teufel holen!”, lachte Jim und zwinkerte mit dem Auge, das nicht von einer Klappe bedeckt war. “Der Teufel, oder andere Übernatürlichkeiten, hatten hier nicht die Hand im Spiel, Mister Joyce.”, fuhr Old Err aufgeräumt fort, und ich verpaßte ein paar Sätze seiner Ansprache, weil Aleksander mir zuraunte: “Ich frage mich, was irrer ist…wenn einen der Teufel holt, oder wenn man von Erasmus Darwin und seinem Enkel Charles einen verschleißresistenten Zweitkörper geschenkt kriegt.”, worauf ich zustimmend genickt haben muß, denn Aleksander seufzte, und wir hörten weiter zu. ”Ich habe zusammen mit Barbara” (ich linste zu ihr: Sie guckte, als könnte sie kein Wässerchen trüben: Ja, von wegen “Old Err hat ‘n Plan” – immer alles auf andere schieben) “ein Arbeitsteilungsraster ausgearbeitet – wir werden kleine Gruppen bilden. Das Bewußtsein wird in den Zweitkörper geladen – die Leute selbst werden dabei in Vollnarkose fallen, die etwa sechs Stunden anhält – aber die mit ihrem Bewußtsein ausgestatteten Zweitkörper können ihre 400 Jahre Lebenszeit nutzen, vor und zurück in der Zeit reisen und diese Bernsteinik, in die wir eingeschlossen sind, studieren… auf der Suche nach möglichen Relais oder Wendepunkten in den Weltlinien, die wir bewohnen. Um, wenn möglich, dieses Desaster zu korrigieren. Die Zweitkörper kehren dann zurück – und erzählen uns, den daheimgebliebenen ‘Originalen’, was sie ausfindig gemacht oder unternommen haben.” ”Nimm’s mir nicht übel, Err,” grinste Jim, “aber jetzt bist du wirklich komplett übergeschnappt.” ”Das heißt, du machst nicht mit?”, warf Barbara ein. ”Das heißt, ich bin entzückt und mache ohne Bedenken sofort mit bei diesem unfaßbaren Schwachsinn – wo muß ich mich anstellen?”, lachte Jim vergnügt. Diese Iren. Ich muß ausgesehen haben, als druckste ich herum (mir lag ein Einwand auf der Zunge), denn Katja, die mich wohl beobachtet hatte, warf herzlos ein: “Ich glaube, Dath hat ‘ne Frage.” ”Oh no.”, stöhnte Jim in gespielter Verzweiflung… er zog mich grundsätzlich wegen der Eigenschaft auf, die er für meine Hasenfüßigkeit hielt, und die ich lieber als Vorsicht, Umsicht und abwartende Vernunft gewürdigt gesehen hätte. Die Leute um den Tisch, in dessen Tischplattenmitte ein fröhlicher gezeichneter Frosch lachte, starrten mich an. Old Err starrte mich an. Charles Darwin, neben der “Zweitkörpergalerie”, starrte mich an. Und ich sagte zögerlich: “Naja..äh..sind die Dinger überhaupt feldgetestet? Hat je jemand so einen Apparat durch die Twistormaschinen gehen lassen? Ich meine… wenn es da dann einen Kurzschluß oder sowas gibt? Ich meine, ich bin’s ja nicht wirklich, es ist bloß mein Copy-Bewußtsein… aber, naja, es täte mir leid für mein Bewußtsein, wenn es irgendwie… sterben würde oder so.”. Es war Kato, der mir antwortete, sicher und ernst: “Wir haben daran gedacht. Es wird nicht nötig sein, diese Körper durch irgendwelche Maschinen zu schicken.” ”Wieso nicht?”, Jim merkte interessiert auf. Kato lächelte: “Weil sie selber integrierte Feldumstülper besitzen. Diese… Zweitkörper… SIND Twistormaschinen.” ”Wow.”, wiederholte Katja, und Aleksander faßte halblaut zusammen: “Mein Bewußtsein, auf eine von Kato und Charles Darwins Opa designte zweibeinige Nanosiliconderivat-Roboterzeitmaschine runtergeladen, auf Mission in einer fremden Bernsteinik… und ich dachte immer, die Oktoberrevolution wäre das Wahnsinnigste, was ich erlebt habe.” Ich wußte nichts hinzuzufügen. Drei: Bon Voyage! Ich werde nicht versuchen, die Zweitkörperbefindlichkeit begrifflich einzuzäunen – es genügt, den Moment ausschnittsweise anzuclicken, in dem ich mit plötzlich scharfen, wie Tele-Kameralinsen in ihrer Distanzerfassung per Willensakt verstellbaren, Augen auf meinen eigenen schlafenden Körper blickte, im Wissen, daß das, was da lag, der echte… das echte… Ich oder Selbst oder… also, es war schwindelerregend. Und der neue Körper selbst – es war, als wäre ich irgendwie dichter gepackt mit Sensationen, die zugleich gefiltert und qequantelt waren. Ich hörte ein Geräusch und “wußte” die Frequenz (die Software mußte wirklich gut sein), ich konnte Gerüche auseinanderhalten, ich hatte einen Mund, der weder trocken noch feucht war…und das Denken…als ob man sein Leben lang alle Musik begleitet von einem Rauschen gehört hätte, das man, weil es nie fehlte, für natürlich gehalten hatte, und das jetzt plötzlich fehlte… ganz neue noetische, noematische Strukturen… eine Phänomenologie des Zweitkörpererlebnisses. Tja, sollte mal wer schreiben. Ich selber hatte keine Zeit dazu, denn ich kam sofort mit Aleksander und Katja, die meinem “Team” angehörten, zusammen, im Labor B, wir setzten uns an einen Tisch, wo uns Kato die letzten “Instruktionen” gab: “Ihr werdet nach Zürich reisen. Ihr wißt ja, welche Zeit. Da dürfte noch alles normal sein… Georg Cantor lebt auf jeden Fall noch. Also vor der Abzweigung. Herr Bogdanov”, er nickte Aleksander zu, “kennt sich in dieser Epoche leidlich aus. Ihr werdet den Zankapfel besuchen und ihm die Situation darlegen. Wir… Old Err und ich hoffen, daß er sich endlich für eine der beiden Seiten entscheidet.” Katja war nicht so sicher – wir hatten Einstein lange bearbeitet, aber er hatte sich stets geweigert, mit Twistormaschinen zu reisen, mit Old Err zu sprechen oder im Kampf Fisch gegen Frosch Partei zu ergreifen. “Er wird uns die Zunge rausstrecken. Schon wieder.”, grummelte Katja. Kato ging darüber hinweg: “Redet mit ihm. Macht ihm klar, daß Neutralität nicht mehr drin ist. Und dann kommt schleunigst zurück.” ”Klingt einfach.”, jammerte ich. Kato verließ uns, wir plauderten eine Weile… und dann standen wir auf, sahen einander in die Augen und aktivierten die Transitmechanismen. Lustigerweise verspürte ich, vielleicht weil ein nur als Programm existierendes Bewußtsein das nicht kann, diesmal nicht die gewohnte flatternde Unsicherheit vor dem Transit. Ich dachte gar nicht daran, daß irgend etwas schiefgehen oder die Reise sich gefährlicher als sonst gestalten könnte. Mein lieber Schwan, war das ein Fehler. Fortsetzung folgt

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Elektronische Lebensaspekte.