Text: dietmar dath aus De:Bug 12

Dietmar Dath Der Minkowski-Baumfrosch Science Fiction-Fortsetzungroman Zusammenfassung: Froschleute (die Guten?) und Fischleute (die Bösen?) machen einender vermiffels Zeitreisetechnik des Leben schwer. Fischleute killen den Froschmann Cantor. Eine Neobernsteinik (abgezweigte Raumzeittopologie) entsteht. Froschteams reisen schadensbegrenzungshelber zeitauf u. zeitab. Bei einem der Teams taucht der scheinbar wieder lebendige Cantor auf, wahrend der Ich-Erzahler, Mitglied eines anderen Teams, das um 1910 Einstein kooptieren sollte) in geheimen Katakomben unter der Stadf Zürich bei einem Räuberbankett einer Halbschwester des legendaren Königs Artus namens Dioneb begegnet, die ihn enscheinend von früher kennt und auch etwas über die Botschaft vom Stern Procyon (bzw. Antecanis) weiß, die mit dem Krieg Fisch vs. Frosch irgendwie zusammenhängt. Und jetzt wird alles noch komplizierter. Kapitel 6: Fremde in fremden Welten Eins: Barmherzigkeit und der Arm unterm Arm Stumme Trümmer schwiegen sich aus, inmitten blutender Innenarchitektur. Putz rieselte verträumt von Wänden, das Druckwellentoben hatte ganze Tapetenfronten weggerissen. Es war so bemerkenswert ruhig nach dem kleinen Weltuntergang, daß die Zeit selber stutzte. Der Wumms hatte das Ende von Hubschrauber, Pilot, zwei Söldnern und der malerischen Dachgartenvegetation bedeutet, wegschmelzendes oder zersplittemdes Mobiliar war über Thomas Kopf an die Decke gekracht, zerbrochen, runtergeprasselt. Ricochettierende Fragmente, Splitterbombenfeuerwerk. Lärm aus tausend zugleich platzenden Gewittern, der sich wie ein synästhetisch schwarzrotgrellgelbes, im Sturmwind flatterndes Teufelskleid ohne Saum auseinandergefaltet hatte, war schließlich in einen feinen, stillen, melancholischen Aschenregen übergegangen, Kadenz. Das Chillen des Krieges: Rußgeruch, Kopfschrnerzen, brennende Wangen, wo Haut weggebrannt war. Thomas lag, mit dem Gesicht nach unten, bäuchlings hinter seiner Deckung, und war so müde wie noch nie in seinem Leben. In seinem Schädel trillerpfiff so etwas wie ein sehr hochfrequentes, schrilles Klingeln: ein neuroakustischer Effekt der Explosion, schaler Schallnachgeschmack. Er spürte jeden Knochen im Leib, und wollte nur noch fort aus diesem Körper. Der Teppichboden war wie von leichtem Brandgeruch getränkt, und Thomas schauderte bei dem Gedanken, wie es in dem Raum um ihn aussehen mochte. Er blieb liegen, hoffte, das Klingeln mochte sich verziehen, rief die Barmherzigkeit Gottes an, ihn hier einschlafen zu lassen und lange, lange Zeit nicht mehr zu wecken. Charis. Er wünschte, er hätte nicht getan, was er getan hatte. Denn es war sein Schuß mit einer eiligst aufgezogenen Detonadel gewesen, der das ganze Gedröhne und Gevulkanisiere aus einer ohnehin schon hinreichend unheilsschwangeren Situation entbunden hatte. Er wollte still liegenbleiben. Dennoch bat er nicht um den Tod: das war, wie er wußte, eine Sünde. Schließlich, nachdem er noch ein wenig hinter dem Gedanken hergedacht hatte, daß er das alles satt hatte, so satt, wagte er es doch, den rußverschmierten und mit zwei Fleischwunden an Wange und Nasenwurzel verunstalteten Kopf über die versengten, zerknautschten Überreste der Couch zu recken, hinter der er, mehr instinkthaft als geistesgegenwärtig, vor dem großen Knall Schutz gesucht hatte. Denn er wußte, daß er das, was er getan hatte, eben getan hatte, und sich dem daher stellen wußte (ja: und quod scripsi, scripsi!). Und was er sah, war: unter geschwärztem Bruchglas, zerschmolzenem Plastik, umgeformten Stahl und der verbogenen gepanzerten Tür des Hubschraubers, die allesamt ins Wohnzimmer geflogen waren, lugte der übel zugerichteten Torso seines japanischen Freundes Hiro hervor, der, mit einem völlig demolierten Kopf, aus einer ziemlich rauhen Kehle, immerhin krächzen konnte: “Und das haben sie euch auf dem Priester… chhchch… seminar beigebracht, ja? Wenn jemand deinem Mitbruder in Christo den Arm abreißt, dann… chh hhh… spreng einfach den ganzen Laden in die… Luft und… bete darum, daß der… chhchh hhh.. Iiebe Gott die Reste unterscheiden kann?….Chhh..Toll, Thomas. Ganz…toll. Nur gut, daß…ch hhh… Old Err uns keine Mini-Nukes… mitgegeben hat…”, worauf noch ein irgendwie erschöpftes, am Rande des Geduldsverlusts nachbebendes Seufzen folgte. Hiro war nicht glücklich. Soviel hatte Thomas kapiert, und da er jetzt zur Gänze aufstand und die Verheerung erstmals komplett in den Blick bekam, wußte er auch, warum. Er hatte nämlich mit seiner spontanen Aktion das qanze schöne Penthouse schlichtweg in das Innere eines zum Einsammeln der Überreste von Schmorbraten und Menschenfleisch verwendeten Dreckeimers verwandelt. Er sah aus, als hätte Satan reingeschissen. Zwei übergroße Briketts mit seltsam stumpfartigen Fortsätzen und feuchtschwarzroten Einschnitten, lagen an der Grenze zum Sonnendach. Das war was von den beiden Söldnern blieb. Thomas Magen wollte sich umdrehen, aber Hiros scharfer Befehl: “Komm her, hol mich… raus… hier! Wir… müssen wegl” riß ihn aus dem beginnenden Schwindelanfall. Er eilte, zweimal beinah über Trümmer stolpernd, zu dem Verletzten, und stemmte weg, was diesem die Brust beschwerte, dann zog er ihn unter dem Abfall hervor. “Mein Arm, Mann…mein…mein Arm!” keuchte Hiro, sich mit Mühe und mit Hilfe des einen Arms, der ihm verblieben war, an Thomas Jackenaufschlag hochziehend, bis sie einander in die Augen sehen konnten. Arm, dachte Thomas. Für einen Augenblick war irgendeine seiner semantischen Schlaufen im NAL-Prozessor davon überfordert von diesem simplen, einsilbigen deutschen Wort, diesem mageren Morphem: Arm. Wahrscheinlich war’s ein weiterer Aftershock des Urknalls von gerade eben – das Wort fiel in Thomas’ Kopf eine breite Treppe runter, und deren Stufen waren die zahllosen, von Old Err dem künstlichen Bewußtsein des Zeitreisenden implementierten Sprachfilter wo sollte er den Laut zuordnen? Arabisch, armenisch, bengali, birmanisch, hindi, koreanisch, malajalam, palau, tonga, urdu, vietnamesisch, afrikaans, lingala, portugiesisch, rundi, suaheli, efik, mazedonisch, tschechisch, türkisch, ukrainisch, kroatisch, estnisch, maltesisch, hebräisch, polnisch, italienisch? Schließlich, als hätten den Streit damals statt den Nominalisten die Realisten gewonnen, gab ihm das Gesichtsfeld Antwort, der Sehsinn sagte: Sieh! Denn das, was er anstarrte, während sein Kopf noch versuchte zu verstehen, war eben das, was Hiro erfragt hatte: dessen abgetrennter anderer Arm, der vor dem zerbeulten, ausgebrannten Gehäuse des großen Fernsehers, der dem Besitzer dieser Wohnung, Paul, gehört hatte, herumlag wie ein ausgerissener Hühnchenschenkel. “Na…los..” ächzte Hiro, offenbar einer Ohnmacht nahe, und Thomas irrlichternder Blick sah zu dem Stumpf an Hiros Seite, wo der Arm verankert gewesen war: Ein Bündel weißlicher Tentakelspitzen, wie die Blüte einer Seeanemone, schaute aus dem Stumpf hervor:.Zweitkörperfasern, Siliconzeug. ‘Was… Ios?’ stammelte Thomas irritiert, und Hiro seufzte: “Heb’ ihn… auf, den Arm…” Thomas tat, was Hiro ihm gesagt hatte, der sich dabei auf ihn stützte. Der fromme Mann hielt den Arm des Freundes in der Hand wie einen dicken Ast, den ein Spaziergänger vom Waldboden aufliest, um sich einen Knüppel daraus zu schnitzen. “Und jetzt?” fragte er zweifelnd. “Jetzt”,stöhnte Hiro, “klemmst du dir den Arm untern Arm, und wir machen, was Frösche eben so machen, wenn es ihnen wo… zu brenzlig wird.” “Äh?” “Wir … hüpfen hier weg.” “Ach so.” Und so aktivierten sie nahezu instantan und annähernd synchron ihre Twistormaschinen, und verließen das Konffnuum in dem Augenblick, in dem von unten her, aus den Straßen Frankfurts, Martinshömer ihren sensationskündenden Alarm in die verstörte Sommerhitze emporsangen. Zwei: Bei den “Bösen” Dagon Gosch, Exdichter und Geheimagent, war äußerst unzufrieden. Er war es leid, daß man ihn warten ließ, und in dieser düsteren, unter der Decke von schweren schwarzen Balken gestützten Turmzimmerbibliothek. Hier stank es nach Moder, Holzwurmkot und verzettelter Zeit. Einst, in einem anderen Leben, hatte Gosch, was er jetzt kaum fassen konnte, selbst in so einem Kerker an abgewetzten schartigen Werkstücken von titanischer Schroffheit geschmiedet und gebosselt, hatte kontrolliert, was sich Satz für Satz auf Seiten setzen ließ, war “Schriftsteller” gewesen, sogenannter Text, sogenannte Askese, sogenannte Praxis einer sogenannten Wahrheit, na danke. Aschenhaufen verbrannter Wörter, jedes Buch deuchte ihn im Rückblick nur noch ein monumentaler Blödheitsgrabstein, völlig irre. Dann hatte man ihn rekrutiert, oder er hatte sich gemeldet, egal. Incipit vita nova! Ichthys, Zeichen des Fisches, auch schon wieder lange her. Wie ein sogenannter Phoenix, in buntem Federkleid, war er nach Fertigstellung seines sechsten oder zwölften oder siebentausendsten Buches aus der Festung, in die hinein ihn Buchstaben, die doch nur töteten, vergattert hatten, himmelan gestiegen, einer endgültigeren Bestimmung zu, und hatte es nie bereut. Kein Wort mehr über kein Wort mehr. Raveat lector. Gosch saß samt schreiend verkehrszeichenbunbr Kleidung, den gebeugten Oberkörper wie ein gefärbter aufgeplusterter Pudel in ein knallrotes gebläis einer sogenannten Wahrheit, na danke. Aschenhaufen verbrannter Wörter, jedes Buch deuchte ihn im Rückblick nur noch ein monumentaler Blödheitsgrabstein, völlig irre. Dann hatte man ihn rekrutiert, oder er hatte sich gemeldet, egal. Incipit vita nova! Ichthys, Zeichen des Fisches, auch schon wieder lange her. Wie ein sogenannter Phoenix, in buntem Federkleid, war er nach Fertigstellung seines sechsten oder zwölften oder siebentausendsten Buches aus der Festung, in die hinein ihn Buchstaben, die doch nur töteten, vergattert hatten, himmelan gestiegen, einer endgültigeren Bestimmung zu, und hatte es nie bereut. Kein Wort mehr über kein Wort mehr. Raveat lector. Gosch saß samt schreiend verkehrszeichenbunbr Kleidung, den gebeugten Oberkörper wie ein gef;rbter aufgeplusterter Pudel in ein knallrotes geblähtes Sturmjäckchen verpackt, auf einem Eichenstuhl aus dem 6 Jh. n. Chr., in dessen Rücklehne geschickte Hände Gesichter langfratzig-grinsegemeiner Dämonen geschnitzt hatten. Die Tatsache, daß seine Sitzgelegenheit von Meisterhänden gezimmert worden war, schien nicht geeignet, den Kurier, Spitzel und Meuchelmörder der Fischpartei aufzuheitern. Er kippte mit dem Stuhl vor und zurück wie ein hormonverseuchter Raufbold im Vorzimmer des Schuldirektors. Seine Beine waren ausgestreckt, die Füße, in neuen Turnschuhen deren Sohlen mit dicker Luft aufgepumpt waren (auch Goschs Kopf fühlte sich, als sei er ein praller Basketball), lagen auf dem Kartentisch des alten Mannes, der ihn warten ließ. Sie wippten vor und zurück, diese Füße, während ihre Fersen auf Merlins Karten lagen, den Blaupausen der Lichkegel, den alchemistischen Tafeln und astrologischen Tierkreisen mit eingezeichneten Konjunktionen und aufgelisteten Ephedermen. Daß die Papiere zerknitterten, auf denen Gosch seine flinken Füße plaziert hatte, war dem Kurier nur recht. Seine Stirnadern pochten, ein Schweißrand hatte sich unter seinen kurzen weißen Haaren gebildet, die Unterlippe, die er vorschob, um sein breites Maul, das jetzt nicht reden durfte, in Bewegung zu halten zuckte um die Mundwinkel gelegentlich. Dagon Boschs Alter zu schätzen, wie er da so saß und wippte, war gar nicht leicht, und das hatte Gründe, die jenseits der Unwägbarkeiten biologischer Alterungsprozesse lagen. Tatsächlich war dieser Mann, dessen Stirn einem alles zu Schutt und Schrott denkenden Fünfzigjährigen, dessen Augen einem in ein ersehntes wunderbares Leben blinzelnden Halbstarken, dessen Hände einem zu übertriebenem Gestikulieren neigenden Twen zu gehören schienen, seiner äußeren Erscheinung nach Produkt einer typischen Berufskrankheit der Vollzeit-Fischleute: die vielen Zeitreisen mit unterschiedlichen, immer noch ein bißchen mehr aus den Geseken der Raumzeit herauskitzelnden, ihrer Anlage nach größenwahnsinnigen Maschinen hatten seinen Leib (und seinen Geist, der in ihm von sich zeugte) zu einer Lumpenpuppe aus in unterschiedliche Epochen weisenden Attributen werden lassen, und seine sture Leugnung dieser Realität, sein unbedingter Wille zur Rache an der Zeit, sein verbohrtes Streben danach, allen Gesetzen von Ursache und Wirkung entrückt zu werden durch Setzung seines in ruckartigen Bewegungen die Äonen durchtanzenden Selbst, hatte den Prozeß noch beschleunigt, die Narben prominenter hervortreten lassen, das Ausleiern der nur noch durch schieren Mutwillen zusammengehaltenen inneren Moral irreversibel gemacht. Sein Gesicht bestand nur noch aus verzerrten MimikMixes, unsichtbaren Cuts und Scratches. Dagon Gosch war ein stolzes, stures, höhnisches und in seiner ganzen mumienhaften Lebendigkeit verstohlen todmoralkrankes Wrack, das nicht aufhören würde, so zu leben. Ein Mann, der dem Universum eine Pumpgun vorhielt, um es zu erpressen, der durch das Universum brüllte und grunzte und spuckte und jaulte und ravte und röhrte und jodelte und kasperte und hopste, damit es ihn jung machte, immerjung, ewigjung, siegerjung, grenzerfahrungsjung, existenzialienjung, kaputtjung, sterbensjung. Ein Mann, dessen Spitzeldienste für Merlin und die übrigen Fischgrößen ihm durch Verrat, Denunziation, unbedingtes Überleben der Langsameren, das wenn möglich luftballonleichteste zaubrische Leben erkaufen wollten, von dem nur je ein gelbsüchtiger Romantiker hatte träumen dürfen. Und der nicht wußte, daß die in solchen Fällen übliche Gleichgültigkeit des Universums schon die ganze Strafe war, die ihm je zuteil werden sollte. Jetzt sah er, die Stirne furchend, mißbilligend zu den Regalen, wo des Magus Bücher standen.”Horometria”, “Menandrie”, “Pistis Sophia”… Sternkataloge…Die Feynman Lectures… Minkowskis Preisschrift, ein paar Bände “Annalen der Physik”, eine Bibel (mit Apokryphen), die Werke von Fellowes Kraft und Pierce Moffet, das Buch über “kognitive EPR-Resonanz” (auf deutsch, Telepathie) von Stefan Hellmann, diverse Gnostiker, Hermes Trismegistos, Jakob Böhme, De rerum natura und die Werke von Bergson, dann Gödels unveröffentlichte Manuskripte, handgebunden in Schweinsleder, jede Menge obskures Zeug… Bücher, ja sicher, dachte Gosch: nichts als Staub, Fallout von ewig unentscheidbarem Hirnkrieg. Was unten im Gewölbe unterm Burghof geschah, wo Merlin, Gawain und Lancelot für ihren König (der nicht Merlins Gebieter war: der Alte führte ihn an der Nase herum) eine neue Zeitreisetechnologie ausprobierten, war schon mehr nach Goschs Geschmack, wenn es ihm auch lästig war, warten zu müssen, bis der Alte Zeit von seinem Experiment abknapsen konnte, um Gosch den neuesten Auftrag auseinanderzusotzen. Soviel Gosch wußte, ging es um die praktische Umsetzung der im G-Papier von 1991 vorgeschlagenen exakten Lösungen der Einsteinschen Feldgleichungen für den allgemeinen Fall zweier bewegter gerader kosmischer Strings, die sich nicht überschneiden. Der letzte Stand war der gewesen, daß es noch immer unklar blieb, ob angesichts der “Bedingung der schwachen Energie” zwar geschlossene zeitförmige Kurven, beobachtbar aus der Unendlichkeit, mit Hilfe von Kurvenquellen, die sich in die Unendlichkeit erstrecken, produziert werden können (wie das die G-Papier Lösungen für Strings vermuten ließen, und die Tiplermaschinen ja eigentlich bereits irgendwie sinnfallig “demonstriert” hatten, die die Fischpartei überwiegend benutzten), für finite Quellen mit realistischen Initialbedingungen aber alle derartigen Kurven hinter Ereignishorizonten lagen. Eine Frage, die theoretisch nicht entscheidbar schien – Fragen dieser Art waren es, die Gosch zu beharken liebte: Er war ein Mann der Tat, die er freilich vornehmer “Praxis” nannte. Die schwere, messingbeschlagene Holztür zum Turmzimmer wurde aufgestoßen, und Gosch wäre fast nach hinten gekippt, fing sich aber und setzte sein markigstes Gesicht auf, um dem Menschen, der eintrat, wer immer es war, keinen unvorbereiteten Eindruck zu bieten. Enttäuscht mußte Gosch feststellen, daß es nicht der Magus selbst war, der plötzlich im Zimmer stand, sondern einer seiner Gehilfen, der zugleich zeitweise als Knappe/Faktotum des Ritters Lancelot fungierte. Er sah sich gehetzt im Raum um und ignorierte Gosch. Der räusperte sich, es klang ein bißchen dünn, aber der gerade mal 15-jährige Junge mit dem wilden Lockenkopf beachtete ihn noch immer nicht, sondern eilte zum mittleren der bis unters Gebälk reichenden Bücherregale und zerrte aus einem der unteren Fächer einen Folianten hervor, auf dessen breiten schwarzen Rücken in Goldprägung “Thynges Mathematicall” zu lesen stand – dann piepte und Gosch schnauzte, als der Junge sich gehetzt nach allen Seiten umsah: ”Telefon, Mensch!” Das Gesicht des Knaben hellte sich auf, und er gin~ zum Kartenffsch- dort fegte er, was Gosch die Sprache schier verschlu~, mit kräfti~er Armbewegung dessen Beine vom Tisch, so daß der Spitzel Mühe hatte, nicht wm Stuhl zu fallen, und nach ein paar Sekunden wühlen unbr Papieren, Karten, Faltblättern, produzierte er ein flaches schwarzes Handy, drückte darauf einen Knopf und sprach hinein: “Aye?” Dann hielt er es sich ans Ohr und murmelte gelegentlich knapp:”Aye…’tis true, he s here, he is.”, ~wbei er einen kühlen Blick auf den innerlich um Beherrschung ringenden Gosch warf. Schließlich schaltete er das Gerät ab und legte es wieder auf den Kartentisch- und winkte Gosch, er solle ihm folgen. Gosch, der aufstand, weil er wußte, daß es Merlin war, der ihn zwecks Erteilung wn Anweisungen zu sich rufen ließ, sprang auf, und überlegte noch, ob er den Burschen anschreien sollte- aber dann fiel ihm ein, daß der wohl Boschens Sprache nicht verstand- egal ~,velche Gosch sprechen würde. So ruckten und zuckten seine Schultern nur einen Augenblick, dann schloß er sich dem Laufburschen an, morbide einen Augenblick darüber nachdenkend, was ihn wn jenem eigentlich unbrschied. War er nicht auch bloß ein Laufbursche? naja, die Turnschuhe immerhin waren brandneu, bestes spätes 20. Jahrhundert. Drei: Einseitiges Wiedersehen Ohne jetzt im Nachhinein übertrieben drauf rumreiten zu wollen: das war schon eine der komischsten Situationen, in denen ich mich wiederzufinden je die unerwartete Seltsamkeit erdulden mußb. Ich meine dieses Gespräch nach dem Bankett in Minkowskis Sub-Zurinaler Ali-Baba-Hohle, diese Unterhaltung mit meiner… ja, in welchem Verhältnis standen wir jetzt eigentlich zueinander? Sie war meine zukünftige Exfreundin aus der Vergangenheit, aus England, dem England von Merlin und König Artus und Weißderteufel… Das war ja schlimmer als bei “Dallas”, wo der Exfreund wn Pam, der in Wirklichkeit Jock Ewings unehelicher Sohn und damit Halbbruder von Pams Ehemann Bobby ist, die Frau heiratet, die nicht nur ihrerseits mit Jocks Freund Senator Culwer verheiratet war, sondern auch mit Pams Bruder Cliff eine Affäre… naja, you get the idea. Sehr schräges Karma. Komisch, ganz im Ernst. Also nicht so “Monty-P~thon-komisch” oder “David Lynch-komisch” oder “Das zweite Stück auf dieser einen CD von Kreidler-komisch”, sondem mehr so: eines Tages fand ich durch Zufall auf dem Einwohnermeldeamt heraus, daß mein Großvater ein mutiertes unsichtbares Eichhömchen mit Flügeln aus dem Düsterwald bei den singenden Felsen war und auf den Namen “Parsifal Parsifalsen” hörte. Diese Frau… also… sie und ich… wir saßen, als das Gelage vorüber war, am offenen Feuer unbrm Rauchabzug in der Mitte des unterirdischen Saals. Aleksander, der einen Moment lang bei uns stehenblieb, auf dem Weg zu einer auf einem Gestell aufgesetzten großen Schüssel mir irgendeiner Bo~tvle drin, und der die Frau, Dioneta, zu kennen schien, erklärte mir auf Anfrage, daß der Rauch, den wir hier unten durch unser Koch-, Heiz- und Lichtspendefeuerverursachten, mitten in einem kleinen Wäldchen auf dem Hang überm See aufsteigen würde, gut versteckt zwischen Bäumen, wo die Suchtrupps der örtlichen Gendarmerie nicht patrouillierten. Ich versuchte, mir noch eine weibre unveRängliche Frage an Aleksander auszudenken, ihn irgendwie dazu zu bringen, sich vielleicht dazuzusetzen, damit ich nicht gezwungen ware, diesem irriberenden, freundlichen, für meinen Geschmack ein bißchen zu intimen Blick standzuhalten, mit dem sie mich unentwegt ansah- aber der Russe nickte uns nur knapp zu und sah mich auf so eine “ich lasse euch dann mal allein, ihr habt euch sicher viel zu erzählen”-Art an, die mir meinen Wissensrückstand schmerzlich bewußt machte, mein orientierungsmäßiges Im-Nachbil-Schweben gegenüber dieser Fremden, die behauptete, mich als “John” zu kennen und sogar, v,~enn ich das vorhin richtig begriffen hatte, ein Kind von mir zu haben. Was ja nicht ganz dasselbe ist wie “Hi, nette Party, kommst du oft hier her, haben v~rir uns nicht schonmal gesehen?”. Das Eis zu brechen, irgendein unverfängliches Thema zu finden, damit das Gespräch nicht gleich eine blöde gegenseitige Abfragerei wurde, war so ziemlich das Schwierigste, dem ich mich seit Beginn der ganzen Geschichte ausgesetzt sah. Also brachte ich es natürlich nicht fertig- sie aber sagte freundlich:”lch weiß sehr gut, wie Ihr… wie Du Dich fühlen mußt. vertauschte Rollen, nicht wahr?” . ich verstand nicht ganz. Sie legb den Kopf schief, so ein bißchen ver~vundert, ein bißchen lustig (schrieb ich schon, daß sie schön war, in diesem Widerschein von Höhlenfeuer.~) und sagte:” Das letzte mal… das erste mal, daß Du mir begegnet bist, schienst Du so viel zu wissen über mich, über meine Familie, mein Leben…und warst älter als jetzt. verstehst Du? Es ist umgekehrt. Du wirst erst später zu mir kommen, in meine Zeit reisen. Da Du mich dann schon kennen wirst, so wie ich Dich jetzt..brauchst Du mir keine Fragen stellen. so, wie ich Dich jetzt nichts fragen muß, donn Du hast mir.. Du wirst mir alles erzählen.”, und sie zuckte mit den Schultern, wie um sich leichthin zu entschuldigen dafür, wie verknotet unsere Geschichte… wenn es da ein “unser” gab… sich für mich anhören mußte. “Hm.”. machte ich. ein bißchen unverbindlich.”Also..Du…Du weißt alles über mich. Ich nickte. “Gut. Und Du bist also…” “Die Halbschwester des Lügenkönigs. Igraine, die manche Eigyr nennen, war meine Mutter, die auch Arthurs Mutter war… Gorlois mein Vater, der starb. Uther, der seinen Zauberer dazu gebracht hatte, ihn zu verwandeln, auf daß er meinem Vater gliche, schlich zu meiner Mutter, und zeugte mit ihr den verfluchten Bluthund. Nach dem Tod meines Yaters, den manche Hoel nennen, heiratete Uther meine Mutter, und das war, nachdem der Mörder gezeugt war, der zweite Schritt ins Verhängnis für das Land, die Welt und die Zeit…”. Ich muß, während sie das sagte und ihr Blick wie verschleiert schien, als sähe sie vor sich, wovon sie berichtete, an ihren Lippen gehan~en haben, unfähig, etwas einzuwerfen, so eigenartig ~anfangs etwas peinlich, dann wie eine vergessene Wahrheit) berührte mich der leicht entrückte Märchen- und Sagenton, in dem sie erzählte, und es bedurFte auch keiner Zwischenfragen, denn ruhig, gleichmäßig sprechend, ein bißchen, als würde sie singen, erzählte sie weiter, von Merlin, von Arthurs Krönung… während sie sprach, löste sie ihr Haar, und es fiel auf ihre Schultern. Die blöde literarische Assoziation “Anna Livia” plapperte mir im benebelten Kopf rum, und einen Moment lang horchte ich ihr hinbrher, so daß ich den Faden ihrer Erzählung verlor, während sie mit ihrer ruhigen, freundlichen Stimme sprach… von Masken und Verwandlungen, Zaubersprüchen, aber auch von fremder Technologie, mit der Arthurs Hofzauberer experimentierte, bis die Gruppe von Froschleuten, zu der ich gehört haben soll, dann eines Tages erschien, und eine Geschichte begann, von der sie nicht zu wissen schien, wieviel sie mir davon verraten durfte… ja, der Reiz und die Schrecken des Zeitparadoxons…ich sah ihr Haar an, dachte an Menschen, die sich in andere Menschen verwandeln können, Gesichter und Zweitkörper Twistormaschinen und Höfische Intrigen… und dann sprang ich auf und schlug mir fast mit der Hand vor die Stirn: “Meine Fresse! Oh…ach du…natürlich! KLAR! DAS war…” Sie blickte verständnislos zu mir auf, und ich sah, wie Katja am anderen Ende der Höhle irritiert zu uns rüberblickte, und Hermann Minkowski ihrem Blick folgte…einen Augenblick stand ich mit offenem Mund am Feuer, denn ich wußte nicht, wem und wie ich zuerst erklären sollte, worauf mich Dionetas Worte gebracht hatten, und die Assoziation, die mir ihr Haar eingegeben hatte…und was das alles mit dem Beginn der ganzen Geschichte zu tun hatte, der Begegnung mit Georg in der Waldschenke… und dem seltsamen schlanken Mann, der damals an der Theke gestanden hatte. Fortsetzung folgt

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Elektronische Lebensaspekte.