Text: dietmar dath aus De:Bug 14

Der Minkowski-Baumfrosch Science Fiction-Fortsetzungsroman Dietmar Dath Zusammenfassung: Der Japaner Kato Takahashi erfindet im frühen 21. Jh. als erste praktische Anwendung der Penroseschen Twistortheorie eine funktionstüchtige Zeitreisetechnologie. Bei Versuchen entstehen mehrere zeitförmige Mannigfaltigkeiten (“Bernsteiniken”), zwischen denen man “springen” kann – wie ein Frosch auf einem Teich. Die Gruppe um Kato, der sich auch Leute aus anderen Epochen zugesellen (Erasmus “Old Err” Darwin, Aleksander Bogdanov, der Icherzähler, Katja Benante u.v.a.) nennt sich daher rasch die “Froschpartei”, zumal ein offenbar von Fremdintelligenzen aus der Region des Sterns Procyon entsandtes Signal die “Froschtheorie” zu bestätigen scheint. Ein Ex-Mitarbeiter Katos, Martin Späth (identisch mit dem “Merlin” der Artus-Sagen), gründet die rivalisierende “Fisch”-Partei, da die Zeit seiner Auffassung nach kein “ideales” Netzwerk von Bernsteiniken (“Froschteichen”) ist, sondern ein absoluter, breiter “Fluß”, dessen quantenprobabilistische “Nebenarme” die von den Froschleuten entdeckten und seiner Meinung nach nur fälschlich für “echte” Raumzeitgefüge gehaltenen Bernsteiniken sind. Merlins Folgerung: In der Zeit kann man nicht wirklich springen, sondern nur in ihr schwimmen “wie ein Fisch im Wasser”, der die “absolute Zeit” nie verläßt. Merlins Ziel ist von da an die “Isolierung” und “Befestigung” jener absoluten Zeit und die Schaffung einer vereinigten Feld- bzw. Eichtheorie, die die absolute Zeit unter Berücksichtigung der aus Gödels Feldgleichungslösungen resultierenden Änderungen am alten Zeitbegriff beschreiben soll. Merlins Tochter, Cordula, arbeitet mit Kato, dessen Bruder Hiro u.v.a. GEGEN die “Verwirklichung” dieser absolute Zeit, denn die Froschpartei behauptet nach wie vor, die “richtige” Interpretation von Gödels R-Universum-Problem gefunden zu haben Es kommt zu einem transtemporalen Krieg, der bei einer Abendgesellschaft von Erasmus Darwin im 18. Jh. eskaliert, wo ein Verräter der Froschpartei, der in Wahrheit für die Fischleute arbeitet, nämlich der Ire James Joyce, die Spuren seiner Aktivitäten durch die Ermordung Georg Cantors zu verwischen versucht. Der Plan mißlingt, obwohl nach dem (zunächst scheinbar erfolgreichen) Attentat augenblicklich eine Neobernsteinik entsteht. Joyce, der schließlich Old Err selbst in seiner Bibliothek überfällt, wird seinerseits von seinem vormaligen Alliierten Dagon Gosch gestellt, einem Killer im Dienst der Fischpartei mit direkter Weisung Merlins, Joyce zu liquidieren. Kapitel 8: Aleksander der Große Eins: Eine Bruchlandung Na gut, Bruchlandung recht und schön (wie sollte man auch die Balance halten, wenn man nur noch einen Arm hat, weil einem irgendwelche Totschläger den anderen unbedingt mit einer Klemmzangenschere hatten ausreissen müssen), aber das hier, also … Ihgittigitt! das Bewußtsein in Hiro Takahashis Zweitkörper war zwar nicht erst beim Browsen durch die reichhaltig bestückten Wortschatz- und Semantikfiles seiner zentralen NAL-Chip-Datei der saftig bildhaften deutschen Redewendung “ins Gras beißen” begegnet, aber daß er, kaum verzogen, sich die stringartigen, fadendünn schillernden Schlieren, die beim Twistorsprung gewöhnlich um die Wahrnehmung aller fünf Sinne flattern wie lebende Girlanden, mit offenem Mund und dem Gesicht nach unten direkt in ein feuchtkaltes Grasbüschel fiel und so augenblicklich ein Bündel Halme zwischen den Zähnen schmeckte, das war doch ein bißchen zuviel des Guten. “Mommff!”, rief er empört und drehte sich langsam, den Schmerz in jedem Gelenk von den Zehen aufwärts “auskostend”, auf den geschundenen Rücken. Angewidert spuckte er das Gras aus und sah mit flatternden Augenlidern nach oben – gleichgültig erwiderte das Funkeln zahlloser Sterne, die erhaben auf ihn hinabsahen, seinen verwundeten Blick. Die Konstellationen, die er erschaute, machten es sehr wahrscheinlich, daß der Twistorsprung ihn an den vorgesehenen Zielpunkt gebracht hatte: Da war der Rabe mit Spika, der Zentaur unter der Wasserschlange und über dieser der kleine Hund mit dem “Leitstern” so vieler Umtriebe der Froschpartei, Procyon. Die Nachtluft war kühl, aber nicht schneidend. “Tho… Thomas?” hustete Hiro und versuchte, das Kunststück fertigzubringen, seinen Oberkörper mit nur einem Arm soweit abzustützen, daß er sich aufrichten konnte. Direkt neben seinem “Landeplatz” ragte ein knorriger, stattlicher Baum in die Höhe. Hiro konnte das nicht wissen, aber es handelte sich rein zufällig um dieselbe silbergrau berindete Rotbuche, in deren riesiger Krone sich in knapp dreißig Minuten Ortszeit Katja Benante, die noch nicht angekommen war, vor den ihr nachsetzenden Fischkillern verstecken würde. Hiro und sein Partner waren in gewissem Sinne “zu früh dran”. Aber bei der für einen “rechtzeitigen” Wiedereintritt ins Kontinuum erforderlichen Zielgenauigkeit war das kein Wunder, allenfalls der ZentralNAL oder sein Backuprechner, der Langstreckenläufer, hätten die Kapazität besessen, dergleichen Ungenauigkeiten zu vermeiden. Aus dem hohen und dichten Geäst des mächtigen Baumes erscholl nach etwa einer halben Minute Stille, unterbrochen von Blätterrascheln, schließlich als Antwort auf Hiros Frage ein etwas kläglicher Ruf :”Bin… ich… ich habe mich hier oben ver… verfangen oder verheddert oder…” Hiro kniff die Augen zusammen, die Nachtsicht der Zweitkörperaugen (deren auf NAL-Optichips und vermittels künstlicher Zapfenzellen wahrgenommene Pixeldichte praktisch im Verhältnis 1:1 zur authentischen Lichtwellenlänge stand) war eigentlich gut, zumal an diesem Ort auch noch ein matter, aber wolkenfreier Mond schimmerte – dennoch mußte Hiro die Augen ein wenig verdrehen, da im Suchbild des Geästs die plumpe, massige Gestalt des Freundes schwer auszumachen war. Schließlich verriet ein strampelndes rechtes Bein Hiro den Aufenthaltsort des Geistlichen, Philosophen und Kirchenlehrers, der in seiner leicht angestaubten und an zahllosen Stellen zerrissenen Kleidung aus dem späten zwanzigsten Jahrhundert mit dem Baummonster kämpfte, als habe es ihn gepackt und wolle ihn nicht wieder ausspucken. Es schien Hiro einen Augenblick, als breche einer der weniger dicken Äste unter Thomas von Aquins Befreiungsversuchen weg, aber was da herunterfiel und neben Hiro liegenblieb, der sich wieder ins Gras hatte zurücksinken lassen, war kein Stück Holz, sondern der ausgerissene Arm des Japaners, den die beiden bei ihrer übereilten Flucht aus dem Frankfurt am Main des Jahres 1998 geistesgegenwärtigerweise mitgenommen hatten. “Fall’ ja nicht auf mich drauf, hörst du, Dicker? Es würde mir das … das Herz brechen …”, lachte Hiro hustend und fügte, da von Thomas keine andere Antwort kam als ein beleidigtes Schnaufen, belustigt hinzu: “Irgendwie … erinnerst du mich an Bruder Tuck aus einem von diesen Robin Hood-Filmen, da in diesem Baum…” Das entlockte dem Aquinaten nun doch eine Entgegnung: “Der Wald von Birmingham, in dem wir uns befinden und der Sherwood Forest aus der Legende, von der du sprichst, befinden sich eine erkleckliche Anzahl von Kilometern ausein..” “Schon gut, Mann, schon … schon recht, komm endlich runter da, du wirst dir schon nichts brechen.”, lachte Hiro. “Was?” ”Loslassen! Laß dich einfach runterfallen, Mann.” Zaghaft erwiderte Thomas: “Meinst du?” ”Meine Güte, was der für ein Theater macht…”, maulte Hiro in gespielter Entrüstung, und also ließ der andere nun wirklich die beiden dicken Äste los, zwischen denen er eben noch gehangen hatte, fiel, scheinbar unendlich langsam, die fast zwei Meter zur Erde und landete direkt auf Hiros abgetrenntem, auf der grünen Wiese liegenden Arm. Hiro riß überrascht die Augen auf, als sich die Hand, die unter Thomas’ schwerem Leib hervorlugte, zu bewegen schien, es sah fast aus, als wolle sie sich schließen – natürlich, dachte der Japaner dann, ist ja nichts besonderes, die Syntho-Nanofilamente der Muskeln haben eben noch etwas residuale S-Energie gespeichert, das heißt ja nicht, daß die Hand alleine lebensfähig ist. Einen Augenblick schwiegen alle drei – Hiro, Thomas und der Wald um sie. Dann sagte der Italiener säuerlich:”Tolle Idee. Einfach loslassen. Oh, tut das weh.”, und blickte den Gefährten vorwurfsvoll an. Der hielt dem gekränkten Blick des anderen aus einem Gesicht, das wie sein eigenes von kleinen Schnittwunden und dem Ruß, der eben noch, “in der Zukunft”, überlebten Explosion verunziert war, einen Moment lang stand – sie sahen sich an, diese beiden Männer, die aussahen wie Stan Laurel und Oliver Hardy nach einem besonders katastrophalen Slapstickunfall – und dann mußte der Japaner lachen, laut und schallend, ein Lachen, in das der andere erst unfreiwillig, zögernd, dann umso energischer einfiel, von dem die großen Baumkronen widerhallten und der frische Waldboden erzitterte. ”Was gibt’s denn zu lachen?”, fragte eine leise, aber eindringliche Stimme, die scheinbar körperlos aus dem Nichts kam, und die beiden Zeitreisenden fuhren erschrocken zusammen. Sie drehten vorsichtig die Köpfe nach allen Seiten, Hiro blickte auch einmal nach oben, aber dann zischte Thomas, der bereits nach seiner Waffe tastete, ihm ein angespanntes: “Sss … da drüben!” zu, und als Hiro seiner nickenden Kopfbewegung folgte, sah er, aus einem dichten, schneeweißen Schlehengesträuch, das sich langsam teilte, eine Gestalt auf die Lichtung unter der Rotbuche treten, die jede und jeder, die oder der jemals auf einer der beiden Seiten im Jahrtausende umfassenden Konflikt zwischen Fischen und Fröschen gekämpft hatte, augenblicklich erkannt hätte. Sie war schlank und hochgewachsen, trug derbe, hohe, über Kreuz geschnürte Stiefel und einen jener weißen Kombianzüge mit vielen Taschen, die man in der Fliegerei des 20. Jahrhunderts, wo sie u. a. bei Astronauten gebräuchlich waren, als “Jumpsuits” bezeichnete. Das Gesicht der Frau, die Hiro und Thomas auf Ende 20/Anfang 30 geschätzt hätten, war zweifellos schön, wenn auch nicht “hübsch” im Püppchensinn. Die Stirn und die Wangenknochen waren hoch, die Augen glitzerten wach im schwachen Licht von Mond und Sternen- das auffälligste aber an der Person, die sich ihnen jetzt langsam näherte, mit einem spöttischen Lächeln auf die ja wirklich etwas mißliche Lage der beiden hinunterblickend, waren die schneeweißen Haare, struppig und (seit neuestem, dachte Hiro, früher hat sie sie kurz getragen) bis über die Schultern in Strähnen hinunterfallend, die ein wenig an einen beim Gebrauch von Haarwuchsmitteln unvorsichtig gewordenen Albert Einstein denken ließen. Cordula Späth, “die Chefin”, wie man sie bei der Froschpartei halb scherzhaft, halb todernst nannte, ließ ihren überlegenen, aber nicht arroganten Blick noch ein paar Sekunden auf den beiden Unglücklichen ruhen, dann klatschte sie in die Hände und sagte halblaut, als ob jemand sie belauschen könnte: “Also, auf jetzt, in ein paar Minuten ist hier der Satan am Sambatanzen. Wir haben Termine, Kinder.” Keiner der beiden Angesprochenen fand etwas Merkwürdiges daran, daß diese Frau den bedeutendsten katholischen Philosophen des Hochmittelalters und den Bruder und engen Mitarbeiter des Erfinders der Twistorzeitmaschine als “Kinder” anredete. Stattdessen rappelte sich Thomas, als hätte man ihm einen Stromschlag verpaßt, eilends auf und half, ihm unter den verbleibenden Arm greifend, auch Hiro auf die Beine. Cordula beugte sich über den im Gras liegenden Arm, nahm ihn auf und besah ihn, die Stirne runzelnd: “Schöne Scheiße. Die wollten ein Sample, was?” Hiro nickte: “Ja, ich nehme an, sie wollten an die Zweitkörpertechnologie ran und so ein Arm als Probe … fürs Labor …”, Cordula seufzte und reichte Hiro seinen abgetrennten Arm. Dann scheuchte sie die zwei mit einer Handbewegung vor sich her ins Dickicht: “Da lang, zur Landstraße. Hier wimmelt es gleich von Fischtypen. Moment noch …” und mit diesen Worten ging sie kurz in die Hocke und öffnete die rechte Hand, aus der ein kleiner Frosch in einen Seidelbaststrauch hüpfte. Thomas, der sich nach ihr umdrehte und sie fragend ansah, bekam die knappe Antwort: “Unsere kleine Kamera. Damit wir eines Tages wissen, was hier gleich los sein wird.” Und dann folgte sie den beiden, überholte sie nach ein paar Metern und trieb sie mit kleinen Gesten, sich immer wieder unter Zweigen wegduckend, zur Eile. Es ging eine Weile leicht bergauf durch den Wald. Schließlich warf sie sich an einer Erdaufwerfung bei der Landstraße flach auf den Boden und winkte Thomas und Hiro, es ihr gleichzutun. Die zwei robbten bis zu ihr heran (Hiro hatte leichte Schwierigkeiten damit, da er sich den losen Arm unter den andern geklemmt hatte). Und dann mußten alle drei die Köpfe senken, denn ratternd und Staub aufwirbelnd fuhr eine Kutsche vorbei, an deren linker Außentür Hiros scharfe Augen gerade noch einen aufgemalten Frosch erkennen konnte, bevor er zum zweiten Mal an diesem Abend das Gesicht ins Gras drücken mußte. “Da fahren sie hin, direkt ins zerknautschte Chaos.”, hörte er Cordula flüstern und hatte so eine Ahnung, wer in dieser Kutsche saß. Zwei: Zitat, Zweitkörper und Zirkel Diesmal war es anders; wenn ich auch nicht ganz leicht beschreiben könnte, warum und wie es anders war. Vielleicht kommt es der Empfindung, die ich plötzlich betrat wie eine gelichtete Stelle in einem Urwald, über der etwas summte wie die Musik von Hochspannungsmasten (die es zu jener Weltzeit, der Ära der Dampfmaschine, natürlich noch gar nicht gab) am nächsten, zu sagen, daß ich mich mehr als Zitat meiner selbst fühlte denn als präsentes Menschlein auf einer wirklichen Erde zu einer tatsächlichen Zeit. Ich habe schon früher – im ersten Kapitel dieser Geschichte und im dritten – versucht zu beschreiben, wie sich der Twistorschritt für einen Menschen ausnimmt, der ihn macht, aber damals waren die Umstände … anders. Natürlich sind sie jedesmal “anders”, aber … ich war gealtert, gegenüber dem ersten Abstecher, in meinem “eigenen” Körper (seltsamer Besitz) zu Old Errs Abendgesellschaft , auch gegenüber dem so unglücklich im Zürcher See untergegangenen Versuch, rechtzeitig zu Katja und Aleksander, dem Zankapfelteam, zu stoßen (bei Durchsicht der Files fällt mir übrigens störend auf, daß ich bis jetzt noch nicht dazu gekommen bin, zu verraten, woran meine Zürcher Havarie eigentlich lag, warum der zweitkörpereigene Twistorkasten damals “versagt” hatte. Ich bitte in dieser Sache noch um etwas Geduld). Gealtert? Ein ganzes Jahrzehnt hatten Katja, Aleksander und ich am Anfang des 20. Jhs. jener Neobernsteinik verbracht, in der Albert Einstein vor Vollendung der Allgemeinen Theorie der Relativität, vor Entdeckung der Tensoren für die Feldgleichungen, und lange vor der experimentellen Bestätigung durch die berühmte Gravitationslinsen-Beobachtung des englischen Teams, gestorben war, ermordet von einem Abtrünnigen der Froschpartei. Es war dieser Mord, der die Abweichung der geschichtlichen Entfaltung von in Ereignissen quasi “aufgerollter”, “gespeicherter” Information gegenüber der Welt, wie ich sie kannte, wesentlich mitbestimmte. Warum die unzureichende Ausarbeitung einer physikalisch-kosmologischen Theorie europäische Bürgerkriege, die Ächtung Minkowskis, das Auftauchen meiner Frau Dioneta (die ich am 08. August 1915 in Moskau auch formell heiratete, wovon ich vielleicht ein andermal erzählen werde) zu genau dem Zeitpunkt der Formierung der Zürcher Rebellenarmee etc. auslösen und beeinflussen konnten, das erklärte mir schließlich 1919 in einem plombierten Eisenbahnwagon, der einem Mann namens Leo Trotzki als Kommandozentrale für seine “Rote Armee” diente, Aleksander, mit ein bißchen Unterstützung von Hermann Minkowski. Dem Minkowski, aus dem dann später der Mann wurde, der die Relativitätstheorie in jener Bernsteinik wirklich vollendete (und später der russische Wissenschaftsminister und der neben dem Staatsratsvorsitzenden der seit 1918 bestehenden Sozialistischen Volksrepublik Österreich, Otto Neurath, wohl bekannteste Wissenschaftler Europas). Diese Welt, deren großer historischer Zug so wenig mit dem zu tun hatte, was ich aus den Geschichtsbüchern meiner Schulzeit, der 80er Jahre eines anderen 20 Jhs., kannte, war mir schließlich zu einem Zuhause geworden. Die Samstagsgesellschaften bei Katja in Moskau, der goldene Tee mit Honig, die Feier, als der Bürgerkrieg gewonnen war … die Jahre danach … Aleksanders “utopische Romane”, in denen er sein echtes Wissen über alternative Bernsteiniken den ZeitgenossInnen als “Gedankenspiele” unterjubelte – das alles war “meine Welt” geworden, und Dioneta, die Frau aus der Welt von Artus und Merlin, teilte sie mit mir. So lange hatte ich noch nie in irgendeiner “fremden” Epoche zugebracht, und Minkowski, seine Räubertruppe (die schließlich in der von Trotzki, Luxemburg und Jogiches organisierten Eurasischen Roten Armee aufging, nachdem die Schweiz 1916 ein Rätestaat geworden war) und ein paar andere Gestalten, die in die Ereignisse jenes Weltkreises verwickelt wurden, wurden über die Jahre, die an meinem alterungsbeständigen Zweitkörper verhältnismäßig spurlos vorübergingen, zu Vertrauten, ja zu FreundInnen. Aber die Chronik der Abenteuer, die Aleksander, Katja, Dioneta, mein Sohn und ich dort/dann erlebten, hat in der gegenwärtigen Geschichte, die ich nach Minkowskis Frosch getauft habe, keinen Platz – wenn man mich bei Gelegenheit erinnern möchte, so werde ich sie gern anderswo auseinanderfalten wie eine große, durch Alterung ein wenig brüchig gewordene Landkarte voll aufregender und schauriger Gegenden, auf denen vielerorts der Vermerk zu lesen steht: “hic sunt leones”. Schließlich, als ich mich bereits so weit “eingelebt” hatte, daß ich Schwierigkeiten damit hatte, mir mein “altes Leben” als etwas wirklich Geschehenes vorzustellen, fällten Aleksander und Katja nach 10 langen Jahren plötzlich (gegen meinen anfänglichen Widerstand) die Entscheidung, jenem Leben den Rücken zu kehren, uns von Hermann (und seinen Fröschen, deren Herkunft mir ein Rätsel geblieben war), unseren russischen FreundInnen und, in meinem Fall besonders schwer, Dioneta zu trennen, um endlich den anderen Teil unserer Mission, dessen erster Teil durch Einsteins Tod vereitelt war, zu erfüllen, nämlich die Berichterstattung über die Neobernsteinik bei Old Err. Aleksander redete mir über Wochen gut zu, ich wollte nichts davon hören. Ich klammerte mich an jenes Leben, an Dioneta, an die Frühnebel in Moskauer Straßen, an die Butzenscheibensonne am grauen Himmel. Aber Aleksander ( dessen Bücher auf der ganzen Welt nun für die “Ideen der 3. Internationale” warben und die trotz zahlreicher Verbote selbst in Amerika – illegale- Millionenauflagen erreichten, und den deshalb der deutsche Genosse Brecht schließlich nur teilweise scherzhaft “Aleksander den Großen” taufte) blieb hartnäckig, und schließlich, an einem “warmen” (d. h. von klarem Himmel überdachten, aber immer noch gefrierkühlen) Frühlingstag, während ich meinem Sohn und Dioneta beim Schlittschuhlaufen auf einem See unweit unseres Hauses zusah, nahm er mich bei den Schultern, sah mich ernst an und sagte: “Das ist das Problem mit diesen Reisen, Genosse. Man hält sich irgendwann für angekommen. Gefährlich. Du wolltest doch Geschichten schreiben, oder? Hast du vergessen, was du den Geschichten schuldest? Sie gehören dir schließlich nicht wie einem Schuhe gehören. Der Zirkel, dieser äußerste Kreis von vordergründigen Erlebnissen zumindest, muß irgendwann geschlossen werden. Er ist räumlich, vergiß das nicht. Ein vierdimensionaler Torus, wie Hermann sagt.” Was blieb mir übrig, als den Kopf zu senken, den Blick abzuwenden, und sehr leise “Ja.” zu sagen? Ich mußte an Katjas immer wieder erzählte Geschichte über Paracelsus denken, die Sache mit den konzentrischen Kreisen: Je tiefer man nach innen vordringt, desto größer wird alles. Paradoxa. Zitate. Zirkel. Vor Sonnenaufgang, zwei Tage später, nahmen wir Abschied an der Kremlmauer. Dioneta konnte nicht mit uns kommen – und besonders der Junge konnte es nicht. Er sollte in seiner Zeit aufwachsen, denn alles hatte, zunächst einmal, seine Zeit. Hermann erwog eine Weile, sich uns anzuschließen – Katja meinte, es müßten “inzwischen” in den Alpen Twistorstationen geben, eingerichtet von Katos “Sporenkorps”. Aber schließlich entschied sich Hermann dagegen, und so war auch er an jenem Tag, an der Kremlmauer, bei denen, die Abschied nahmen von uns – für wie lange, war nicht gewiß. Ich tat den Sprung – und wie oben ausgesprochen: Es war anders diesmal, sogar anders als bloß anders. Keine Wirbel, kein Pendelschwung. Einfach ein Schreiten, Spazieren. Eben noch auf Moskauer Boden, dann, beinah schneller als ein Augenblinzeln, schon im Wald bei Birmingham. Mondlicht tropfte von Farnblättern. Eine Rasenböschung zog sich hinab zu einem lautlos fließenden Bach, und gleich hinter dem Bach stieg jäh ein Hügel an, fichtenbewachsen und stachelig wie ein Köcher voller Pfeile. Es war eine Nacht, die im Mund wie Raps zu schmecken schien, und ich hob den Kopf nicht, ging langsam vorwärts wie ein Schlafwandler, als ob der Blick nach oben infrarote Sicht auf des Zentrum der Galaxie oder etwas ähnlich Unfaßbares offenbart hätte, bei dessen Anblick einem der Verstand stillstehen würde. Da prasselten plötzlich irgendwo Kiesel auf den Boden – Steinchenregen vom Himmel? Ich zuckte zusammen, und dann fiel jemand gegen mich, rannte mich buchstäblich um, prallte auf meinen Körper, umfaßte mich an der Hüfte und warf mich zu Boden, riß mich am Jackenaufschlag, im Nacken, in ein dichtes Gestrüpp von Strauch und Unterholz, und eine warme, sogar heiße, stoßweise atmende Stimme zischte in mein Ohr: “Flach auf den Boden legen, Maul halten!” – ich drehte mich auf den Bauch, während die andere Gestalt halb auf mir lag. Das Bett des Baches bot sich, im Mondlicht glitzernd, meinem fahrig nach Verständlichem suchenden Blick – und dann fiel aus dem Nichts, oder aus allen Wolken, eine Frauengestalt dort ins Wasser, und am anderen Ufer traten drei Männer aus dem Wald und eröffneten das Feuer auf die so unsanft in das flach dahinfließende Wasser Gestürzte. Die schaffte es irgendwie, sich aus der liegenden in eine kniende Position zu bringen, ein paar ihrer hinterm Kopf zusammengebundenen Locken wirbelten ihr vors Gesicht, und sie zog selbst eine Nadelwaffe, legte an – und schoß nicht. “Scheiße!”, zischte die Frau, die keine drei Meter von mir – uns – entfernt sich den drei schwerbewaffneten Angreifern gegenüber sah – ihre Waffe klemmte wohl. Und anstatt die Flucht zu ergreifen (was ihr zweifellos wenig genützt hätte, diese Typen sahen aus, als würden sie jederzeit eine Unbewaffnete in den Rücken schießen), ließ sie einen markerschütternden Schrei los und stürzte mit einem ziemlich athletischen Sprung auf ihre Bedränger zu – die prompt wie Wassertropfen auseinanderspritzten, zurück in den Wald liefen, zumindest ein paar Schritte, und verschwanden. Die Frau – ich zweifelte nicht mehr, daß es Katja Benante war, wenn auch erkennbar nicht die kurzhaarige Katja, die ich die letzten 10 Jahre in der Neobernsteinik erlebt hatte – setzte ihnen nicht nach, sondern verschwand, über einen Erdwall hechtend, stolpernd und taumelnd in entgegengesetzter Richtung – dicht an dem Strauch vorbei, der mich und meine(n) unbekannte(n) “Angreifer(in)” verbarg. Kaum war sie im Unterholz verschwunden, wollte ich mich aufrappeln – da herrschte mich dieselbe Stimme wie eben an: “Liegenbleiben! Die Arschlöcher werden gleich merken, daß es doof war, sich einschüchtern zu lassen.” Tatsächlich tauchten die Angreifer am anderen Bachufer wieder aus dem Wald auf und trabten rasch hinter der Frau her, ihre Stiefeltritte auf brechenden Ästen knacksten dicht vor meinem Gesicht vorbei. Ich hielt den Atem an. Zählte mit geschlossenen Augen bis fünfzig. Als ich die Augen öffnete, lastete die andere Person nicht mehr auf mir, sondern stand und streckte die Hand nach mir aus, um mir aufzuhelfen. Es war Katja – “meine” Katja, die der letzten subjektiven Dekade. Ich ließ mich hochziehen und sie sagte: “Komisch, sich dabei zuzusehen, wie man fast abgeknallt wird.” Ich wollte etwas erwidern, aber da sah ich, daß jemand hinter Katja stand – mehrere Menschen sogar. Mein Gesicht muß sehr erschrocken gewirkt haben, denn Katja griff automatisch nach ihrer – diesmal vermutlich nicht ladegehemmten – Nadelwaffe, fuhr herum und richtete den Lauf auf die mittlere der drei Gestalten. Die aber waren nicht die drei Fischsöldner von eben, sondern Menschen, die ich, und wohl auch Katja, am allerwenigsten erwartet hätten. “He, nicht Totschießen bitte. Peace!”, sagte Cordula Späth, breit grinsend, rechts und links eskortiert von Thomas von Aquin und Kato Takahashis Bruder Hiro. Katja senkte die Waffe – und fiel Cordula um den Hals, als hätten sie sich10 Jahre lang nicht gesehen. Hatten sie ja auch nicht. “Das Zankapfelteam, auch pünktlich wieder da, na bitte.”, lachte Cordula, und Hiro fragte mich: “Wo steckt der Dritte? Aleksander? Habt ihr die Zielerfassung nicht synchronisiert?” “Doch … äh … doch, eigentlich schon, oder?”, sagte ich unsicher. “Oder? Haben wir doch?”, ich blickte Katja fragend an, die immer noch Cordula umarmt hielt. Drei: Ein sogenanntes Handgemenge ”Scheißdreck, blöde Geiselnehmerei, nur damit einem wer sagt, wo der Alte hockt, ah ja, na also, na gut, jetzt wird logisch aufgeräumt, herrgottsacknochmal!” rief Dagon Gosch, verschwitzten Gesichts, in voller Sportlehrermontur, aus rauher Kehle, und fuchtelte mit einer Nadelwaffe. Der Lauf schwenkte von der “Geisel”, er Duchess, zu Err, und schließlich zu Joyce. “Ah.”, machte der, halb überrascht, halb wie vom Leben enttäuscht, “Schon wieder so ein Stand-Off-Dreck. Ich fürchte, meine S-Zell-Batterien sind restlos alle, ich kann nicht wegspringen.” “Dann wird jetzt logisch irgendwer erschossen, verdammt!”, gröhlte Gosch. Und genau in diesem Augenblick materialisierte, ihm in den Arm (genauer: auf den Kopf) fallend, Aleksander Bogdanov in Old Errs Bibliothek. Joyce tauchte unter der Öllampe weg, fiel über die Duchess von Devonshire auf Errs Schoß, Err versuchte, ihm die Waffe zu entwinden, aus der sich, während Aleksander und Gosch gegen eines von Errs Regalen fielen (eine Bücherlawine war die Folge, einer der Folianten traf Aleksander im Genick) ein Schuß löste, der Goschs Hals traf und die Schlagader zerriß. Warmer Blutregen schwappte über Aleksanders Gesicht, der Russe taumelte und wurde von Joyce, der sich mit aller Kraft aus Errs Griff befreien wollte, gegen die Tischkante von Errs Schreibtisch geworfen. Gosch, gurgelnd, halb bewußtlos vor Schmerz und rapidem Blutverlust, brach über der Duchess zusammen, die ihn von sich stieß und so Joyce gegen Aleksander warf, wobei Joyce die Waffe verlor, nach der die Duchess zu greifen versuchte, als sie zu Boden fiel. Gosch brach neben Err zusammen, der sich mühsam endlich auch vom Stuhl erhob und mit dem Rücken zur Tür versuchte, Aleksander von Joyce wegzuziehen, dabei aber von der Tür im Rücken und am Hinterkopf getroffen wurde, die in diesem Moment jemand eintrat. Es war Joyce, der das Zimmer betrat: das “Original”, nicht der Zweitkörper. Die Duchess richtete die Waffe, die sie inzwischen gefunden hatte, mit zitternder Hand auf den Neuankömmling, aber der schüttelte, ihr einen Blick zuwerfend, nur mit dem Kopf und sagte: “Das würde ich nicht tun. Ich tu euch nur einen Gefallen, wenn ich dieses Stück Dreck da erschieße.”, und er deutete in Richtung Aleksander und Joyce II. Einen Augenblick lang war es sehr still in Old Errs Bibliothek, nichts war zu hören als das letzte Röcheln Goschs und das Stöhnen des langsam zu sich kommenden, an der Wand lehnenden Err, während drei Leute im Raum überlegten, wen um Himmelswillen der Mann in der Tür mit dem “Stück Dreck” gemeint haben mochte. Fortsetzung folgt ________________________________________ Zitate: Das Bewußtsein in Hiro Takahashis Zweitkörper war zwar nicht erst beim Browsen durch die reichhaltig bestückten Wortschatz- und Semantikfiles seiner zentralen NAL-Chip-Datei der saftig bildhaften deutschen Redewendung “ins Gras beißen” begegnet Einen Augenblick schwiegen alle drei – Hiro, Thomas und der Wald um sie. Dann wird jetzt logisch irgendwer erschossen, verdammt! Katja senkte die Waffe – und fiel Cordula um den Hals, als hätten sie sich10 Jahre lang nicht gesehen. Hatten sie ja auch nicht. Diese Welt, deren großer historischer Zug so wenig mit dem zu tun hatte, was ich aus den Geschichtsbüchern meiner Schulzeit, der 80er Jahre eines anderen 20 Jhs., kannte, war mir schließlich zu einem Zuhause geworden.

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