Der Plan wirbelte Anfang der Achtziger mit bissiger Analyse und dadaistischem Humor die deutsche Poplandschaft durcheinander. Und wurde zur Legende. Über zwanzig Jahre später holt Der Plan noch einmal mit altbewährten Mitteln und neuem Album aus, um dieses Kunststück zu wiederholen.
Text: Ulrich Gutmair aus De:Bug 85

1980 … revisited

Hoppla, was ist das denn? Eine süße Melodie und ein Kinderchor, der singt: “Software kann man nicht stehlen, Ideen sind frei. Copyright, Sklaverei.” Das müsste doch ein Hit werden können, der tagein, tagaus, einen ganzen Sommer lang im Radio läuft. 1980, seid euch sicher, liebe Kinder, wäre das auch passiert. “1980” heißt das geheime Losungswort für “Die Verschwörung”, die neue CD des Plan, die das Kunststück fertig bringt, wie 1980 und doch ganz neu zu klingen.

Und in der Tat, die rhetorischen und ästhetischen Tricks, mit denen der Plan 1980 arbeitete, haben nichts von ihrer Wirkung verloren. Der Plan hatte damals mit “Geri Reig” eine unerhörte Platte aus dem Hut gezaubert, die im Gestus der Zeit zwar düster, maschinell, entfremdet und apokalyptisch klang, aber gleichzeitig von einem surrealistischen Humor durchdrungen war, der über billige Ironie genauso erhaben war wie über die damals kultisch gepflegte German Angst vor Waldsterben und atomarem Winter. Damals waren der Plan Moritz R, Frank Fenstermacher und Kurt Dahlke. Die beiden Letzteren waren im vergangenen Jahr aber anderweitig beschäftigt und haben R deswegen schweren Herzens die dennoch freundliche Genehmigung erteilt, die alten Maschinen anzuwerfen. Mit Künstler Treu und JJ Jones formierte R ein neues Trio.

“Deutschland bleiche Mutter”, der erste Song der “Verschwörung”, ist eine Satire auf die späten Siebziger und frühen Achtziger, versichert Moritz R, und wirklich kommen alle Buzzwords vor, Neonlicht, Beton und Edelstahl. Für R ist die bleiche Mutter das Symbol für die Autorenfilmer und Intellektuellen von damals, die zwar das Land kritisierten, selbst aber genauso “problembeladen, grau und bleich” gewesen seien. Allerdings, und das gilt für “Deutschland bleiche Mutter” wie die alten Plan-Platten, sind die größten Klischees am Ende die Vehikel, mit denen man vielleicht am ehesten zum Kern der Sache vorstößt. “Deutschland, Deutschland, toter Vater / Du bist nicht da, man sieht dich nicht” ist womöglich immer noch die psychoanalytisch präziseste Beschreibung des ewigen deutschen Nachkriegstraumas, vielleicht sollte man dazu mal wieder bei den Mitscherlichs nachschlagen.

Wenn der Plan damals, auf “Geri Reig”, über den Krieg sang (das grandiose “Hans und Gabi”), dann lernte der Hörer aber nicht nur die alte linke Lektion über das Politische im Privaten – soweit waren R, Fenstermacher und Dahlke nämlich gar nicht weg vom intellektuellen Mainstream der Zeit – , sondern bekam auch ein knapp und bündig formuliertes Sittenbild der deutschen Mittelschichtsfamilie präsentiert. Warum diese Platte, die zu den besten gehört, die Popkultur in diesem Land hervorgebracht hat, nicht längst zum Lehrstoff für den Deutschunterricht geworden ist, bleibt unerklärlich.

Die mythische Mutter interessiert Moritz R heute zwar überhaupt nicht mehr, sagt er, aber trotzdem wendet sich die “Verschwörung” gegen den Konservatismus der Gegenwart, der natürlich nichts anderes ist als der schöngeistige Ausdruck einer tief greifenden Ideenlosigkeit. Die Kapitulation vor der Copyright-Sklaverei gehört genauso dazu wie der politische Wille, der Krise der Sozialsysteme mit Klassenkampf von oben zu begegnen, statt zur Abwechslung mal kreativ zu werden. Den Sieg des Copyright-Regimes über Filesharing malt sich R so aus: “In Zukunft wird man Musik zusammen mit Video kostenpflichtig aus dem Netz laden. Die Files vernichten sich nach dreimaligem Abspielen von selbst und müssen dann erneut gekauft werden. Mobile Abspielgeräte werden verschwinden, stattdessen werden polnische Lohnsklavinnen einem die Songs leise ins Ohr singen.”

In “Hohe Kante” zeigt sich der alte Humor des Plan, der immer schon Galgenhumor gewesen ist, wie R sagt: “Wir haben kein Geld für die Rente gespart / Wir haben auch gar nichts aufbewahrt / Wir haben nichts auf die hohe Kante gelegt / Drum werden wir morgen weggefegt.” Das Video besteht exklusiv aus Ausschnitten aus dem Werbefernsehen, im Stil von Karaoke wird unten der Text zum Mitsingen eingeblendet. Auch hier fragt man sich schon beim ersten Hören: Warum kann man sich sicher sein, dass dieser potenzielle Hit es weder in die Heavy Rotation von MTV und Viva schaffen, noch vom kaputten deutschen Radio gespielt werden wird? Wo leben wir eigentlich? Und wo soll das hinführen?

“Die Verschwörung” handelt von eben dieser Frage, wie Moritz R erklärt: “Es ist immer schade zu beobachten, wie viele Möglichkeiten da sind und wie wenig die Menschen letztlich draus machen. Viele Leute haben einfach nicht die Vorstellungskraft. Sie können sich nicht vorstellen, was sein könnte, und leiden vielleicht auch nicht sehr darunter. Wir aber leiden schon darunter.” Dieses Leid zu teilen, macht allerdings Freude. Also bitte: Alle Elektroclash-Compilations in die Tonne vom dualen System. “Die Verschwörung” kaufen gehen. TV und Radio, eine Mail. Das geht schnell.

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Elektronische Lebensaspekte.