Text: thomas brinkmann aus De:Bug 04

Der Richter und das Schwein

no-name-cologne

Es ist mitunter schon seltsam, was sich Sonntag morgens auf der documenta X alles so zuträgt. Das Team von no-name-cologne, zu Gast im Hybrid workspace, jedenfalls staunte nicht schlecht, als es dabei zusehen konnte, wie sich gegen 7:30 Uhr ein Mann von no-name über das geöffnete Fenster des noch geschlossenen Fridericianums Zutritt in den Richter-Raum (“Atlas”) verschaffte, dort unbehelligt eine Tafel von der Wand nehmen konnte, mit dieser durch den Raum spazierte und durch das geöffnete Fenster dem verblüfften Publikum darbot.

Noch verwunderlicher jedoch: nachdem der Mann das Bild vorsichtig wieder abgestellt und es sich auf der Fensterbank gemütlich gemacht hatte, wurde er von dem dann auftretenden Hausmeister zur Hintertür des Gebäudes begleitet.
Am Vorplatz wartete (und wartete) er auf die Polizei, die er eigens vorher über Notruf von seiner Absicht in Kenntnis gesetzt hatte. Nach freundlichem Austauschen der Personalien mit der Polizei, setzte die nunmehr völlig fassungslose Gruppe ihren Spaziergang fort.
Wie, fragt sich hier, ist verstehbar, daß nicht unweit vom Tatort zum gleichen Zeitpunkt im “Haus für Schweine und Menschen” von Rosemarie Trockel & Carsten Höller, die sichere Allianz von Security und Schwein, behütet, umzäunt und bewaffnet, diesen schönen Tag beginnt? Hier erwies sich das Eindringen durch einen aufgeweckten Sicherheitsbeamten als unmöglich – Das Schwein hat Mensch gehabt.
Das können die Tafeln von Richtern allerdings nicht von sich behaupten. Und so fragt man sich als nächstes, was eigentlich mehr Wert besitzt: eine der 600 Tafeln des Richter-Atlases oder eines der kleinen leckeren Bendheimer Schweinchen. Das no-name-cologne-Team konnte sich diese Frage offensichtlich selbst beantworten und man kann von Glück reden, daß diese Frage nicht böse gemeint war. Da hat der Richter aber Schwein gehabt.
Hier also unser Rezept für Kassel: Gröhlt ruhig weiter rum – aber wartet nicht, bis die Polizei kommt, sondern holt sie euch, geht auf sie zu und redet mit ihnen. Das macht die documenta interessant, gibt den Bildern eine Chance und uns die Möglichkeit, vor den Richter zu treten.

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Elektronische Lebensaspekte.