Die TV-Hits der kommenden Saison
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 146

Boardwalk Empire (HBO & Martin Scorsese)

Die neue Serien-Saison in den USA verspricht keine großen Würfe, aber kleine Brillianten. Sascha Kösch hat sich durch alle verfügbaren Screener und Trailer gewühlt und selbst die keingedrucktesten Infos für euch zusammengestellt.

Friedrich Kittler würde sich den Arsch weg freuen, wenn man ihm posthum zugestehen würde, dass die rasante Entwicklung der Technik letztendlich der Grund war, warum Serien eine Weile lang als das bessere Kino da standen. Aber was, wenn man jetzt ein Serien-Finale wie bei “Dr. House” schon mit einer Canon 5D Mark II drehen kann? Die Zeit der großen Entwürfe scheint schon seit ein paar Seasons vorbei. Wenn unser ehemaliger Lieblingshoffnungssender HBO mit einer Tom-Hanks- und Steven-Spielberg-Produktion über den Zweiten Weltkrieg in Japan zum Emmy-Liebling wird, und dafür – worüber sich Chloé Savigny zu recht beschwert hat – selbst Big Love gekürzt wird, dann weiß man: Das Kino hat sich längst am Serien-Aufsteigertum gerächt. Das sollte man, wenn man einen Blick auf die Sommer- und Herbst-Serien der US-Produktion werfen will, nie vergessen.

Torrent-Junkies haben es nicht leicht. Die Klassiker des Sommers auf AMC (Breaking Bad, Mad Men) oder HBO (True Blood) begeistern zwar nach wie vor, aber was war wirklich neu? Persons Unknown (ABC) widmete sich ein wenig hölzern dem Prisoner-Thema Sozial-Experiment-Verschwörungstherorie, Happy Town (ABC) floppte mit einer Art Twin Peaks in Comedy-Variante für die ganze Familie, während Pretty Little Liars (ABC Family) mit ähnlichem Thema im High-School-Setting mit lesbischen Untertönen weit erfolgreicher ist. Haven (SyFy) verbrät die brillant lakonische Emily Rose und den Rest des sehr guten Casts mit Stephen-King-Einfällen aus der Dose, und TNT scheint sich nach Wegfall von Saving Grace auf einen Versuch eingeschworen zu haben, genau dieses Setting für Boys (Memphis Beat, mit Elvis-Impersonator als Detektiv und Memphis statt Oklahoma) und Girls (Rizzoli & Isles, Frauenfreundschaft zwischen Detektivin und Gerichtsmedizinerin mit Serienkillerstreuseln) umzuformulieren.

Instant classic: Mad Men


Minitrend seit ein paar Seasons: Der Süden Amerikas und seine Dialekte erleben eine Renaissance. The Glades (A&E, noch ein halbwegs unbeschriebenes Blatt im Serienuniversum, es sei denn, man zählt den Kopfgeldjäger Dog mit) geht in dieser Hinsicht fast als Überraschung durch, auch wenn es nicht wirklich an FXs einzigen ernstzunehmenden Beitrag zur Seriensaison, Justified, herankommt. Aus der Reihe “irgendwas mit Greys Anatomy” scheint nach dem Flop der Sci-Fi-Variante Defying Gravity letztes Jahr jetzt die Polizeistation mit Rookie Blue dran zu sein.

Bullen und Agenten bestimmen überhaupt das Bild im Sommer. Sei es mit Covert Affairs (USA) dem sichtlich zu entnehmen ist, dass Piper Perabo lieber Ökolatschen tragen sollte, statt in Jennifer Garners Schuhstapfen treten zu wollen, und ein zusammengewürfelter 24-, Heroes-, Ugly-Betty-, House-Cast irgendwie merkwürdig wirkt, oder dem unfreiwillig komischen 70s-Charme von The Good Guys mit Bonusbrusthaaren. Vielleicht herausragend im Sommer: Rubicon (AMC), das sich endlich mal dem Thema Agenten in einer Anmutung widmet, die dem fast vergessenen Kino-Genre großer Agententhriller der 70er alle Ehre macht, gleichzeitig aber im Jetzt spielt und dennoch ohne Touchscreen auskommt.

Bullen und Agenten: Rubicon (AMC)

Auch die kommende Saison schürt nicht gerade massive Vorfreude. CBS zeigt einen schwer verdaulichen Mischmasch aus Dramedy (The Defenders mit Jim Belushi), Blödeleien (Shatner in der Twitterverfilmung $#*! My Dad Says), die Pummelchenserie Mike & Molly, Remakes (Hawaii-Five-O, heiliger Barack) und schnauzbärtige Edelbullenfamiliengeschichten (Tom Selleck in Blue Bloods). NBC bringt die Ziellosigkeit der US-Serienproduktion auf den Punkt mit seiner “This Is Not The Event”-Magritte-Kampagne für The Event, das perfekt auf die Schnittmenge der arbeitslosen 24- und Lost-Gucker zugeschnitten scheint, aber trotzdem irgendwie gut werden könnte.

Der Rest ist Polizeiarbeit von Girls in Marshallboots (Chase), CIA-Agenten mit Liebeskummer (Undercovers), widmet sich aber auf Comedy-Seite mit Outsourced im indischen Callcenter und Dramedy Outlaw mit Ex-Supreme- Justice als Gutmensch (und Bonus RZA) zumindest semi-aktuellen Themen. Fox scheint dieses Jahr mit gerade mal einem neuen Drama, Lone Star, über einen Ex-Con Öl-Yuppie gleich freiwillig zu kapitulieren. Und ABC bringt gnadenlos gesichtslose Formelserien (Gerichtssaal in The Whole Truth, Forensik in Body Of Proof), Semi-Doku-Serien aus der Polizeistation in Detroit 1-8-7 und der Highschool in My Generation (2000-Retro?).

Das Zombie-Regular auf AMC: The Walking Dead


Den Vogel aber dürfte No Ordinary Family abschießen, bei dem Heroes-Superhelden auf Familienbasis runtergebrezelt werden, aber Romany Malco (Conrad aus Weeds) und Julie Benz (die Rita in Dexter) dafür sorgen könnten, dass man es zur heimlichen Lieblingsserie kürt. CW will mit Nikita die Nachfolge von Angel antreten, ob Maggie Q das allerdings im Alleingang schafft, darf bezweifelt werden. Zur Midseason kommt mit einer Art Batman-Serie immerhin Summer Glau in The Cape zurück, aber Criminal Minds, Greys Anatomy Spin-Offs und ein paar Familiendramen versprechen auch später nicht viel. Und wer sich auf High-End-Zeitreisen zu den Dinosauriern in Terra Nova gefreut hat: Das ist auf Ende nächstes Jahr verschoben.

HBO dürfte also auch dieses Jahr leichtes Spiel haben mit der “Sopranos in der Mittelerde”-Serie Game Of Thrones und dem Prohibitions-Drama Boardwalk Empire (Scorsese), auch wenn wir AMC mit der ersten wirklichen Zombieserie The Walking Dead (die mal vorschnell auf zwei Seasons verlängert wurde) definitiv mal wieder die Killerchancen einräumen.

9 Responses

  1. c.werthschulte

    so charmant hat noch niemand den biologisch quicklebendigen kittler für tot erklärt, wie du es im ersten satz getan hast. muss ich das als kommentar zu kittlers letzten vös lesen?

  2. Poop

    Boardwalk Empire scheint spannend .. ist schon auf der HDD
    Rubicon find ich ziemlich (für mich zwar selbst unerklärlich) geil. Etwas zu soap-ig eigentlich aber durchaus spannend. Super fotografiert. Der stoff lässt aber jetzt schon an einer zweiten staffel zweifeln – ausser es wird wieder so eine cliffhanger-nerv-nummer

  3. Nucho

    Showtime hat mit “the big C” und natürlich “weeds” noch echte Perlen im Gepäck. Boardwalk Empire ist schon allein wegen Steve Buscemi sehenswert und Outsourced ist so eine Art “the office (US)” in Indien. Außerdem läuft gerade eine neue Staffel “Big Bang Theory” und “Californication” geht auch bald weiter.

  4. holgus

    deinem ersten satz zufolge liegt kittler also unter der erde (“posthum”)? dude, begriffe haben eine bedeutung und sind nicht einfach nur konfetti (wie z.B. sinnlos in den raum geworfene namen von medientheoretikern…)

  5. ex abonent

    ich hab vor ner weile mein abo storniert und diese woche dann im kiosk mal die aktuelle ausgabe gekauft. man man man – ich finde es komplett daneben, wie ihr den TV Schinken “mad men” so propagieren könnt – hängen die städte nicht schon voll genug mit den plakaten? im heft taucht die serie ganze 3 mal auf – AUA!!!!!! das ist mal etwas übertriebenes product placement ….. klar werbung finanziert das heft und ableton, traktor, und co tauchen ja auch regelmässig im heft auf ….. naja – leider noch ein grund mehr zur konkurenz zu greifen … echt SCHADE