Er galt immer als einer der besten hiesigen Minimal-Produzenten. Dabei ist er gerade das niemals: minimal.
Text: Alexis Waltz aus De:Bug 92

Der Swing der Wolken
Frank Martiniq

Frank Martiniq ist mittlerweile seit zehn Jahren als Musiker aktiv, gerade erscheint sein viertes Album “Little Fluffy Crowds“. Wo und wann fing alles an? In Gelsenkirchen, mit einer bedingungslosen Liebe zu den Platten aus Detroit und Chicago. Frank Martiniq: “Dort habe ich in der Electrobox aufgelegt. Als Resident habe ich dort drei Besitzer überlebt. In der Gelsenkirchener Zeit habe ich sehr harte Musik gemacht, bis hin zu Industrial-Zeugs. Ich war immer auf der Suche nach dem fiesesten Sound. Dabei ging es mir noch nicht mal um Geschwindigkeit, sondern um fiese Psychoklänge.“ Seine erste Platte erschien 1995 auf dem Müller-Vorläufer-Label Acid Orange. Gemixt wurde auf dem DJ-Mixer, die Tracks hatten etwas Rudimentäres – trotzdem war es eine amtliche Techno-Platte. Danach ist Martiniq in die Umgebung von Kiel gezogen, arbeitete in einem der wenigen interessanten Platten-, Mode- und Style-Läden dort – bis dieser durch die HipHop-Welle inhaltlich nivelliert wurde. Das erste Album “PMF Acht“ entstand in der Zeit nach dem Umzug in den Norden, in einer Phase, in der ihn Techno und Minimal-Techno langweilten. Mit seinen ruhigen Downbeats war es eine ziemliche Umkehr – dabei ist es die LP, zu der Martiniqs heute noch am vollständigsten stehen kann.

Orgelboxen in Köln
Dann begann die Zusammenarbeit mit Peta und Erik von Boxer aus Köln, dem Label, wo der allergrößte Teil von Martiniqs Output erschienen ist. Das erste Release war “Adriano“, das auch durch den Remix von Michael Mayer zum Hit wurde, das immer noch die meistverkaufteste Boxer-Platte ist. Martiniq: “Adriano kann man nicht wirklich als Techno bezeichnen. Ich habe mir vorgestellt, dass der Track eher als lustiger Mitschunkel-Song für das Radio funktionieren würde.“ Auf “Schwingkomplex“, dem ersten Album für Boxer, steht die damals gerade bei Native Instruments erschienene Hammond-Orgel B3 im Zentrum – oft bis jenseits der Erkennbarkeit verfremdet: “Ich wollte ein House-Album machen, aber so wie ich für mich House definiere, also eher mit detroitigen Orgeln und nicht mit Filtern wie bei Daft Punk.“ Es ist typisch für Martiniqs Produktionen, dass die Sounds sehr unabhängig agieren, ein Eigenleben führen, für sich selbst funktionieren: “Mich interessiert es nicht, reine Tool-Stücke zu produzieren. Besonders auf “Neowoogie“ gibt es Synthesizer-Spuren, in denen sich über zwei Minuten hinweg nichts wiederholt. Für mich ist das eine Art Gesangsersatz. Der geile Loop ist nicht die Kunst, den kriegt jeder mal zu Stande. Die Kunst ist es, ein Stück über fünf Minuten zu arrangieren, ohne dass es langweilig wird. Dabei liebe ich minimale Sachen, aber bei meinen Produktionen lande ich immer woanders.“
Das dritte Album “Neowoogie” verfolgt schon wieder ein neues Projekt, nämlich andere Rhythmuspattern in die Vierviertel-Tracks einzubringen. Die Nummern sollten “leichte funky Hüftshaker“ sein. Selten wird das rhythmische Framework der Tanzmusik so entschieden aufgebrochen – und dass, ohne dabei einen Black-Music-Overhead aufzufahren. Trotzdem war der Airplay auf dem Dancefloor unbefriedigend: “Auf Neowoogie sind die Effekt-Sounds zu weit nach vorne gemischt. Dadurch wird das Ganze zu Mitten-lastig, ab einer gewissen Lautstärke ist das problematisch.“
Das neue Album “Little Fluffy Crowds“ knüpft an “Schwingkomplex“ an, der unabhängige Einsatz der Sounds wird noch verstärkt, manchmal wirkt es, als würden die Melodien und die Flächen die Beats angucken. Es ist eines der wenigen Techno-Alben, bei dem man ständig gespannt ist, wie es weiter geht, was noch passiert, bei dem es eine ständige Zuspitzung gibt. Martiniq: “Ein klassisches Techno-Album würde mir eh nicht gelingen. Ich wollte ein Album machen, das im Vergleich zu “Neowoogie“ klarer und reduzierter ist.“. Während “Schwingkomplex“ innerhalb von drei Wochen entstanden ist, dauerte die Arbeit an “Little Fluffy Crowds“ ein knappes halbes Jahr. Dabei hätte er sich mit dieser bereits extrem entwickelt und ausgearbeitet wirkenden Musik gerne noch weiter beschäftigt.
Obwohl Martiniq als DJ sehr aktiv ist, arbeitet er aus einer hörbaren Distanz zum Clubgeschehen heraus. Er musiziert als Einzelgänger. In der hype-orientierten Dancemusic ist sein antizyklisches Agieren ungewöhnlich: ”Ich habe immer gerne das gemacht, was die Leute nicht von mir erwartet haben. Als ich früher bei Important Records in Essen Platten gekauft habe, war es so, dass man die neuen Releases bestimmter Labels, Axis oder Harthouse etwa, blind mitgenommen hat. Damals habe ich gedacht, das will ich nicht so, dass die Leute meine Platten ungehört kaufen, weil sie schon vorher wissen wie sie klingen.“

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Elektronische Lebensaspekte.