Irre Typen und ihre Manifeste. Valerie Solanas hat der Emanzipationsbewegung mit “SCUM” nicht wirklich einen Gefallen getan. Was das Manifest des Unabombers für die Gegner der Kontrollgesellschaft bedeuten könnte, kann man jetzt auf Deutsch nachlesen.
Text: Silke Eggert aus De:Bug 92

Das Netz
Der Unabomber empfiehlt

(“Kunst, Wissenschaft und Militär sind Teil des Netzes … du selbst bist Teil des Netzes”, Dammbeck über Dammbeck)

Der größte Computer, der je hergestellt wurde, wurde gebaut, um das bestehende Luftverteidigungssystem der USA zu optimieren, es zu automatisieren. Der Mensch war somit nur noch ein kleiner Teil “eines weltumspannenden Waffensystems”. Sein Aufgabenbereich reduzierte sich darauf, mit einer Lichtpistole auf sich bewegende Punkte zu schießen, um seinen vollautomatischen Kollegen SAGE deren Eigenschaften berechnen zu lassen. Um die ob des beginnenden Kontrollverlustes entstehende Nervosität zu kompensieren, baute man vorsorglich direkt einen Zigarettenanzünder ein – ist das funky? Oder macht uns das Angst?
Nicht wirklich, denkt sich der informierte Mensch, zündet sich eine Zigarette an und startet sein Online-Banking. Funky oder Angst? Die Frage stellte sich vielmehr angesichts eines Einsiedlers, der versuchte, sich der Gesellschaft, ihrem Online-Banking und ihrem Kontrollverlust zu entziehen, indem er sich eine primitive Blockhütte in den Tiefen der Wälder Montanas baute.

Der Einsiedler Ted Kaczynski, besser bekannt als der Unabomber, ehemals Mathematiker, dann Aussteiger, schließlich Bombenbauer, Vorstand und einziges Mitglied des Freedom Club, kurz FC, machte es zu seinem erklärten Ziel, das bestehende System zu zerstören und seine berühmtesten Verfechter zu töten. Heute ist er sesshaft im Hochsicherheitstrakt eines Gefängnisses in der Nähe von Florence, Colorado. Kaczynskis gewaltsames Vorgehen machte ihn so populär, dass sein über 100-seitiges Manifest in der New York Times sowie der Washington Post veröffentlicht wurde.

Dokumentiert wird sein Wirken und Schaffen sowie die kybernetische Gesellschaft, die er verteufelt, in Lutz Dammbecks Dokumentarfilm “Das Netz” und ausführlicher noch in dem kürzlich erschienenen Buch zum Film – des Unabombers Manifest stellt hier den weitaus größten Teil neben den abgetippten Interviews aus dem Film. Offenbar sollte gezielt eine Plattform für die neueste und zum ersten Mal in deutscher Übersetzung publizierte Version seiner nicht unintelligenten, mit Sicherheit gut durchdachten, doch zum Teil, besonders in seinen ausufernden Schmähreden auf die “überangepasste Linke”, etwas wirr-wütend geratenen Kampfschrift geschaffen werden.
In dieser kritisiert er die bestehende technisierte Gesellschaft und ihre zunehmende globale Vernetzung aufs Schärfste und fordert eine gewaltsame Revolution und Rückkehr zur Natur. Er argumentiert, der Mensch habe seit der industriellen Revolution kontinuierlich an persönlicher Freiheit verloren und sei auf dem Weg, in einer ausschließlich von Maschinen beherrschten Gesellschaft Autonomie und Selbstkontrolle vollends aufzugeben, zugunsten eines weltumspannenden Systems der Unterdrückung: Technik gegen Mensch.
Herausgeber Lutz Dammbeck präsentiert sich in seinem Buch mehr noch als im vorangegangenen Film als Sprachrohr Kaczynskis – so wird schon im Klappentext betont, dass der Unabomber die erste deutsche Übersetzung seines Werkes dem Medienkünstler und Filmemacher exklusiv zur Verfügung stellte. Kommentarlos wird dieses im Anhang des Buches abgedruckt, genauso wie auch die im Film vorgelesenen Briefe Kaczynskis, in denen er sich offensichtlich in Widersprüchen verstrickt (“Ich meine, dass Utopien wahnsinnig und gefährlich sind.” “… meinte ich nicht, dass alle Utopien wahnsinnig und gefährlich sind.”) sowie die Argumentation des Manifests selbst unkommentiert bleiben.
In den Interviews mit den vermeintlichen Antagonisten Kaczynskis hingegen, den “Computer-Hippies” und Befürwortern einer vernetzten Gesellschaft wie John Brockman oder David Gelernter, Computerwissenschaftler und Opfer eines Attentats von Kaczynski, durch das er ein Auge und die rechte Hand verlor, mauert er diese in ihrer Konträrposition als enthusiastische Technikbefürworter und Vertreter eines “Feedback-System(s), das jeden Angriff und jede Störung umgehend als Energiezufuhr für seine weitere Perfektionierung nutzt” fest und zeigt sich erstaunt über deren “harsche” Reaktionen auf seine Fragen nach dem Unabomber. Höchst unglaubwürdig wirkt es, wenn er vorgibt, er lese das besagte Manifest anschließend erstmalig im Internetcafé (“spannend”), und die Diskussion um Globalisierung und Demokratisierung von Netztechnik als noch nie dagewesen präsentiert.

LSD ist schuld

Psychologen attestierten Kaczynski eine schwere Schizophrenie und Verfolgungswahn, er selber dokumentierte in seinen täglichen Aufzeichnungen unter anderem, er habe sich heute zwölf Ameisen in die Kleidung gesetzt – Dammbeck begründet dies mit Kaczynskis Vergangenheit als Versuchskaninchen des Psychologen Henry A. Murray, der hoch begabte männliche Collegestudenten auf ihr Verhalten unter hohem psychologischen Druck hin testete – unter anderem mit dem Einsatz von LSD. Ziel war es, die bestehende Matrix des Menschen, seine Gleichgewichte und Werte komplett zu zerstören, um einen völlig neuen, an die gesellschaftliche Ordnung angepassten “Weltmenschen” zu schaffen.
Dammbeck nutzt diesen Hintergrund geschickt aus, um eine eigene kleine Verschwörungstheorie zu konstruieren, indem er viele Fragen aufwirft, sich im Gegenzug aber kaum bemüht, sie zu beantworten. Als einzig mögliche Antwort setzt er das Manifest eines Terroristen, in dem dieser empfiehlt, die technischen Lehrbücher zu verbrennen und Fabriken zu zerstören.
Überhaupt geht es bei Kaczynski mehr um das Zerstören der alten als um die Bildung einer neuen, besseren Gesellschaft. Die sei, realistisch gesehen, ohnehin nicht möglich. Utopien sind tabu. Zurück zum Naturzustand. Oh, mein Hobbes!
Kaczynski selber spricht von seiner Abhandlung als einer “ungefähre(n) Annäherung an die Wahrheit” – womit er uns in einem hellen Moment autorisiert, sein Manifest so belletristisch zu lesen wie die Bibel.

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Elektronische Lebensaspekte.

One Response

  1. Hole

    Derjenige der diesen Artikel verfasst hat, hat das Manifest sicher nicht gelesen…